E-Book, Deutsch, Band 3111, 64 Seiten
Reihe: Perry Rhodan-Erstauflage
Haensel Perry Rhodan 3111: Die Glasregenwelt
1. Auflage 2021
ISBN: 978-3-8453-6111-6
Verlag: Perry Rhodan digital
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Chaotarchen-Zyklus
E-Book, Deutsch, Band 3111, 64 Seiten
Reihe: Perry Rhodan-Erstauflage
ISBN: 978-3-8453-6111-6
Verlag: Perry Rhodan digital
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
In der Milchstraße schreibt man das Jahr 2071 Neuer Galaktischer Zeitrechnung. Dies entspricht dem 6. Jahrtausend nach Christus, genauer dem Jahr 5658. Über dreitausend Jahre sind vergangen, seit Perry Rhodan seiner Menschheit den Weg zu den Sternen geöffnet hat. Noch vor Kurzem wirkte es, als würde sich der alte Traum von Partnerschaft und Frieden aller Völker der Milchstraße und der umliegenden Galaxien endlich erfüllen. Terraner, Arkoniden, Gataser, Haluter, Posbis und all die anderen Sternenvölker stehen gemeinsam für Freiheit und Selbstbestimmtheit ein, womöglich umso stärker, seit ES, die ordnende Superintelligenz dieser kosmischen Region, verschollen ist. Als die Liga Freier Galaktiker erfährt, dass in der Nachbarschaft der Milchstraße ein sogenannter Chaoporter gestrandet sei, entsendet sie unverzüglich ihr größtes Fernraumschiff, die RAS TSCHUBAI. Denn eine Warnung besagt, dass von FENERIK, diesem chaotarchischen Gebilde, eine ungeheure Gefahr für die Galaxis ausgehe. Während Perry Rhodan als Allianz-Kommissar in Cassiopeia, einer Andromeda vorgelagerten Kleingalaxis, auf der Suche nach dem Chaoporter FENERIK ist, tun sich in der Milchstraße befremdliche Dinge: Ein Kastellan von ES - mehr als diesen Titel weiß man bisher nicht - erscheint auf Terra. Dann rückt das Messiersystem ins Zentrum der Aufmerksamkeit, genauer: DIE GLASREGENWELT ...
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1.
Vorbereitungen
Ich schreckte auf und wusste nicht, was geschehen war. Alles um mich schien sich zu drehen. Ich fühlte mich leer und ausgelaugt.
Hatte ich geschlafen?
Geträumt?
Ich atmete hastiger. In meinen Schläfen rauschte das Blut. Jäh kippte ich mit dem Oberkörper nach vorn, versteifte mich – und schreckte vollends auf.
Sekundenschlaf!
Mir wurde bewusst, wie sehr ich mich gegen die aufkommende Erschöpfung gesträubt hatte. Es hatte mich trotzdem erwischt. Nur für Sekunden? Oder hatte ich länger im Sessel geschlafen?
Ich blinzelte gegen das Brennen in den Augen an.
Im Holoschirm vor mir wirbelte ein Meer von Farben. Sie markierten Strömungslinien, Gravofronten, schwankende Atmosphäredichte und Druckgefälle – alles zusammen eine psychedelische Qual, der man sich besser nicht aussetzte. Zumindest würde jeder halbwegs auf sich achtende Mensch die grafische Umsetzung der Messwerte als Pein ansehen. Für mich waren sie bedeutungsvoll. Sogar unerlässlich.
Ich zwang mich, die Lider offen zu halten. Ein zweites Mal durfte mich die Müdigkeit nicht so hinabziehen wie eben. Selbst wenn es nur wenige Momente gewesen waren, ein solcher Kontrollverlust konnte im Sturm-Trawler meinen Tod bedeuten.
»Mann, Stashiu ...«, brachte ich im Selbstgespräch über die Lippen. »Du solltest wissen, was du dir zumuten kannst und was nicht.«
Ich hob beide Arme und massierte mit kräftigem Fingerdruck meine Schläfen. Ich war schlicht und einfach während der Arbeit am Bildschirm eingeschlafen. Dabei waren das erst Vorbereitungen und nichts im Vergleich zu dem, was mich in einigen Tagen erwartete.
Vor mir lag ein neuer Flug, tief hinunter in die Atmosphäre des Planeten Tarhuwant, in die Hölle der tobenden Stürme, der sengenden Hitze und des Glasregens.
Alle Berechnungen lagen vor. Ich versprach mir viel von ihnen. Es musste mir lediglich gelingen, die Koordinaten unbeschadet zu erreichen.
