E-Book, Deutsch, Band 3207, 64 Seiten
Reihe: Perry Rhodan-Erstauflage
Haensel Perry Rhodan 3207: Transmitter-Ballett
1. Auflage 2023
ISBN: 978-3-8453-6207-6
Verlag: Perry Rhodan digital
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection
Perry Rhodan-Zyklus "Fragmente"
E-Book, Deutsch, Band 3207, 64 Seiten
Reihe: Perry Rhodan-Erstauflage
ISBN: 978-3-8453-6207-6
Verlag: Perry Rhodan digital
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection
Das Ende des 21. Jahrhunderts Neuer Galaktischer Zeitrechnung ist angebrochen. Mehr als dreieinhalbtausend Jahre von unserer Zeit entfernt lebt die Menschheit in Frieden. Zwischen den Sternen der Milchstraße herrschen keine großen Konflikte mehr. Wie es aussieht, könnte Perry Rhodan, der als erster Mensch von der Erde auf Außerirdische gestoßen ist, sich seinem großen Ziel nähern: der alte Traum von Freundschaft und Frieden zwischen den Völkern der Milchstraße und der umliegenden Galaxien. Die Angehörigen der Sternenvölker stehen für Freiheit und Selbstbestimmung ein, man arbeitet gleichberechtigt zusammen. Bei ihrem Weg zu den Sternen hat ein geheimnisvolles Wesen die Menschen begleitet und unterstützt: Es trägt den Namen ES, man bezeichnet es als eine Superintelligenz, und es lebt seit vielen Millionen Jahren zwischen Zeit und Raum. Rhodan sieht ES als einen Mentor der Menschheit. Doch ES weilt nicht mehr in der Galaxis - das Geisteswesen scheint zwischen den Sterneninseln verschollen zu sein, zersplittert in Fragmente. Eines soll sich in der Kleingalaxis Morschaztas befinden. Doch ihre Herrscher reagieren feindselig auf die Besucher aus der Milchstraße. Um die Besatzung der MAGELLAN zu retten, braucht es ein TRANSMITTER-BALLETT ...
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1.
Lachen und Weinen
22. Juli 2096 NGZ
Ein hässliches Etwas, lang und sich windend wie ein Wurm, zugleich massig wie einer der tückischen Raub-Aale in den Ufergewässern der Inseln ... Das war Muvarons erster Eindruck beim Blick auf das soeben vor ihm entstandene Holo.
Ein Affront, die Beleidigung der Vollkommenheit. Unverkennbar eine gezielte Provokation.
»Sie verhöhnen unsere Werte!« Muvaron, der Leiter der Panjasischen Garden des Planeten Ghyzarasch, versteifte sich. »Diese Terraner sind den Einsatz und die Bemühungen unserer Mentoren nicht wert.«
Die Bildwiedergabe war extrem unruhig. Das unrhythmische Auf und Ab verlangte geradezu von jedem Betrachter, dass er sich angewidert abwandte. Muvaron widerstand diesem Drang.
Die Überwachungssonde zeigte einen von Schuppen und flatternden Hautfetzen übersäten, zuckenden Leib ... Vom Rücken dieses Etwas standen unterarmlange gebogene Stacheln ab ... Das alles wirkte wie ein Meer ineinanderfließender greller Farben, die jeder Harmonie entbehrten. Pure Hässlichkeit.
Die Sonde sendete erst wenige Sekunden, sie war sofort ins Detail gegangen.
»Wo und was ist das?«, fragte einer der Gardisten, die in respektvollem Abstand hinter Muvaron standen. Die beiden waren erst vor wenigen Minuten zum Appell erschienen. Unüberhörbare Erschütterung schwang in der Stimme mit. Die Schwäche so vieler Cappins, die nicht das Glück hatten, als Panjasen geboren worden zu sein.
Die Sonde erfasste den wuchtigen Schädel des Ungetüms. Zwei üppige Fadenbüschel, zweifellos Sinnesorgane, wehten nach allen Seiten.
Auch die Schuppenhaut des Schädels war mit undefinierbaren Mustern bedeckt. Weit hervorquellende Augen und ein mächtiges Maul unterstrichen das Widerliche.
Was immer es sein mochte, das sich da zuckend aufbäumte, Muvaron hatte nie eine ähnlich abstoßende Gestalt gesehen. Damit wollte die Terranerin Schnittke-Barnum Eindruck schinden?
