Haas | Pflege von Menschen mit Querschnittlähmung | E-Book | www.sack.de
E-Book

E-Book, Deutsch, 480 Seiten, Format (B × H): 175 mm x 240 mm, Gewicht: 1100 g

Haas Pflege von Menschen mit Querschnittlähmung

Assessment, Probleme, Interventionen und Evaluation
2., vollständig überarbeitete Auflage 2021
ISBN: 978-3-456-76094-0
Verlag: Hogrefe AG
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

Assessment, Probleme, Interventionen und Evaluation

E-Book, Deutsch, 480 Seiten, Format (B × H): 175 mm x 240 mm, Gewicht: 1100 g

ISBN: 978-3-456-76094-0
Verlag: Hogrefe AG
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



Das Standardwerk zur professionellen Pflege von Menschen mit Querschnittlähmungen

Eine Querschnittlähmung bedeutet eine meist plötzliche, mitunter auch schleichende Veränderung des Lebens von Betroffenen und ihren Angehörigen, die alle bisherigen Verhaltensmuster und Lebensaktivitäten in Frage stellt. Die Pflege und Versorgung dieser Menschen ist sehr anspruchsvoll und fordert von den Pflegenden ein vertieftes Wissen und spezielle Fertigkeiten sowie eine enge interdisziplinäre Kooperation. Das von der Pflegewissenschaftlerin Ute Haas herausgegebene Praxishandbuch zur Pflege von Menschen mit Querschnittlähmung

• zeigt die pflegebezogenen Probleme bei der Versorgung auf, führt in die anatomisch-physiologischen und epidemiologischen Grundlagen ein und beschreibt Assessment, Interventionen und Evaluation mit Blick auf die einzelnen Versorgungsphasen, von der akuten zur post-akuten Versorgung bis hin zur Langzeitversorgung

• beschreibt die pflegerische und interdisziplinäre Versorgung, gegliedert nach Gordons funktionellen Gesundheitsverhaltensmustern bezüglich Ernährungs- und Hautproblemen (Dekubitus), Selbstversorgung, Mobilität, Spastik und Atmung sowie Schmerzen, Körperbild, soziale Rolle, Sexualität und Coping.
Die zweite Auflage wurde aktualisiert und erweitert bezüglich neuer wissenschaftlicher und praxisbezogener Erkenntnisse zu Atem- und Ausscheidungsproblemen, inklusive operativer Verfahren am Darm, Dekubitus und Schmerz sowie Körperbild. Der theoretische Bezugsrahmen für den Pflegeprozess in Form von Gordons funktionellen Gesundheitsverhaltensmustern wird für alle Prozesselemente in einem neuen Kapitel erläutert und dargestellt.

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Zielgruppe


Pflegefachpersonen, Pflegestudierende, Fachpflegende für neurologische Pflege, Neurologen


Autoren/Hrsg.


Weitere Infos & Material


|19|Geleitwort und Interview mit Kristina Vogel


„Je schneller ich klarkomme, desto schneller kann ich mein Leben zurückhaben!“


Kristina Vogel, geboren 1990, ist eine ehemalige Bahnradsportlerin, zweifache Olympiasiegerin, elffache Weltmeisterin und gehört zu den erfolgreichsten Bahnradsportlerinnen der Welt. Sie stellte mehrfach Weltrekorde auf und errang zahlreiche nationale Titel.

Im Juni 2018 erlitt sie bei einem Trainingsunfall eine Querschnittlähmung auf der Höhe des 7. Brustwirbels. Im September 2018 meldete sie sich in der Öffentlichkeit zurück. Offen, ohne zu hadern und mit einem Lächeln im Gesicht, spricht sie über ihre Behinderung. Mit Mut, Energie und voller Ideen nimmt sie die Situation an, wie sie ist, und blickt zuversichtlich in die Zukunft. Sie ist noch immer sie selbst und sie ist noch da. Auch wenn einiges nicht mehr geht, so gibt es doch noch unendlich viele Dinge, die sie tun kann und erleben will. Längst hat sie damit angefangen:

Im Januar 2019 wurde sie zur Botschafterin für die UCI-Bahn-Weltmeisterschaften 2020 in Berlin ernannt. Im Mai 2019 kandidierte sie für die CDU bei der Kommunalwahl für den Stadtrat in Erfurt und bekam die meisten Stimmen. Im Stadtrat will sie sich u.?a. für ein barrierefreies Erfurt einsetzen. Im August 2019 kommentierte sie im ZDF die Übertragung der deutschen Bahnmeisterschaften aus dem Berliner Velodrom.

