E-Book, Deutsch, 384 Seiten
Hadley Freie Liebe
1. Auflage 2022
ISBN: 978-3-311-70354-9
Verlag: Kampa Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
E-Book, Deutsch, 384 Seiten
ISBN: 978-3-311-70354-9
Verlag: Kampa Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Tessa Hadley, 1956 in Bristol geboren, wechselt zwischen zwei Rollen hin und her: Ihr »soziales Ich« kümmert sich um ihren Ehemann, ihre drei Söhne und ebenso viele Enkelkinder, während ihr »schreibendes Ich« geduldig hinter den Kulissen warten muss, bis es wieder auftreten darf. Aber das eine gäbe es nicht ohne das andere: Auch in ihrem Schreiben beschäftigt sich Hadley, wie ihre großen Vorbilder Jane Austen und Jean Rhys, mit dem Familienleben und sozialen Beziehungen. Bevor sie sich dem Schreiben widmete, arbeitete Tessa Hadley kurze Zeit - sehr unglücklich - als Lehrerin. Mit Ende dreißig studierte sie Kreatives Schreiben in Bath (wo sie heute unterrichtet) und promovierte mit einer Arbeit über Henry James. Ihren ersten Roman veröffentlichte sie erst mit 46. Für ihre Romane und Kurzgeschichten erhielt sie zahlreiche Preise, 2009 wurde sie zum Fellow der Royal Society of Literature gewählt.
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1
Es war ein herrlicher spätsommerlicher Freitagabend. Phyllis Fischer hatte das Fenster zum Garten weit geöffnet, bevor sie sich an ihren Toilettentisch setzte. Von draußen wehte das Leben herein, ein schläfriger Vorstadtabendstrom: das stete, beruhigende Plätschern eines Schlauchs in einer Staudenrabatte, das vertraute Klipp-Klapp von Heckenscheren, vom Tennisclub das ferne Ploppen der Bälle, das schrille, stakkatohafte Kreischen spielender Kinder, der Duft nach gemähtem Gras und gebratenem Fleisch, das Klirren der Eiswürfel in den ersten Gin Tonics des Wochenendes. Als die Strahlen der tief stehenden Sonne plötzlich schräg auf einen der beiden Flügel des Frisierspiegels fielen und sie blendeten, verstellte Phyllis den Spiegel, sodass das Licht stattdessen die kristallene Toilettengarnitur, die Flakons mit L’Air du Temps, Hamameliswasser und Reinigungsmilch umfloss. Sie beugte sich in ihrem Unterrock nach vorn, stützte die Ellbogen auf, um sich genauer im Spiegel betrachten zu können, spürte die leichte Brise, die ihre nackten Schultern liebkoste, roch die Seife auf ihrer Haut. Sie war vierzig und doch noch immer von einer lebhaften, erwartungsvollen Anmut: Ihr sandfarben gebräuntes Gesicht war über der Stupsnase mit zarten Sommersprossen getüpfelt, ihr ziemlich trockenes, helles Haar – nicht gelb, sondern eher von schattigem Gold, wie verwaschenes Stroh – war für den Abend voluminös zurückgekämmt und starrte vor Haarspray. Sorgfältig trug sie den blassen Lippenstift auf, presste die Lippen zusammen und schaute stirnrunzelnd in den Spiegel, denn sie fand ihren Mund zu groß – zu weich, nicht konturiert genug, als könnte ihm jeden Moment irgendeine Grobheit oder eine schroffe Bemerkung entschlüpfen. Eigentlich war sie ganz einfach, ein einfacher Mensch, leicht glücklich zu machen, froh, wenn sie andere glücklich machen konnte. Sie war mit ihrem Leben zufrieden. Es war das Jahr 1967.
