Gunn | VERABREDUNG IM TOWER | E-Book | www.sack.de
E-Book

E-Book, Deutsch, 277 Seiten

Gunn VERABREDUNG IM TOWER

Der Krimi-Klassiker!
1. Auflage 2021
ISBN: 978-3-7487-7634-5
Verlag: BookRix
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection

Der Krimi-Klassiker!

E-Book, Deutsch, 277 Seiten

ISBN: 978-3-7487-7634-5
Verlag: BookRix
Format: EPUB
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'Was ist denn das?', fragte Michael Ellison und deutete mit dem Finger hinab. Auch Betty blickte nun in den Graben hinunter. Zuerst konnte sie nur die Steinstufen und die leere, gepflasterte Sohle des Grabens sehen; aber dann verstand sie, was er meinte. Dort unten lag, undeutlich und schattenhaft, die Gestalt eines Mannes mit gespreizten Gliedern auf dem kalten Stein, etwas links von den Treppenstufen. Halb unbewusst hörte Betty sich nähernde Schritte. Sie klangen in diesem Augenblick gespenstisch und düster... Der Roman Verabredung im Tower von Victor Gunn (eigentlich Edwy Searles Brooks; * 11. November 1889 in London; ? 2. Dezember 1965) erschien erstmals im Jahr 1959; eine deutsche Erstveröffentlichung erfolgte 1960. Der Apex-Verlag veröffentlicht eine durchgesehene Neuausgabe dieses Klassikers der Kriminal-Literatur in seiner Reihe APEX CRIME.

