E-Book, Deutsch, 248 Seiten
Gunn GELÄCHTER IN DER NACHT
1. Auflage 2020
ISBN: 978-3-7487-5108-3
Verlag: BookRix
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection
Der Krimi-Klassiker!
E-Book, Deutsch, 248 Seiten
ISBN: 978-3-7487-5108-3
Verlag: BookRix
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection
Der Mann, der auf dem Asphalt lag, war tot. Seine blicklosen Augen starrten zum Mond empor, und auf seinem Gesicht lag der Ausdruck unsagbaren Entsetzens... Bewohner des englischen Dörfchens Yeldingthorpe finden den Toten in der Nähe des Friedhofs und erkennen in ihm den alten Lord Haverford. Mehr als je zuvor ist man sich nun darüber einig, dass ein aus dem 17. Jahrhundert stammendes Gerücht auf Wahrheit beruht: Ein männliches Mitglied der Haverford-Sippe wird sterben, wenn vorher ein unmenschliches Lachen aus dem Familiengrab ertönt. Für Yeldingthorpe gibt es nur eins: Der Lord starb, nachdem er Zeuge dieses grausigen Gelächters geworden war. Scotland Yard aber konstatiert: Mord! Der Roman Gelächter in der Nacht von Victor Gunn (eigentlich Edwy Searles Brooks; * 11. November 1889 in London; ? 2. Dezember 1965) erschien erstmals im Jahr 1955; eine deutsche Erstveröffentlichung erfolgte 1957. Der Apex-Verlag veröffentlicht eine durchgesehene Neuausgabe dieses Klassikers der Kriminal-Literatur in seiner Reihe APEX CRIME.
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Erstes Kapitel
Auf dem wettergebräunten Gesicht von Dick Forbes spiegelte sich heftiger Zorn, als er an diesem kühlen Frühlingsabend in seinem kleinen, alten Sportwagen durch die Dunkelheit zum Herrenhaus von Yeldingthorpe fuhr. Eigentlich war er ein freundlicher, gutmütiger junger Mann, der sich nicht am rasenden Tempo berauschte, aber er war im Augenblick so erregt, dass er aus seinem Wagen das Letzte herausholte. Er bog in die kurze Auffahrt des Herrenhauses so scharf ein, dass die Reifen quietschten und die Außenräder sich fast vom Boden hoben. Am Fuß der ausgetretenen Stufen hielt er an und sprang aus dem Wagen. Er schlug mit der Faust an die Tür. »Ist der Oberst zu Haus?«, fragte er scharf, als ein adrettes Dienstmädchen die Tür öffnete. »Ach, Mr. Dick...« Das Mädchen sah ihn mit weitaufgerissenen Augen an. »Ist denn etwas passiert? Ja, der Master ist da.« Der altmodische Ausdruck Master klang ganz natürlich, denn in diesem abgeschiedenen Winkel von Suffolk gab es noch Reste der alten Sitten der Feudalzeit. »Er ist mit der Mistress im Wohnzimmer beim Fernsehen.« »Danke, Emma«, antwortete Dick kurz. Mit verbissenem Gesicht ging er an ihr vorüber, ohne Zeit für irgendwelche Formalitäten zu verschwenden. Er klopfte nicht einmal an der Tür des Wohnzimmers, sondern ging sofort hinein. »Entschuldigen Sie, wenn ich einfach bei Ihnen eindringe, Sir!« »Aber Dick - was ist denn los?« Oberst Edmund Thurston schaltete den Fernsehapparat aus und stand auf. Seine schlanke, hohe Gestalt wirkte kraftvoll, und er sah erheblich jünger aus als fünfzig Jahre alt. Sein Gesicht verriet Neugier, als er jetzt die Stehlampe anknipste. Mrs. Thurston lehnte sich verwundert in ihrem Sessel zurück. »Sie kommen wohl wegen Buster?«, fragte der Oberst. »Haben Sie ihn gefunden?« »Ja, Sir. Es tut mir furchtbar leid.« Dick Forbes sprach mit mühsam unterdrückter Wut. »Er ist tot. Ich habe ihn erschossen.« »Mein Gott, was sagen Sie da?« »Ich musste ihn erschießen«, sagte Dick und ließ seinem Zorn jetzt freien Lauf. »Ich fand ihn im Südwäldchen. Er hatte sich in einer gemeinen Falle gefangen, die ihm das Rückgrat gebrochen hatte, und lag in den letzten Zügen. Wieder so eine Tierquälerei meines Onkels! Es war furchtbar, Sir, aber...