Haas / Kaiblinger | Ein Paradies für Pferdefreunde | E-Book | www.sack.de
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E-Book, Deutsch, 336 Seiten

Haas / Kaiblinger Ein Paradies für Pferdefreunde


1. Auflage 2016
ISBN: 978-3-7320-0603-8
Verlag: Loewe Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

E-Book, Deutsch, 336 Seiten

ISBN: 978-3-7320-0603-8
Verlag: Loewe Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



Jana kann den ersten Ferientag auf dem Reiterhof kaum erwarten! Endlich sieht sie ihre geliebte Stute Miranda wieder - und Tim, den sie letztes Jahr beinahe geküsst hätte. Doch der Urlaub verläuft ganz anders als geplant. Miranda darf nicht geritten werden und Tim verhält sich seltsam. Liegt das an Moritz, dem neuen Reitschüler? Rosalie dagegen nutzt ihre Reiterferien für einen Imagewechsel: Plötzlich ist sie nicht mehr die Außenseiterin mit Strickpullover, sondern die coole Sally, zu der alle aufschauen! Sie darf das tollste Pferd im Stall reiten und auch der süße Jonas interessiert sich für sie. Doch dann taucht ihr Klassenkamerad Tom auf und alles droht aufzufliegen ...

Meike Haas wurde 1970 in Laupheim geboren. Ihre eigene Reiterkarriere fand wegen schlechter Erfahrungen mit einem sehr störrischen Pony nach nur vier Stunden ein frühes Ende. Nach dem Studium in Regensburg, Wien und München arbeitete Meike Haas einige Jahre als Journalistin für verschiedene Zeitungen. Inzwischen lebt sie mit ihrem Freund und ihren zwei Kindern in München und widmet sich ganz dem Schreiben von Büchern. Sonja Kaiblinger wurde 1985 in Krems geboren. Sie hat als Eisverkäuferin, Museumsführerin, Werbetexterin, Nachtwächterin, Flughafen-Mitarbeiterin und Werbespot-Darstellerin gearbeitet, bevor sie als Lehrerin ihre Brötchen verdiente. In jeder freien Minute brachte sie die Geschichten zu Papier, die ihr im Kopf herumspuken, bis sie den Sprung ins Dasein als freie Autorin wagte. Sie lebt zusammen mit ihrem Freund in Wien.
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Flucht in den Stall

Im Gegensatz zu meiner Papageien-Mutter erinnert mich meine Schwester Ida an eine Katze.

Im Gegensatz zu mir träumt sie nie. Sie liegt immer irgendwie auf der Lauer. Nur dass sie nicht auf eine Maus wartet, sondern auf eine Ungerechtigkeit. Und wenn sie die dann endlich entdeckt hat, fängt sie an zu schreien. „Gemein! Jana hat zwei Gummibärchen mehr bekommen als ich!“ oder etwas ähnlich Wichtiges. Dabei kneift sie ihre grünen Katzenaugen zu ganz kleinen Schlitzen zusammen und stellt ihr rotbraunes Fell auf. So kommt es mir jedenfalls vor. Vermutlich liegt es nur daran, dass sie sich so selten kämmt und ihre Haare in alle Richtungen stehen.

Wenn sich Ida kämmen würde, hätten wir vielleicht ein bisschen Ähnlichkeit miteinander.

Äußerlich.

Darauf lege ich großen Wert. Innerlich ist natürlich kein bisschen Ähnlichkeit mit diesem kleinen Biest vorhanden. Sie ist vier Jahre jünger als ich, also 9. Mit ihr zusammen in einem Haus zu leben, ist ein weiterer Grund, sich in Träume zu flüchten. Erst recht: mit ihr in einem Auto zu fahren. Und das mussten wir ja jetzt wohl oder übel die nächsten zwei Stunden tun.

Mein Vater steckte den Schlüssel ins Zündschloss. Er erinnert mich übrigens auch an ein Tier. An einen Hund. Genauer gesagt: an einen großen gutmütigen Berner Sennenhund, der alles mit seinen freundlichen Augen beobachtet und alle zwei Tage einmal bellt, beziehungsweise etwas sagt. Jetzt war es: „Sind alle angeschnallt?“

„Jaa!“, rief Ida ungeduldig.

