E-Book, Deutsch, 100 Seiten
Haagen Mit dem Tod leben
1. Auflage 2017
ISBN: 978-3-17-031280-7
Verlag: Kohlhammer
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Kinder achtsam in ihrer Trauer begleiten - Ein Ratgeber für verwitwete Eltern
E-Book, Deutsch, 100 Seiten
ISBN: 978-3-17-031280-7
Verlag: Kohlhammer
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Dr. med. Miriam Haagen ist ärztliche Psychotherapeutin für Kinder, Jugendliche und Erwachsene und Paar- und Familientherapeutin in eigener Praxis, Dozentin und Supervisorin an verschiedenen Instituten und Autorin von Fachpublikationen.
Autoren/Hrsg.
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2 Beeltern
»Jetzt muss ich allein weiterlaufen«, sagte eine Mutter zweier Schulkinder nach dem plötzlichen Tod ihres Mannes. Als Mutter hat sie den Verlust ihres Partners zu verkraften und gleichzeitig ihre halbverwaisten Kinder zu begleiten. Ein Hinterbliebener in einer Liebesbeziehung zu sein und das Familienleben mit minderjährigen Kindern allein fortzusetzen, bedeutet für den verwitweten Elternteil eine hohe Anforderung und Belastung. Diese über Jahre vor einem stehende Aufgabe erscheint manchen zunächst kaum zu bewältigen. Die Weichen für das Zusammenleben werden durch so ein Ereignis neu gestellt. »Wie kann ich ein guter Elternteil für meine Kinder sein, wenn ich doch selbst so belastet bin?«, so fragen sich viele verwitwete Eltern. Was heißt es überhaupt, »gute Eltern« zu sein? Dies fragen sich natürlich alle Eltern immer wieder und insbesondere in Schwellensituation und Krisenzeiten. Wenn man als Eltern in einer persönlichen Krise steckt, kann es passieren, dass man sein Gefühl und seine Intuition für das eigene Kind verliert. Dass man plötzlich nicht mehr weiß, wie man es »richtig« machen soll.
Für diese Aufgaben als Eltern wähle ich den Begriff »beeltern«. Es geht dabei um die Art und Weise, wie Eltern mit ihren Kindern leben, wie sie sie aufziehen und ganz besonders auch darum, wie sie über das Kind/die Kinder und sich selbst nachdenken. Ich lege mehr Augenmerk auf die Beziehung als auf die Erziehung. Der Begriff »beeltern« drückt meines Erachtens am besten den innerlichen und äußeren Prozess aus, den Eltern mit ihren Kindern erleben und ich mag ihn lieber als das Wort »erziehen«. Im Erziehen wird die Eltern-Kind-Beziehung auf bestimmte pädagogische Konzepte und Ziele eingeengt.
Gehorsam und Disziplin waren lange oberste Erziehungsziele. Das konsequente und angemessene Beantworten der emotionalen Grundbedürfnisse von Kindern und Jugendlichen führt aber nicht, wie lange befürchtet, zu der Entwicklung von »kleinen Tyrannen«. Der Ausdruck negativer Gefühle auf Seiten des Kindes wie auf Seiten des Elternteils bedeutet eben nicht unbedingt, dass schlechte Beziehungen in der betreffenden Familie bestehen würden. Es ist ganz normal, dass im Zusammenleben mit Kindern, selbst ohne besondere Belastungen, negative Gefühle entstehen. Bloß wie damit umgehen?
Aus der Beziehungsperspektive verstehen wir das kindliche Verhalten als eine Form der Kommunikation. Das Kind will mit seinem Verhalten etwas sagen, den Erwachsenen erreichen. Meistens liegt dem Verhalten der Wunsch nach einem Gefühl emotionaler Verbundenheit zu Grunde. Gerade in schwierigen Lebenssituationen ist es besonders tröstlich und hilfreich, wenn die Verbundenheit untereinander nicht abbricht. Ein feinfühliger Umgang mit den kindlichen wie mit den eigenen Bedürfnissen hilft dabei, diese Form der kindlichen Kommunikation zu verstehen. Dafür gibt es keine Patentrezepte, aber mit Mut zur Selbstreflektion und wohlwollender Unterstützung kann eine verwitwete Familie ein neues, ganz eigenes Familienleben ausbilden.
Aus verschiedenen psychologischen Forschungszweigen, die sich mit Elternschaft beschäftigt haben, wird das Reflektieren (reflective function) als besonders hilfreich angesehen. Elternschaft und gutes angemessenes Beeltern unserer Kinder ist kein Fach, das man studieren kann. Die »Ausbildung im Beeltern« beginnt mit der ersten Schwangerschaft und dauert lebenslang an. Solange die Kinder noch Kinder sind, findet sie jeden Tag statt, unabhängig davon, in welcher Verfassung die Eltern sind. Wenn Eltern emotional präsent sind und sich in die Innenwelt ihrer Kinder hineinversetzen können, dann entwickeln sie eine Vorstellung davon, wie sie selbst auf ihr Kind wirken. Das hat einen enormen entwicklungsfördernden Effekt. Die so beelterten Kinder wachsen heran und lernen sowohl mit ihren eigenen starken Emotionen umzugehen wie auch mit denen anderer Menschen. Sie entwickeln ein tiefes Selbstvertrauen und soziale Kompetenz. Die Stärken und die Schwächen der eigenen Art zu beeltern zu reflektieren bedeutet eine Herausforderung. Man fragt sich: Was gelingt mir gut? Was gelingt mir weniger gut? Und von welchen Situationen ist mein Verhalten abhängig? Wie würde mein Kind mich beschreiben? Was würde es als meine Stärken und was als Schwächen sehen?
