E-Book, Deutsch, 128 Seiten
Haak Die Fischerhütte im Irgendwo
1. Auflage 2024
ISBN: 978-3-86334-878-6
Verlag: adeo Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Auf der Suche nach den Farben des Lebens
E-Book, Deutsch, 128 Seiten
ISBN: 978-3-86334-878-6
Verlag: adeo Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Tom ist frustriert. Mit seinem Leben. Nichts bereitet ihm mehr Freude. Weil sich irgendwas ändern muss, nimmt er sich ganz zeitgemäß eine Auszeit und landet entgegen seiner Vorstellung – All-Inclusive-Glamping-Trip – in einer alten Fischerhütte, fernab der Zivilisation: Kein fließendes Wasser, kein Strom, nicht mal Handyempfang! Dafür aber ein wunderschöner See vor der Tür und ein Wald in seinem Rücken, der nach Abenteuer ruft.
Glücklicherweise ist er auch nicht völlig allein in der Wildnis. Unerwartete Begegnungen mit der vor Lebensfreude sprühenden Katharina erhellen seinen Tag, er trifft den alten Fischer Olaf mit seinem abenteuerlustigen Enkel Finn und lernt die Künstlerin Christina kennen, deren Flötenmusik sehnsuchtsvoll über den See schwingt. Alle diese Begegnungen bereichern ihn und bringen ihn auf neue Gedanken.
Und nicht zuletzt ist da noch der Briefkasten, in dem Tom immer wieder geheimnisvolle Post von G: entdeckt. Er findet Fragen, die ihn herausfordern, sich neu auf die Suche nach der Farbe in seinem Leben zu machen ...
Autoren/Hrsg.
Weitere Infos & Material
2
DAS HELLBLAUE RUDERBOOT
(Es geht los)
Kurz vor der Abfahrt checkte Tom noch einmal sein Gepäck. Es war immer noch zu viel, was da in der Diele gestapelt war. Den Laptop nahm er zur Seite. Den brauchte er in der Lodge nicht, denn er wollte die Tage nutzen, um digital zu entgiften. Manches legte er spontan weg und holte es gleich wieder zurück. Er spürte, wie seine Aufregung immer größer wurde. Einige Bücher fischte er wieder aus dem Gepäck – schließlich wollte er live etwas erleben und nicht nur über die Träume und Abenteuer anderer lesen. Was brauche ich wirklich? Überhaupt: Worauf habe ich mich da nur eingelassen?
Plötzlich stand Britta vor der Tür. Meine Schwester ist wirklich ein Schatz! Sie hatte ihm noch etwas Proviant für die Fahrt mitgebracht und das strahlendste Lächeln der Welt. Das war das Beste, was er auf die Reise mitnehmen konnte.
Dann saß er im Auto und fuhr los. Ich muss verrückt sein! Er hatte jetzt gut vier Stunden Zeit, sich innerlich auf das Abenteuer vorzubereiten. Draußen zog ein schöner Spätsommertag an ihm vorbei. Sein Kopf war voll. Nein, er war leer. Ich sollte mich etwas ablenken und für die richtige Urlaubsstimmung sorgen!
Er schaltete seine Playlist vom vorletzten Sommer ein. Das tat gut. Sofort begann er zu lächeln und manchmal sang er laut mit: „Country roads, take me home …“
Am frühen Nachmittag kam er in dem Dorf an, in dem sich die Agentur befinden sollte. Fast wäre er hindurchgefahren. Bei dem kleinen Laden am Ortsende machte er kehrt und fuhr langsam an ein paar alten Bauernhäusern vorbei, einem Friseursalon mit der Aufschrift „Schnittpunkt“ und einer Baumschule. Schließlich kam eine unscheinbare Baracke mit der Aufschrift „Fisherman’s Trail“ in sein Blickfeld. Er war am Ziel, Dorfstraße 5.
Tom hielt an und stieg zögernd aus. Eigentlich hatte er ein großes, modernes Gebäude erwartet. Skeptisch öffnete er die Tür. Es roch nach Deo und Maschinenöl. Seltsame Mischung, fand er. Hinter dem Tresen stand ein Mann mit einem kleinen Bauch und langen, leicht ergrauten Haaren. Er trug ein schwarzes T-Shirt und ein knallgrünes Jackett. Am auffallendsten war seine Nerd-Brille aus Horn.
