Haensel | Tödliche Fracht | E-Book | www.sack.de
E-Book

E-Book, Deutsch, Band 7, 240 Seiten

Reihe: HOPF Autorenkollektion

Haensel Tödliche Fracht


1. Auflage 2021
ISBN: 978-3-86305-377-2
Verlag: Verlag Peter Hopf
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection

E-Book, Deutsch, Band 7, 240 Seiten

Reihe: HOPF Autorenkollektion

ISBN: 978-3-86305-377-2
Verlag: Verlag Peter Hopf
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection



Zwei Romane in einem Band. - Tödliche Fracht Die Crew des Raumfrachters PEGASUS sieht schlechten Zeiten entgegen. Der Auftrag, landwirtschaftliche Fracht zu einem Siedlungsplaneten zu transportieren, kommt für die Eignerin wie gerufen. Doch der Schein trügt. Schon während des Fluges stellt sich heraus, was die PEGASUS tatsächlich geladen hat, und am Ziel wird sie eingesetzt, die Tödliche Fracht. Dieser Roman erschien 1984 als Terra Astra 603. - Reinkarnation Nach einem schweren Unfall musste David Weingart reanimiert werden. Während er in der Klinik seiner Genesung entgegen sieht, werden fremde Erinnerungen in ihm wach. Da sind Goordan und Cynthia, zwei nach einem besseren Leben strebende Geächtete, und da ist der Physiker Ray Clifton, der eine Marsexpedition leitet. Was sie miteinander verbindet, ist die Reinkarnation. Dieser Roman erschien 1980 als Terra Astra 463. - Außerdem enthält der Band die Kurzgeschichte 'Traumhaus im Grünen', die 1996 in Fantasia 100 des EDFC e.V. erschienen ist.

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1.


»Ich verstehe beim besten Willen nicht, was Sie von mir wollen.«

Jeanne Bouille fixierte die beiden Besucher, die ihr gegenüber auf den altertümlichen, wackligen Holzstühlen Platz genommen hatten.

»Sagen wir einfach: Wir möchten Ihnen unter die Arme greifen«, erwiderte einer der Männer ohne erkennbare Regung. Seine Augen waren unablässig in Bewegung; nicht ein Winkel des spartanisch eingerichteten Büros schien seiner Aufmerksamkeit zu entgehen.

Außer den beiden Stühlen und dem Kunststoffsessel, in dem die Inhaberin der Frachtgesellschaft sich zurückgelehnt hatte, gab es einen Schreibtisch, ein abgegriffenes Bildtelefon und zwei Aktenschränke, in denen Berge unbenutzter Formulare aufgeschichtet lagen. Die Wände waren mit Fotos übersät, als seien diese vor allem dazu da, die ausgeblichene Tapete zu verdecken. Vielleicht haftete dem Raum gerade deshalb eine gewisse zeitlose Atmosphäre an.

»Ich denke nicht, dass ich Hilfe benötige«, kommentierte Jeanne, wobei ihre Wangenknochen deutlich hervortraten. Um ihre Mundwinkel zuckte es. Sie gab sich gar nicht erst die Mühe, zu verbergen, dass sie ihr Gegenüber wenig sympathisch fand. Den zweiten Mann bedachte sie ebenfalls mit einem müden Blick.

»Uns ist Ihre finanzielle Situation hinreichend bekannt, Miss Bouille.«

»Meinen Sie …« Herausfordernd fuhr Jeanne sich mit der Zunge über die Lippen. »Wie war gleich Ihr Name, Mister …?«

»Rodstock. Gene Rodstock. Von der Deneb Freight Company.«

»Gut, Mister Rodstock, dann sage ich Ihnen etwas, das Sie sich hinter die Ohren schreiben sollten.« Jeanne Bouille klang frostig. Wie sie nun im Sessel saß, hatte sie mehr von einer lauernden Raubkatze als von einer Frau, die es gewohnt war, dass die Männer sich nach ihr umdrehten. »Falls jemand behauptet, dass die Pegasus-Frachtgesellschaft in Schwierigkeiten steckt, gleich welcher Art, ist dieser Jemand falsch informiert. Und nun muss ich Sie bitten, mir nicht unnötig meine Zeit zu stehlen. Ich denke, Sie finden selbst hinaus.«

Rodstock schüttelte leicht den Kopf. Ein spöttisches Lächeln huschte über sein Gesicht.

»Zufällig kenne ich Ihre Bilanzen und weiß, dass Sie kein halbes Jahr überleben werden. Der Konkurs ist unabwendbar.«

Jeanne stemmte die Handballen auf die Armlehnen ihres Sessels und richtete sich halb auf.