Als Eltern hat man viele verschiedene Aufgaben. Dazu gehören Liebe und Trost spenden, Grenzen zeigen und aufrechterhalten, Unterrichten und Unterweisen ebenso wie Unterstützen und Assistieren, Alltagsrituale und -Routinen installieren, mit der Umgebung des Kindes (Tagesmutter, Kita, Lehrer, Sportverein, aber auch Familienangehörige) kommunizieren und mehr. Dabei nimmt man als Eltern verschiedene Rollen ein, die man nicht alle gleich gut ausfüllen kann. Es gehört auch zum Eltern-sein und zum Beeltern, immer wieder mit Dingen und Aufgaben konfrontiert zu werden, die einem neu und unbekannt sind und die verschiedensten Gefühle in einem auslösen können. Die englischen Psychologen A. Cooper und S. Redfern haben den Begriff »Eltern-Landkarte« entwickelt. Sie beschreiben in ihrem Ratgeber »Reflective Parenting«, dass sich das Eltern-Werden wie eine Expedition in ein unkartiertes Gelände anfühlt: Man weiß nicht, wo das Ziel ist, wie man dort hinkommt und was es mit einem machen wird. Es gibt keine vorbereiteten Landkarten, jede »Expedition« zum eigenen Familienleben ist anders, keine Familie wird wie die andere. Eltern können sich aber eine ganz eigene Landkarte erschaffen. Sie entsteht im Prozess des Familienlebens und wird immer weitergeführt. Der Prozess des Entstehens dieser Landkarte ist dabei wichtiger als das fertige Bild, das es genaugenommen nie geben wird. Umfangreiche Forschungsergebnisse der letzten Jahrzehnte haben gezeigt, dass von Geburt an beim Menschen nicht nur körperliche Instinkte wie die Suche nach Wärme, Nahrung und Gehaltenwerden eine Rolle spielen, sondern auch emotionale Instinkte, die uns den Kontakt mit anderen Menschen suchen lassen. Von Geburt an! Durch emotionalen Kontakt mit anderen Menschen lernen wir emotional über uns selbst und über andere. Erst im Kontakt mit anderen werden wir also unserer eigenen Emotionen gewahr. Wir brauchen ein Gegenüber, um uns selbst zu erkennen und um unsere Gefühle und Empfindungen zu verstehen.
2.1 Reflektierendes Beeltern
Reflektierende Eltern fokussieren nicht allein auf das äußerliche Verhalten ihres Kindes, sondern versuchen zu ergründen, was das Kind ausdrücken will. Die Beschreibung »Das Kind hat seinen eigenen Kopf« wird manchmal in leicht abwertender Weise benutzt. Als wäre das etwas Unerwünschtes oder Unschickliches. Kinder interpretieren die Welt anders als ihre Erwachsenen. Um die inneren Geschichten der Kinder wahrnehmen bzw. nach ihnen fragen zu können, ist es nötig, mit den eigenen inneren Bildern, Gedanken und Gefühlen in Verbindung zu sein. Dazu kommt die Fähigkeit, ein Verständnis davon zu haben, wie die eigenen Gefühle die Kommunikation mit den eigenen Kindern beeinflussen. Kindliches Verhalten hat meistens einen Sinn und eine Absicht. Es ist selten Zufall. Eltern spüren das und meistens erkennen sie auch die inneren Geschichten ihrer Kinder. Wenn nicht, fragen sie deshalb Experten oder lesen Ratgeber. Aber allgemeine Antworten, die für alle Kinder oder Kinder in einer speziellen Situation gelten sollen, beantworten häufig nicht die Fragen der Eltern. In emotionalen Ausnahmezuständen und Krisen, wie sie durch Krankheit und Tod des Partners ausgelöst werden, in denen die eigene Intuition versagt, ist es mitunter hilfreich, einen außenstehenden Gesprächspartner zu haben, der einem hilft, wieder die reflektierende Haltung einnehmen zu können. Dann kann der Erwachsene sich mehr von einer Außenperspektive wahrnehmen, sehen, wie er möglicherweise auf das Kind wirkt und fühlen, wie das eigene Verhalten wohl auf das Innere des Kindes wirken mag. Dazu ist es unbedingt wichtig, zunächst über die eigenen Gefühle und Gedanken nachzudenken.
Wenn wir also z. B. unser Kind anfahren (schnelle emotionale Reaktion), können wir hinterher ausgelöst durch die Reaktion des Kindes (z. B. Schreck in seinen Augen) reflektieren, dass wir ärgerlich wurden und im zweiten Schritt darüber nachdenken, warum wir eigentlich so ärgerlich wurden. Hat es mit der äußeren Situation zu tun oder aber vielleicht mit unserer inneren Befindlichkeit zu dem Zeitpunkt?
Starke Gefühle, sogenannte Affekte, stellen sich blitzschnell ein. Sie sind immer mit körperlichen Reaktionen verbunden wie Herzklopfen, Rotwerden, weiche Knie bekommen, schwindelig werden, Schwitzen, kalt werden usw. Warum haben wir überhaupt so starke Gefühle? Gefühle sind in unserem Gehirn stärker verankert als die Fähigkeit, rational zu planen,...




