E-Book, Deutsch, 106 Seiten
Haas Mein tiefes Ich
1. Auflage 2026
ISBN: 978-3-6957-9957-2
Verlag: BoD - Books on Demand
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Ein Depressionsroman
E-Book, Deutsch, 106 Seiten
ISBN: 978-3-6957-9957-2
Verlag: BoD - Books on Demand
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Durch das Lesen des Romans entsteht ein tieferes Verständnis zum Thema des depressiven Erlebens und den Wegen hinaus aus der Depression. Dieser Roman enthält fiktive Elemente ebenso wie autobiografisches Erzählen.
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Kapitel eins Einer dieser Tage
Der Wecker klingelte. Oh nein, sie hatte vergessen ihn abends auszuschalten. Mürrisch kniff sie beide Augen zusammen und schaute auf ihr Smartphone. Es war neun Uhr morgens. Eigentlich eine gute Zeit um sich zu strecken und gut gelaunt aus dem Bett zu krabbeln. Doch sie war träge und immer noch müde. Schon wieder ein Tag, dachte sie niedergeschlagen. Wieder ein weiterer Tag der sich an alle davor reihte. Wieder ein zähes Gefühl in den Gliedern. Wieder aufstehen. Wieder überlegen, wie sie all diese Stunden bis zum Abend ausfüllen sollte. Wollte? Nein, musste. Die Trägheit hing wie zäher Schlamm an ihr. Sie kroch in ihre Beine und Arme und alles fühlte sich schwer an. Das Zimmer war dunkel und staubig. Sie machte den Wecker auf dem Telefon aus und schob widerwillig die Bettdecke auf die Seite. Schon wieder einer dieser Tage. Wäh. Es war zum kotzen. Sie schaute an sich herunter und verabscheute was sie sah. Dass sie Tabletten nehmen musste war ok für sie, doch ihr Körper war durch die Nebenwirkungen... darunter auch Heißhungerattacken, ziemlich füllig geworden. Sie hatte 20 Kilo zu viel drauf. 20 Kilo die sie von ihrem Wohlfühlgewicht trennten. 20 Kilo die ihr die Aussicht vermiesten. Sie fühlte sich dick und kaum attraktiv und das in einer weniger angenehmen Art und Weise. Doch sie fand keinen Antrieb um daran etwas zu ändern. Also dann... dachte sie, aufstehen. Sie schwang ihre Beine langsam über die Bettkante und spürte mit ihren Socken den Boden unter ihren Füßen. Seit einiger Zeit schlief sie in ihren Joggingklamotten und ließ sogar ihre Socken an und das war ihr alles ziemlich egal. Puuh geschafft. Sie stand auf und schaute sich im Zimmer um. Staubsaugen wäre mal angesagt. Naja morgen ist auch noch ein Tag. Erst mal Kaffee und eine drehen. Und dann, wenn diese Aktion vorbei war, ein Blick auf die Uhr. Sie zog an ihrer Zigarette und saß mittlerweile im Wohnzimmer. Der Kaffee dampfte vor ihr in der Tasse und sie goss einen großen Schwall Milch hinein. Sie liebte es den Kaffee gleich trinken zu können ohne sich dabei alles Fühlende in ihrem Mund zu verbrennen. Es war etwas dunkel, doch das lag an den dunklen Möbeln und den fast ganz heruntergelassenen Jalousien. Es waren gerade mal zwanzig Minuten vergangen. Noch so viele Stunden. Und das Schlimmste daran war... sie hatte zu nichts Lust. So konnte es kaum weitergehen. Das war‘s, dachte sie. So war es seit Monaten. Sie liebte Malen und Zeichnen, liebte Schreiben und Lesen. Doch all das hatte seinen Reiz verloren. Sie hing in den Seilen und war es Leid sich so zu fühlen. Tag ein tag aus immer das selbe. Immer die selben trägen, etwas ängstlichen Gefühle. Immer wieder die selben jammervollen Gedanken, dieselbe Frustration und das selbe Gesicht im Spiegel, mit der selben Mimik. Sie ließ den Kopf hängen und bemerkte das nervöse Wackeln ihres Fußes. Sie wurde schnell unruhig. Freunde hatte sie fast keine mehr. Alles war still geworden, nur sie nicht. Ihr Verstand war pausenlos am analysieren. Sie nervte sich selbst und kritisierte fast pausenlos an sich herum. Und zu allem Übel gab sie sich selbst die Schuld an ihrem Loch. Du bist echt faul... komm mal in die Gänge. Doch dabei blieb es meist nicht. Es folgten heruntermachende Sätze in ihrem Kopf zu sehr vielen Themen, der Vergangenheit und einer sehr zögerlichen und frustrierten Prognose für die Zukunft. Ihr Körper fühlte sich schlapp an und schwach. Im Keller verstaubte ein Trainingsrad und der Wald rief umsonst nach den rhythmischen Aufsetzern ihrer Laufschuhe.
Solche Tage fühlten sich klebrig und zäh an. Die Zeit wollte kaum vergehen und sie suchte permanent nach einer Lösung für dieses Problem. Wartete auf eine zündende Idee oder einen genialen Einfall und verurteilte sich gleichzeitig dafür, dass ihr nichts aber auch gar nichts einfiel. Was wollte sie vom Leben... was wollte das Leben von ihr? Mit Sicherheit etwas anderes als das was sie da ablieferte. Scheiß Performance, dachte sie. Voll die Niete. Sie dachte nach. Erinnerte sich an eine Woche, als sie auf dem Volksfest Lose verkauft hatte. Wer würde sich schon über so ein Los freuen... mich, dachte sie. Voll die Niete. Ich bin kein Teddybär oder irgendein nützliches kleines Gerät das man gewinnen konnte... ich erfülle keinen Zweck so wie ich bin. Sie fühlte sich klein und unbrauchbar. Ungenügend... ob das die Note des Lebens wäre, das in ihr unaufhörlich pulsierte... dessen Blut schwallweise rhythmisch durch ihre Adern strömte... warm und fordernd? War sie wirklich eine Versagerin? Du kannst nichts dafür, das ist eine Stoffwechselerkrankung des Gehirns... das kann man mit Tabletten einigermaßen regulieren. Das hatte man ihr gesagt. Doch es sollte noch einige Zeit dauern, bis das bei ihr ankam. Wie sollte sie damit umgehen. "Besinne dich auf dich selbst.", kam ihr plötzlich.