Ihr Kleid für den heutigen Abend wartete wie eine gute Freundin auf seinem Bügel an der Schranktür: Empirestil, der Rock kniefrei, grüner Chiffon mit breiten roten und orangen Streifen, unter der Brust ein aufgestepptes geripptes Band, vorn zu einer Schleife gebunden. Sie hatte Mandy Verey gebeten, es ihr schnell noch zu bügeln, bevor sie heimging – zum Servieren des Abendessens brauchte sie Mandy nicht, es war ja kein formelles Dinner. Gut möglich, dass sich der junge Mann, den sie erwarteten, dieser Nicholas Knight, als Langweiler entpuppte; Phyllis erinnerte sich dunkel, dass er als kleiner Junge einer gewesen war. Sie hatte ihn vor langer Zeit kennengelernt, damals, als sie und Roger jung verheiratet waren und ihre Tochter Colette noch ein kleines Baby mit Bauchweh. Nicholas war damals neun oder zehn gewesen und hatte mit seinem großen schweren Kopf und seiner dicken schwarz gerahmten Brille etwas von einer Eule gehabt; vollgestopft mit Faktenwissen, wollte er ständig nach den Flaggen und den Hauptstädten der Welt abgefragt werden. Roger hatte sich seinem Drängen geduldig gefügt. Nicholas war der Sohn von Peter und Jean Knight, Rogers alten Freunden, die eigentlich Freunde seiner Eltern waren, älter als er. Phyllis freute sich schon darauf, dass Nicholas heute Abend zu Besuch kam, einfach, weil sie gern Gäste hatte – und selbst wenn er ein unansehnlicher Tollpatsch sein sollte, er war zumindest ein Mann. Sie mochte nun mal Männer, was sollte sie da machen? Obwohl ein Flirt mit ihm nicht in Betracht kam; vom Alter her war Nicholas wohl eher was für ihre Tochter.
Die spielenden Kinder draußen kreischten jetzt vor Aufregung, weil irgendeine Verfolgungsjagd ihren Höhepunkt erreicht hatte, in Schlangenlinien schlichen sie im warmen Licht auf ihren Geheimpfaden durch die Gärten, duckten sich hinter den hohen gestutzten Ligusterhecken oder zwängten sich durchs Dickicht der üppigen Sträucher: Rhododendron und Hortensien, giftiger gefleckter Lorbeer, stämmiger Bambus. Einige dieser Gärten waren gut und gerne einen halben Morgen groß und endeten in einem Wäldchen, dort hinten, wo es zum Fluss hinunterging und sie dem Zugriff ihrer Eltern entzogen waren, dort hatten sich die Kinder ihre Höhlen gebaut. Einen Garten gab es, der zu einem verlassenen Haus gehörte und total verwildert und überwuchert war, da hatten sie sich in allerlei Gruselmärchen hineingesteigert, in Geschichten von irgendwelchen toten Dingen, die dort angeblich waren. Sie kannten sämtliche Zaunlücken, durch die man schlüpfen konnte und sich die Sachen mit Moosflecken versaute oder an Nägeln zerriss. In einem der Nachbarhäuser in der Sackgasse, in der die Fischers wohnten, öffnete ein Erwachsener oben ein Fenster und schrie die Rasselbande an. Es machte Platsch, dann ein Geheul. Eines der Kinder hatte einen Trittstein in einem Fischteich verfehlt und hob erschrocken die tropfende Sandale samt durchnässter Socke hoch – doch zum Stehenbleiben war keine Zeit, die andern kannten kein Erbarmen. »Du Idiot!«, rief einer schroff. Amüsiert stellte sich Phyllis vor, dass Hugh, ihr Sohn, dort unten mit den anderen rannte, vielleicht sogar an der Spitze des Trupps, als Anführer. Eigentlich müsste sie jetzt aus dem Fenster gucken und rufen, Hugh solle hereinkommen, sein Abendbrot sei fertig – aber sie war immer noch im Unterrock, und außerdem konnte ihr die Ausgelassenheit der Kinder nicht die Laune verderben. Genau wie sie spürte Phyllis die Verheißung dieses Abends, die sich zusammenballenden Schatten, den stechenden Schmerz des Endes.
