Gyasi | Ein erhabenes Königreich | E-Book | www.sack.de
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E-Book, Deutsch, 304 Seiten

Gyasi Ein erhabenes Königreich

Roman
1. Auflage 2021
ISBN: 978-3-8321-7110-0
Verlag: DuMont Buchverlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

Roman

E-Book, Deutsch, 304 Seiten

ISBN: 978-3-8321-7110-0
Verlag: DuMont Buchverlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



Mit dem Auftauchen ihrer Mutter, die sich ins Bett legt und auf nichts mehr reagiert, kehren in Gifty die schmerzhaftesten Kindheitserinnerungen zurück: das Verschwinden des Vaters, der in seine Heimat Ghana zurückging, der Tod des geliebten Bruders und die Depression der Mutter angesichts dieser Verluste. Ihre Familiengeschichte hat dazu geführt, dass Gifty als erwachsene Frau ihren Glauben gegen die Neurowissenschaften eingetauscht hat. Sie ist davon überzeugt, dass sich Depression und Abhängigkeit, und damit Trauer und Leid, durch entsprechende Behandlung verhindern lassen. Doch die Angst um ihre Mutter, die fest verankert in ihrer Religion stets allen Schwierigkeiten im weißen Amerika gewachsen war, lässt Gifty an beidem zweifeln: Kann nur die unbestechliche, aber seelenlose Wissenschaft ihr die Mutter zurückbringen oder gelingt das allein den herzerwärmenden Erlösungsversprechen der Kirche? Die bewegende Geschichte einer Familie, exemplarisch für die vom Rassismus geprägte amerikanische Gesellschaft.

YAA GYASI, 1989 in Ghana geboren, ist im Süden der USA aufgewachsen. Sie hat Englische Literatur an der Stanford University studiert und einen Abschluss des Iowa Writers' Workshop. Ihr Debüt >Heimkehren< (DuMont 2017), das in den USA und England wochenlang auf den Bestsellerlisten stand, wurde in über 20 Sprachen übersetzt und ist mit mehreren Preisen ausgezeichnet worden, u. a. dem Pen/Hemingway Award. Yaa Gyasi lebt in Brooklyn/New York.
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Effia

In der Nacht, als Effia Otcher in der nach Moschus riechenden Hitze von Fante-Land geboren wurde, wütete ein Feuer durch den Wald direkt vor dem Compound ihres Vaters. Es breitete sich rasch aus, zog tagelang eine Schneise. Es speiste sich von Luft; es schlief in Höhlen und versteckte sich in Bäumen; es brannte, loderte auf und schlug sich durch ohne Rücksicht auf die Verwüstungen, die es hinterließ, bis es zu einem Asante-Dorf kam. Dort verschwand es, wurde eins mit der Nacht.

Effias Vater, Cobbe Otcher, ließ seine erste Frau Baaba mit dem neugeborenen Baby zurück, um die Schäden an seinen Yamswurzeln zu begutachten, der wichtigsten Feldfrucht weit und breit, um eine Familie zu ernähren. Cobbe hatte sieben Yams verloren und empfand den Verlust jeder einzelnen Wurzel als Schlag gegen seine Familie. Er wusste, dass die Erinnerung an das Feuer, das gebrannt hatte und dann geflüchtet war, ihn, seine Kinder und seine Kindeskinder verfolgen würde, solange diese Linie der Familie fortbestand. Als er in Baabas Hütte zurückkehrte und Effia, das Kind des nächtlichen Feuers, schreiend vorfand, sah er seine Frau an und sagte: »Wir werden nie wieder über das sprechen, was heute passiert ist.«

Die Dorfbewohner begannen zu erzählen, dass das Baby aus dem Feuer geboren worden sei, dass Baaba deswegen auch keine Milch habe. Effia wurde von Cobbes zweiter Frau gestillt, die drei Monate zuvor einen Sohn zur Welt gebracht hatte. Effia wollte nicht saugen, und wenn doch, zerrte ihr hartes Zahnfleisch an dem Fleisch um die Brustwarzen der Frau, bis sie Angst hatte, das Kind zu stillen. Und so magerte Effia ab, war nur noch Haut auf zerbrechlichen Vogelknochen, mit einem großen, schwarzen Loch von Mund, der ein hungriges Geschrei ausstieß. Es war im ganzen Dorf zu hören, auch an Tagen, an denen Baaba ihr Bestes tat, es zu ersticken, indem sie dem Baby die raue linke Handfläche auf den Mund legte.

»Liebe sie«, befahl ihr Cobbe, als wäre die Liebe ein so einfacher Akt, wie Essen von einem Blechteller aufzunehmen und sich in den Mund zu schieben. Nachts träumte Baaba davon, das Baby im dunklen Wald liegen zu lassen, damit der Gott Nyame mit ihm verfahren konnte, wie er wollte.

