Haefs | Das Kichern des Generals | E-Book | www.sack.de
E-Book

E-Book, Deutsch, Band 1, 256 Seiten

Reihe: Mario Guderian

Haefs Das Kichern des Generals


1. Auflage 2014
ISBN: 978-3-95530-446-1
Verlag: Edel Elements - ein Verlag der Edel Verlagsgruppe
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection

E-Book, Deutsch, Band 1, 256 Seiten

Reihe: Mario Guderian

ISBN: 978-3-95530-446-1
Verlag: Edel Elements - ein Verlag der Edel Verlagsgruppe
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection



»Gisbert Haefs führt mitten hinein ins pralle, wüste Leben.« (Der Tagesspiegel) Der alte General, der dreieinhalb Jahrzehnte lang Paraguay wie seinen Privatbesitz geleitet hat, sitzt im Exil an der Küste Brasiliens und langweilt sich. Er möchte noch einmal schäbig kichern und noch einmal an den Strängen zupfen, die er selbst geflochten und gespannt hat. Schauplatz ist die Stadt Ciudad del Este im Dreiländereck Brasilien-Paraguay-Argentinien. Durch die Stadt verläuft eine der Hauptrouten des Narko-Handels, kontrolliert von Leuten des Cali-Kartells. In Ciudad del Este sitzt die Hizbollah, die von hier 1994 den blutigen Anschlag auf das jüdische Zentrum in Buenos Aires vorbereitete. Und deswegen ist auch der Mossad vertreten - ebenso wie CIA, DEA und die militärischen Geheimdienste der umliegenden Staaten. In diesen Teich voller Haie wirft der General als Köder eine Leiche - und Informationen, die alle Haie ganz unterschiedlich interpretieren. Geht es um Geld, Kokain, Waffen oder einen Putsch? Oder alles zusammen? Sicher ist nur: Der General wird kichern. Worüber, das weiß nur er...

Gisbert Haefs, geb. 1950 in Wachtendonk am Niederrhein. Als Übersetzer und Herausgeber ist er unter anderem für die neuen Werkausgaben von Ambrose Bierce, Rudyard Kipling, Jorge Luis Borges und zuletzt Bob Dylan zuständig. Zu schriftstellerischem Ruhm gelangte er nicht nur durch seine Kriminalromane, sondern auch durch seine farbenprächtigen historischen Werke Hannibal, Alexander und Troja. Heute lebt und schreibt er in Bonn.
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1.


Filiberto Anagnostópulos fuhr zusammen; die Hängematte zuckte in alle Richtungen nacheinander. Schreibblock und Füller (ein Montblanc Meisterstück), die auf seinem Bauch geruht hatten, klatschten ins Gras. Der Biograph rieb sich die Augen. Greifengebrüll? Das Krächzen des Vogels Roc? Artillerie? Er blinzelte in den Himmel außerhalb des Pinienschattens und suchte vergeblich nach Blitzen oder Gewitterwolken; auch war der fern rauschende Atlantik nicht hangauf gerast, Gischt wider die weißen Wälle der Estancia zu speien.

Anagnostópulos fuhr sich durch die Haare. Und stutzte. Die Nackenhaare standen starr: Struppen, Borsten, Arschgefieder des Stachelschweins. Da wußte er, noch ehe er sich erinnerte, was ihn geweckt hatte: das Kichern des Generals.

Es war ein gräßliches Geräusch. Abgebrochener Fingernagel an rissigem Perlmuttknopf. Alufolie, beim Auswickeln der Praline übersehen, am plombierten Backenzahn. Bimsstein an verkrusteten Hämorrhoiden. Wenn Karaí Guasú (der Große Alte) kichert, hatte es oft geheißen, rutschen im ganzen Land die Bestatter von ihren Frauen und zimmern hektisch Särge bis zum dritten Hahnenschrei.

Bei aller Disharmonie war das Kichern doch etwa so aufgebaut wie ein Akkord. Der Grundton kein Quarren, Murren, Rumpeln oder Geknarr, sondern das Knirschen und Malmen von Säurekieseln, die als Strudel die gereckte Hand des Erstickenden ätzen und schrappen. Darüber, Terz und Hauch, nicht scharfes Keuchen eines durch Emphyseme keineswegs am Beißen gehinderten Bluthunds, wie es el viejo general zugestanden hätte – eher das breiige Gurgeln und Summen, mit dem es der Ahnherr aller Krokodile in heiterer Gelassenheit genießt, wenn Sägeschnabelkolibris ihm Steinschleim aus den Zähnen raspeln. Die Quint schließlich hatte etwas Sonniges, eine Sommermelodie, munterer als Pájaro choguï, vom Zephyr gespielt auf Lanzenspitzen, Saurierknochen und den blutigen Ruinen eines Lustschlößchens.

