Hähnel | Gift hat keine Kalorien | E-Book | www.sack.de
E-Book

E-Book, Deutsch, 178 Seiten

Reihe: Edition Totengräber

Hähnel Gift hat keine Kalorien

Mordsgeschichten
1. Auflage 2019
ISBN: 978-3-95996-135-6
Verlag: Periplaneta
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

Mordsgeschichten

E-Book, Deutsch, 178 Seiten

Reihe: Edition Totengräber

ISBN: 978-3-95996-135-6
Verlag: Periplaneta
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



Eigenwillige Hobbys, wie Gewinnspiele oder Hirschröhrwettbewerbe, können den Ehepartner schon mal zur Verzweiflung bringen. Und sture Nachbarn oder Mitmenschen, die seltsame Geräusche von sich geben, stören mitunter das eigene Gemüt. Spätestens, wenn der Mensch, den man glaubt zu lieben, sich mit einem anderen verlustiert, ist es nur natürlich, sich Gedanken zu machen, wie man all diese nervigen Zeitgenossen loswerden kann. Warum nicht einfach mal Alexa beauftragen ... Stephan Hähnels Protagonisten glänzen mit Ideenreichtum, wenn es darum geht, sich leidiger Mitmenschen mit einer gewissen Endgültigkeit zu entledigen. Der Berliner Autor präsentiert in seiner nunmehr vierten Mordsgeschichtensammlung Bitterböses und Allzumenschliches und macht seinem Titel 'Meister des schwarzen Humors' wieder alle Ehre.

Stephan Hähnel wurde als Weihnachtsgeschenk 1961 in Berlin geboren. Hier ging er zur Schule, machte eine Ausbildung zum Schlosser und leistete seinen Wehrdienst, wurde Produktionsarbeiter, Kneipenbetreuer, Wirtschaftsingenieur, Finanzbuchhalter, Systemadministrator, Projektmanager, Unternehmer, Callcenter Agent und Personalberater, Ehemann und Familienvater. Und weil das alles noch nicht reichte, ist er auch noch passionierter Autor geworden. Seit 2005 veröffentlichte er zehn Bu?cher, vorwiegend mit Krimi-Kurzgeschichten, was ihm in den Titel 'Meister des Schwarzen Humors' einbrachte. Des Weiteren schreibt er Romane und ist in diversen Anthologien vertreten. Stephan Hähnel ist Gru?nder des Berliner Krimimarathons und lebt, wenn er mal nicht auf Lesereise ist, im Helmholtz-Kiez. www.stephan-haehnel.de
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Autoren/Hrsg.


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Die Deutschlehrerin


Die deutsche Sprache sollte sanft und ehrfurchtsvoll zu den toten Sprachen abgelegt werden, denn nur die Toten haben genügend Zeit, um sie zu lernen.

Mark Twain

Angeblich war der Tipp, den Bommel bekommen hatte, absolut sicher. Die alte Dame, die in der Erdgeschosswohnung lebte, sollte laut seinem Informanten für vierzehn Tage im Urlaub sein. Eine Mittelmeerkreuzfahrt von Italien über Spanien bis nach Griechenland, Kroatien, die Türkei und Tunesien.

Für Bommel, der eigentlich Bernd Ommel hieß, waren derartige Touren nur etwas für alte verstaubte Damen des Bildungsbürgertums, vorzüglich geeignet für pensionierte Lehrerinnen, insbesondere für Ruth Assmann.

Assi, wie die Deutschlehrerin hinter vorgehaltener Hand von den Schülern seit Generationen genannt worden war, hatte ihn zwei Jahre lang mit Orthografie und deutscher Grammatik gequält. Das war zwar schon zwanzig Jahre her, aber dennoch … Gerade deswegen hatte er sich besonders auf den Besuch bei seiner ehemaligen Peinigerin gefreut.

Normalerweise konnte sich Bommel auf die Informationen des Reisebüroinhabers Rolf Hinze verlassen. Diesmal jedoch lag offensichtlich ein Missverständnis vor. Gelegenheit, darüber nachzudenken, ob die Reise der alten Dame verschoben worden war oder ob diese aus gesundheitlichen Gründen selbige storniert hatte, blieb ihm nicht. Nachdem er mit einigem Geschick die Balkontür ausgehebelt und das Wohnzimmer betreten hatte, verspürte er völlig unerwartet die Wirkung von fünfhunderttausend Volt, die nicht nur seine Nackenhaare stramm stehen ließen, sondern ihn auch vollständig bewegungsunfähig machten.