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  Erstes Kapitel
    »Sie sind natürlich nicht echt«, murmelte Betty Winston überzeugt. Sie stand im Tower von London im Wakefield-Turm und sah sich die britischen Kronjuwelen an. Die phantastische, glitzernde Schau wertvollster gefasster Juwelen, deren Glanz die geschickt angebrachte indirekte Beleuchtung noch erhöhte, war wirklich ein Fest für die Augen, das dem Beschauer den Atem verschlagen konnte. Aber Betty Winston in ihrem schicken Pelzmantel blieb dennoch skeptisch. »Sie können ja nicht echt sein«, fügte sie hinzu. Ihre Worte waren an niemanden gerichtet; es war kaum jemand da, der sie hätte hören können. Der Wakefield-Turm war fast menschenleer – was nur selten vorkam. Bei ihren Worten reckte sich aber ein ältlicher Aufseher in seiner malerischen blauen Uniform mit der rot-blauen Mütze steif auf. Er tat hier Dienst und hatte offenbar die respektlosen Worte des Mädchens doch vernommen. »Nein, Miss«, sagte er scharf. »Sie sind echt! Das sollte Ihnen auch bekannt sein. Man hätte sie sicher nicht ausgestellt, wenn sie nicht echt wären.« »Wirklich?« Betty fühlte sich unter seinem tadelnden Blick unbehaglich. »Entschuldigen Sie bitte.« Sie richtete ihre Aufmerksamkeit auf die indische Kaiserkrone. »Aber ist das nicht gefährlich? Die Juwelen liegen doch nur hinter einer Glaswand. Jeder könnte sie einschlagen und hineingreifen...« Sie hielt inne. »Gewiss, es sind zwei Glasplatten da, und so ist es doch nicht so ganz leicht...« »Nein, Miss – es ist ganz unmöglich!«, unterbrach sie der Aufseher besänftigt. »Schlagen Sie nur das Glas ein – dann werden Sie schon sehen, was geschieht!« Er lächelte nachsichtig und wies auf das dünne Drahtgeflecht, das zwischen dem äußeren Glas und dem inneren Schaukasten lag. »Niemand würde weit kommen, wenn er faule Sachen mit den Kronjuwelen zu machen versuchte.« Fasziniert von der Schönheit des Schmucks, konnte Betty nur mit Mühe ihre Blicke auf den Draht richten. Aber dann wurde ihr alles klar. Zweifellos würde das Einschlagen der Scheibe und das Zerreißen des Drahtes einen Mechanismus in Gang setzen. Feste Stahlgitter würden sich sofort schließen und in Sekundenschnelle den inneren Behälter sichern. »Ja, ich verstehe jetzt, was Sie meinen«, sagte sie und lächelte dem Aufseher freundlich zu. »Wie töricht von mir! Selbstverständlich ist der Schmuck echt! Es hätte ja sonst gar keinen Sinn, ihn auszustellen. Ist er nicht herrlich?« Sie schrieb einiges in ein kleines, in Leder gebundenes Notizbuch und ging weiter. Es war doch eigentlich sehr schön, dass der Saal jetzt fast leer war. Sie erinnerte sich daran, dass ihre Eltern sie einmal an einem heißen Sommertag als Kind hergeführt hatten. Damals hatte man vor der Tür Schlange stehen müssen, und der ganze Wakefield-Turm war von einer schwitzenden Menschenmenge angefüllt gewesen.  Heute, um drei Uhr, an einem windigen, kalten Januarnachmittag, war es ganz anders. Unerwartet hatte sich über London Nebel gebildet, der die Themse und ihre Ufer verhüllte. Gerade dieser Nebel hatte ja Betty bewogen, jetzt den Tower aufzusuchen. Sie hatte – wie sich nunmehr herausstellte, mit Recht – angenommen, dass das scheußliche Wetter Besucher fernhalten werde; das war ihr nur lieb, denn für ihre Besichtigung der Kronjuwelen wollte sie möglichst wenig Menschen hier haben. Heute war Freitag; Betty hatte schon früh das Wochenende frei, und so war sie auf den Gedanken gekommen, sich mit einem netten Artikel über die Kronjuwelen etwas Taschengeld zu verdienen. Sie setzte ihren Rundgang fort, wobei sie sich hin und wieder Notizen machte. Dabei war sie sich der Tatsache sehr wohl bewusst, dass gleichzeitig auch der ältliche Aufseher etwas höchst wohlwollend betrachtete – allerdings nicht die Kronjuwelen, sondern ihre schlanke, graziöse Gestalt, deren schöne Formen selbst der Pelzmantel nicht verbergen konnte. Auch ihr Gesicht war schon wert, eingehender betrachtet zu werden. Es war ein überaus lebendiges Gesicht, dessen Farben nicht aus einem Kosmetikköfferchen stammten, mit dunklen Augen, die von Intelligenz und Charakter zeugten. Ihr kastanienbraunes, naturgewelltes Haar war gerade der richtige Rahmen für ihre Züge. Wenn sie lächelte, öffnete sich ihr Mund leicht und zeigte herrliche Zähne; dann blinzelten auch ihre Augen vergnügt – mit einem Wort: Betty war ein sehr hübsches Mädchen. Sie war Mitarbeiterin bei dem recht erfolgreichen Magazin Woman’s Life. Ihre Stellung in der Redaktion war allerdings nicht sehr bedeutend – sie war sogar recht bescheiden und so ließ sie keine Gelegenheit vorbeigehen, sich zu ihrem Gehalt etwas hinzuzuverdienen, indem sie für andere Zeitungen kleine Artikel schrieb. Sie hatte den Ehrgeiz, einmal als freie Journalistin genügend zu verdienen, um