Guggenheim | Die Malerin von Delft | E-Book | www.sack.de
E-Book

E-Book, Deutsch, 293 Seiten

Guggenheim Die Malerin von Delft

Historischer Roman | Eine tragische Katastrophe - ein Gemälde der Wahrheit
1. Auflage 2025
ISBN: 978-3-98952-649-5
Verlag: dotbooks
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection

Historischer Roman | Eine tragische Katastrophe - ein Gemälde der Wahrheit

E-Book, Deutsch, 293 Seiten

ISBN: 978-3-98952-649-5
Verlag: dotbooks
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection



Eine fatale Verschwörung, enthüllt von ihren Pinselstrichen ... Delft, 12. Oktober 1654: Eine gewaltige Explosion in einem Schwarzpulverlager zerstört fast die Hälfte der Künstlerstadt und fordert Hunderte von Menschenleben. Zehn Jahre später will die Stadt dem Unglück des Delfter Donnerschlags mit einer Gedenkfeier und einem Gemälde Tribut zollen. Die Historienmalerin Sarah Meulemeester zögert zunächst, den Auftrag anzunehmen - das Grauen, das sie damals selbst miterlebte, verfolgt sie immer noch in ihren Träumen. Noch dazu beklagt sich die Künstlergilde der Stadt, dass eine Frau diesen wichtigen Auftrag erhalten hat, und Sarah muss Anfeindungen und Drohungen ertragen. Als ihre Skizzen jedoch enthüllen, was an diesem schicksalhaften Tag wirklich geschah, ist bald auch ihr Leben in Gefahr ... Ein fesselnder Historienroman für Fans von Sabine Ebert.

Alexandra Guggenheim ist Kunsthistorikerin und Journalistin mit dem Hang zum Geschichtenerzählen. Mit ihren historischen Romanen, die in zahlreiche Sprachen übersetzt wurden und auch unter den Pseudonymen Anna Paredes und Agnès Gabriel erscheinen, hat sie sich ein internationales Publikum erobert. Die Autorin lebt in Hamburg. Bei dotbooks veröffentlichte die Autorin »Der Gehilfe des Malers«, »Die Malerin von Delft« und »Die Schatten des Klosters«.
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Kapitel 1


Fröstelnd zog sie das dicke Federbett bis über die Nase. Sie würde noch ein paar Säcke Torfziegel zusätzlich kaufen müssen, stellte sie schlaftrunken fest. Fast den gesamten Wintervorrat hatte sie inzwischen aufgebraucht, um den engen, nur mit wenigen Möbelstücken eingerichteten Raum zu erwärmen, der ihr zum Leben und Arbeiten diente. Der erste Frost war diesmal früher gekommen als gewöhnlich, bereits Anfang November. Über Nacht hatte er die Grachten von Delft in starre, silbrig glänzende Straßen verwandelt. Auch jetzt, vier Monate später, trugen Häuser und Bäume immer noch weiße Kappen, konnte man nur dick vermummte Gestalten durch die engen Gassen eilen sehen. Dicht gedrängt an Hauswände, die ein wenig Schutz vor dem schneidenden Wind boten.

Während der Stunden, in denen Tageslicht durch die milchigen Fensterscheiben fiel, musste der Kamin in ihrer Werkstatt unablässig brennen. Pinsel und Malstock würden den klammen Fingern entgleiten, mit zittrigen Händen ließen sich keine Farben anrühren oder auf der Palette mischen. Für die kalten Nächte spendete ihr eine kupferne Bettflasche die notwendige Wärme.

Sarah Meulemeester schwang sich bibbernd auf die Bettkante und wusch Gesicht und Hände in einer Schüssel mit Wasser, die sie am Abend zuvor bereitgestellt hatte. Mit hastigen Bewegungen zog sie ein grob gewirktes Mieder und drei Röcke über ihr Hemd. Die wollenen Strümpfe mit den vielen Flickstellen, die längst schon durch neue hätten ersetzt werden sollen, hatte sie am Vorabend gar nicht erst ausgezogen. In Gedanken überschlug sie, wie viele Gulden ihr blieben, wenn sie von dem Verkauf ihres letzten Bildes die Miete für die vergangenen beiden Monate abzog und dazu noch die Außenstände beim Bäcker und beim Bierbrauer. Die Summe würde keinesfalls ausreichen, um die Torfziegel sofort bezahlen zu können, stellte sie bedrückt fest. Sie würde den Händler um ein paar Wochen Aufschub bitten.