»¡Ordene mi General!« Höchstens fünf Sekunden nach dem Geräusch stand Anagnostópulos neben der Matte, hellwach, bis zur Hirnhaut voll Adrenalin, die linke Hand an der Naht der gelben Bermudas, die rechte flach auf dem Herzen.

Erinnerungsfetzen, die Erzählung eines ehemaligen Adjutanten: Im Palast, im Büro des Präsidenten, klingelt eines der internen Telefone. EI viejo general unterbricht den Monolog, dem die engsten Berater gelauscht haben, geht zum schweren Schreibtisch, nimmt den Hörer, sagt ¿qué?, schneidet eine Grimasse und räuspert sich. »Nein, Señorita, da haben Sie sich verwählt. Hier ist das zentrale Sargdepot.« Dann hängt er auf. Und kichert. Drei Leute, die hätten verhindern müssen, daß diese Nummer von außen angewählt werden kann, wurden nie mehr gesehen.

Der Karaí Guasú saß auf der Terrasse, mit dem Obersten, der die Leibgarde befehligte, und dem neuen Adjutanten, in dessen fahlem erschreckten Gesicht die sonst kaum bemerkbare Narbe dunkelrot glomm. Der Oberst betrachtete mißmutig seine Hose, die den verschütteten Kaffee aufsog. Langsam stellte er die leere Tasse auf den Teaktisch.

Ein Winken, an dem höchstens drei Finger beteiligt waren. Der Alte, dreieinhalb Jahrzehnte lang Herr über Leben und vor allem Tod seines Volks, hatte in den fünf Jahren des brasilianischen Exils weder Autorität noch Stil verloren. Er mochte keinen Staat mehr als Privatbesitz leiten und war inzwischen 82 Jahre alt, aber er hatte die Dollarmilliarden, das Charisma, und auch an diesem Novembernachmittag 1994 trug er Anzug, weißes Hemd, tadellos gebundene Krawatte.

Anagnostópulos wagte nicht, Block und Füller aufzuheben; fast im Laufschritt legte er die zwanzig Meter zur Terrasse zurück.

»Setzen Sie sich, Añañú.«

Der Biograph gehorchte und atmete auf. Die Verwendung des Spitznamens war ein Zeichen für gute Laune.

»Ich habe nachgedacht.« Der General betrachtete seine gepflegten Fingernägel. Zum x-ten Mal fragte sich Anagnostópulos, welche Aufgaben die Mestizin mit dem Lutschmund sonst noch erfüllen mochte, neben Maniküre. Mit ihr redete der Alte immer Guaraní, und es gab tausend Geschichten über Frauen ...

»Da die Dinge sind, wie sie sind«, sagte der Karaí Guasú, »wollen wir ein bißchen an Fäden zupfen, die wir so lange gesponnen und gespannt haben. Mal schauen, was dabei herauskommt. Außerdem ist es gut gegen Langeweile, und man fühlt sich dann nicht mehr so nutzlos, alt und impotent.«

Alejandro Oribe hüstelte. Die Narbe auf seiner Wange war erloschen, das Gesicht hatte wieder die gewohnte Farbe. »Wir sind voll erregter Erwartung, mi general.« Da war keinerlei Spott; der Adjutant meinte jede Silbe ernst.

»Anfang der Fünfziger«, sagte der General, »hat es dem Hysteriker Perón, diesem Trottel, gefallen, einen alten deutschen General namens Kurt Tank und einen deutschen Kernphysiker ... ah, wie hieß er noch? Später hat er, glaube ich, für Nasser gebastelt. Egal. Also, die beiden sollten für Perón ein bißchen Spielzeug herstellen.«

Oberst Sepúlveda trug noch immer Abzeichen und Uniform der schweren Truppen (»Kavallerie«) des Staats, der nicht mehr Privatbesitz des alten Generals war. Allerdings hatte er sich der Uniformjacke entledigt, zweifellos nicht ohne vorher den Alten um Erlaubnis zu bitten. ›Er wird sanft‹, dachte der Biograph. ›Früher hätte es diese Formlosigkeit nicht gegeben. Nicht zu reden von Bermudas ... ‹

»Erlauben Sie, mi general«, sagte der Oberst.

Der Alte nickte.

