E-Book, Deutsch, 193 Seiten
Gunn AUF EIGENE FAUST
1. Auflage 2020
ISBN: 978-3-7487-5699-6
Verlag: BookRix
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection
Der Krimi-Klassiker!
E-Book, Deutsch, 193 Seiten
ISBN: 978-3-7487-5699-6
Verlag: BookRix
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection
Karkoff, 'der dämonische Kroate mit den tödlichen Messern', tritt in einem Wanderzirkus bei Edgware in der Umgebung von London auf. Zur gleichen Zeit wird die Haushälterin des Arztes Dr. Cameron in Edgware erstochen - mit einem kroatischen Messer. Chefinspektor Cromwell von Scotland Yard weiß: Auch Dr. Cameron selbst schwebt in höchster Gefahr! Der Roman Auf eigene Faust von Victor Gunn (eigentlich Edwy Searles Brooks; * 11. November 1889 in London; ? 2. Dezember 1965) erschien erstmals im Jahr 1958; eine deutsche Erstveröffentlichung erfolgte 1960. Der Apex-Verlag veröffentlicht eine durchgesehene Neuausgabe dieses Klassikers der Kriminal-Literatur in seiner Reihe APEX CRIME.
Autoren/Hrsg.
Weitere Infos & Material
1. Nächtlicher Besuch
»Pech, Tante Susan!« Mit diesen Worten zwängte sich Peter Cameron hastig in seinen Mantel. »Das gute Essen!«, seufzte Mrs. Smalley bekümmert und reichte ihm Hut und Schal. »Wirklich ein Jammer, dass du dieses verflixte Telefon anschaffen musstest.« Peter lächelte amüsiert. »Dann hätte man mir eben ein Telegramm geschickt. Ein Arzt muss jederzeit erreichbar sein. Daran ist nichts zu ändern, Tante Susan. Selbst das beste Abendessen muss geopfert werden, wenn ein Menschenleben auf dem Spiel steht.« Er nahm seinen Hut. Den Schal wies er zurück. »Du verwöhnst mich viel zu sehr!« Er drohte ihr scherzhaft mit dem Finger. »Vom medizinischen Standpunkt aus richten diese wollenen Dinger nur Schaden an...« »Aber das schreckliche Wetter, Peter!« »Stimmt, die Nacht ist wirklich scheußlich«, musste Peter zugeben. Er knöpfte seine Handschuhe zu. »Aber was macht das schon? In England gewöhnt man sich daran. Trotzdem würde ich eher in der Badehose hinauslaufen, als mir mit so einem Schal die Luft abzuschnüren.« Mrs. Smalley lächelte. Diese Predigten kannte sie zur Genüge. Sie liebte Peter von ganzem Herzen. Seine Mutter war bei seiner Geburt gestorben, und seitdem vertrat sie Mutterstelle an ihm. Sie hatte ihn großgezogen wie ein eigenes Kind und versuchte noch heute, ihn auf jede nur mögliche Art zu verwöhnen. Aber zu ihrem großen Kummer wollte er sich nicht verwöhnen lassen. Auch an seinen Vater konnte sich Peter nicht mehr erinnern. Er wusste, dass seine Mutter Mrs. Smalley - er hatte sie stets nur Tante Susan genannt - eine Rente hinterlassen hatte. Auch das Geld für seine Ausbildung war sichergestellt gewesen. Noch heute dankte er es seiner toten Mutter, dass er auf diese Weise eine ausgezeichnete Erziehung genossen hatte. Während seines Studiums zählte er zu den Begabtesten, und nach dem Examen erlebte er einen geradezu ungewöhnlichen Aufstieg. Trotz seiner Jugend galt er als einer der bedeutendsten Gehirnspezialisten. Er war im St.-Marcus-Krankenhaus in Westminster tätig, und obwohl sein Einkommen nicht hoch war, hatte er doch dieses Häuschen in Edgware kaufen können, in dem er und Mrs. Smalley sich sehr wohl fühlten. Dr. Cameron lebte äußerst bescheiden und zurückgezogen, sein ganzes Interesse galt seinem Beruf. Nach einem arbeitsreichen Tag war er an diesem Abend erschöpft nach Hause gekommen. Doch kaum hatte er sich zu Tisch gesetzt, als ihn ein Telefonanruf nach St. Markus zurückrief, wo eine schwere Operation seiner wartete. »Wirst du denn im Krankenhaus etwas zu essen bekommen?