Haefs | Das Schwert von Karthago | E-Book | www.sack.de
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E-Book, Deutsch, 352 Seiten

Haefs Das Schwert von Karthago

Roman
1. Auflage 2019
ISBN: 978-3-641-25027-0
Verlag: Heyne
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

Roman

E-Book, Deutsch, 352 Seiten

ISBN: 978-3-641-25027-0
Verlag: Heyne
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



Historischer Roman – Krimi – Politthriller!

Gisbert Haefs kehrt zurück nach Karthago, der eindrucksvollen Kulisse seiner erfolgreichsten Romane. Und mit ihm Bomilkar, Leiter der Stadtwächter und hartnäckiger Ermittler ohne Angst vor der Obrigkeit. Als ein Ratsherr ermordet wird, gerät Bomilkar in die Mühlen einer Intrige um Macht und unbeglichene Rechnungen.
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1

[229 v. Chr.] Zabugu hatte getötet; deshalb mußte er sterben. Wenn er einen Bettler erschlagen oder einen anderen kleinen Schurken erstochen hätte, würde ihm vielleicht ein langwieriger Tod beschieden: Arbeit in einem der Steinbrüche, lebendig begraben und dennoch nützlich für die anderen. Mord an einem reichen, einflußreichen Mann war durch Tod am Kreuz zu sühnen; wenn der Richter nichts anderes anordnete, würde man den Mörder an ein Kreuz binden, ihm Arme und Beine brechen und das übrige der Sonne, dem Durst und den Schmerzen überlassen. Aber Zabugu hatte das Verbrechen – schlimmer: die Dummheit – begangen, einen Reichen zu töten, der zu den zweihundert Richtern gehörte. Dafür würde einer der anderen Richter zweifellos einen abschreckenden Tod verhängen.

Die Büttel, die unter Bomilkars Leitung den Frieden und die Ordnung der Stadt hüteten, hatten Zabugu zur Großen Mauer gebracht und in eines der Verliese gesteckt.

Es gab einiges am Hergang, das Bomilkar mißfiel, weil Fragen blieben. Fragen, die er Zabugu stellen wollte, ehe einer der einfallsreichen Henker ihm den Mund für immer schloß.

Während er darauf wartete, daß die Hüter des Verlieses mit Zabugu erschienen, überflog Bomilkar noch einmal die Papyrosfetzen, die sein Stellvertreter Autolykos bekritzelt hatte. Nichts an alledem gefiel ihm; dabei sagte er sich mit einem leisen Glucksen, daß kein Mörder verpflichtet sei, sich nach den Vorlieben des Herrn der Wächter der Stadt zu richten.

Der Mord war am Vorabend geschehen, als Bomilkar mit seiner Gefährtin Aspasia in einer Schänke des Hafenviertels aß und den wüsten Geschichten eines Erzählers lauschte. Autolykos hatte den Mörder in die Festung gebracht und offenbar mit Nägeln und Zähnen vor einigen Ratsdienern geschützt, die ihn gleich in den Kerker des Gerichtsgebäudes schleifen wollten.

»Gut so«, murmelte Bomilkar. Er hatte Autolykos auch schon gründlich gelobt. Die Richter und ihre Folterer würden sich früh genug mit Zabugu vergnügen.

Und er selbst hatte sich viel früher mit ihm befassen wollen, gleich am Morgen. Aber dann war eine jener unausweichlichen Formen wiederkehrenden Unheils über ihn gekommen: Ratsherren oder solche, die es werden wollten. Jährlich wurde ein Drittel des Rats neu gewählt, die Wahlen fanden im Spätsommer statt, und zuvor zogen alle, die wieder oder erstmals zur Wahl antraten, durch die Stadt. Um mit Bürgern zu reden, Beschwerden zu lauschen, Verheißungen abzusondern.

