E-Book, Deutsch, 700 Seiten
Habarta Kunstherz
1. Auflage 2021
ISBN: 978-3-7557-6330-7
Verlag: BoD - Books on Demand
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Von den vergeblichen Versuchen zu fliegen
E-Book, Deutsch, 700 Seiten
ISBN: 978-3-7557-6330-7
Verlag: BoD - Books on Demand
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Gerhard Habarta, geboren 1939, lebt in Niederösterreich. Ab 1955 in der Jugend- und Bildungsarbeit, seit 1958 als Galerieleiter, Ausstellungsmacher, Autor und Verleger tätig. Ab 1970 Zeitungsmacher, Redakteur und Gestalter von Zeitschriften.
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ICH BESCHLOSS KEIN POLITIKER ZU WERDEN
Am 15.Mai 1955 wurde im Wiener Belvedere der Staatsvertrag unterzeichnet und Ich nahm das als Signal, mein Leben zu ändern und seriöser zu werden. Die Zukunft begann jetzt, in Freiheit und Unabhängigkeit.
Also begab ich mich auf die Suche. Die Gewerkschaft war damals Heimat, Arbeitsvermittlung, Wohnungsamt, Seelsorgestation und Rechtsberatung. Nach einem kurzen Gespräch mit dem Sekretär meinte man, ich könne in der ,Evidenz’ arbeiten.
Ich fragte wo die Firma sei, hatte ich doch keine Ahnung, dass das in der Gewerkschaft die Registratur für die Mitgliedsbeiträge ist.
Also wurde ich Gewerkschaftsangestellter. Ich fand sehr rasch eine Vereinfachung der Registrierung der Mitgliedsbeiträge, was das System auch sehr rasch ins Chaos führte. Also beschloss man, der Knabe ist jung, soll er die Jugendbetreuung der Gewerkschaft machen. Das entsprach meinem Naturell als biologisch und sozial konditionierter G’schaftlhuber.
So schrammte ich an der Politik vorbei und dockte in der Gewerkschaftsarbeit an. Aber ich beschloss, nicht Politiker zu werden, sondern in der praktischen gewerkschaftlichen Sozial- und Kulturarbeit zu bleiben. Obwohl das gar nicht so einfach war. Die Anregungen Politiker zu werden, waren reichlich.
Und die Einladungen auch.
Josef Veleta (1930 – 2011) der gelernte Automechaniker und spätere Bezirksvorsteher von Hernals, Stadtrat und Abgeordneter zum Nationalrat, war von 1955 – 57 Landessekretär der Sozialistischen Jugend Wiens. Ich machte mich gerade als Jugendsekretär bei der Gewerkschaft wichtig. Für mich war die Sozial- und Kulturarbeit in der Gewerkschaft wichtiger als die legislativen Möglichkeiten in Sitzungen der Partei im wahrsten Sinn des Wortes „durchzusetzen“.
Irgendwann lernte ich auch reden. Zuerst vermutete ich, dass ich zeigen muss, was ich weiß. Beim Gewerkschaftskongress verkündete ich stolz „wir brauchen die Expropriation der Expropriateure!“ Ich hatte meine Theoretiker gelesen und alle sollten es wissen. In der Pause fragte mich ein älterer Kollege: „Was hast da g’sagt mit deiner Ex?“ Da hatte ich verstanden, dass man nicht Reden halten soll, sondern etwas sagen.
Wir waren Jugendliche, die hofften, die Welt verändern zu können. Wir kamen aus den verschiedensten Berufen und manche von uns wurden verantwortliche Politiker.
Es war nach dem Weltkrieg, und was sind nach dieser Zeit des Mordens und der Zerstörung schon 10 Jahre. Die Älteren, die keine Nazis gewesen waren, versuchten bessere, politische Menschen aus uns zu machen. Die Parteien – alle – gaben Hilfestellung, Bildungsmöglichkeiten. Das geschah in allen Bereichen. Zum Beispiel in Ottakring, dem Bezirk in dem ich aufgewachsen bin, der Bezirksobmann der SPÖ Hubert ,Hubschi’ Pfoch und da gab es die kleinen Funktionäre im Sinne von funktionieren’. Wer im Bezirk etwas werden wollte, also anerkannt in der Gemeinschaft, der musste dem ,Hubschi’ alle 3 Monate eine Liste mit 3 Büchern vorlegen mit einer Nacherzählung. Das war Volksbildung.
HUBERT PFOCH
Hubert Pfoch (1920 – 2008) war gelernter Tischler. Er kam von den ,Roten Falken’ der Jugendorganisation der SPÖ. Einer ihrer Grundgedanken war, dass Jugendliche selbst die Verantwortung in der Gruppe übernehmen. Sie wollten den Arbeiterkindern, außerhalb der Familie, einen Sinn fürs Leben geben. Diese Gruppenbildung, die auch bei Naturvölkern zur Bildung vom Kind zum Erwachsenen gehört, war ein ganz wichtiges Element der Erziehung zum selbstständig denkenden und handelnden Menschen, die heute weitgehend fehlt.
Kaum dabei, war Pfoch auch schon als 14jähriger in der Illegalität, da die Roten Falken erst von den Austrofaschisten, dann von den Nazis verboten wurden. Als 20jähriger wurde er zum Arbeitsdienst der deutschen Wehrmacht eingezogen. Im Sommer 1942 fotografierte Pfoch heimlich den Transport von Warschauer Juden in das Vernichtungslager Treblinka in Pole. Er wusste, der Spuk vorbei und dann muss man die Vernichtung von Menschen beweisen.