« »Wenn das Rückgrat gebrochen war, konnten Sie nichts anderes tun«, antwortete der Oberst, dessen Gesicht vor Wut rot anlief. »Hast du das gehört, Jane? Buster ist tot! Von Haverford, diesem alten Schuft, zu Tode gequält! Mein Gott, das ist der Tropfen, der das Fass zum Überlaufen bringt! Jetzt werde ich diesem widerlichen Burschen persönlich...« »Aber Edmund!«, rief Jane Thurston entsetzt. »Lord Haverford ist schließlich Dicks Onkel!« »Glaubst du etwa, Dick fühlt sich getroffen, wenn ich seinen Onkel so nenne?«, erwiderte der Oberst. »Er kennt, ihn besser als jeder andere - und hasst ihn noch mehr als ich. Aber wer hasst ihn eigentlich nicht? Ich hatte schon den ganzen Abend das Gefühl, dass der arme Buster in eine dieser verdammten Fallen Haverfords geraten wäre. Der netteste, gutmütigste Collie, den ich je hatte, und erst zwei Jahre alt! Los - kommen Sie, Dick!« »Bitte sei vorsichtig, Edmund«, bat Mrs. Thurston. »Tu nichts, was du später bereuen musst. Busters Tod ist wirklich schrecklich, aber du kannst ihn doch auch nicht mehr zum Leben erwecken.« »Ich bin gerade in der richtigen Stimmung, um Haverford zu sagen, -was ich von ihm halte, und diese Stimmung werde ich nicht ungenutzt vorübergehen lassen«, erwiderte der Oberst finster. »Aber mach dir keine Sorgen. Ich werde mir an dem Kerl schon nicht die Finger schmutzig machen. Er wird von mir nur ein paar Wahrheiten zu hören bekommen, die er bis ans Ende seiner Tage nicht vergisst.« »Ich bin dabei, Sir«, erklärte Dick Forbes, und seine Augen funkelten. Seine Erregung war so groß, dass er darauf brannte, sich dem Oberst anzuschließen, obwohl er als Angestellter von Lord Haverford damit rechnen musste, seine Stellung zu verlieren. Als Verwalter des Gutes seines Onkels hatte er bis jetzt die Aufstellung von Tierfallen verhindert. Nun aber hatte Lord Haverford ohne sein Wissen - und ohne Wissen der Waldhüter, die unter ihm arbeiteten - eigenhändig eine Falle im Südwäldchen aufgestellt, eine der gemeinen, tierquälerischen Fallen, die gesetzlich verboten waren. Nur sein Onkel konnte so etwas fertigbringen! Es war noch keine Woche her, dass er zu Dick gesagt hatte, er würde seine eigenen Maßnahmen ergreifen, falls er den Hund von Oberst Thurston noch einmal im Park antreffen sollte. Es war eine ganz besondere Gemeinheit, diese Grausamkeit an Buster zu begehen, an einem so zutraulichen, intelligenten Tier. Zwei Tage lang hatte man den Hund vermisst, bis der Oberst fürchtete, dass dem jungen Collie etwas zugestoßen wäre, und Dick bat, ihn zu suchen. Erst vor einer halben Stunde hatte Dick das arme Tier im Todeskampf in den stählernen Fängen der tödlichen Falle, vor Schmerz winselnd, aufgefunden. »Ich musste ihn erschießen, Sir«, sagte Dick bedrückt, als er mit dem Oberst ins Dorf fuhr. »Es gab keine Hoffnung mehr für ihn. Wenn wir im Schloss fertig sind, werde ich Ihnen die Leiche zeigen.« »Nein, ich will sie nicht sehen«, wehrte der Oberst ab. »Ich glaube Ihnen aufs Wort, Dick. Gott sei Dank sind Sie anders als Ihr Onkel. Sie tragen zwar seinen Namen, aber Sie schlagen wohl mehr nach Ihrer sanften Mutter. Der arme Buster! Ich habe den Hund wirklich liebgehabt, Dick, und ich werde es dem alten Teufel vor Gericht heimzahlen...« »Das können Sie auch, Sir, denn die Falle ist ein verdammtes ausländisches Marterinstrument, das bei uns gesetzlich verboten ist«, unterbrach ihn Dick. »Aber was werden Sie damit schon erreichen?«, fügte er bitter hinzu. »Mein Onkel ist reich und hat großen Einfluss, und er wird den Prozess so lange hinziehen, bis Ihnen das Geld ausgeht.