Bomilkar, geboren in der ältesten der punischen Städte, Ityke, hätte längst das Bürgerrecht von Qart Hadasht beantragen können, um sich an solchen Wahlen zu beteiligen. Besitz, Verdienste oder Ämter waren die Voraussetzungen. Er besaß weder Boden noch ein Haus oder ein Geschäft, aber er hatte in Iberien gekämpft und hütete den Frieden der Stadt. Eigentlich wußte er gar nicht, warum er sich nie bemüht hatte; vielleicht, weil er ohnehin zuviel mit Politikern umgehen mußte.

Wie an diesem Morgen, als acht Männer, die er alle nicht kannte, zuerst die Wachstube und dann die Festung besichtigen wollten. Einer seiner Stellvertreter, der Punier Achiqar, hatte sie geführt, und zwei Stunden lang hatten sie Fragen gestellt, in Aufzeichnungen geblättert, Vorschläge gemacht. Einige waren umgänglich gewesen, von gewissermaßen erhabener Freundlichkeit, andere schroff und anmaßend, grenzten sich als Nachweis ihrer Zugehörigkeit zu den besseren Schichten durch überdeutliche Aussprache und gewählte Redeweise von ihm und anderem minderen Volk ab. Zeitverlust, der ihn an Wichtigerem gehindert hatte. Zabugu, vor allem.

Er blickte von den Papyrosfetzen auf und lauschte. Die Räume der Ordnungshüter – darunter die eigentliche Wachstube und der Nebenraum, in dem er zuweilen übernachtete – lagen in jenem Teil der Mauer, der sich vom Tynes-Tor nach Süden bis zur Ufermauer am Binnensee erstreckte; durch den gewöhnlichen Vormittagslärm vom Tor und von der Großen Straße war nun das Klirren von Ketten zu hören. Ein paar Lidschläge später tauchten vor dem Eingang vier Männer auf: zwei zum Wachdienst befohlene Fußkämpfer, Zabugu und Achiqar.

»Hier ist das Geschenk«, sagte er; mit dem Kinn wies er auf den Gefangenen. »Gut eingewickelt, hoffe ich.«

»Ich danke euch, Männer.« Bomilkar nickte den beiden Kriegern zu. »Es wird eine Weile dauern. Geht zurück; wir rufen euch, wenn wir fertig sind.«

Zabugu war ein stämmiger Numider – ›Massyler, wahrscheinlich‹, dachte Bomilkar; er trug nichts als einen ledernen Leibschurz und dazu Ketten an den Füßen und Handgelenken. Die Zehen waren lang und schmutzig, die Fußsohlen von Hornhaut überkrustet. Als der Mann sich halb umdrehte, um einen Blick in den Wachraum zu werfen, sah Bomilkar Spuren eines Peitschenschlags auf der Schulter und ein paar verfärbte Hautstellen, vermutlich von Stößen mit Lanzenschäften. An den Händen und im Gesicht gab es kleinere Schwellungen, die von Insektenstichen herrühren mochten.

»Setz dich«, sagte Bomilkar; er deutete auf einen Schemel.

Zabugu wirkte ein wenig verblüfft, ließ sich dann aber ohne ein Wort auf den Schemel sinken. Achiqar lehnte mit der linken Schulter im Eingang, das kurze Schwert in der rechten Hand.

Bomilkar musterte das Gesicht des Mörders. Und zum hundertsten Mal fragte er sich, warum man Beruf und Neigung oder Fähigkeiten eines Menschen nicht am Gesicht erkennen konnte. Zabugu hätte Bauer sein können, Lastträger, Matrose, einfacher Krieger; das stopplige Kinn, der breite Mund, die etwas zu kurze Nase, die müden dunkelbraunen Augen – nichts war ungewöhnlich. ›Keine besonderen Geistesgaben‹, dachte Bomilkar, ›aber auch keine Anzeichen von Blutdurst oder bemerkenswerter Grausamkeit‹.

»Warum?« sagte er.

Zabugu blickte einen Punkt über Bomilkars Kopf an, vielleicht einen Fleck in der Tünche der Wand. Er hob die Schultern.