Als Bommel wieder zu sich kam, fand er sich auf einem Küchenstuhl sitzend mit schier unendlich vielen Lagen Klebeband umwickelt. Offenbar hatte Ruth Assmann alles an Paketklebeband verwendet, was sich in ihrem Haushalt finden ließ. Der Gedanke, dass sie seit ihrer Pensionierung irgendeinen Versandhandel betrieb, schien ihm angesichts ihrer Verpackungskünste naheliegend zu sein. Jeder Versuch sich zu befreien, sorgte nur dafür, dass sich seine missliche Lage verschlimmerte. Deftig zu fluchen, vermochte er auch nicht. Quer über dem Mund klebte ein dicker Streifen Panzerband. Die Erkenntnis, dass dieser vollständig jene Barthaare bedeckte, die seit der letzten Rasur vor fünf Tagen gesprossen waren, ließen ihn wimmern.

Erst jetzt bemerkte er den Kater auf seinem Schoß, der sich von dem verzweifelten Geräusch gestört fühlte, fauchend von seinen Knien sprang und zu seinem Frauchen lief. Maunzend wählte er den Stuhl neben ihr.

Assi saß derweilen ruhig an ihrem kleinen Küchentisch und stippte einen Keks in den Kaffee. Mit der anderen Hand strich sie liebevoll über den Kopf des Katers, der sich daraufhin wieder einrollte und zufrieden schnurrte.

„So ist es gut, Platon! Du brauchst keine Angst haben. Ich pass auf dich auf.“ Mit ernstem Blick fixierte sie ihr Gegenüber.

„Bernd Ommel! 6c, wenn ich das richtig in Erinnerung habe. Hätte ich mir ja gleich denken können. Du warst ja schon immer ein Problemkind“, bemerkte die pensionierte Lehrerin resignierend und ergänzte dann mit unverhohlener Freude: „Das hat bestimmt wehgetan, oder?“

Zur Erinnerung hob sie den Elektroschocker hoch und betätigte ihn kurz. Ein knisternder Blitz leuchtete drohend auf.

Bommels wütendes Grunzen bestätigte ihre Annahme und mit einer Mimik, die Zufriedenheit ausdrückte, legte sie das Gerät neben ihre Tasse. Genüsslich biss sie von dem aufgeweichten Keks ab, nippte an ihrem Kaffee und kraulte ihren Kater.

„Entschuldigung, aber bisher hatte ich noch nie die Gelegenheit, dieses kleine handliche Selbstverteidigungsdings auszuprobieren. Ich bin wirklich begeistert.“

Erneut wimmerte Bommel und versuchte sich vergeblich, aus der Zwangslage zu befreien.

Ruth Assmann beobachtete eine Weile die verzweifelten Bemühungen ihres ehemaligen Schülers, mit einem Blick, der ihn zur Ruhe ermahnen sollte. Doch dieser wollte sich davon nicht beeindrucken lassen und zog weiter an seinen klebrigen Fesseln. Also betätigte die pensionierte Lehrerin den Elektroschocker Power Paul 500 abermals. Das Knistern verscheuchte den Kater, der sich lieber einen Platz in sicherer Entfernung suchte, von dem er aber immer noch alles ausgezeichnet überblicken konnte.

Bommel erstarrte und blieb ruhig.

„Wusstest du, dass die Elektroden vergoldet sind? Angeblich hat das nicht nur den Vorteil einer enormen Leitfähigkeit, sondern es sorgt auch für eine beachtliche Stabilität der Kontakte“, erklärte Assi betont langsam, damit Bommel ihren Ausführungen folgen konnte. Dann legte sie eine kurze Pause ein, deutete mit dem Gerät auf seinen Hals und sagte mit strenger Stimme: „Wenn du dich ordentlich benimmst, bin ich bereit, das Klebeband vom Mund zu entfernen. Benimmst du dich ordentlich?“

Er nickte artig. Erst dann fielen ihm seine Bartstoppeln ein. Aber bevor er einen Warnton von sich geben konnte, riss Assi das Klebeband auch schon in einem Ruck ab. Dem Geräusch, ähnlich klingend wie das Zerreißen einer Hose, folgte sein lautes Jammern.

Ungerührt setzte sich Ruth Assmann wieder auf ihren Platz, nahm den nächsten Keks und tunkte das Gebäck seelenruhig in ihren Kaffee.

„Ich werde dir ein paar Fragen stellen und du beantwortest mir diese wahrheitsgemäß. Ansonsten: Krrrrrrrrrrrrrr!“ Sie kicherte albern beim Nachmachen des Elektroschockgeräuschs. „Einverstanden?“

Wegen mir.