« Inzwischen waren sie in Yeldingthorpe angekommen - einem jener ruhigen und verschlafenen Dörfer, wie man sie noch im Herzen der ausgesprochen ländlichen Grafschaft Suffolk finden kann. Haverford Hall, das Schloss, lag jenseits des Dorfes auf einer Bodenerhebung, von der aus sich der viele hundert Morgen große Park weit ins Land erstreckte. »Vorsicht, Dick!«, warnte der Oberst, der plötzlich aus seinem brütenden Schweigen aufschrak. Sie fuhren gerade an den hell erleuchteten Fenstern des Schwarzen Ebers vorüber, als eine gebeugte Gestalt aus der Tür heraustorkelte und mitten auf der Straße stehen-' blieb. Nur durch scharfes Bremsen konnte Dick noch um Haaresbreite einen Unfall vermeiden. »Das ist der alte Sheldrake!«, sagte er verächtlich. »Schon wieder besoffen!«, meinte Thurston. »Ein Jammer, was aus diesem prachtvollen Menschen geworden ist! Ich kann mich noch an den Alten erinnern, als er genauso straff und aufrecht herumging wie Sie, mein Junge. Damals galt er weit und breit als der beste Arzt. Warum, zum Teufel, setzt er sich nicht zur Ruhe? Er hat schon immer ein bisschen viel für einen guten Tropfen übrig gehabt; es ist nichts dabei, wenn es in vernünftigem Rahmen bleibt - aber zwischen gern einen trinken und dauernd besoffen sein ist schließlich ein Unterschied. Ein Glück, dass wir jetzt im Dorf noch einen zweiten Arzt haben.« »Ja, Sir«, stimmte Dick ihm zu. »Und Lovell, der Neue, nimmt dem alten Sheldrake allmählich alle Patienten weg.« »Mir gefällt er«, entgegnete der Oberst. »Was war denn damals eigentlich mit seiner hübschen Schwester, Dick?« »Auch eine Bravourtat meines Onkels! Als Lovell sich hier nieder ließ, wohnte er die ersten paar Monate allein; später, im Sommer, kam seine Schwester aus London zu ihm, um ihm den Haushalt zu führen.« »Und kurz darauf passierte dann diese Geschichte, nicht wahr? Was aber nun los war, habe ich nie genau erfahren können.« »Niemand hat es erfahren«, antwortete der junge Mann. »Wendy Lovell spricht nicht gern darüber. Ich weiß nur, dass sie an einem sonnigen Nachmittag im Wald spazieren ging und dort meinem Onkel begegnete. Was weiter geschah, weiß ich nicht - aber ich kann es mir vorstellen. Halb wahnsinnig, mit zerrissenem Kleid kam sie damals nach Hause. Mein Gott, Sir, glauben Sie etwa, dass wir im Schloss auch nur ein einziges Dienstmädchen lange halten könnten? Mein Onkel hätte vor dreihundert Jahren leben sollen; damals hätte er mit seinen Leibeigenen machen können, was er wollte, ohne dass jemand danach gefragt hätte.« »Lebt er denn nicht auch heute noch wie ein mittelalterlicher Feudalherr?«, entgegnete der Oberst. »Jeder fürchtet ihn! Überall setzt er rücksichtslos seinen Willen durch - weil er der Schlossherr ist und viel Geld hat, gelingt es ihm. Aber diesmal nicht - bei Gott! Der Tod des armen Buster hat den Krug zum Überlaufen gebracht!« »Verdammt noch mal«, knurrte Dick wütend. Der betrunkene Dr. Sheldrake war offenbar nicht der einzige, der sich heute Abend überfahren lassen wollte. Dick Forbes musste hart auf die Bremse treten und scharf nach rechts ausbiegen, um einem Mann auszuweichen, der in Höhe der Friedhofsmauer ebenfalls mitten auf der Straße stand. Die Kirche von Yeldingthorpe lag, wie das in Suffolk häufig ist, mit ihrem viereckigen Turm und ihrem alten Friedhof völlig einsam einen Kilometer vom Dorf entfernt. »Zwei Betrunkene kurz nacheinander ist ein bisschen viel«, brummte Dick. »Das ist Jem Carter, der alte Trottel; er hat noch mehr geladen als sonst. Hören Sie sich das an!« Der Mann,...