In einem Interview am 24.04.2020 sprach sie über ihren eindrucksvollen Weg.

Ute Haas: Trotz ihres Unfalls scheinen Sie nicht zu hadern und blicken zuversichtlich in die Zukunft. Wie gelingt Ihnen das?

Kristina Vogel: Ich denke, jeder fühlt sich außerhalb seiner Komfortzone unwohl. Bei mir war das ein Prozess. In der ersten Zeit nach dem Unfall musste ich auch erst für mich schauen, was eigentlich mit mir passiert ist und was das heißt, bis ich mich arrangieren konnte. Im Leistungssport habe ich gelernt: Je schneller man eine Situation akzeptiert, desto schneller kommt man weiter. Ich habe nie gehadert. Ich habe mir immer gesagt, je schneller ich klarkomme, desto schneller kann ich mein Leben zurückhaben und schauen, was ich daran verändern kann.

Die Traumatologin in der Klinik hat einen entscheidenden Satz zu mir gesagt. Sie sagte, dass man normalerweise eine Strategie hat, wie man seine Pläne für die Zukunft umsetzt und dafür eine Brücke baut, um von hier dorthin zu kommen und man weiß, dass es so funktioniert. Seit dem Unfall ist diese Brücke kaputt. Ich muss sie neu aufbauen. Und das habe ich einfach gemacht. Klar, manchmal nervt mich etwas. Wenn du irgendwo hin gehst und es dann heißt, ein Fahrstuhl ist da und es dann aber nicht so ist, dann ist das manchmal ärgerlich. Wir haben alle Momente, wo uns irgendetwas nervt und ärgert. Da unterscheide ich mich von keinem anderen. Aber das sind nur Momente und danach geht es wieder weiter.

Ute Haas: Auf einer rationalen Ebene kann man relativ leicht sagen, dass es auch nach dem Unfall weitergehen wird. Aber das bedeutet ja noch nicht, dass man das auch fühlen und damit leben kann. Wie schaffen Sie das?

Kristina Vogel: Ich glaube, ich war schon immer ein sehr rationaler Mensch und im Sport eher pessimistisch. Sogar als ich Weltmeisterin geworden bin, dachte ich, das schaffe ich nie |20|wieder. Ich wusste immer, wenn ich etwas will, muss ich dafür arbeiten. Und ich glaube zutiefst daran, dass das Leben schon seinen Gang geht und sich alles regelt, wenn ich etwas dafür tue. Wenn man mich nach der Religion fragt, dann ist das meine. Klar ist das oft schwierig. Ich hatte ja auch einen Plan von meinem Leben und Ziele. Und dann musste ich innerhalb von Wochen entscheiden, was ich jetzt mit meinem Leben machen will. Vielleicht liegt die Antwort ja da irgendwo.

Ute Haas: Sie haben in einem früheren Interview einmal gesagt, dass Sie jetzt frei sind. Viele andere Betroffene empfinden die Lähmung als große Einschränkung. Können Sie dazu etwas sagen?

Kristina Vogel: Ich war achtzehn Jahre Leistungssportlerin. Das ist mehr als die Hälfte meines Lebens. Und Leistungssport macht etwas mit einem über die Zeit. Wenn man die Radrennbahn betritt und weiß, da schauen einen tausend Menschen an, die wollen, dass du heute verlierst. Dann ist klar, wenn ich Leistung bringe, leistet auch das Team, wenn ich gut bin, dann kann das motivieren, dann treten die auch gut und hart mit. Es war klar, wenn ich Zweite werde, dann steht am nächsten Tag in der Presse: Ob das vielleicht das Ende ist, will sie vielleicht aufhören – obwohl ich immer gesagt habe, ich bin keine Maschine.