»Sie haben es eilig mit dir.« Bomilkar lehnte sich in dem schlichten Scherensessel zurück und nahm ein Messer, das zum Beschweren von Papyros gedient hatte. Mit der Spitze deutete er auf Zabugu. »Morgen früh wird sich ein Richter mit dir befassen. Morgen mittag, nehme ich an, wird man beginnen, dir ein langes Sterben zu bereiten.«

Zabugu schien ihn nicht zu hören. Er hatte den Kopf gesenkt und blickte auf den Boden, vielleicht auf die Eisenringe an den Knöcheln oder die Kette dazwischen.

»Hörst du?«

Zabugu hob den Kopf, ganz langsam, und sah Bomilkar an. »Ich höre, Herr der Wächter«, sagte er leise, »aber ich lauschte nicht.«

»Warum nicht?«

»Es wäre nutzlos.«

»Ich werde später, heute abend, mit Himilko reden, dem Sufeten. Er weiß vielleicht schon, welcher Richter deinen Fall übernimmt. Himilko könnte, wenn er einen Grund dafür hätte, mit dem Richter sprechen. Ihn bitten, aus bestimmten Gründen einen schnelleren und weniger schmerzhaften Tod zu verfügen.«

Zabugu kaute auf der Unterlippe. »Das wäre …« Er hustete. »Wozu sollte ein Sufet sich um mich kümmern?«

»Das stimmt.« Bomilkar legte das Messer wieder auf die Papyrosabrisse. »Warum sollte er? Es gibt in dieser Stadt zwei Sufeten, zweihundert Richter, dreihundert Ratsherren, dreißig Älteste und zehntausend Zabugus. Wen kümmert ein Zabugu?«

»Zweihundertvier Richter«, sagte Achiqar mit einem Glucksen. »Hundertvier Edle, die sich um Belange des Staats kümmern, und hundert weniger edle für die alltäglichen Dinge. Zehntausend Zabugus, zehntausend Achiqars. Und wieviel Bomilkars?«

»Mehr als genug. Aber einer dieser Zabugus hat etwas getan, was all die edlen, reichen und mächtigen Männer berührt. Bekümmert. Deshalb kümmern sie sich so schnell um dich.«

Zabugu verdrehte die Augen und schwieg.

»Ich sehe die Dinge so«, sagte Bomilkar. »Du hast den edlen Abdosir mit einer Lanze durchbohrt, als er eben den Eschmun-Tempel verließ. Dein Gesicht war verhüllt, aber du bist über eine Mauer geklettert, um den Sklaven zu entkommen, die dich verfolgt haben, und dabei haben die Zweige eines Baums dir den Schleier abgestreift. Die Sklaven von Abdosir konnten ihren Herrn nicht schützen, aber sie haben dich gesehen, ebenso die der drei anderen Ratsherren, die mit Abdosir im Tempel gewesen waren. Alle haben laut geschrien, und ein paar meiner Wächter, die zufällig ganz in der Nähe waren, haben dich geschnappt, als du den Garten wieder verlassen hast.«

Achiqar öffnete den Mund, schloß ihn aber wieder, als Bomilkar ihm einen unfreundlichen Blick zuwarf.

»Dies wird der Richter bedenken, nicht mehr. Ein Nichts namens Zabugu hat einen Großen der Stadt getötet; es gibt keinen Zweifel daran, also auch keinen Zweifel an der Verurteilung.«

Der Massyler bleckte die Zähne. »Wozu dann dies Gerede, Herr?«

»Weil mich ein paar andere Dinge bekümmern, o Zabugu. Ich will sie dir darlegen, damit du sie – und...


Haefs, Gisbert
Gisbert Haefs, 1950 in Wachtendonk am Niederrhein geboren, lebt und schreibt in Bonn. Als Übersetzer und Herausgeber ist er unter anderem für die neuen Werkausgaben von Ambrose Bierce, Rudyard Kipling, Jorge Luis Borges und zuletzt Bob Dylan zuständig. Zu schriftstellerischem Ruhm gelangte er nicht nur durch seine Kriminalromane, sondern auch durch seine farbenprächtigen historischen Werke Hannibal, Alexander und Troja. Im Heyne Verlag erschienen zuletzt Caesar, Die Mörder von Karthago und Die Dirnen von Karthago.



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