„Guten Tag! Herr Salaske? Ich bin …“
„Sie sind Tom Sander, nicht wahr? Es ist alles für Sie bereit. Hier sind Ihr Schlüssel und ein paar Informationen. Den Schlüssel lassen Sie bei der Abreise bitte stecken.“
Das ging schnell, dachte Tom verwundert. „In welche Richtung fahre ich weiter, um zur Lodge zu kommen?“
Salaske sah zum Fenster hinaus zu Toms Auto und sagte mit seiner unaufgeregten Stimme, die Tom noch gut von ihrem Telefongespräch im Ohr hatte: „Den Wagen lassen Sie einfach hier. Der Fußweg beginnt gleich auf der anderen Seite der Straße, sehen Sie, dort. Zwei bis drei Stunden, dann sind Sie angekommen. Wenn Sie immer der Plakette mit dem Fisch folgen, kommen Sie exakt zur Fisherman’s Lodge.“
In diesem Augenblick war Tom fest davon überzeugt, den größten Fehler seines Lebens gemacht zu haben. Mein schweres Gepäck durch den Urwald schleppen? Was ist das für ein Service? Benebelt drehte er sich um und ging zur Tür.
Salaske sagte noch mit seiner monotonen Stimme, dass es in dem Naturschutzgebiet um die Lodge herum keinen Empfang gebe. Dann fügte er kurz hinzu: „Also kein Netz, meine ich.“
Tom hatte den Schlüssel in die Hosentasche gesteckt. Sonderbar, den Schlüssel hätte ich doch auch bei der Rezeption der Ferienanlage abholen können. Das ist überhaupt alles sehr sonderbar.
Kopfschüttelnd wuchtete er den Rucksack und die Reisetasche aus seinem Kofferraum. Ich verstehe, so wenig Gepäck wie möglich. Er schluckte mehrmals und zog die Schultern hoch.
Trotzig stiefelte er über die gepflasterte Dorfstraße. Gleich auf der anderen Seite zeigte eine blaue Plakette mit einem Fisch den Beginn des Wanderweges an. Er blickte noch einmal zur anderen Seite. Seinen Wagen ließ er nur ungern hier zurück.
Na, dann wollen wir mal, machte er sich Mut und schritt los mit frischem Schwung. Für kurze Zeit war er wieder der Entdecker, der sich auf ein großes Abenteuer einlässt. Doch es dauerte keine halbe Stunde, da spürte er das Gewicht des Rucksacks und der Reisetasche. Sein Rücken begann zu schmerzen. So hatte ich mir den Urlaub nicht vorgestellt! Der Weg wurde schmaler und manchmal ratschte ihm ein Zweig ins Gesicht. Aua! Und wieder fragte er sich: Was tue ich hier eigentlich?
Durch die Büsche und das Schilf rechts vom Weg war an einigen Stellen bereits der See zu erahnen. Fast schien es, als würde er das Wasser riechen. Er hielt an und stellte das Gepäck mitten auf dem Wanderpfad ab. Vorsichtig bahnte er sich den Weg zum Seeufer. Dort angekommen, konnte er kaum glauben, was zu sehen war. Das Wasser glänzte, blinzelte und funkelte wunderschön in der Nachmittagssonne.
Tom holte tief Luft. Er genoss es, hier zu stehen und sich von der Schönheit in ferne Lüfte entführen zu lassen. Er folgte mit seinem Blick den Vögeln am Himmel und tauchte im nächsten Augenblick ins Meer seiner Erinnerungen: Wie oft hatte er früher die Wälder durchstreift und sich auf die Ankunft am See oder am Meer gefreut!
Da entdeckte er in etwa zweihundert Meter Entfernung ein hölzernes Ruderboot, hellblau angestrichen, das leicht auf den Wellen schaukelte. Darin saßen ein älterer Mann und ein Junge, der fast noch ein Kind war. Die beiden winkten fröhlich herüber.
Tom drehte sich um. Es war niemand zu sehen. Er war gemeint! Fröhlich winkte er zurück. Was für ein Empfang! Die Leute hier scheinen freundlich zu sein!