«, fragte Mrs. Smalley besorgt. »Mehr als genug.« »Das sagst du jedes Mal, um mich zu beruhigen«, fuhr sie bekümmert fort. »Ich werde jedenfalls auf dich warten, Peter.« »Jetzt hören Sie mal gut zu, verehrte Dame. Sie werden schön vernünftig sein!« Peter legte den Arm um ihre Schulter und blickte lächelnd auf ihr gütiges, runzeliges Gesicht hinab. »Wahrscheinlich werde ich heute Nacht gar nicht zurückkommen. Diese Operation dürfte eine langwierige Sache werden. Ich kenne den Fall nur zu gut. Du gehst also genau wie immer schlafen, und morgen früh bin ich dann zurück.« »Du wirst selber noch krank werden, Peter«, klagte die alte Dame. »Erst kürzlich bist du die ganze Nacht in der Klinik geblieben, und am nächsten Tag hast du deinen normalen Dienst getan.« »Wann wirst du endlich aufhören, dir unnütze Sorgen zu machen?«, fragte Peter mit einem komischen Seufzer. »Was bedeutet für mich schon eine schlaflose Nacht? Du bist viel zu weichherzig, Tante Susan - aber gerade deshalb habe ich dich ja so gern«, fügte er lächelnd hinzu. Er streichelte liebevoll ihr Gesicht, wandte sich dann um und öffnete die Tür. Mit gesenktem Kopf kämpfte er sich gegen den starken Wind zu der kleinen Garage neben dem Haus hin. Mrs. Smalley, die ihm soeben noch den Schal hatte aufdrängen wollen, stand selbst ganz ungeschützt in der offenen Tür und wartete, bis der kleine Sportwagen verschwunden war. Mit einem tiefen Seufzer schloss sie endlich die Tür und ging in das gemütliche Wohnzimmer und zu dem unberührten Abendessen zurück. Glücklicherweise ließ ihr Appetit nichts zu wünschen übrig. Während des einsamen Mahls hing sie ihren Gedanken nach. Als Doris, das Dienstmädchen, den Tisch abzuräumen begann, trug ihr die alte Dame auf: »Legen Sie bitte eine Wärmflasche ins Bett von Herrn Doktor, Doris.« »Aber... jetzt?« Das Mädchen blieb überrascht stehen. »Der Herr Doktor will doch nie eine Wärmflasche!« »Das ist schon möglich - aber sie soll ja auch für mich sein«, erwiderte Mrs. Smalley seelenruhig. »Für Sie?«, fragte das Mädchen ungläubig. »Die Wärmflasche für Sie in das Bett von Herrn Doktor?« »Er hat die ganze Nacht in der Klinik zu tun, und ich möchte nicht, dass sein Bett bei dem schlechten Wetter heute wieder so klamm wird wie neulich.« Tante Susans Stimme klang sehr entschieden. »Hatte er nicht prompt drei Tage später eine Erkältung?« »Aber er sagte doch, die habe er aus dem Spital mitgebracht...« »Ich will es jedenfalls nicht erst darauf ankommen lassen, und deshalb schlafe ich heute Nacht in seinem Bett«, beharrte die alte Dame. »Außerdem wird morgen sowieso die Bettwäsche gewechselt. - Ich wünschte nur, er würde nicht so viel arbeiten«, fuhr sie seufzend fort. »Je mehr Erfolg er hat, umso mehr Arbeit bürdet man ihm auf.« »Der Herr Doktor lebt nur für seinen Beruf«, bestätigte Doris. »Er ist wirklich ein netter junger Herr - so tüchtig und auch so liebenswürdig. Ich finde es direkt lustig, wie er sich manchmal dagegen wehrt, von Ihnen verhätschelt zu werden.« Mrs. Smalley warf dem Mädchen einen durchdringenden und zugleich abweisenden Blick zu. Doris war sehr hübsch, und sie hatte schon mehrmals Peters gute Eigenschaften ins rechte Licht zu rücken versucht. Außerdem - der Ausdruck verhätscheln missfiel der alten Dame sehr. »Nun tun Sie, was ich Ihnen gesagt habe, Doris«, sagte sie so schroff wie es ihr überhaupt möglich war. »Ich weiß am besten, was für den Herrn Doktor gut ist. Legen Sie die Wärmflasche in sein Bett.