Ich schwieg. Ich finde, mit 13 muss man auf solche Fragen nicht mehr antworten. Außerdem war das Anschnallen für mich schlichtweg unmöglich, schließlich war ich komplett eingequetscht von meinem Koffer (der lag auf meinem Schoß, weil ich angeblich so lange gebraucht hatte, dass Papa nicht mit dem Kofferraum-Packen warten konnte) und Idas neun Haupt-Kuscheltieren (warum sie die mitnehmen durfte, ist mir ein Rätsel, wahrscheinlich war Mama froh, dass nicht auch noch die 23Neben-Kuscheltiere mitmussten). Am Rücken drückte das neue Shirt, das ich mir als Knäuel unters T-Shirt geschoben hatte, und in die Seite stach mein Schmuckkästchen, das ich mir in den Hosenbund gesteckt hatte. Nach Idas „Ungerecht!“-Schrei war Mama nämlich in mein Zimmer gestürmt und hatte aus meinem Koffer geräumt, was ihrer Meinung nach nicht hineingehörte. (Zum Glück ohne das geheime Shirt zu bemerken!)

Ich ruckelte mit dem Po herum, bis ich einigermaßen bequem saß, schaute aus dem Fenster und dann durchströmte mich wie jedes Jahr die Vorfreude.

Eine Woche lang würde ich mein Lieblingspferd Miranda jeden einzelnen Tag sehen. Ich freute mich auf alles: darauf, in den Stall zu gehen und ihr leises Wiehern zu hören. In ihre Box zu kommen und ihren Kopf an meiner Schulter zu spüren, mit meinen Fingern durch ihre Mähne zu streifen und ihr irgendwelchen freundlichen Quatsch ins Ohr zu säuseln. Am meisten freute ich mich natürlich aufs Reiten und am allermeisten auf die Ausritte. Ob wir jeden Tag ins Gelände gehen würden? Wohin sollten wir reiten? Lulu, Tim und … Hoppla.

Beim Gedanken an Tim wurde mir klar, dass ich gar keine Zeit hatte, über mögliche Ausritts-Ziele nachzudenken. Ich musste erst mal etwas anderes planen. Das Wiedersehen.

Das Wichtigste war, dass ich zuerst Lulu traf und dann Tim. Hoffentlich war sie schon da, wenn wir ankamen! Dann wäre eigentlich alles ganz einfach. Ich würde mich mit Lulu in ihr Matratzenlager verziehen und dort alles genau besprechen.

Die Ferienwohnungen auf dem Reiterhof Staudacher sind nämlich super gemütlich. Sie sind alle drei nebeneinander in einen alten Pferdestall hineingebaut, wie klitzekleine Reihenhäuser. Und weil der alte Stall so niedrig war, sind die Kinderzimmer nur Matratzenlager unter der Dachschräge. Man muss aus der Wohnküche eine Leiter hinaufklettern und dann kann man oben einen Vorhang zuziehen. In diese Dachschräge habe ich mich schon oft mit Lulu verkrochen und geheime Dinge besprochen! Das geht eigentlich nirgendwo sonst besser.

Wir würden uns jeder ein Kissen unter den Kopf stecken und ich würde sagen: „Stell dir vor, was letztes Jahr kurz vor der Abfahrt passiert ist!“

„Was?“, würde Lulu fragen und ihre Augen so weit aufreißen, dass das Blau vollkommen von Weiß umrandet war. Ich kenne niemanden, der die Augen so weit aufreißen kann wie sie. Beziehungsweise: der die Augen so lang so weit aufreißen kann. Wenn ich das mache, klappt es nur ein paar Sekunden und ich muss auch ganz starr geradeaus schauen. Lulu kann bestimmt eine Viertelstunde die Augen aufreißen und sie sieht dabei auch noch gut aus. Trotz ihrer sehr blauen Augen hat sie nämlich ganz dunkle Haare, und das wirkt so besonders.

„Erzähl!“, würde sie sagen. Und dann würde ich beginnen: „Also, wir saßen eigentlich schon alle im Auto, aber dann hat Mama vergessen, sich von der alten Frau Staudacher zu verabschieden und stieg noch mal aus. Da dachte ich, ich guck noch mal kurz in den Stall …“

Leider bog ich an dieser Stelle gedanklich ab. Ich meine, ich überlegte nicht weiter, was ich mit Lulu besprechen würde und wie ich das Wiedersehen mit Tim am besten über die Bühne brachte. Nein, ich träumte den ganzen Liebesfilm-Traum bis zur Schlussszene mit Miranda. Und dann noch mal. Und möglicherweise sogar ein drittes Mal.

„Juhuu, die große Linde!“ Ida jubelte und schmetterte mir dabei den Rüssel ihres Elefanten ins Auge.

„Lass das!“

„Aber die Linde! Wir sind gleich da!“

Ich schaute aus dem Fenster und erschrak. Da stand sie ja wirklich. Konnte das sein? Sonst hatte die Fahrt doch immer viel länger gedauert!