Meine Hände wanderten von den Schläfen in den Nacken. Das stundenlange Starren auf die Holos hatte mich fast mehr angestrengt als der letzte Flug mit dem Trawler. Ich eignete mich nicht als Positronikspezialist, der abgeschieden in einer kleinen Wohnung arbeitete. Ich brauchte den Reiz und den Nervenkitzel der grenzenlosen Freiheit.
Mehr als drei Wochen lag der letzte Höllenritt zurück. Drei Wochen, in denen ich nahezu jede Minute genutzt hatte, die gewonnenen Daten auszuwerten und zu extrapolieren. Immer mit dem Teufel im Nacken, der mich antrieb und mir einredete, ein Konkurrent würde letztlich schneller sein.
Den 70. Geburtstag hatte ich seit Monaten hinter mir. Niemand wusste davon. An dem Tag hatte ich mir einen besonders ausgedehnten Flug durch die Atmosphäre des inneren Planeten gegönnt und das Toben der entfesselten Elemente genossen. Schon deshalb stellte ich mir nicht die Frage, wie lange ich die Strapazen des Gasriesen würde wegstecken können. Mit 100, hieß es, kämen die besten Jahre. Vielleicht würde ich dann darüber nachdenken, ob ich immer noch gegen die Naturgewalten antreten wollte ...
Mit einem unwilligen Kopfschütteln verscheuchte ich diese Gedanken. Ich musste raus und abschalten, durfte mich für zwei, drei Stunden nicht mehr mit Tarhuwant und dem Glasregen befassen. Inmitten aller Datenfülle, den Aufzeichnungen einiger meiner Flüge und den vielfältigen neuen Hochrechnungen war mir Entspannung schlicht unmöglich.
Mit einer knappen Handbewegung löschte ich den Holoschirm und stemmte mich aus dem Sessel. In Augenhöhe vor mir entstand prompt ein greller Schriftzug.
Keine Absicherung, Stashiu?
Ich stutzte und kniff die Brauen zusammen. Es war richtig, dass die Positronik intervenierte, denn ich hatte dem Projekt höchste Priorität zugewiesen.
»Ja, schon«, sagte ich. »Komplette Zugriffssperre!«
Du verlässt die Wohnung für längere Zeit?
Manchmal irritierte mich die Neugierde der Positronik. Ich lebte allein, weil ich niemanden brauchte, der mir in meine Planungen reinredete und mich bevormundete. Auf die Positronik konnte ich allerdings nicht verzichten.
»Ich lasse mir den künstlichen Wind von Nuuma um die Nase wehen«, antwortete ich. »Mit den Vorbereitungen bin ich weit genug, etwas Abwechslung wird mir also kaum schaden.«
Ich brauchte die Rechtfertigung für mich selbst, anders hätte ich mich nur schwer aus dem Zwang der Perfektion lösen können. Etwas dem Zufall zu überlassen, lag mir nicht. Jedenfalls soweit es meine Arbeit betraf.
Ich stopfte das halb aus der Hose gerutschte Hemd in den Gürtel zurück und zog den Kragen zurecht. Mit beiden Händen fuhr ich mir durchs Haar und über den seit zwei Wochen nicht gestutzten Bart. Die umfangreichen Berechnungen waren mir wichtiger gewesen als die Rasur. Falls alles stimmte – wovon ich ausging –, konnte ich den Coup meines Lebens landen.
Aber träumte nicht jeder, der sich nach Tarhuwant wagte, von einer besonders ertragreichen Ernte?
*
Eine sonderbare Stimmung lag über der Siedlung Nuuma. Ich erkannte die Veränderung, kaum dass ich aus dem Antigravlift des Wohnkomplexes auf den Vorplatz trat. Stimmt: Der Termin war mir bekannt, nur hatte ich wegen meiner angespannten Arbeit nicht mehr darauf geachtet.
Ich empfand einen magischen Hauch von Zeitlosigkeit, wie er der sprichwörtlichen blauen Stunde auf Terra anhaftete – jener kurzen Spanne der Dämmerung, während der die Sonne so dicht unter dem Horizont stand, dass ihr blaues Lichtspektrum am Himmel dominierte. Wie auf Terra, war es auf Tausenden ähnlicher Welten – auch wenn nicht jede den gleichen Begriff verwendete –, aber der Mond Euponia hatte seine eigene Definition.
