E-Book, Deutsch, 330 Seiten
H. Steinmetz / Kastenholz / Ap Cwanderay SHINIGAMI
1. Auflage 2021
ISBN: 978-3-7554-0305-0
Verlag: BookRix
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection
E-Book, Deutsch, 330 Seiten
ISBN: 978-3-7554-0305-0
Verlag: BookRix
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection
Die Söldnerin Ghost lebt am Limit. Der Anruf ihres Dealers verspricht einen Job, der sie zurück in den New Babylon Megaplex führt, wo Seelen in Chrom gewogen werden und holografische Geishas überhöhten Göttern gleichen. Dazu muss sie nur die Netrunnerin Amy töten. Rein. Kugel in den Kopf. Raus. Absolut easy. Doch die Götter des Cyberspace haben andere Pläne. In einer total vernetzten Welt, mit Neuroprozessoren im Schädel und durch Implantate übers Limit getunten Körpern schicken sie Amy und Ghost auf einen Höllenritt zwischen Realität und virtuellem Pantheon. Und dann ist da noch diese ominöse Katze, die sich selbst Wichian Mat nennt ... Ein spannender Cyberspace-Roman für alle, die Sci-Fi lieben.
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Sunset Motel
August, 2080, 06:30, in den Badlands Wo alles begann... Die scheppernde Klimaanlage wälzte die teigig warme Luft nur um, anstelle sie abzukühlen. Ghost lag auf der Formschaummatratze, die diese Bezeichnung längst nicht mehr verdiente, und sah dem Deckenventilator dabei zu, wie er träge seine Runden drehte. Eines der vier Blätter hatte ein Einschussloch, das sich in der Zimmerdecke wiederfand. Ein anderes war mit einer Substanz bespritzt, die wie eingetrocknetes Blut aussah. Absteigen wie diese waren perfekt dazu geeignet, sich das Hirn aus dem Schädel zu blasen. Hier mieteten sich die Hoffnungslosen ein, die keine Perspektive oder Zukunft hatten. Gescheiterte Existenzen ... Die Narben, die sich von ihrem linken Mundwinkel ausgehend über ihre Wange zogen, juckten heute wieder extrem. Das lag am Stress, womöglich aber auch an den Parasiten, die sich in Absteigen dieser Art in den durchgelegenen Temperschaummatratzen tummelten. Schrapnellsplitter. Andenken an den Panamakanal. Verdammt knappe Sache, etwas höher, und ich hätte kein Gesicht mehr gehabt. Draußen stritten ein paar Kerle in einem Kauderwelsch, den sie nur zum Teil verstand. Die Stimmen änderten ihre Tonlage, wurden hysterisch, schnappten über. Sicher Nomades, die auf der Suche nach schneller Beute durch die Badlands zogen, ständig auf der Flucht vor den Cops, den Konzernen, sich selbst und dem Rest der Welt. Sie bewunderte das freie Leben, das sie führten. Wie Sterne, die extrem hell brannten und verglühten, bevor sie alt und müde wurden. Live fast – Die young, erinnerte sie sich an einen rebellischen Spruch aus der Prä-Cybernet-Ära, den die Kids noch heute unter Autobahnbrücken auf den Beton sprayten. Typischer Loserspruch. Wer ‘ne Perspektive hat, braucht diesen Scheiß nicht... Ghost setzte sich auf. Für einen Moment drehte sich das Zimmer vor ihren Augen. Schuld daran war die leere Whiskeyflasche, die neben dem Bett in einer klebrigen Lache auf dem Boden lag. Billiger Seelinsen-Whiskey von der Tankstelle. Unterste Schiene, wie sie selbst, also durchaus angemessen. Sie verzog angewidert das Gesicht, weil sie stank wie eine läufige Pumakätzin. Abgefuckt zu sein war eine Sache, aber stinken ging gar nicht. Sie zwang sich in die Nasszelle aus beigem Plastik, das