E-Book, Deutsch, 200 Seiten
Habringer Diese paar Minuten
1. Auflage 2023
ISBN: 978-3-7013-6311-7
Verlag: Otto Müller Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
E-Book, Deutsch, 200 Seiten
ISBN: 978-3-7013-6311-7
Verlag: Otto Müller Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Habringer, Rudolf Geboren 1960 in Schwanenstadt. Studium in Salzburg. Schreibt Romane, Erzählungen, Satiren, Kabaretttexte und Theaterstücke. Tätigkeit als Kabarettist, Musiker und Herausgeber. Zuletzt u. a. erschienen: 'Das Unergründliche und das Banale' (Essays, 2017), 'Die Töpfe von Brüssel' (Satiren, 2016), 'Was wir ahnen' (Roman, 2013) und 'Leirichs Zögern' (Roman, 2021). Mitglied der Salzburger Autorengruppe, der IG Autorinnen und Autoren und der Grazer Autorenversammlung. Mehrere Preise, u. a. Österreichischer Förderungspreis für Literatur, Stifter-Stipendium des Landes Oberösterreich und zuletzt Bühnenkunstpreis des Landes OÖ für 'Monks' (2022). Lebt als freier Schriftsteller in Walding bei Linz.
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Dann sage ich es ihm
„Etwa auf der größten Erhöhung (…), wo nach und nach sich der Weg in das jenseitige Tal hinab zu senken beginnt, steht eine sogenannte Unglückssäule. Es ist einmal ein Bäcker, welcher Brot in seinem Korbe über den Hals trug, an jener Stelle tot gefunden worden.“
Adalbert Stifter
Wo ist der Mann mit dem Schäferhund, fragte eine Frau aus der Gegend vor einigen Tagen. Er ist doch dein Nachbar? Sie habe ihn schon lange nicht mehr gesehen.
Ich zog den Kopf ein und zögerte, eine Antwort zu geben. Am liebsten hätte ich gelogen. Weg, sagte ich. Schon seit fast einem Jahr. Mehr sagte ich nicht. Dann redeten wir von etwas anderem.
Das ist die Geschichte eines Unglücks. Hier wird keiner gesucht und keiner gerettet, ich wüsste nicht, wie. Der Heilige Abend ist vorbei. Spielen Kinder eine Rolle? Ja. Eines davon hat die Welt nicht gesehen. Vom Gebirge, vom Eis soll keine Rede sein, wir wohnen im Hügelland. Die Berge stehen bei Föhn als gezackte Formation am Horizont. Wenn ich aus dem Fenster schaue, kann ich die Unglücksstelle erahnen. Den Blick ins Tal durchkreuzt ein mächtiger Nussbaum, durch dessen Geäst ich im Winter hindurchsehen kann wie durch ein Spinnennetz. An schönen Tagen spiegelt sich weit unten das Sonnenlicht in der Donau. In einer Schale auf meinem Schreibtisch liegt ein Stein, kleiner als eine Murmel. Der bringt Glück, der baut dich wieder auf, sagte Färber, als er ihn mir schenkte.
Die Tage nach Weihnachten waren grau und regnerisch. Endlich kam der Schnee und mit ihm ein heftiger, kalter Wind. Das Windrad vor dem Haus schnarrte in schnellen Umdrehungen. Die Tage waren kurz. Rasch kam die Dämmerung, schwarz fiel die Nacht auf die Gegend. Verstreute Häuser zwischen Hügeln, weit unten blinkten bei guter Sicht die Lichter der Siedlungen.
Färber muss mich vom Balkon aus gesehen haben, denke ich heute. Als ich gegen Abend noch einmal in mein Büro zurückgekehrt bin. Der Begriff Büro ist übertrieben. Es handelt sich um eine Schreibstube in einem Bauernhof, hoch oben im Hügelland über dem Donautal. Die Wände zwischen den Zimmern sind dünn. Ich hörte Färbers kratzigen Husten, das Geräusch, wenn er ausspuckte, ich hörte, wenn sein Fernseher lief, wenn er mit lauter Stimme telefonierte, ich bildete mir ein, ihn gestikulieren zu hören.