Ein seltsamer Gedanke. Ich soll mich auf mich selbst besinnen... auf mich selbst. Wer bin ich denn überhaupt. Was ist von mir geblieben? Wer war ich und viel wichtiger,... wer will ich wirklich sein? Eine die es da rausschafft. Aber ohne Mitgefühl und Verständnis für die eigenen Erkrankung und für sich selbst konnte das kaum funktionieren. Sie musste ganz tief drinnen anfangen. Aber wo. Meditation hatte man ihr ans Herz gelegt. Doch sie fand das ziemlich langweilig. Wahrscheinlich hatte ihr Verstand dafür einfach eine falsche Definition erfunden, um es gleich wieder in die Mülltonne werfen zu können... das Meditieren. Alleine die Vorstellung, dass sie sich hinsetzen und still lauschen sollte, auf ihren Atem, machte sie kirre. Noch mehr Langeweile... nein danke. Etwas anderes musste die Lösung sein. Und doch, ihre Unruhe musste irgendwo eine Wurzel haben. Sie zog wieder an ihrer Zigarette und ließ ihren Verstand plappern. Sie schnaufte. Fühlte sich erschöpft und lahm. Fühlte sich selbst langweilig. Es passierte aber auch gar nichts. Sie war weniger der Fernsehglotzer... das doofe Ding nervte nur und sie überkam schnell das Gefühl ihre Zeit zu vergeuden. Aufregenden Geschichten zu lauschen und sie anzusehen... während in ihrem eigenen Leben so gut wie gar nichts passierte... kam ihr lähmend vor. Noch lähmender als sie sich so wie so schon fühlte. Der ganze Trägheitsbrei kroch in ihren Magen und sie trank einen Schluck Kaffee. Und so sollte das den ganzen Tag lang gehen? Wäh. Was konnte sie dagegen setzen? Was sollte sie tun, wenn die Lust und Freude am Leben so schlagartig und dauerhaft verschwunden waren? Sie wusste darauf kaum eine Antwort... außer: Zwang. Und eben dieses Kapitel mit dem Titel Zwang war es, was ihr die Lust am Leben noch mehr zu nehmen schien. Sie zwang sich etwas zu tun und spürte gleichzeitig dass es ihr dadurch schlechter ging. Wenn sie sich sein ließ, starrte sie vor sich hin. Vielleicht sollte sie das eine Weile einfach mal tun... sich sein lassen und warten bis ein Impuls kam. Von Innen. Vielleicht war das ja ihre Form der Meditation. Starren. Sie hasste sich selbst in diesen Momenten. Sei lieb zu dir. Und auch das war wie Gift für sie. Daran war ein soll und ein muss geknüpft. Sie sollte positiv denken und fühlen... wenn das aber nun mal kaum funktionierte. Kaum, weil sie es manchmal schaffte, dass sie lächelte. Aber das waren seltene Momente. Alles in allem war sie wie eine Gefangene an einem Ort der Finsternis in ihrem eigenen Inneren. Manchmal schien ein wenig Licht herein. Manchmal kam etwas Freude zurück. Doch sie spürte auch, dass sie es falsch herum tat. Sie blühte kurz auf, wenn sie Anerkennung und Wertschätzung von Außen bekam. Ein kleines bisschen. Sie wurde sofort süchtig danach. Das war ihr längst aufgefallen und wieder zog sie an ihrer Zigarette und machte sie schließlich aus und sich selbst runter. Nun begann der Teil, in dem sie nichts mehr zu tun hatte. Ihr Fuß bewegte sich schnell auf und ab unter ihrem Knie. Sie saß im Schneidersitz auf dem Sofa und brütete vor sich hin. Sie schlief gern. Flüchtete sich gern in abenteuerliche Träume vor dem Alltag, der wie Blei an ihren Knochen hing. Was war passiert. War das wichtig? Wenn es doch eine psychische Erkrankung war... die biologisch erklärt werden konnte... aber es gab doch für jede Erkrankung eine Wurzel oder? Gab es die auch für diese? Eine ganz spezielle und einzigartige?
Sie hatte keinen Therapieplatz bekommen und fühlte sich außer Stande die Liste durchzutelefonieren. Sie hing fest. Hing fest in einem Leben, das sie anders haben wollte. Doch dafür musste sich einiges verändern und sie wartete und wartete darauf, dass das ganz natürlich von selbst passierte. Doch es blieb beim Warten. Was sollte sie tun? Lass dich sein. Lass dich sein und hör auf dir einzureden, dass du etwas bestimmtes tun oder denken solltest. Nimm dich einfach an, so, wie du bist. Das waren die einzigen Ratschläge, die es schafften eine Lockerung in ihr zu bewirken. Eine Lockerung der gesamten Situation. Sie stand auf und räumte ihre Tasse weg und die Kanne mit dem kleinen Rest Kaffee. Wieder Zwang. Zwing dich zum Abnehmen. Halt gegen die Heißhungerattacken und verbiete dir jede Form der Ausnahme von deiner Diät. Sei stark. Doch sie fühlte sich schwach. Auch innerlich. Das machte sie mürbe und...