durch die permanente Hitze der Badlands spröde und stumpf geworden war. Die dunklen, gekräuselten Haare im Abfluss ignorierte sie ebenso wie die Kakerlaken, die in ihre Löcher zurück huschten, sobald sie das Licht anmachte. Sich mit beiden Händen an der Wand abstützend, stellte sie auf kalt und ließ sich den pisswarmen Strahl auf Kopf und Rücken prasseln. Roter Staub löste sich aus den Cyberimplantaten, die wie eine abstrakte, in die Haut gegossene Narbe aus stumpfsilbernem flüssigem Metall um ihren Hals lagen. Die thailändischen Plagiate japanischer Hightech waren billig, aber auch anfällig gegen den Sand der Badlands, der wahrlich in jede Ritze kroch. Ihr rosafarbenes, leicht ins Grau fließende Haar schmiegte sich nass auf die tätowierte, zerfurchte Porzellanhaut ihres schlanken, durchtrainierten Körpers. Die bunt gestochenen Bilder hatte sie sich während des letzten Konzernkriegs stechen lassen. Viele davon hatten keinerlei Bedeutung, doch manche eine geradezu erschreckende Tiefe, die ihr Tränen in die Augen trieb. Der japanische Drache auf ihrem straffen Bauch zum Beispiel, das Maul weit aufgerissen, zum Kampf bereit, war ein Zugeständnis zu den alten japanischen Traditionen. Er schreit meine Verzweiflung hinaus, symbolisiert, was ich gerne wäre und nie sein werde. Umgibt sich mit ‘nem scheiß Panzer, sodass nichts an ihn rankommt. Insgeheim beneidete sie ihre Mutter, dass sie Japanerin war, sie sich selbst aber zwiegespalten fühlte, zwischen den Traditionen zweier Gesellschaften sitzend. Sie selbst hasste es, eine Shinto zu sein, auch wenn das nur ein lächerlicher Spitzname war, eben so, wie man Hispanics im Straßenslang »Spics« nannte. Nur die Traditionalisten sahen das anders. Für die war Abstammung alles. Von einem bezahlten Fick auf der verdreckten Toilette eines drittklassigen Braindanceclubs gezeugt zu werden, das hatte das Zeug zu einer innovativen Tradition, als Spiegel unserer Zeit ... Die hämisch grinsende, von Blumen umrankte La Catrina auf dem Rücken symbolisierte ihre Todessehnsucht. Das japanische Schriftzeichen zwischen den festen Brüsten stand für Shinto und sollte sie jeden verdammten Tag daran erinnern, was sie war. Auf Armen und Oberschenkeln eine Menge Unsinn. Gewehre, Messer, Herzen, Spielkarten, die Nummer ihrer Einheit unter zwei gekreuzten Säbeln. Bilder, die man sich stechen lässt, nachdem man ein Gefecht überlebt hat, besoffen mit der Truppe durch die Kneipen zog und das Adrenalin noch in den Adern rauschte. Der Krieg in Mittelamerika lag inzwischen fünf Jahre zurück, und sie hatte wie die meisten Veteranen nicht mehr ins Leben zurückgefunden. Zu viel war geschehen. Zu viel Leid und Tod. Die Nächte voller Albträume von explodierenden Menschen und den schmerzverzerrten Gesichtern der Toten, die vorüber zogen. Manchmal war das Überleben wohl doch nicht die bessere Alternative. Sie schlug sich mit Gelegenheitsjobs durch, schlief in schäbigen Motels wie diesem oder einfach auf der Straße neben dem Bike im Dreck. In der Tasche hatte sie kaum genug Bucks, um über den Tag zu kommen, die zerkratzte Malorian Arms 3516 Automatik war mit dem einzigen Magazin geladen, das ihr geblieben war. Es war Ghosts Verständnis von Sarkasmus, die letzte Patrone in der Innentasche ihres mit Aramidgewebe verstärkten Mantels aufzubewahren. Sie drehte das Wasser ab, stieg aus der Dusche, trocknete