Dreimal schon hatten meine Nachbarn gewechselt. Den ersten, Wall, einen ehemaligen Briefträger, hatte ein unbekanntes Schicksal aus der Bahn geworfen. Eines Tages verirrte sich Wall in seinem Rayon, verfehlte einen Teil seiner Kunden, Briefe und Pakete verschwanden. Er wurde entlassen und sitzt seither als Frühpensionist und Stammgast in den Wirtshäusern der Gegend, er gilt als verrückt, aber umgänglich. Als ich meine Schreibstube bezog, bereitete er gerade seinen Umzug vor, ein freundlicher Mensch, der unentwegt das Gespräch suchte, in endlosen Schleifen seine Misere nacherzählte, das Brevier seiner Leiden herunterbetete, ohne aber zum Eigentlichen zu kommen. Wall schleppt seinen Körper wie eine Entschuldigung, geduckt, devot. Als ginge es darum, um Nachsicht zu bitten, dass er noch da sei. Sein Körper eine einzige Geste der Beschwichtigung: Was soll ich denn machen, was hätte ich denn tun sollen? Wall, der Manisch-Depressive, mit flinker Zunge, wenn er sich im emotionalen Aufwind befand, wochenlang nicht zu sehen, wenn er vollgepumpt mit Medikamenten sich in seinem Zimmer verkroch. Als Wall auszog, folgte Kubek, ein Lastwagenfahrer mit wirrem Blick und krausen Gedanken. Ich tippte auf Schizophrenie, eine reine Vermutung, ich bin ja kein Arzt. Jetzt noch ein Lottogewinn und dann wandere ich nach Australien oder Kanada aus, sagte Kubek immer, wenn ich ihn traf. Die Behörde sei schon verständigt. Ich bin Kubek aus dem Weg gegangen, ich habe ihn gefürchtet. Ich kann meine Furcht, gebastelt aus reinem Vorurteil, bis heute nicht begründen. In meiner Voreingenommenheit halte ich Leute wie Kubek für fähig, Amok zu laufen, wenn sie den Augenblick für richtig halten. Kubek verschwand, während ich einmal für eine Woche nicht in meiner Schreibklause war. Angeblich hat man ihn in die Psychiatrie gesteckt. Kanada und Australien hat er sicher nie gesehen.
Dann zog Färber in das Zimmer neben mir. Er rauchte viel, er trank, wenn er sich nicht beherrschen konnte, und er konnte sich nicht beherrschen, wenn er unter Menschen war. Deswegen ist er aus der Stadt aufs Land gezogen. In der südlichen Vorstadt hat er als berüchtigter Raufer gegolten. In jungen Jahren muss er ein schöner Mann gewesen sein, dem es vermutlich nicht schwergefallen war, mit Frauen in Kontakt zu kommen. Die Jahre hatten ihn altern lassen, verlebt sah er jetzt aus, tiefe Falten furchten seine Wangen. Ich erwähne noch, dass Färber einen Hund besaß, einen Schäfer. Ich fürchte Hunde, vor allem große. Aber ich habe noch keinen besser abgerichteten Hund als den von Färber gesehen. In den Jahren, in denen Färber im Zimmer neben mir lebte, habe ich den Hund niemals aggressiv erlebt, kein einziges Mal.
Wir sprachen nicht oft miteinander, meist hörte ich Färber nur in seinem Zimmer hantieren, wenn er sich Abendessen kochte und sein rasselnder Atem ging. Er half den Bauern bei der Stallarbeit, um sich die Sozialhilfe aufzubessern. Da er kein Auto besaß, ging er meistens zu Fuß. Zum Einkaufen stiefelte er, seinen Hund an der Seite, zu Tal ins Dorf hinunter. Manchmal nahm ich ihn im Auto mit. Der Schäfer sprang routiniert in den Kofferraum und verhielt sich ruhig. Später trieb Färber irgendwo ein Fahrrad auf. Manchmal, wenn ich abends nach Hause fuhr, sah ich ihn, wie er das Fahrrad, bepackt mit Einkaufssäcken, den Hügel heraufschob. Bei einer Anhöhe, die Donaublick heißt, wenige hundert Meter vor dem Bauernhof, an einem Platz, an dem die Gemeindeverwaltung eine Bank und einen Tisch für Wanderer aufgestellt hatte, machte er gern Rast.
