E-Book, Deutsch, Band 9, 576 Seiten
Reihe: Coq-Rouge-Reihe
Guillou Im Namen ihrer Majestät
14001. Auflage 2014
ISBN: 978-3-492-98087-6
Verlag: between pages by Piper
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Ein Coq-Rouge-Thriller
E-Book, Deutsch, Band 9, 576 Seiten
Reihe: Coq-Rouge-Reihe
ISBN: 978-3-492-98087-6
Verlag: between pages by Piper
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Jan Guillou, Jahrgang 1944, ist einer der meistgelesenen Autoren Schwedens. Bislang verfasste er knapp vierzig Bücher, darunter auch die erfolgreich verfilmte Bestseller-Saga um den Tempelritter Arn Magnusson. Seine elfteilige Thriller-Serie um den Agenten Carl Hamilton alias »Coq Rouge« ist ein Welterfolg und in seiner Heimat ein moderner Klassiker, sie wurde mehrfach verfilmt und in mehr als 15 Sprachen übersetzt. Guillou lebt in Stockholm und liebt ebenso wie sein Protagonist »Coq Rouge« klassische Musik, guten Wein und die Elchjagd.
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Die Publizität in der Los Angeles Times übertraf Carls Erwartungen bei weitem. Irgendwie war es beinahe zu gut.
Erstens hatte das Blatt, von der sogenannten Exklusivität leicht berauscht, das Interview mit Carl, seiner kalifornischen Ehefrau und dem jungen Stan groß auf der ersten Seite aufgemacht, mit Fotos, die den Eindruck erweckten, der Leser betrachte die glückliche Wiedervereinigung einer Familie (worauf in eingestreuten kleinen Schnipseln Carls mehr oder weniger sinnlose Kommentare zu Dingen folgen, die er eigentlich nie kommentiert hatte).
Zweitens brachte das Blatt am folgenden Tag noch eine Fortsetzung, mit Fotos des Hauses in Santa Barbara, des nicht ganz glücklichen Vaters und Stans in einer Art Schuluniform. Wahrscheinlich war es ein Klassenfoto, das bei irgendeiner Abschlußfeier aufgenommen worden war.
Stans Vater wurde mit der sehr offenen amerikanischen Interviewtechnik konfrontiert. Was für ein Gefühl sei es, bei einem Sorgerechtsstreit einen internationalen bekannten Kriegshelden zum Gegner zu haben, dem soeben das Navy Cross zuerkannt worden war?
Das ist ja ganz nett, aber was für ein Handicap hat er beim Golf?
Habe der erwähnte Kriegsheld nicht überdies die Wachhunde des Hauses in Stücke gerissen, die offenbar durch ein unglückliches Versehen frei herumliefen und wohl nicht nur ihren Job, sondern auch die Fähigkeit des Gegners verkannt hätten, mit Hunden umzugehen?
Aber gewiß. Die Hunde hatten einige intellektuelle Schwächen.
Ob neue Hunde angeschafft worden seien?
Ja. Aber die sind besser in Form.
Kann man eine Revanche erwarten?
Auf keinen Fall. Ein Tierfreund würde sich so etwas nie erlauben.
Wie sieht der nächste Schritt im Sorgerechtsstreit aus?
Jetzt hören Sie mal zu, ja! Geben Sie mir doch eine Chance! Wir sprechen nicht von einem Feldzug, denn dabei ginge es, wenn ich es recht verstehe, um Alexander den Großen gegen Huckleberry Finn. Wir sprechen vom Recht eines Jungen, eines sehr jungen Mannes, auf ein Privatleben, und ich finde, das sollten Sie respektieren.
Stans Vater machte sich recht gut bei diesem Interview. Tessie hatte die Zeitung per Kurierpost von einer alten Freundin erhalten und las den Text zweimal sorgfältig durch, bevor Carl einen Blick darauf werfen durfte. Ihr Urteil, ob nun das Urteil der Anwältin oder der Mutter, lautete, ihr Ex-Mann habe tatsächlich die Schnauze gehalten (bei Gesprächen, bei denen es um Amerika ging, unterhielten sie sich immer auf englisch). Er habe nichts gesagt, was ihm selbst, Stan, seiner geschiedenen Frau oder dem jetzigen Mann der geschiedenen Frau geschadet hätte, und zwar in der Reihenfolge.