sich ab und schlüpfte in die zerschlissene, nanobeschichtete Slim-fit-Lacklederhose, die zugleich die Einzige war, die sie besaß. Ghost nahm das Retro-Motörhead-Shirt vom Haken, das sie letzte Nacht vor dem Delirium in der Dusche gewaschen hatte, und zog es an. Der Stoff war feucht, aber wenigstens sauber. Ihr Magen rumorte, wollte gefüttert werden. Ein Kaffee wär nicht verkehrt, um den pochenden Schmerz im Kopf zu vertreiben, wo sich oberhalb ihres Ohres der Steckplatz für die Speicherbänke des neurosynaptischen Prozessors befand. Es fühlte sich nach all den Jahren noch immer befremdlich an, den auf Neuromorphing basierenden Prozessor – kurz Neuroprozessor – unter der Schläfenhaut zu wissen, der über synaptische Kopplungen mit dem Neocortex kommunizierte. Turing-vollständig und universell programmierbar, steuerte der Prozessor die Cyberimplantate und stellte über den Neocortex – als Teil der Großhirnrinde für Multisensorik und Motorik zuständig – die Verbindung vom Menschen zur Maschine her, war dabei ebenso effektiv wie angreifbar. Der Prozessorkern bestand aus nanoelektronischen Neuristorschaltkreisen, also einer Hardware, die auf dem TrueNorth-Prinzip basierend, grob gesagt, Neuronen nachbildete. Jedenfalls gab es keinen Kaffee. Als Ersatz zündete sie sich eine JunJun an, die nach Holzleim schmeckte, setzte die polarisierte Sonnenbrille auf und trat vor die Tür. Das Zimmer war im ersten Stock. Von hier oben hatte sie einen wunderschönen Blick über die Badlands, eine von Ruinen durchsetzte Wüste aus rotem Sand, der bei dem leichtesten Lufthauch sprichwörtlich in jede Ritze kroch. Die Sonne hockte als glutrote Scheibe sengend auf dem Horizont. Ein rostiges Windrad drehte sich ächzend auf der anderen Straßenseite neben einer von Wind und saurem Regen zernagten Scheune. Die Streithähne hatten sich verzogen. Es gab Momente wie diesen, da spielte Ghost mit dem Gedanken, sich die Knarre an die Schläfe zu setzen und abzudrücken. Trink‘ einen guten Whiskey, rauch‘ deine letzte Zigarette, genieße den Sonnenaufgang und – Bäm! Eine weitere Wand, die von einer gescheiterten Existenz zeugt. Die Wahrheit war, sie war zu feige, hatte dafür nicht genug Arsch in der Hose. Noch nicht. Das Telefon fiepte in ihrem Kopf und befreite sie aus dem ungesunden Gedankenstrudel. Unbekannte Nummer, flimmerte vor ihrem Auge. Ghost nahm das Gespräch durch einen Gedankenimpuls entgegen. »Ja?« »Banks hier. Bist du im Sunset?« Banks war der Dealer, der ihr die mageren Jobs besorgte, die sie über Wasser hielten. Vor drei Tagen hatte er sie angerufen und ihr was Großes versprochen. Ein Run, der sie aus der Gosse holen und nach Hause in den New Babylon Megaplex bringen würde. Der einzigen Stadt auf der ganzen verdammten Welt, wo man sich mit ihren Fähigkeiten einen Namen machen und das große Geld verdienen konnte. Zurück im Megaplex. Geburtsstätte und Grab all meiner Träume. Die Söldner-Oberliga! Die Stadt war ein fleischfressender, aus der Retorte geborener Moloch. Als die Temperaturen aufgrund der fortschreitenden Zerstörung der Ozonschicht anstiegen und das Leben in den ländlichen Regionen unerträglich wurde, wuchsen San Franzisko, San Jose und Los Angeles vor über fünfzig Jahren zu einem riesigen, von Slums umgebenen Geschwür zusammen. Die Gründer nannten das künstlich erschaffenen Habitat der gescheiterten...