Ich musste jeden Tag so hart arbeiten und wenn man über die Zeit jeden Tag so hart arbeiten muss, dann vergisst man, warum man das überhaupt gemacht hat: weil man es liebt und weil man es kann. Klar ist das anstrengend, aber im Prinzip hat mir das am meisten Spaß gemacht. Ich hatte quasi das Privileg, das zu tun, was ich am meisten kann und liebe und das vergisst man mit dem Druck. Dann denkt man: Je mehr man hat, desto größer wird die Fallhöhe. Als ich zum ersten Mal Weltmeisterin wurde, da war ich ja noch so jung, dachte ich, jeder erwartet das. Aber das stimmt nicht.

Mit dem Unfall kam das wieder zurück. Ich musste niemandem etwas beweisen, nur mir. Ich musste überhaupt nichts. Man will es ja auch für die Familie gut machen. Man will ja auch gewinnen. Die sind stolz auf mich gewesen, egal ob ich Erste, Zweite oder Letzte geworden bin. Das ist meiner Familie ja egal gewesen. Das hat man aber alles vergessen und durch den Unfall habe ich wieder gelernt, dass ich nichts muss. Ich habe in meinem Leben schon viel geleistet, ich muss niemandem etwas beweisen, nur mir, keinem anderen. Ich bin nur mir Rechenschaft schuldig und jetzt habe ich eben wirklich den Eindruck das zu genießen, auszuprobieren und das zu machen, was mir wirklich Spaß macht. Klar muss jeder arbeiten, aber prinzipiell suche ich mir meine Projekte und meine Arbeit aus, weil ich das machen will und nicht, weil ich das Gefühl habe, ich muss.

Ute Haas: Hat Ihnen denn Ihre Disziplin als Sportlerin auch in der Reha geholfen?

Kristina Vogel: Als Leistungssportlerin weiß ich, dass man Erfolge nicht immer gleich sieht, dass man dran bleiben muss und dann kommt es schon irgendwann. Das hat mir schon geholfen z.?B. bei dem Rollstuhl-Boden-Transfer. Ich habe dafür ewig lange gebraucht und ich habe immer gedacht, ich schaffe das nicht, aber wenn man lange dranbleibt, dann kommt der Erfolg irgendwann schon, durch Disziplin und Ehrgeiz, den man im Leistungssport gelernt hat.

Ute Haas: Können Sie etwas über die Pflegenden während der Reha sagen? Was fanden Sie hilfreich und was hinderlich?

Kristina Vogel: Ich war ja wirklich ein halbes Jahr im Krankenhaus. Man baut natürlich schon eine Beziehung zu den Pflegenden auf. Wenn man nicht betroffen ist und nicht in der Pflege ist, dann versteht man die Kritik nicht, die es jetzt überall gibt, dass die Pflege unterbezahlt und überarbeitet ist. Ich habe v.?a. in der Anfangszeit gemerkt, was es überhaupt heißt, jemanden zu pflegen. Ich war ja wie ein junges Küken. Ich konnte ja gar nichts, mich nicht drehen, waschen und so, aber auch das Mentale, die Psyche gehören dazu. Das ist verrückt, wie viel Einfühlsamkeit man da braucht und Zeit, um die Patienten kennenzulernen und einschätzen zu |21|können, auch in den verschiedenen Situationen, in die man da kommt, und trotzdem seine Arbeit gut zu machen. Es ist schon verrückt, was sie leisten und was sie auch für eine Verantwortung haben. Auf der Intensivstation kam z.?B. ein Arzt und sagt, dass ein Medikament gegeben werden soll. Die Pflegekraft ist immer die Erste, die merkt ob es hilft oder nicht, weil sie die Erfahrung hat. Teilweise war das so, dass die Krankenschwestern den Arzt beraten haben. Klar hat der Arzt den Hut auf, aber wer das wirklich ausführt, wer wirklich beteiligt ist an dem ganzen Prozess, das sind die Pflegekräfte, nicht der Arzt. Da war ich schon erstaunt, weil ich das unterschätzt habe, was Pflege wirklich heißt.

Manchmal hätte ich mir z.?B. gewünscht, dass der eine oder andere Bereich meine Geschwindigkeit annehmen kann. Manchmal war es auch gut, mich zu bremsen, das war auch wichtig. Aber manchmal habe ich auch gedacht: Geht doch mit mir mit, ich kann das schon machen, ...



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