Der weit aufgerissene Rachen, blutig rot, war mit zwei Reihen kräftiger Reißzähne besetzt. Muvaron meinte, einen mächtigen Dorn zu sehen, der aus dem Unterkiefer der Kreatur nach unten ragte, gleichzeitig erkannte er, dass es sich um einen langen Stab handelte. Die Überwachungssonde ging mit ihrer optischen Erfassung in die Totale.
Acht Sekunden bislang, zeigte die im Holo eingeblendete Zeitkontrolle. Und nach wie vor gab es keine akustische Übertragung. Die Sonde unterdrückte den Ton: selektive Auswahl, um ein zu schlechtes Niveau zurückzuhalten.
»Verrückte!«, ächzte Muvaron. Ihn wunderte nichts. Die im Paradies von Ghyzarasch angesiedelten Terraner erwiesen sich als unbelehrbar. Diese zur Schau gestellte Hässlichkeit war unbegreiflich, zudem ein vernichtendes Zeugnis für die Bemühungen der panjasischen Mentoren.
Was bedeutete diese Kreatur? War sie eine Ausgeburt kreatürlicher terranischer Ängste? Ein Albtraum, wie ihn nur rückständiges Leben hervorbringen konnte?
Was sich dem forschenden Blick mit bizarrer Unvollkommenheit aufdrängte, war eine hohle, nicht einmal gut gemachte Puppe. Muvaron sah, dass vier Terraner das Ding mit langen Stäben dirigierten – in absolut unkontrolliert wirkenden Bewegungen.
Die vier folgten einem fünften, der in geringem Abstand vor dem viele Meter langen hässlichen Konstrukt einherging.
Muvaron kniff die Brauen zusammen. Dieser fünfte Terraner gab sich, als wüsste er nichts von dem Geschehen hinter sich.
»Akustik!«, verlangte Muvaron.
Eine Kakofonie schräger Klänge schlug über ihm zusammen. Trommelgeräusche, vermischt mit schrillem Wimmern. Alles laut und unmelodisch, wie befürchtet.
»Akustik aus!«
Muvaron fragte sich, was die Frau beabsichtigte. Sie bezeichnete sich selbst als Kulturpräsentatorin und probte ihre Zirkusvorstellung – in Wahrheit eine neue Form des Widerstands?
Der vorangehende Terraner war schrecklich gekleidet. Von seinen Schultern hing ein weiter, bis zu den Knien reichender Mantel. Ein Sack von einem Kleidungsstück, nicht mehr. Der Umhang machte den Eindruck, als wären alle Einzelteile gerade noch vor der Desintegration aus dem Müll hervorgewühlt worden. Flicken und Flecke waren wirr aneinandergesetzt.
Muvaron verzog keine Miene. Die Provokation war eindeutig. Soweit die Beine des Terraners unter dem Umhang überhaupt sichtbar waren, steckte eines in schillernden, über der Wade abgerissenen Lumpen, am anderen baumelten verschiedenfarbige Fetzen eines der Länge nach aufgeschlitzten Hosenbeins. Und die Schuhe? Übergroß und so breit, dass der Mann darin kaum gehen konnte, vorne zudem noch mit roten Stoffkugeln besetzt.
Rot wie ...
Muvaron stockte der Atem.
... wie die Nase, die ebenfalls kugelförmig im Gesicht des Mannes prangte.
Der Terraner hielt inne und wandte sich mit einem Ruck um. Er stand schwankend da und starrte die Puppe an.
Im nächsten Moment redete er gestikulierend auf das nachgebildete Etwas ein, das den Schädel senkte und mit weit aufgerissenem Rachen nach ihm schnappte, taumelte zurück und hob in einer flehenden Geste die Arme.
Die Kreatur schnappte erneut zu. Gleichzeitig hielt der Terraner, woher auch immer, einen Blumenstrauß in der Hand.
Als das zuckende Tier seine Zähne in die Blumen schlug und die Pracht zerfetzte, schrie der Mann auf. Das war deutlich zu sehen, wegen der fehlenden Tonerfassung aber nicht zu hören.
Das ganze Zirkustheater, das die Terranerin Orina Schnittke-Barnum seit Wochen proben ließ, war irrsinnig. Schlimmer als alles, was Muvaron aus der Historie über dieses Volk wusste.
Der in den armseligen Flickenmantel gekleidete Terraner starrte auf die in seiner Hand verbliebenen Blumenstiele. Seine rote Kugelnase glühte und blinkte und aus beiden Augen schossen ...
Tränen?