Gleichzeitig beunruhigte sie die Vorstellung, dass er ihretwegen womöglich selbst in Schwierigkeiten geraten könnte. Vielleicht sollte sie dem buckligen Mann mit der Hasenscharte anbieten, eins seiner fünf Kinder zu porträtieren, überlegte sie. Immerhin hätte er mit einer Zeichnung einen Gegenwert, eine Ware zum Tauschen, wenn die Familie Nahrung benötigte oder Arznei.

Sarah schlüpfte in ihre ausgetretenen Pantoffeln, schüttelte Federbett und Kissen auf und zog die verblichenen grünen Bettvorhänge zu. Mit noch nachtsteifen Gliedern schlurfte sie zum Kamin, entfachte das Feuer und rieb ihre Hände über dem aufsteigenden Luftzug. Eine Weile blieb sie mit hochgezogenen Röcken so stehen, bis sie spürte, wie die Wärme allmählich, von den Knien heraufkriechend, ihren ganzen Körper erfasste. Wohlig streckte und dehnte sie den Rücken, verschränkte die Hände im Nacken und kreiste mit den Hüften.

Niemals würde sie sich an diese kalte Jahreszeit gewöhnen können. Wie sehr sehnte sie das flirrende Licht glühender Sommertage herbei, das den rotbraunen Ziegeln der Häuser und Stadttore den Anschein gab, als wären sie mit einer Goldlasur überzogen. Wenn die Natur wie in ein kräftiges Grün eingetaucht erschien, aus unscheinbaren Knospen farbenprächtige Blütenwunder entstanden, die die Luft mit ihrem verführerischen Duft erfüllten. Und sie wieder mit Maatje, der haselnussfarbenen Stute des Schmieds vom Schoolsteeg, über die Wiesen außerhalb der Stadt galoppieren könnte.

Aus dem Weidenkorb neben dem Kamin erklang ein leises Fiepen. Ein Paar kohlschwarzer Augen blickten erwartungsvoll zu Sarah empor, eine runde braune Schnauze reckte sich ihr witternd entgegen. Sie beugte sich hinunter und kraulte den Hund hinter den Ohren. Seit vier Jahren war Vosje ihr ergebener Gefährte, seit dem Tag, an dem sie den Welpen winselnd und mit gebrochener Vorderpfote vor ihrer Haustür gefunden und gesund gepflegt hatte. Fortan war er nicht mehr von ihrer Seite gewichen. Der Hund leckte freudig ihre Hand, stand gemächlich auf und streckte nacheinander zuerst die Hinter-, dann die Vorderläufe. Dabei stieß er einen tiefen Gähnlaut aus.

Sarah ging zu der kleinen Vorratskammer im hinteren, dem Fenster abgewandten Teil ihres Zimmers und zapfte einen Becher Bier aus einem Holzfässchen. Danach schnitt sie mühsam mit einem stumpf gewordenen Messer zwei Scheiben dunkles Brot von einem harten Laib ab und legte sie, zusammen mit einem Stück Stockfisch und etwas Käse, auf einen irdenen Teller. Vosje tänzelte ungeduldig auf den Hinterbeinen und forderte bellend sein morgendliches Stückchen Dörrfleisch ein, mit dem er eilig unter einem schmalen Klapptisch am Fenster verschwand.

Gerade hatte Sarah sich niedergesetzt und wollte mit der Morgenmahlzeit beginnen, als sie ein Klopfen an der Tür hörte. Vor ihr stand Trientje Anslo, die alte Hausbesitzerin, die das Erdgeschoss bewohnte. Die kleine, hagere Frau hatte es an diesem Tag offensichtlich besonders eilig gehabt heraufzukommen. Ihre Haube, die schon längst aus der Mode gekommen war, mit seitlichen, zu Wülsten gerollten Zipfeln, saß schief auf dem Kopf. Die blütenweiße Schürze mit dem bestickten Saum war zwar frisch gewaschen, aber noch nicht geplättet. Sarah fühlte, wie es Trientje drängte, die Gerüchte und Neuigkeiten, die sie am Vortag auf der Straße aufgeschnappt hatte, jemandem mitzuteilen.

»Wisst Ihr schon das Neueste? Der jüngste Neffe des Organisten von der Oude Kerk hat vorgestern im ›Zilveren Anker‹ einen Fremden niedergestochen«, begann sie ohne Umschweife und noch schnaufend vom Treppensteigen das Gespräch, und ihre wässrig blauen Augen glänzten vor Aufregung.

Sarah schüttelte stumm den Kopf und zog einen dreibeinigen Lehnstuhl an den Tisch heran, auf dem sich die Vermieterin ächzend niederließ. Sie beugte sich vor und sprach heftig gestikulierend auf Sarah ein.