Die letzten Jahre hatte ich immer mitgemacht beim Spiel „Wer sieht die Linde zuerst?“. Denn an der Linde muss man auf eine winzig kleine Landstraße abbiegen, die nirgendwohin führt außer auf den Staudacher-Hof. Beim Anblick der Linde hatte mich immer so ein feierlich-frohes Gefühl ergriffen, ein bisschen wie an Weihnachten.

Dieses Jahr bekam ich einen Kloß im Hals. Schlagartig wurde mir klar, dass ich mir über tausend Möglichkeiten hätte Gedanken machen sollen. Was, wenn Lulu noch nicht da war und Tim schon? Wie würde es sein, ihm plötzlich wieder gegenüberzustehen? Hatte er auch das ganze Jahr von mir geträumt?

Was, wenn sowohl Friedmanns, also Tims Familie, als auch Monkewitz’ gerade das Gepäck ausluden? Dann musste ich vor allen Leuten irgendwie herausfinden, wie ich Tim begrüßen sollte. Vor seinen Eltern, meinen Eltern, Lulus Eltern, Leonie und Sarina …

Das ging nicht.

Dann würde ich so tun, als sei nichts. Liebe hin, Liebe her, das brachte ich nicht fertig. Dann würde ich ihm nur zunicken und Hallo sagen. Fertig. Das war zwar unaufrichtig, aber …

Ich seufzte laut.

„Was hast ’n du?“ Ida drehte sich zu mir. Dabei schaute sie genauso dümmlich wie das rosa Plüschschwein in ihrem Arm.

„Nichts!“, zischte ich.

Ich kniff die Augen zusammen und murmelte: „Lass Lulu da sein und Tim nicht, lass Lulu da sein und Tim nicht.“

„Ich sehe das Taubenhaus. Ich sehe das Taubenhaus!“ Wieder fuhr mir der Rüssel übers Gesicht. Das Taubenhaus ist das erste, was man vom Staudacherhof sieht. Wenn wir jetzt die Kuppe weiter hinauffuhren, würde immer mehr auftauchen. Erst das Dach des Haupthauses, dann die Reithalle und die Ställe, ganz zum Schluss der alte Pferdestall, in dem jetzt die Ferienwohnungen sind.

Ida hüpfte auf ihrem Sitz herum und ich wurde ganz neidisch: Sie konnte sich einfach so auf die Reiterferien freuen! Und für mich war es so kompliziert. Einerseits konnte ich es gar nicht erwarten, die Autotür zu öffnen und zum Stall zu rennen. Andererseits hatte ich furchtbar Schiss, dann Tim zu begegnen. Wenn ich nur wüsste, ob Lulu schon da war!

Ich ließ die Scheibe herunter und streckte den Kopf heraus. Jetzt konnte ich die Ferienwohnungen sehen. Und – zum Glück! – ein Auto stand davor. Rechts. Dort, wo Monkewitz’ ihre Wohnung hatten.

Ich würde mich also sofort mit Lulu besprechen können, wenn wir ankamen. Das war gut. Und wenn wir alles besprochen hatten, würde ich Miranda begrüßen. Perfekt.

Der Parkplatz vor der anderen Ferienwohnung war leer. Erleichtert zog ich meinen Kopf wieder zurück.

Ich grinste meiner Schwester zu und hüpfte jetzt genauso ungeduldig auf dem Sitz hin und her wie sie.

Dass es nicht der uralte klapprige Golf war, mit dem Monkewitz’ sonst immer gekommen waren, störte mich wenig. In meinen Augen war da schon lange mal ein neues Auto fällig gewesen.

Sekunden später hielten wir vor dem umgebauten alten Stall. Ich stieß die Autotür auf und rannte los. Das Schmuckkästchen drückte und das Shirt drohte herauszurutschen, aber ich presste noch rechtzeitig meine Hand auf den Rücken. Die Tür zu Monkewitz’ Wohnung stand offen. Ich stürmte hinein. In der Wohnküche war niemand. Ich krabbelte die Leiter zum Matratzenlager hinauf und zog gleichzeitig das Shirt unter meinem T-Shirt hervor. Als ich auf die Empore blicken konnte, erfüllte mich Erleichterung pur. Wie tausend duftige Daunenfedern rieselte es durch mich hindurch.

Lulu war da! Ich sah sie von hinten, sie kniete auf dem Bett und legte ihre Bücher am Kopfende auf das Bord. Ganz kurz wunderte ich mich, warum sie ihre schönen langen Haare abgeschnitten hatte, dann warf ich mich ganz einfach neben sie, schlang dabei meine Arme von hinten um ihren Hals und rief: „Lulu! Hallo! Stell dir vor, was letztes Jahr kurz vor der Abfahrt passiert ist!“

Mit diesen Worten sank ich neben ihr auf die Kissen. Sie drehte den Kopf zu mir und ich erschrak.

Das war nicht Lulu....



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