Effia wurde älter. Im Sommer nach ihrem dritten Geburtstag gebar Baaba ihren ersten Sohn. Der Junge hieß Fiifi und war so dick, dass Effia ihn manchmal, wenn Baaba nicht hinsah, wie einen Ball über die Erde rollte. An dem Tag, an dem Baaba Effia zum ersten Mal erlaubte, ihn hochzunehmen, ließ sie ihn versehentlich fallen. Das Baby prallte auf dem Hintern auf, landete dann auf dem Bauch und schaute alle in der Hütte an, als wäre es unsicher, ob es weinen sollte oder nicht. Es entschied sich dagegen, doch Baaba, die banku gerührt hatte, hob das Rührholz und schlug Effia damit auf den nackten Rücken. Jedes Mal, wenn sich der Stock vom Körper des Mädchens löste, hinterließ er heiße, klebrige Stückchen banku, die sich in sein Fleisch brannten. Als Baaba fertig war mit ihr, war Effia mit wunden Stellen übersät, schrie und schluchzte. Fiifi, der auf dem Bauch hierhin und dorthin über den Boden robbte, schaute Effia aus seinen Kulleraugen an, gab jedoch keinen Laut von sich.

Als Cobbe nach Hause kam, versorgten seine anderen Frauen Effias Wunden, und er begriff auf der Stelle, was passiert war. Er und Baaba stritten bis tief in die Nacht. Effia hörte sie durch die dünnen Wände der Hütte, in der sie auf dem Boden lag und immer wieder aus einem fiebrigen Schlaf erwachte. Sie träumte, dass Cobbe ein Löwe war und Baaba ein Baum. Der Löwe riss den Baum aus der Erde und schleuderte ihn zu Boden. Der Baum streckte zum Protest die Äste aus, und der Löwe brach einen nach dem anderen ab. Der Baum begann, rote Ameisen zu weinen, die die dünnen Risse in seiner Rinde entlangkrabbelten. Sie sammelten sich auf der weichen Erde um seinen Wipfel.

Und so setzte der Kreislauf ein. Baaba schlug Effia. Cobbe schlug Baaba. Als Effia zehn Jahre alt war, konnte sie Geschichten von den Narben an ihrem Körper erzählen. Der Sommer 1764, als Baaba Yamswurzeln auf ihrem Rücken zerbrach. Das Frühjahr 1767, als Baaba mit einem schweren Stein auf ihren linken Fuß schlug und den großen Zeh brach, sodass er fortan von den anderen Zehen weg zeigte. Zu jeder Narbe an Effias Körper gab es eine Narbe an Baabas, doch das hielt weder die Mutter davon ab, die Tochter zu schlagen, noch den Vater, sich an der Mutter zu vergreifen.

Verschlimmert wurde die Lage noch von Effias erblühender Schönheit. Mit zwölf wuchsen ihr Brüste, zwei Kugeln auf ihrer Brust, so weich wie das Fleisch einer Mango. Die Männer im Dorf wussten, dass ihr Blut bald zum ersten Mal fließen würde, und sie warteten darauf, bei Baaba und Cobbe um ihre Hand anzuhalten. Geschenke wurden überreicht. Ein Mann zapfte besser Palmwein als alle anderen im Dorf, doch die Netze eines anderen waren stets voller Fische. Cobbes Familie schlemmte dank Effias knospender Weiblichkeit. Ihre Bäuche, ihre Hände waren nie leer.

1775 machte zum ersten Mal ein britischer Soldat einem Mädchen aus dem Dorf, Adwoa Aidoo, einen Heiratsantrag. Sie war hellhäutig und scharfzüngig. Nachdem sie sich gewaschen hatte, rieb sie morgens ihren ganzen Körper mit Sheabutter ein, unter den Brüsten und zwischen den Beinen. Effia kannte sie nicht gut, doch einmal hatte sie sie nackt gesehen, als Baaba sie mit Palmöl in die Hütte des Mädchens geschickt hatte. Ihre Haut war glatt und glänzte, ihr Haar war königlich.

Als der weiße Mann zum ersten Mal kam, bat Adwoas Mutter Effias Eltern, ihm das Dorf zu zeigen, während Adwoa sich vorbereitete.

»Darf ich mitkommen?«, fragte Effia. Sie hörte Baabas »Nein« mit dem einen Ohr und Cobbes »Ja« mit dem anderen. Ihr Vater gewann, und bald stand Effia zum ersten Mal in ihrem Leben vor einem weißen Mann.

»Er freut sich, dich kennenzulernen«, sagte der Dolmetscher, als der weiße Mann Effia die Hand hinhielt. Sie nahm sie nicht, sondern versteckte sich hinter den Beinen ihres Vaters und ließ ihn nicht aus den Augen.

Er trug eine Jacke mit glänzenden goldenen Knöpfen, die über dem Bauch spannte. Sein Gesicht war rot, als wäre sein Hals ein brennender Baumstumpf. Er war dick, und große Schweißtropfen standen auf seiner Stirn und seiner Oberlippe. Effia dachte an eine Regenwolke: blass, nass, formlos.