Die Fotos fanden als Beweismittel bei den Prozessen gegen die NS-Verbrecher Verwendung. Nach dem Krieg wurde Pfoch Gemeinderat und Stadtrat,
Vizebürgermeister und Landtagspräsident. Er aktualisierte den legendären Wiener Gemeindebau in eine neue Richtung des sozialen Wohnbaus, weg von den Schlafstädten.
Er hatte Gesinnung und brachte sie uns Jungen bei.
JUNG MIT IDEALEN
„Wir waren jung", könnte man mit dem Kinderfreundelied sagen „die Welt ist offen, oh du schöne weite Welt.“ Und weiter „Aufwärts blicken, vorwärts drängen! Wir sind jung und das ist schön.“
Und aus manchen ist etwas geworden.
RUDOLF EDLINGER
Rudolf ,Rudi’ Edlinger (1940 – 2021), zum Beispiel. Wir sind beide als ,Modell’ auf einem Faltblatt abgebildet. Er war gelernter Lithograph und kam aus der katholischen Richtung, lernte aber auf Sozialist. Er machte den zweiten Bildungsweg, wurde Gemeinderat und später Wohnbau-Stadtrat in Wien; der Pragmatiker, der er war, wurde Finanzminister und was für manche noch wichtiger war, Präsident des Fußballclubs Rapid.
PETER SCHIEDER
Peter Schieder (1941 – 2013) war Mitarbeiter der Zeitschrift der Sozialistischen Jugend „trotzdem", bei der auch ich gelegentlich schreiben durfte. Die hieß früher „Stimme der Jugend“ wurde aber 1948 von den sowjetischen Besatzungsmächten verboten, also „trotzdem". Peter Schieder schrieb erst Filmkritiken und wurde dann Chefredakteur.
In der Sozialistischen Jugend war er 8 Jahre lang Vorsitzender und da war er immer international tätig. Als Mitglied des Exekutivkomitees der Sozialistischen Jugendinternationale und nur sehr kurz von 1969 bis 1971, Präsident der „Weltjugendversammlung“ einer vom CIA finanzierten Organisation in Brüssel. Das besagt aber nichts, denn auch der „Kongreß für die Freiheit der Kultur“ in Paris, der die berühmte „Hundsgruppen“ Ausstellung von Rainer und Fuchs in Wien finanzierte und das „Forum“ herausgab, lebten von CIA Geldern.
Peter wurde zwar Stadtrat in Wien und arbeitete 25 Jahre lang im Nationalrat, aber er blieb immer international tätig. 22 Jahre lang – 1971 bis 1973 und von 1987 bis 2007 – war er Mitglied der Parlamentarischen Versammlung des Europarates, deren Präsident von 2002 bis 2005, Vorsitzender dessen Sozialdemokratischer Fraktion von 1995 bis 2002 und bis zu seinem Tod 2013 deren Ehrenpräsident.
Peter Schieder war immer freundlich und verbindlich, aber unnachgiebig in der Durchsetzung seiner politischen Ziele vor allem wenn es um den Kampf gegen Ausgrenzung und Verächtlichmachung ging. Seit 1971 trat er – damals junger Nationalratsabgeordneter – maßgeblich für die Aufhebung des Verbots und der Strafbarkeit der Homosexualität auf und tat das auch in seiner Antrittsrede als Präsident der Parlamentarischen Versammlung des Europarates.
Er sammelte, wie alle internationalen Politiker, Ehrungen, Auszeichnungen, Orden, Komtur- und Großkreuze mit dem Stern in aller Welt. Und zu Recht bekam er 2009 einen Award von der international Lesbian and Gay Law Association’ in Hollywood für seine Arbeit verliehen.
Und er war, das darf nie vergessen werden, er war als der dienstälteste Abgeordnete so etwas wie der offizielle Tester der Parlamentskantine.
Manche unserer gemeinsamen Freunde kamen aus der Partei, andere aus der Gewerkschaft.
Alfred Dallinger (1926 – 1989), Helmut Braun (1934-), und Franz Mrkvicka (1940-), waren gleichzeitig mit mir Jugendsekretäre.
Helmut Braun verdanke ich meine Frau. Alfred Dallinger verdanke ich gemeinsame Veranstaltungen und Franz Mrkvicka, dass ich nicht nach Brüssel übersiedelte. Uns allen gemeinsam war ein starker Hang zur Kultur
ALFRED DALLINGER
Alfred Dallinger (1926 – 1989) war gelernter Drogist, der gleich nach dem Krieg, 1948, Jugendsekretär der Gewerkschaft der Privatangestellten wurde. Als ich 1955 zur Gewerkschaft kam, war er einer der ,Senioren’ aber voller junger Ideen, die jungen Menschen helfen.
Gemeinsam organisierten wir Kulturveranstaltungen, etwa die Lesung durch Otto Schenk für Jugendliche.
Eine andere Idee war die Gründung von Scheinfirmen. Es gab in der Berufsausbildung von Lehrlingen ein gewisses Defizit durch Einseitigkeit je nach der Art der Betriebe. Um das auszugleichen wurden Gruppen von Lehrlingen geformt, die gemeinsam eine Übungsfirma etablierten, die alle Bereiche eines Handelsbetriebes simulierten. Ein erfolgreiches Prinzip, weil Zusammenhänge erfahrbar waren.
Mit Bernd Ingrisch (1933 – 2017), ein Psychologiestudent, der später seine Doktorarbeit über die Gefahren der Radio-Sendung „Autofahrer unterwegs“ gemacht hatte, teilte ich bei einem 8-Wochenseminar der SPÖ das Zimmer.
Er hatte erforscht, dass Sendungen im Autoradio, gemischt aus Musik und Sprache, die Fahrer ablenken. Nicht die Musik, sondern die abwechselnden Nachrichten, die seine...