Bevor er mit dem Gepäck weiterzog, öffnete Tom grinsend die Reisetasche, kramte seine neue Outdoorhose heraus und zog sich um. Wieder stieg ein Gefühl von Entdeckergeist und Lagerfeuer in ihm hoch. Vielleicht erlebe ich ja doch noch ein richtiges Abenteuer!
Das Gehen fiel ihm jetzt leichter. Seine Schuhe federten auf dem weichen Boden, der von mehreren Schichten Blättern und Nadeln bedeckt war. Die Sonne leuchtete freundlich durch den Blätterwald. Was für eine schöne, ursprüngliche Landschaft! Wieder fiel ihm ein Fisch in den Blick – er war auf dem richtigen Weg.
In dem Augenblick wehte wie aus weiter Ferne ein sonderbares Geräusch zu ihm herüber. Es hörte sich an, als würde der Wind ein geheimnisvolles Lied singen. Tom ging langsam weiter. Nach ein paar Schritten war es wieder still. Er blieb stehen, stellte sein Gepäck ab und lauschte. Wieder hörte er das Geräusch. Er versuchte, das Ohr gleichzeitig in alle Richtungen zu halten. Ja, da ist es! Jetzt waren es helle Flötentöne, die geheimnisvoll durch den Wald und über den See hallten. Gerade so, als würden sonderbare Fabelwesen zum Flug über das Wasser einladen. Oder zum Tanz im verzauberten Märchenwald?
Es war wunderschön und äußerst unheimlich zugleich. Tom kam sich für einen Moment vor, als wäre er in einer anderen Welt gestrandet. Er verlor sich in den Tönen und in seinen Träumen.
Dann herrschte wieder Stille. Tom hatte eine Gänsehaut. Er lächelte und spürte gleichzeitig, dass seine Hände zitterten. Aus der Reisetasche holte er sein neues Taschenmesser, streichelte es kurz und steckte es in eine seiner vielen Hosentaschen.
Wieder setzte er seine Wanderung fort. Der Weg wurde immer schmaler und verwunschener. Doch gerade, als er meinte, völlig die Orientierung verloren zu haben, öffnete sich der Pfad zu einer Lichtung. Was er sah, verschlug ihm die Sprache. Er blieb stehen und staunte. Eine alte Fischerhütte aus Holz mit großer Veranda blickte hinunter auf den See, der eine Open-Air-Aufführung mit Tausenden Lichtreflexen bot, golden und rot, weiß und silbern. Kein Foto hätte es so schön abbilden können wie die Wirklichkeit.
Eine Minute lang konnte Tom sich nicht von der Stelle bewegen. Dann fing sein Kopf wieder an zu arbeiten. Das ist so romantisch! Jetzt kann es nicht mehr weit sein bis zur Ferienanlage. Dort werde ich erst einmal zur Rezeption gehen und einen kühlen Drink bestellen.
Müde setzte er sich auf die Veranda der Hütte. Von der Bank hatte er einen traumhaften Blick auf den See. Es tat gut. Eine letzte Pause, bevor ich am Ziel ankomme!
Er wischte sich die Stirn. Herrlich! Dann drehte er sich kurz um und sah interessiert zur Eingangstür. Fast traf ihn der Schlag. Über der Tür prangte ein großes Schild: „Fisherman-Lodge“. Tom erstarrte. Er kam sich vor wie im falschen Film. Das kann nicht wahr sein! Das ist die Ferienanlage? Diese alte Hütte?
Als er sich wieder gefangen hatte, versuchte er, seine Gedanken zu ordnen. Er fühlte sich irgendwie betrogen. Verärgert holte er sein Smartphone heraus, um Salaske anzurufen. Zum Glück habe ich die Nummer gespeichert! Er schüttelte das Gerät. Mist, kein Netz!
Mehrmals lief er ziellos hin und her und versuchte, seine Gedanken zu ordnen. Dann fiel ihm der Schlüssel ein, den er in der Agentur bekommen hatte. Doch in seiner Hosentasche war er nicht. Da war nur das Taschenmesser. Er fasste sich mit der Hand an die Stirn. Ja klar! In seiner anderen Hose fand er ihn sofort. Und...