»Ich gehe jede Wette ein, dass die neue Magd dahintersteckt, diese Anna. Die verdreht doch jedem, der Hose und Wams trägt, den Kopf. Einfach schamlos, wie sie sich immer hinunterbeugt und es darauf anlegt, dass die Gäste ihr in den Ausschnitt schauen. Pfui, sage ich da nur. Und jetzt sitzt dieser Trunkenbold von Neffe im Gefängnis. Der Arzt meint, der Fremde würde den Angriff wahrscheinlich überleben. Das Messer hat das Herz nur knapp verfehlt. Pah, Männer! Aber so sind sie eben. Einer hitzköpfiger als der andere! Genauso wie mein Jacob ... Gott hab ihn selig.«

Trientje Anslo zog verächtlich die Mundwinkel herunter und fuhr mit der blassrosa Zungenspitze zwischen den breiten Lücken ihrer fauligen Zahnstümpfe hin und her. Eine dünne Spur Spucke rann vom Mundwinkel bis zum Kinn hinunter. Sarah biss in das harte dunkle Brot, schmeckte dem würzig herben Geschmack des Biers auf der Zunge nach und täuschte Aufmerksamkeit vor. Klatsch und Tratsch langweilten sie, außerdem waren Wirtshausschlägereien an der Tagesordnung. Aber sie wollte die Vermieterin nicht brüskieren. Trientje Anslo hatte weder Verwandtschaft noch Freunde, mit denen sie sich austauschen konnte.

»Habt Ihr noch mehr Neuigkeiten erfahren?«, beeilte Sarah sich zwischen zwei Bissen zu fragen und setzte ein gewinnendes Lächeln auf.

»Allerdings! Die älteste Tochter des Weinhändlers aus der Kerkstraat soll zu Ostern heiraten«, setzte die Vermieterin ihren Redefluss fort. »Wurde aber auch Zeit, schließlich ist sie schon Ende zwanzig und ganz sicher keine Schönheit. Ihr zukünftiger Mann besitzt eine Kornmühle in Leiden, hat mir die Cousine der Schwägerin des Fleischers verraten. Oder war es doch Utrecht?«

Sarah hielt ein Stückchen Stockfisch unter den Tisch, das Vosje ihr vorsichtig schnuppernd aus den Fingern nahm und mit einem vernehmlichen Schmatzgeräusch hinunterschluckte. Mit Absicht übersah sie die vorwurfsvoll hochgezogenen Brauen ihres Gegenübers.

»Ich habe es schon oft gesagt, Sarah Meulemeester, Ihr seid noch zu jung, um für den Rest Eures Lebens alleine zu bleiben. Was geschehen ist, ist geschehen. Ihr solltet wieder heiraten und eine neue Familie gründen. Dann müsstet Ihr auch nie mehr einen Pinsel in die Hand nehmen. Malerin ... das ist kein Beruf für eine anständige Frau! Ihr kennt doch den Bäcker aus der Doelenstraat. Er ist auf Brautschau. Das weiß ich von der Schwiegermutter der Strumpfmacherin. Der Mann hat zwar nur ein Auge, aber sonst ist er nicht übel. Stellt Euch nur vor, Ihr hättet auch in Notzeiten immer genug zu essen, und außerdem ... «

Sarah machte eine abwehrende Handbewegung, stand abrupt auf und trug das leere Geschirr zurück in die Kammer. Sie hielt sich sehr gerade, spürte instinktiv die bohrenden Blicke der Vermieterin in ihrem Rücken.

»Ja, ja, Ihr mögt dieses Thema nicht, aber ich meine es doch nur gut mit Euch«, rief Trientje Anslo ihr mit vorwurfsvollem Unterton hinterher. Sarah presste die Lippen zusammen und antwortete mit Schweigen. Mit fahrigen Händen holte sie einen Zinnbecher aus dem hölzernen Eckregal über dem Bierfass, zählte hastig ein paar Münzen ab und ging an das Tischchen zurück. Sie schob das Kinn vor und straffte die Schultern.

»Hier, Trientje, das ist die Miete für die beiden letzten Monate, die ich Euch noch schulde. Gestern wurde wieder eins meiner Bilder verkauft. Ihr seht, zur Zeit laufen die Geschäfte recht gut bei mir.«

Trientje Anslos Gichtfinger griffen gierig nach den Münzen und verschwanden in Sekundenschnelle unter der Schürze. Die Vermieterin verzog den Mund zu einem breiten und zufriedenen Grinsen.

»Ihr wisst, dass ich nicht hinter dem Geld her bin. Aber eine alte Frau wie ich muss schließlich zusehen, wie sie alleine zurechtkommt. Da fällt mir ein, ich habe noch ein wenig Pökelhering übrig, den könnt Ihr Euch nachher abholen. Aber du darfst nichts davon...



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