sich völlig von der Eintönigkeit des Bürobetriebs befreien zu können. Außer ihr waren neben zwei Aufsehern nur noch einige Fremde, meist Ausländer, im Wakefield-Turm anwesend. Betty konnte daher ihren Rundgang ungestört vollenden und alles notwendige Material für einen interessanten kleinen Artikel sammeln. Als sie damit fertig war und sich dem Ausgang näherte, wünschte ihr der freundliche Aufseher einen guten Tag. Dabei sah er fast betrübt aus; er fürchtete wohl, heute keine so hübsche Besucherin mehr zu Gesicht zu bekommen. Damit mochte er umso mehr recht haben, als die Besuchszeit des Towers bald zu Ende war. Betty stieg die enge, steile Treppe des Wakefield-Turms mit der fröhlichen Unbekümmertheit der Jugend hinab, hatte ihren Leichtsinn aber bald zu bedauern. Denn in der Mitte der Treppe verfing sich ihr linker Absatz in einem Spalt, und sie konnte sich nur dadurch vor einem Fall schützen, dass sie sich an dem Geländer festhielt. Vorsichtig schritt sie weiter, merkte aber sofort, dass ihr linker Absatz nicht mehr in Ordnung war. Wie dumm war sie doch gewesen, nicht ein Paar feste Straßenschuhe anzuziehen! Pfennigabsätze waren eben doch nicht das Richtige, damit über das Kopfsteinpflaster und die ausgetretenen Stiegen des Towers von London zu gehen. Als sie aus dem Turm in den Nebel hinaustrat, sah sie rechts die verschwommenen Umrisse eines Schilderhäuschens. Sie wandte sich jedoch nach links in die dunkle, geheimnisvolle Tiefe eines langen Ganges, der unter dem Blutigen Turm hindurchführte. Dieser Gang musste auf den Weg münden, der sie zum Ausgang des Towers brachte. Wieder stolperte sie, und diesmal stürzte sie sogar. Sie war nur froh, dass niemand in der Nähe war, der sie beobachten konnte. Rasch stand sie auf und griff nach ihrem linken Schuh. »Verdammt nochmal...«, murmelte sie leise. Der Absatz war abgebrochen. »Herr Gott – so ein Pech!«, rief sie ärgerlich. Jede Frau, die einen Absatz verloren hat, wird Bettys Ärger nachfühlen können. Denn mit nur einem Absatz kann man nicht mehr richtig gehen, man muss entweder hinken oder hüpfen. Bis zum Hauptausgang war es aber noch ein weites Stück. Die Dunkelheit des tunnelartigen Ganges, die noch vom Nebel vertieft wurde, nahm ihr jede Sicht. So zog sie ein kleines Feuerzeug aus der Tasche und knipste es an, jedenfalls versuchte sie es – aber natürlich funktionierte es nicht. Ein Feuerzeug funktioniert ja nie, wenn man es wirklich braucht. Wieder drückte sie das Feuerzeug gab einen schönen Funken – aber keine Flamme. »Verdammt nochmal!«, rief Betty ärgerlich. Für gewöhnlich fluchte sie nicht, aber diesmal verlangte die Situation nach einer kräftigen Erleichterung der Seele. Sie kniete nieder, tastete mit den Händen herum und versuchte, im nebligen Zwielicht etwas zu sehen. Aus der Ferne konnte sie das klagende Nebelhorn eines Themseschleppers hören. Aber die Dämmerung war tiefer geworden, und der Nebel, zusammen mit den Steinen des Tunnels, die vor Alter schwarz waren, schuf im Durchgang ein geradezu mitternächtliches Dunkel. Sie glaubte Schritte zu hören, war aber ihrer Sache nicht sicher. Im nächsten Augenblick jedoch stieg ihr das Blut ins Gesicht, als sie mit den Händen an Hosenbeine anstieß. Männliche Hosenbeine! »Oh...!«, rief sie und richtete sich auf. »Entschuldigen Sie bitte!« Eine unbestimmte Gestalt, im Nebel kaum zu sehen, richtete sich vor ihr auf; zunächst überfiel sie sogar eine gewisse Furcht. Denn es war in dem Gang sehr dunkel und geheimnisvoll, und man konnte die altertümlichen Fallgatter am Ende nur ahnen. Aber sie beruhigte sich bald, als sie ein freundliches Lachen hörte. »Haben Sie etwas verloren?«, erkundigte sich eine Stimme mit amerikanischem Akzent – eine Stimme, die ebenso freundlich klang wie das Lachen. »Sie tasteten ja auf dem Boden herum »Ich suche meinen Absatz.« »Absatz?« »Den Absatz meines Schuhs!«, sagte Betty. »Ich habe ihn verloren. Ich stolperte, als ich vom Wakefield-Turm herunterkam. Jetzt ist er ganz abgebrochen. Er muss hier irgendwo liegen, aber ich kann ihn nicht sehen...« »Das werden wir gleich haben!«, unterbrach sie der Mann lachend. »Es war wohl ein Pfennigabsatz, wie? Ja, das ist schon peinlich.« Man hörte ein Knipsen, und eine helle gelbe Flamme leuchtete im Nebel auf. Betty war ärgerlich darüber, dass sie sich von dem Fremden zeigen lassen musste, wie ein Feuerzeug funktionieren sollte. Warum versagte ihr Feuerzeug immer? Aber eine Erleichterung und ein warmes Gefühl überkam sie, als sie in dem gelben Lichtschein Gesicht und Gestalt des Fremden erblickte. Es war ein gutgewachsener junger Mann in Tweedmantel und weichem Hut. Er hatte ein scharfgeschnittenes, sonnengebräuntes Gesicht, um das wohl der Wind der fernen weiten Welt...



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