Seine Alkoholsucht war mir bald aufgefallen. Ich habe ihn direkt darauf angesprochen. Ihn störte das nicht. Er spürte, dass ich ihn mochte. Er klopfte an meine Tür und schenkte mir Kaffee und Kakao in riesigen Packungen. Er kannte den Besitzer einer Bar in der Vorstadt, von dem er manchmal eine Ration abbekam. Vielleicht handelte es sich um Spielschulden, die auf diese Art eingelöst wurden. Das reimte ich mir später zusammen. Der Kakao ist für deinen Sohn, sagte er.
Den genauen Grund, weshalb Färber zu uns auf den Berg gezogen ist, habe ich nie erfahren. Irgendwo existierte seine geschiedene Frau, irgendwo lebte sein Sohn, ein schlaksiger junger Mann. Färber trug sein Foto in der Geldbörse mit sich. Manchmal traf ich Färber draußen am Gang, wenn er gerade zur Toilette schlurfte und ich vor meiner Tür den Schlüssel suchte. Wie geht’s, fragte ich, und wir redeten Alltägliches. Übers Wetter. Über die Gesundheit. Über das, was er vorhatte. Da kenne ich nichts, sagte er oft. Einmal erzählte er mir, dass er vor Jahren als Arbeiter für eine Firma in Weißrussland gewesen sei. Beim Bau eines Stahlwerkes. Mitten in der Taiga. Dort habe er die Mitternachtssonne gesehen. Er sei fast verrückt geworden, die Sonne sei wochenlang nicht untergegangen. Er habe unter einer unerträglichen Schlaflosigkeit gelitten, die Helligkeit habe ihn fast umgebracht. So viel ich weiß, gibt es die Mitternachtssonne nur nördlich des Polarkreises, hatte ich vorsichtig eingewandt, und Weißrussland liege bekanntlich weit darunter. Mein Argument hatte ihn nicht beeindruckt. Er sei in Weißrussland gewesen, er habe die Mitternachtssonne erlebt, er wisse, wovon er spreche. Später schlug ich in einem Atlas nach, um mich meiner Behauptung zu vergewissern.
Er musste mich an jenem Abend, als ich mit meinem Sohn zum Hof gefahren bin, um ihm die Mitteilung zu machen, die ich den ganzen Tag lang aufgeschoben hatte, beobachtet haben. Färber ist auf dem Balkon, der vor den Fenstern unserer Zimmer an der Südfront des Hauses verläuft, gestanden und hat geraucht, habe ich später gedacht. Färber hat alles gehört. Deswegen hat er zwei Tage später an meine Tür geklopft.
Ein Mann mittleren Alters, ein nicht mehr ganz junger Vater, sitzt auf der Zuschauertribüne einer Dorfturnhalle und beobachtet eine Gruppe von Kindern beim Fußballtraining. Der Mann trägt einen warmen Anorak, die Halle ist nur schwach beheizt. Neben ihm liegt eine Zeitung auf der hölzernen Sitzbank, ungelesen. Kommandos von zwei Trainern schallen durch die Halle, in der sich ein gutes Dutzend Buben bemüht, den Ball ins Tor der jeweils gegnerischen Mannschaft zu befördern. Es wird mehr gebolzt als gespielt, den meisten Buben fehlt noch jede technische Fertigkeit. Mitten unter den Kindern: der Sohn des Mannes, der Jüngste der Gruppe. Mit rot erhitzten Wangen stürmt er dem Ball nach, ganz in seinem Element. Manchmal winkt er seinem Vater auf der Tribüne zu. Der Vater hat sein Kind vorhin im Kindergarten wie vereinbart abgeholt, noch ist alles so, wie es sein sollte. Der Vater sitzt nicht nur...