Carl las mit gerunzelter Stirn, als er die zerknüllte Zeitung endlich in die Hand bekam. Was ihm nicht gefiel, vertraute er nicht einmal Tessie an, nämlich, daß die Zeitung mit Karte und Luftbild das Haus abbildete.
Das rief unangenehme Assoziationen bei ihm hervor. Stenhamra, ihr eigenes Haus, war in letzter Zeit für mehr als eine Million umgebaut worden. Tessie hatte mit kaum verhohlener Irritation einige der Veränderungen bemerkt, aber nicht alle. Grund für die Maßnahmen war eine gefälschte »Zu Hause bei …«-Reportage, die vor rund einem Jahr in einer der zwei Klatschzeitungen des Landes publiziert worden war. Dabei hatte man die Grundrißzeichnungen von Stenhamra abgebildet, Stockwerk für Stockwerk mit kleinen Zeichnungen, die Carl (in Uniform!) mit seiner Frau und seiner kleinen Tochter bei der Hausarbeit zeigten. Die Zeitung hatte gute Verbindungen zum früheren Eigentümer des Hauses gehabt, einer Person, die nach Festen im Café Opera oft zusammen mit Björn Borg per Hubschrauber nach Hause geflogen war, um dort weiterzufeiern. Entscheidend war, daß diese erfundene Reportage sehr gute Grundrißzeichnungen des Hauses enthielt. Überdies hatte man den Artikel damals bei sizilianischen Mördern im Hotel Sheraton gefunden.
Die Sizilianer waren tot. Stenhamra war inzwischen an mehreren Stellen umgebaut worden. Aus diesem Grund ließen sich die Türen der »französischen Fenster« im Salon nur so schwer öffnen, aus diesem Grund flimmerte das Licht im Haus hellgrün (Panzerglas in den Fenstern). Das Erdgeschoß hatte ein angeblich »mexikanisches« Aussehen erhalten, da sämtliche Fenster mit schmiedeeisernen Gittern versehen worden waren, die nach Kunsthandwerk aussahen. In Wahrheit bestanden die Gitter aus schwarzgestrichenem, spezialgehärtetem Stahl. Stenhamra war jetzt in der Nacht, wenn Türen und Fenster verschlossen waren, so gut wie uneinnehmbar. Nur eine Kampfwagenbrigade hätte das Haus stürmen können. Carl war schwer erschüttert gewesen, als er im vergangenen Herbst entdeckte, daß es einer schwedischen Waldmaus irgendwie gelungen war, ins Haus zu gelangen. Er hatte anscheinend übertriebene Mühe darauf verwendet herauszufinden, wie der schnell getötete Eindringling in das gut gesicherte Haus hatte kommen können. Tessie war in ihrer Ahnungslosigkeit entzückt gewesen und hatte herzlich über diesen Mäusekampf gelacht.
Die Berichte in der Washington Post behandelten andere Themen. Sie wurden zu großen Teilen in der schwedischen Presse wiedergegeben, jedoch ohne jeden Kommentar von Carls Seite und mit einigen versteckt zustimmenden »kein Kommentar«-Äußerungen des schwedischen Ministerpräsidenten.
Die Washington Post, die hohe amerikanische Regierungsquellen zitierte, brachte eine recht ausführliche und in weiten Teilen korrekte Erklärung dafür, weshalb der bekannte oder berüchtigte schwedische Offizier Carl Hamilton sowie ein namentlich nicht genannter schwedischer Marineoffizier für würdig gehalten worden waren, mit dem Navy Cross ausgezeichnet zu werden.
Der Washington Post zufolge hatten der amerikanische und der schwedische Nachrichtendienst bei einer komplizierten und gefährlichen Operation in der Wüste Libyens zusammengearbeitet. Dabei sei eine sowjetische Flugzeugbombe älteren Datums aufgespürt und zerstört worden. Diese habe eine Sprengkraft von mehr als einer Megatonne gehabt.