« Das Mädchen nahm das Tablett auf und blieb zögernd stehen. »Wir werden also die ganze Nacht allein im Hause sein?« »Dumme Frage! Natürlich! Was ist denn schon dabei?« »Ich muss nur gerade an diesen Mann denken...«, erwiderte Doris nervös. »Mann? Welcher Mann?« Mrs. Smalley zog erstaunt die Brauen hoch. »Wovon sprechen Sie eigentlich?« »Ich habe ihn heute Abend wieder gesehen.« Doris’ Stimme sank zu einem Flüstern hinab. »Ich schaute zufällig aus dem Küchenfenster, und da sah ich jemanden an der Gartenmauer entlangschleichen. Ja, und er hat ein paarmal herübergeschaut!« »So ein Unsinn!«, erwiderte Tante Susan barsch. »Sie haben gut reden, aber Montagabend sah ich ihn auch schon«, beharrte das Mädchen. »Was hat ein Fremder um unseren Garten zu schleichen? - Hinter mir ist er bestimmt nicht her, das weiß ich genau!«, fügte sie hastig hinzu, als sie Mrs. Smalleys nachdenklichen Blick bemerkte. »Ich habe einen festen Freund.« »Hm, vielleicht hat er es auf meine Hühner abgesehen«, murmelte Mrs. Smalley ergrimmt. »Gut, Doris, ich werde morgen noch mit dem Schutzmann sprechen.« Sie ließ sich zwar nichts anmerken, aber innerlich fühlte sie sich beunruhigt. Doris war ein ordentliches Mädchen, das nicht irgendwelche Geschichten erfinden würde. Da interessierte sich also ein verdächtiges Individuum für ihr Häuschen; warum, konnte sich Mrs. Smalley absolut nicht erklären. Sie besaßen keine Reichtümer, auf die es jemand abgesehen haben konnte. Nach einigem Nachdenken kam sie zu dem Schluss, dass ihre Vermutung doch richtig sein müsse. Wahrscheinlich handelte es sich um einen ganz gewöhnlichen Dieb, der sich von dem einzelnstehenden Häuschen angezogen fühlte. Außerdem befand sich der Hühnerstall ganz hinten im Garten. Nun, Mrs. Smalley wollte nicht länger über diese mysteriöse Angelegenheit nachdenken. Sie griff zum Stopfkorb. Doris ging wie üblich um zehn zu Bett. Die Hausdame saß um diese Zeit noch über ihr Stopfzeug gebeugt und lauschte der Musik im Radio. Für gewöhnlich hörte sie bis halb elf Uhr Rundfunk; bei der anschließenden Tanzmusik schaltete sie stets ab. Dafür hatte sie nichts übrig. Doris wollte eben das Licht ausmachen, als sie die Haustür mit einem Knall ins Schloss fallen hörte. Ein solches Geräusch war so ungewöhnlich in diesem Hause, dass sich das Mädchen kerzengerade im Bett aufsetzte. Eine Weile lauschte sie angespannt. Dann siegte ihre Neugier, sie schlüpfte in den Morgenrock und verließ auf Zehenspitzen das Zimmer. Sie nahm an, dass Dr. Cameron unerwartet zurückgekehrt sein müsse, aber so angestrengt sie auch in die Halle hinabspähte, sie hörte nichts und sah nichts. In diesem Augenblick wurden draußen vor dem Haus Stimmen laut. Die Stimme Mrs. Smalleys - ärgerlich und erregt. Dann eine männliche Stimme - barsch, protestierend. Offensichtlich standen beide Personen auf dem Gartenweg. Seltsam! Doris runzelte die Stirn. Lautlos schlich sie zum Bad, dessen Fenster nach vorn hinausging, öffnen durfte sie es nicht, aber auch so konnte sie die Stimmen gut unterscheiden, obwohl noch immer kein Wort zu verstehen war. Ein leises Angstgefühl stieg in dem Mädchen hoch. Mit wem mochte Mrs. Smalley um diese Zeit streiten? Plötzlich musste sie an den mysteriösen Mann denken, und ihr Angstgefühl wurde stärker. Und jetzt... Die Stimmen...