Mir war bewusst, dass die Sonne Messier viel weniger zu dieser Aura beitrug als Sol über Terra. Messier gehörte in die Spektralklasse K und war ein gelbrötlicher Stern. Er hatte nur acht Zehntel der Masse von Sol, wies aber eine Oberflächentemperatur von knapp über 5000 Grad Celsius auf und war damit für einen K-Stern ungewöhnlich heiß; eine recht junge Sonne.
Ich hatte den Vergleich parat, weil das Solsystem die Heimat meiner Vorfahren war. Die halbe Milchstraße trennte beide Sonnen. Sol lag mehr als 43.000 Lichtjahre entfernt, ziemlich genau auf der anderen Seite des galaktischen Zentrums.
Auch Euponia selbst hatte wenig Anteil an dem aufziehenden Flair. Die Atmosphäre des Mondes war zu dünn, um das Sonnenlicht zu brechen oder gar Strahlungsanteile herauszufiltern. Sie wies lächerliche acht Prozent Sauerstoff auf, überwiegend Stickstoff, etwas Ammoniak und Edelgase. Der Sauerstoff stammte von frühen Versuchen, den Mond zu terraformen. Warum es bei den Versuchen geblieben war, entzog sich meiner Kenntnis.
Nuuma lag jedenfalls unter einer schützenden Kuppel. Sie war ein filigran gewobenes Meisterstück der Architektur und nur an wenigen neuralgischen Punkten von Gravoprojektoren gestützt. Von außen wurde die Kuppel durch einen energetischen Schutzschirm gesichert, der im Fall des Falles die Atmosphäre der Siedlung am Entweichen hindern würde.
Stimmen erklangen in meiner Nähe, teils schon begeisterte Rufe. Immer mehr Menschen hielten inne und blickten in die Höhe. Die Sonne stand so tief, dass die Kuppel über der Siedlung scheinbar flirrte. Zudem hatte sich die Mutterwelt Themis weit über den Horizont erhoben.
Weniger mächtig, jedoch intensiver leuchtend, war Tarhuwant annähernd münzgroß zu sehen. Der innere Planet des Systems, ein heißer Gasriese, strahlte in tiefem Kobaltblau. Viele Bewohner des Messiersystems hielten ihn für einmalig in der Galaxis. Für mich klang das übertrieben, allerdings zählte er schon allein wegen seines Glasregens zu den Besonderheiten der Milchstraße.
Auf seinem schnellen Lauf um die Sonne war der Planet zu bestimmten Zeiten mit dem bloßen Auge zu verfolgen. Als Heranwachsender hatte ich den Riesenstern oft beobachtet. Vor allem meine Faszination damals war schuld daran, dass ich zu einem Glasfischer geworden war. Ich hatte mir damit den Traum meiner Jugend erfüllt.
Wobei, hin und wieder geriet die Jagd nach Tar-Splittern durchaus zum Albtraum, denn Tarhuwant war alles andere als ein zahmer Planet. Wer das nicht am eigenen Leib erlebt hatte, konnte nicht im Mindesten mitreden ...
Ich hatte gerade rechtzeitig den Wohnblock verlassen und sah, wie das kräftige Blau des inneren Planeten auf die Kuppel übersprang. Vom Zenit ausgehend, schwappte die Farbe in sanften Wogen nach allen Seiten. Es war ein Chamäleoneffekt, der erst bei sehr hoher Farbintensität eintrat. Im Kuppelmaterial eingebettete Pigmente reagierten entsprechend. Allerdings mussten, wie in diesen Minuten, mehrere Faktoren zusammentreffen.
Die nächste Welle schwappte über wie ein gigantischer Wasserfall und ließ die Begrenzung der Kuppel deutlich werden. Das Schauspiel bekam gerade deshalb etwas Erhebendes. Ich empfand es jedenfalls so, weil die Flut, kaum dass sie den Mondboden erreichte, gischtend wieder in die Höhe brandete.
*
Im Gegensatz zur Mutterwelt Themis, auf der bald nach der Gründung der Kosmischen Hanse eine kleine terranische Siedlung errichtet worden war, blieb der Mond Euponia zunächst unbeachtet. Erst in der Zeit der Sternwehs, als die Hanse die zwölf Galaxien Estartus für sich entdeckte, war Euponia in der innergalaktischen Bedeutung aufgerückt und zum Umschlagplatz für Handelsgüter mit der Eastside aufgewertet geworden. Keineswegs im großen Stil, aber es hatte genügt, damit einiges Kapital nach Themis geflossen war.
Neben einem halben Dutzend Warendepots war...