Es habe sich folglich um eine lebenswichtige internationale Zusammenarbeit gehandelt, die zum Ziel hatte, mit einem der drängendsten und zugleich unterschätztesten Problemen der Welt fertigzuwerden: dem Kernwaffenschmuggel aus der ehemaligen Sowjetunion.
Den Ermittlungen der Washington Post zufolge sei es dem schwedischen Admiral Carl Hamilton, dem operativen Chef des Unternehmens, gelungen, die Kernwaffenträume des libyschen Diktators Moammar Gaddhaffi zu vereiteln. Die Bombe sei irgendwo in den Grenzregionen zum Tschad in einem Feuerball vernichtet worden.
Die einzige offene Quelle, die das Blatt zitierte, war der schwedische Ministerpräsident. Sein Name war falsch geschrieben worden. Seine Worte waren, daß es angesichts solcher alles überschattenden internationalen Probleme auf schwedischer Seite keinerlei Zögern gebe, mit allen verfügbaren Mitteln an dem Kampf für eine Weltordnung ohne Terror und so weiter teilzunehmen.
Tessie knallte die Zeitung auf den Küchentisch, als sie von ihrer Einkaufsrunde in Stockholm zurückkehrte; einer der Gründe, weshalb sie an jedem zweiten Tag in die Stadt fuhr, um dort einzukaufen, war ihr Wunsch, amerikanische Zeitungen zu lesen.
Carl war gerade dabei, Zwiebeln zu schneiden, und nebenbei eine Babyflasche zu erwärmen. Er fühlte sich vollkommen unschuldig und konnte Tessies Empörung zunächst nicht verstehen. Er überflog den Artikel, nickte und sagte, nichts davon sei falsch, doch andererseits sei es eine etwas vereinfachte Darstellung. Was sei schon dabei? Er hatte die Frage absichtlich auf schwedisch gestellt und nicht auf englisch, obwohl es sich um einen englischen Text handelte.
Doch auf diesen Trick fiel Tessie nicht herein.
»Was soll das heißen, was ist schon dabei?« begann sie auf englisch und zeigte mit der ganzen Hand und der Handfläche nach oben auf den Zeitungstext. »Du bist letzten Sommer also in Libyen gewesen und hast so eine verdammte Atombombe gesprengt? Ich weiß nicht mal mehr, was du damals behauptet hast, aber es ist darum gegangen, so eine gottverdammte Atombombe in die Luft zu jagen! Sollen wir uns für das Haus Geigerzähler anschaffen?«
»Mach dir wegen eines Geigerzählers keine Sorgen«, sagte er mit einem vorsichtig unterdrückten Lächeln. »Das ist schon erledigt. Ich bin von Kopf bis Fuß untersucht worden. Ich bin wahrscheinlich bedeutend reiner als der geräucherte Rehschinken in der Speisekammer, der schlimmstenfalls sogar aus Gävle kommt.«
»Gävle!« fauchte sie mit blitzenden Augen. »Was meinst du mit Gävle?«
»Tschernobyl«, erwiderte er lakonisch. »Der radioaktive Niederschlag aus Tschernobyl wurde von Pilzen aufgenommen. In der Gegend von Gävle ist besonders viel davon niedergegangen. Rehe fressen Pilze, und aus diesem Grund mißt man noch heute jedes Stück Wild aus Gävle, und der Argumentation halber können wir sagen, mit Geigerzählern.«
Er sah ihr an, daß er sie jetzt durch ein Lachen aus dem Gleichgewicht bringen konnte, und wechselte deshalb ins Schwedische.
»Ich bin reiner als ein Rentier«, sagte er und breitete die Arme aus. In der einen Hand hielt er das Messer mit den Zwiebelresten, in der anderen eine halbe Zwiebel.
Sie lachte laut los. Es war unwiderstehlich.
Sie lachte und winkte abwehrend mit der Hand, damit er gar nicht erst sagte, was unweigerlich kommen würde, nämlich daß ohnehin alles vorbei sei. In San Diego würde es nicht mehr so sein wie bisher, daß sie nur unvollständige Informationen in kleinen Portionen erhielt.
Die inzwischen zwei Tage alte Darstellung der Washington Post über amerikanischen Heldenmut...