Ruth Assmann verdrehte die Augen. „Meinetwegen heißt das. Wegen mir ist Umgangssprache. Was wolltest du in meiner Wohnung?“

Er zögerte. Als sich die Falten auf der Stirn seiner ehemaligen Lehrerin zu kräuseln begannen, hielt er es für gesünder, wahrheitsgemäß zu antworten: „Das, was Diebe üblicherweise in Wohnungen machen tun.“

„Machen tun ist doch kein Deutsch! Entweder machst du es oder du tust es. In deinem Fall tun, wobei klauen das korrekte Verb wäre“, korrigierte sie Bommel und schaute ihn dabei mit prüfendem Blick streng an. Zwar tat ihr ehemaliger Schüler so, als hätte er verstanden, immerhin nickte er energisch, dennoch war sie sich sicher, dass er die Erklärung nicht begriffen hatte.

„Entschuldigung, ich wollte Sie in keinster Weise verärgern.“

„Mein Gott, hast du denn überhaupt nichts in meinem Unterricht gelernt?“ Enttäuscht schüttelte sie den Kopf. „Es heißt: in keiner Weise! Das ist ein absolutes Wort. Man sagt auch nicht: der toteste Einbrecher. Merk dir das endlich.“

Erschrocken wiederholte Bommel mehrmals leise: „In keiner Weise, in keiner Weise, in keiner Weise.“ Nebenbei dachte er darüber nach, ob jemand, wenn er tödlich verletzt wurde, schon richtig tot ist oder ob er, je nach Zustand, viertel-, halb- oder dreivierteltot sein konnte. Wenn dem so war, musste doch die im Sterben liegende Person toter sein als ein anderer Sterbender. Vorsichtshalber verkniff er sich die Überlegung. Zwei Jahre Unterricht bei Assi hatten ihn gelehrt, nur zu fragen, wenn man die Antwort wusste, da sonst die Gefahr bestand, von den anderen Schülern ausgelacht zu werden.

„Wie bist du auf meine Wohnung gekommen?“, unterbrach Assi seine Gedankengänge. Dabei ließ sie den Keks über der Tasse abtropfen. Schließlich sagte sie mit erhobener Stimme: „Bernd Ommel, ich warte!“

„Es ist doch gerade Ferienzeit. Ich hatte mir das mit Ihrer Wohnung einfach nur so vorgenommen gehabt. Die Chance, niemanden anzutreffen, ist doch größer, als wie wenn keine Ferien sind.“

„Das halte ich nicht aus! Größer als! Nicht größer als wie. Besser noch: Die Chance, niemanden anzutreffen, ist größer, wenn keine Ferien sind. Kurze einfache Sätze! Und seit wann mischt man die Vergangenheitsformen? Präteritum, Perfekt und Plusquamperfekt. Erste Vergangenheit, zweite Vergangenheit, vollendete Vergangenheit, du Dusseltier. Das lernt man in der dritten und vierten Klasse. Und außerdem: Ich habe fünfundvierzig Jahre Ausredenerfahrung. Ich wiederhole meine Frage: Wie bist du auf die Wohnung gekommen?“

Unter dem gestrengen Blick seiner ehemaligen Lehrerin wurde Bommel zusehends blass und spürte, wie ihm der Schweiß über das Gesicht lief. Er versuchte es mit einem verstockten starren Blick auf seine Füße. Früher hatte das geholfen, wenn er an der Tafel stand und die Antwort auf eine Frage nicht wusste. Er musste nur lange genug warten, bis Assis Geduld aufgebraucht war. Als aber erneut das elektrische Surren des Elektroschockers ihm unmissverständlich klar machte, dass er kein Schulkind mehr war, murmelte er leise: „Rolf hat mir den Tipp gegeben.“

„Rolf? Rolf Hinze? Der Inhaber des Reisebüros am Marktplatz?“ Ungläubig schaute sie Bommel an. „Von ihm hast du die Information, dass ich für zwei Wochen eine Kreuzfahrt gebucht hatte?“

Bommel wollte dazu etwas erklären, als aber seine einstige Lehrerin energisch den Zeigefinger über die Lippen legte, verzichtete er lieber.

„Offensichtlich hat Hinze es versäumt, dich darüber zu informieren, dass ich heute Morgen meine Reise kurzfristig wegen Platon absagen musste.“ Sie blickte zu ihrem Kater und zögerte einen Moment, bevor sie mit dem Verhör fortfuhr. „Raubt ihr schon lange zusammen Menschen aus, während sie ihren Urlaub genießen?“

Zwar wollte Bommel nicht auf die Frage antworten, aber als Assis Zeigefinger der rechten Hand rhythmisch auf die Tischplatte klopfte, bestätigte ein leichtes Nicken ihre...



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