»Wir hatten in den letzten Tagen den Eindruck, Sie seien mit Ihren Gedanken weit fort. Waren Sie da bei Perón und diesen Fäden, an denen Sie zupfen wollen?«

»Nein, coronel. Jedenfalls nicht bei Perón. Den erwähne ich nur als Beispiel. Die Geschichte von ihm und seinem Spielzeug ist ... eine Parabel.« Er schwieg, trank einen Schluck Kaffee.

»Warum haben Sie damals eigentlich Perón kein Asyl gewährt?« sagte der Biograph. »So weit sind wir zwar mit den Aufzeichnungen noch nicht, aber nun, da der Name gerade fällt ...«

»Sie wissen doch, ich habe immer mit allen gespielt«, sagte der General. »Solange es nützlich war.«

»Und Perón war nicht nützlich?« Anagnostópulos dachte an die beinahe legendären Manöver – als Australien (noch) keine Japaner einwandern lassen wollte, ließ der Karaí Guasú sie ins Land, plus eine Milliarde Dollar; und eine Milliarde von den Saudis für das Wegsehen bei bestimmten arabischen Projekten, und noch eine für die Kanalisierung des Mäanders amerikanischer Waffen, und etwas von Israel für Unterstützung in der UNO und und und.

»Er war lästig«, sagte der General. »Und es hätte die Beziehungen zur neuen argentinischen Regierung belastet. Gute Nachbarschaft, nicht wahr. Außerdem war er ein Hysteriker; ein Enthusiast, der an seine Mission geglaubt hat – also ein Trottel. Aber zurück zu der Geschichte. Die beiden aus der alten Heimat, der Offizier und der Physiker, haben sich auf der feinen großen Insel im Lago Nahuel Huapí niedergelassen, gegenüber von Bariloche. Nette Gegend – verschneite Berge, blaues Wasser. Ach ja. Auf der Insel saß bis vor ein paar Monaten noch die Leitung des Nuklearprogramms. Menem hat es ja angeblich liquidiert.« Er grinste, bleckte einen Moment die Zähne. Es waren die dritten, perfekt.

»Angeblich?« sagte der Biograph.

»Sagen wir: vorübergehend eingemottet. So, daß ein Nachfolger mit schlechteren Beziehungen zu den Yanquis alles wieder ausmotten kann. – Also, es wurde ein Schacht in die Tiefe getrieben, bis in seismisch interessante Schichten. Und dann hatte Perón den besten, oder einzigen guten, Einfall seines Lebens. Er hat sie angewiesen, da unten mit Knallerbsen zu werfen. Oder, falls es Tanks Idee war, was ich fast annehme, hat Perón klugerweise zugestimmt.«

»Knallerbsen?« Oberst Sepúlveda beugte sich ein wenig vor. »Welche Sorte Knallerbsen?«

»Einfache. TNT. Dynamit. Kordit. Von mir aus antike deutsche Handgranaten aus dem Ersten Weltkrieg. Es waren aber, wie gesagt, seismisch interessante Schichten am Osthang der Anden, und fünfzig Kilometer westlich haben die Chilenen und die Yanquis das sofort angepeilt. Und sie haben sich gesagt, kein Mensch fummelt in dieser Tiefe mit normalem Sprengstoff herum, vor allem nicht ein General Tank und – ¡ay caramba! Wie heißt denn der andere!?«

»Und?« sagte Oribe; wenn der Adjutant ein Hund wäre, dachte Anagnostópulos, hätte er jetzt die Ohren aufgestellt.

»Und«, sagte der Karaí Guasú, »dann haben die Chilenen sofort alle strittigen Grenzverträge mit Perón unterzeichnet. Dabei konnte er sonst gar nicht bluffen. War ein mieser Trucospieler; nicht mal Poker konnte er richtig.«

Anagnostópulos erinnerte sich an Geschichten – sagenhafte Pokerpartien, endlose Runden Tarock und Truco im Palast oder in wechselnden Armeequartieren. Oft hatte el viejo general gewonnen. Fast immer. Der Biograph begann sich vor dem »Fädenzupfen« zu fürchten; fast teilnahmslos registrierte er, daß seine Nackenhaare sich prophylaktisch aufstellten.

Oribe schien mit seinen Gedanken woanders zu sein. Oder? Hatte er schon eine Ahnung? »Es mag Ihren Plänen hilfreich sein, mi general, daß einer Umfrage zufolge die Menschen daheim Sie noch immer lieben.«

»Ach, tun sie das?« sagte der General. »Die Trottel.«

»Was haben Sie denn genau vor?« sagte Sepúlveda.

»Dazu brauche ich ein bißchen Hilfe. Sie, Caballeros, werden alle drei ein wenig reisen.«

Der General kicherte.

Danach redete er sehr lange.

Und...



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