Zwei kräftige Wasserstrahlen trafen den wuchtigen Schädel des Tieres, der mit einer ruckartigen Bewegung zur Seite auswich. Das geschah so heftig, dass unmittelbar am Kopfansatz der Schuppenkörper aufriss.
Muvaron wandte sich zu den wartenden Gardisten um. »Welches Prädikat soll ich dieser hässlichen Vorstellung und ihren Teilnehmern geben?«, fragte er bedrohlich leise.
Was er sah, regte ihn auf. Es war seine Pflicht, die Vollkommenheit zu fördern und zu schützen – und wenn es sein musste, Strafen zu verhängen.
Es musste sein! Eindeutig!
»Folgt mir!«, befahl er seinen Untergebenen.
*
Orina Schnittke-Barnum hielt die Hände im Nacken verschränkt und schaute nahezu senkrecht in die Höhe. Bei einer der letzten Proben hatte sie sich, im Übereifer alles perfekt und gleichzeitig haben zu wollen, den Nacken verrenkt. Geblieben war ein Schmerz, zumal sie nicht daran dachte, sich wegen dieser Lappalie in medizinische Behandlung zu begeben. Sicher, Nova Terra bot eine perfekte medizinische Versorgung, und das galt nicht nur für die Terraner, sondern ebenso für alle Galaktiker, die der MAGELLAN-Besatzung angehörten.
... die der Besatzung angehört hatten. Der Ultratender existierte nicht mehr. Die Hiobsbotschaft hatte sich wie ein Lauffeuer verbreitet, kaum dass die letzten Besatzungsmitglieder auf Ghyzarasch eingetroffen waren.
Orina taxierte routinemäßig die Halterungen der Seile und Trapeze unter der Hallenkuppel, vor allem die Wirbel zwischen Decke und den Befestigungen.
Keiner war freiwillig auf diesem Planeten. Mehr als 23.000 Personen – die Schiffsführung, Wissenschaftler und Techniker, die Angehörigen der Raumlandebataillone und die Familienangehörigen. Sie waren von den Cappins deportiert worden. Angeblich zu ihrem eigenen Wohl.
Die Meinungen darüber gingen weit auseinander. Für Orina Schnittke-Barnum war Ghyzarasch ein Gefängnis – ein Umerziehungslager, in dem alle »Gefangenen« zur Kultur und der Weltanschauung der Panjasen bekehrt werden sollten.
Der Planet war in der Tat ein Paradies, das schöner und verführerischer kaum sein konnte. Das musste sie ihrer neuen »aufgezwungenen« Heimat zugestehen. Es hinderte sie aber nicht daran, sich als Opfer zu fühlen.
Kein Paradies war ohne Ecken und Kanten. Schon die christliche Bibel kündete davon. Orina sah es als irreführend an, von einem Apfel zu berichten, den zu pflücken die böse Schlange Eva überredet hatte. Vielmehr war bereits der Griff nach dem Baum der Erkenntnis der Sündenfall. Nur Naturvölker konnten in einem Paradies leben. Sobald die Zivilisation begann, entstanden Neid und Missgunst – und Machtgier. Der Drang, Macht über andere auszuüben und ihnen die eigene Überzeugung aufzuzwingen.
Das Paradies der Panjasen war die Vollkommenheit. Egal welcher Mittel es bedurfte, sie zu erreichen. Die Vollkommenheit nicht nur des Individuums, sondern aller Dinge – eine unendliche, umfassende Schönheit.
Für Orina lag Schönheit hingegen allein im Auge des jeweiligen Betrachters. Sogar das vermeintlich Hässliche konnte demnach schön sein.
Die Panjasen, fand sie, waren ihrem Drang nach Vollkommenheit längst zum Opfer gefallen. Am Ziel ihres Weges würde eine homogene, gleichgeschaltete Masse stehen. Und dann? Eine solche Art von Vollkommenheit brachte letztlich Lethargie und geistige Windstille.
Dieser Preis war Orina zu hoch.
Zugegeben, auf Ghyzarasch herrschte Friede. Angehörige vieler Cappinvölker lebten Seite an Seite mit den Galaktikern. Es gab zwar Einschränkungen, aber keine Gettos. Und die Einschränkungen wurden lockerer, je mehr der Einzelne oder auch Gruppen den Idealen der Panjasen nacheiferten.
Eine Droge, die schnell süchtig und abhängig machte.
Und ein Friede, der in Wahrheit keiner war,...