»Bitte, er möchte das Dorf sehen«, sagte der Dolmetscher, und sie brachen alle auf.

Als Erstes machten sie bei Effias Compound halt. »Hier leben wir«, sagte Effia zu dem weißen Mann, und er lächelte sie einfältig an, seine grünen Augen verborgen hinter Nebel.

Er verstand nicht. Auch nachdem der Dolmetscher übersetzt hatte, verstand er es nicht.

Cobbe hielt Effias Hand, als er und Baaba den weißen Mann durch ihren Compound führten. »Hier, in diesem Dorf«, erklärte Cobbe, »hat jede verheiratete Frau ihre eigene Hütte. In dieser Hütte lebt sie mit ihren Kindern. Wenn sie an der Reihe ist, verbringt ihr Mann die Nacht in ihrer Hütte.«

Die Augen des weißen Mannes klärten sich, als er die Übersetzung hörte, und Effia begriff, dass er alles mit neuen Augen sah. Den Lehm der Mauern, das Stroh der Dächer, endlich konnte er alles sehen.

Sie gingen weiter durchs Dorf und zeigten dem weißen Mann den Dorfplatz, die kleinen Fischerboote aus ausgehöhlten Baumstämmen, die die Männer zum Fischen die wenigen Meilen zur Küste trugen. Effia zwang sich, die Dinge auch mit neuen Augen zu sehen. Sie roch den Wind voller Meersalz, als er die Härchen in ihrer Nase berührte, spürte die Rinde einer Palme so deutlich wie einen Kratzer, sah das tiefe, tiefe Rot des Lehms, der sie auf allen Seiten umgab.

»Baaba«, fragte Effia, als die Männer sich ein Stück entfernt hatten, »warum wird Adwoa diesen Mann heiraten?«

»Weil ihre Mutter es so will.«

Ein paar Wochen später kehrte der weiße Mann zurück, um Adwoas Mutter seine Aufwartung zu machen, und Effia und das gesamte Dorf fanden sich ein, um zu sehen, was er zu bieten hatte. Er überreichte den Brautpreis in Höhe von fünfzehn Pfund. Er brachte Dinge aus der Festung, auf dem Rücken getragen von Asante. Effia musste sich hinter Cobbe stellen, während sie zuschauten, wie Dienstboten mit Stoffen, Hirse, Gold und Eisen kamen.

Als sie zu ihrem Compound zurückkehrten, zog Cobbe Effia auf die Seite und ließ seine Frauen und anderen Kinder vorausgehen.

»Hast du verstanden, was gerade passiert ist?«, fragte er sie. Vor ihnen nahm Baaba Fiifis Hand. Effias Bruder war gerade elf geworden, doch er konnte bereits nur mithilfe seiner bloßen Hände und Füße den Stamm einer Palme hinaufklettern.

»Der weiße Mann ist gekommen, um Adwoa mitzunehmen«, sagte Effia.

Ihr Vater nickte. »Die weißen Männer leben in der Festung von Cape Coast. Dort treiben sie Handel mit unseren Leuten.«

»Mit Hirse und Eisen?«

Cobbe legte ihr die Hand auf die Schulter und küsste sie auf die Stirn, doch als er sich wieder aufrichtete, blickte er besorgt in die Ferne. »Ja, wir erhalten Eisen und Hirse, aber dafür müssen wir ihnen auch etwas geben. Dieser Mann ist aus Cape Coast gekommen, um Adwoa zu heiraten, und es werden noch mehr wie er kommen und uns unsere Töchter wegnehmen. Aber für dich, meine Tochter, habe ich größere Pläne, du wirst nicht als Frau eines weißen Mannes leben. Du wirst einen Mann aus unserem Dorf heiraten.«

In diesem Augenblick drehte sich Baaba um, und Effia fing ihren finsteren Blick auf. Effia schaute zu ihrem Vater, um zu sehen, ob er es bemerkt hatte, doch Cobbe schwieg.

Effia wusste, wen sie als Mann wählen würde, und sie hoffte inständig, dass ihre Eltern sich für denselben Mann entscheiden würden. Abeeku Badu sollte als...


Grube, Anette
ANETTE GRUBE, 1953 in München geboren, hat Anglistik studiert. Sie hat u. a. Chimamanda Ngozi Adichie, T. C. Boyle, Vikram Seth und Mordecai Richler ins Deutsche übersetzt.

Gyasi, Yaa
YAA GYASI, 1989 in Ghana geboren, ist im Süden der USA aufgewachsen. Sie hat Englische Literatur an der Stanford University studiert und einen Abschluss des Iowa Writers‘ Workshop. Ihr Debüt ›Heimkehren‹ (DuMont 2017), das in den USA und England wochenlang auf den Bestsellerlisten stand, wurde in über 20 Sprachen übersetzt und ist mit mehreren Preisen ausgezeichnet worden, u. a. dem Pen/Hemingway Award. Yaa Gyasi lebt in Brooklyn/New York.



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