Roger Fischer kam von der Arbeit. Er war leitender Beamter im Außenministerium, ein angesehener, mit allen Wassern gewaschener Arabist. Unten in der Diele, im Farbenspiel des durch die Buntglasfenster der Verandatür einfallenden Lichts, zog er sich den Mantel aus, hängte ihn an die Garderobe, verkündete dabei seiner Familie, dass er wieder da sei, und warf einen kritischen Blick in den kleinen quadratischen Spiegel mit den abgeschrägten Kanten, nur der Ordnung halber, nicht aus Eitelkeit. Er sah anständig aus: ein mittelgroßer, stämmiger Mann, schon ein bisschen weich um die Taille, das Gesicht auffallend kinnlastig, Hundeaugen, dunkler Bartschatten, zurückgekämmtes schwarzes Haar. Küchendüfte im Flur, und durch die offene Esszimmertür sah er den gedeckten Tisch: Blumen, bunt kariertes Tischtuch mit passenden Servietten, Weingläser. Phyllis, immer noch oben an ihrem Toilettentisch, den Mascara am Auge, hielt inne und begegnete im Spiegel einen Moment lang ihrem Blick, der unergründlich war, doch zur Begrüßung hellte ihre Miene sich schon wieder auf, sie flötete ihr gewohntes Hallo. Roger würde zuerst bei der armen Colette hereinschauen, die sich wie immer mit ihren Hausaufgaben plagte. Phyllis hätte genug Zeit, um in ihre Nylons zu schlüpfen, das Kleid überzuziehen, sich etwas L’Air du Temps innen auf die Handgelenke und hinters Ohr zu tupfen.
Wenn Colette sich plagte, so lag das nicht daran, dass sie nicht schlau war. Sie war sogar sehr schlau, aber bei ihr war alles eine Plage. Die Hausaufgaben in Englischer Literatur hätten ihr eigentlich leichtfallen müssen, doch es stand zu viel auf dem Spiel. Sie sollte einen Aufsatz über die Metaphorik von Werden und Vergehen in schreiben, was sie normalerweise mit links konnte, nur dass sie mit ihrem Text in verschlüsselter Form ihre leidenschaftliche Zuneigung zu ihrer neuen Englischlehrerin auszudrücken versuchte, einer schlanken, irgendwie rätselhaften Frau um die vierzig, elegant, trocken, geschieden. Colette besuchte eine private Ganztagsschule für Mädchen und schleppte Tag für Tag, wenn ihr Vater sie unten abgesetzt hatte, ihre widerstrebenden Füße in den vorgeschriebenen braunen Schnürschuhen den steilen Hügel hinauf, durch das furchteinflößende schmiedeeiserne Lasst-alle-Hoffnung-fahren-Tor, hinunter in den Keller zur Garderobe mit ihrem mineralischen Geruch nach Hockeystiefeln und kaltem Schweiß, wo sie ihren flaschengrünen Regenmantel aus- und Hauspantoffeln anziehen musste. Die Mädchen an der Otterley High waren stramm, sportlich und fröhlich und nicht von des Gedankens Blässe angekränkelt, Colette war eine einsame, gequälte Intellektuelle. Sie dachte darüber nach, ob sie, wie Viola, ein Weidenhüttchen vor der Tür ihrer neuen Lehrerin bauen sollte, doch ihr war klar, dass sie diese Rolle nicht spielen konnte. Viola musste bezaubernd und anrührend sein und sozusagen in die Westentasche passen. Colette aber war kräftig, hatte ein kantiges Kinn, einen üppigen Busen und dunkle Locken, und das in einer Zeit, in der nur glattes Haar als schön galt. Und obendrein trug sie eine Brille und hatte stur auf einem rosa Kassengestell bestanden. »Ich könnte dir doch eine kaufen, die attraktiver aussieht«, hatte ihre Mutter förmlich gebettelt. »Dein Vater wird das schon bezahlen.«
»Ich will aber keine attraktivere«, hatte Colette düster erwidert.
Sie hatte alles Mögliche gelesen, weigerte sich aber standhaft, auch jene Autorin zu lesen, nach der sie laut Aussagen ihrer Mutter benannt war. Sie konnte sich schon denken, was ihre Mutter damit bezweckt hatte, sie Colette zu nennen: Phyllis hatte sich ihr Kind als versponnene kleine Koboldin vorgestellt, mager und gelenkig und von französischem Aussehen und niedlich durch die Ponyfransen blinzelnd, die ihr in die Augen hängen. Jedenfalls ein Kind, das nicht sie war. Verbissen widmete Colette sich ihrem Aufsatz, bei fest geschlossenem Fenster und gegen all die abendlichen Verlockungen da draußen gefeit. Sie erledigte die Hausaufgaben, die sie übers Wochenende aufbekam, immer gleich am Freitag, als wollte sie sich die Zeit für irgendetwas anderes frei...