»Gehen Sie!«, sagte sie schneidend scharf. »Ich sehe nicht ein, weshalb ich mich in solch unverschämter Weise beleidigen lassen sollte.«

»Hunderttausend Kronen«, sagte der zweite Mann, der bislang geschwiegen hatte. »Das ist ein stolzer Preis für die Übernahme Ihrer Lizenz. In sechs Monaten werden Sie kein Butterbrot mehr dafür bekommen.«

»Pah«, machte Jeanne. »Wenn die Konkurrenz keine besseren Angebote macht, verzichte ich. Ich brauche keine Almosen.«

»Überlegen Sie es sich gut«, beharrte Rodstock. »Mit dem Betrag könnten Sie sich von allen Verbindlichkeiten befreien. Und der Verkaufserlös für den Schrotthaufen, den Sie als Raumschiff bezeichnen, dürfte die anfallenden Kosten decken. Mit einem Schlag wären Sie Ihre Belastungen los.«

»Sie gehen von falschen Voraussetzungen aus, meine Herren. Ich habe nicht die Absicht, zu verkaufen. Nicht für Hunderttausend und nicht für Hundertfünfzig …«

»Zweihunderttausend … Das ist unser letztes Angebot und sehr viel mehr, als wir verantworten können.«

»Warum machen Sie es dann?«

Jeannes Frage war entwaffnend. Rodstock suchte vergeblich nach einer Antwort.

»Endlich haben wir uns verstanden«, sagte die Inhaberin der Pegasus-Fracht nicht ohne Spott. Sie deutete auf eines der Bilder hinter sich. »Da Sie zumindest behaupten, gut informiert zu sein, nehme ich an, dass Sie meinen Großvater kannten. Als Firmengründer würde er einem Verkauf niemals zustimmen.«

»Die Zeiten ändern sich, Miss Bouille. Vor hundert Jahren mag Ihr Frachter modern gewesen sein. Aber das war vor hundert Jahren. Mittlerweile müssen Sie investieren. Schon der Versuch, nur die Triebwerkstechnik auf den neuesten Stand zu bringen, würde die Schlinge um Ihren Hals zuziehen. Oder kennen Sie eine bessere Begründung, weshalb Ihr entsprechender Kreditantrag von allen vier interstellaren Banken ohne nähere Prüfung abgelehnt wurde?«

»Raus!« Jeanne Bouille sprang auf. »Sie wissen, wo die Tür ist, also gehen Sie! Und richten Sie Ihrem Boss aus, dass ich keinen Grund sehe, weshalb ich aufgeben sollte.«

»Selbstverständlich.« Rodstock lachte. »Pegasus ist ein durch und durch gesundes Unternehmen.« Unter der Tür wandte er sich noch einmal um: »Sie werden Ihren Entschluss bereuen, Miss – bitter bereuen, fürchte ich sogar.«

Jeanne war wieder allein. Sie starrte eine Weile blicklos vor sich hin, und ihr Brustkorb hob und senkte sich im Rhythmus schwerer Atemzüge. Schließlich wandte sie sich dem Bild zu, das einen älteren Herrn mit graumelierten Schläfen und markanten Gesichtszügen zeigte.

»Jakob, vielleicht habe ich eben einen unverzeihlichen Fehler begangen.« Sie seufzte tief. »Trotzdem. Ich bringe es nicht fertig, alles aufzugeben. Du hast dir immer einen Enkelsohn gewünscht, der nach deinem Tod die Firma weiterführt. Das war altmodisches Denken. Sag mir einen Grund, weshalb ich nicht dazu in der Lage sein sollte!«

Das Gemälde schien ihr zuzuzwinkern und zu flüstern: »Jetzt erst recht.« Jeanne Bouille ließ sich wieder in den Sessel sinken und legte die Füße auf den Schreibtisch. Sie brauchte nicht damit zu rechnen, dass ein Kunde kam; seit vier Wochen hatte sich niemand in ihr Büro verirrt, der Tonnage mieten wollte.

»Du wirst sehen, eines Tages erweist sich die PEGASUS als Goldgrube!« Das war Jakob Bouilles Lieblingssatz gewesen. Doch in den zwei Jahren, die Jeanne nun schon Eigentümerin des Frachtraumers und des winzigen Büros auf Wega IV war, hatten sich ihre Hoffnungen und Träume zunehmend als Illusion erwiesen. Es war in der Tat nur eine Frage der Zeit, bis sie nicht einmal mehr die Standgebühr bezahlen konnte.

*

Mit einem Mal war ihr die schwüle Enge des Büros unangenehm. Dieses Gefühl der Unzufriedenheit mit ihr selbst, der Drang, aus der Haut fahren zu müssen, zwang Jeanne Bouille dazu, ein Schild mit der Aufschrift »Vorübergehend geschlossen« an die Tür zu hängen.

Nicht einmal die kühle Abendluft verschaffte ihr Linderung. Wehe dem Ahnungslosen, der ihr in diesem Zustand über den Weg lief und versuchte, sie in ein Gespräch zu verwickeln. Sie hätte ihm die Augen ausgekratzt.

Aus der Ferne drang das dumpfe Grollen eines startenden Raumschiffs heran. Augenblicke später stach ein glühender Lichtpfeil in den purpurnen, nahezu wolkenlosen Himmel.

Fünf Kilometer entfernt funkelten die Lichter der Raumhafenbegrenzung. Doppelt so weit, allerdings nördlich, lag Wega-City, die Vier-Millionen-Metropole ohne Industrie. Hotel reihte sich dort an Vergnügungszentrum, Vergnügungszentrum an Hotel: eine gigantische, auf Dienstleistungen jeglicher Art ausgerichtete Maschinerie, die ungefähr zur selben Zeit entstanden war wie die ersten interstellaren Passagierlinien. Der Vorort, in dem die Pegasus-Frachtgesellschaft ihren Sitz hatte, ging auf die Besiedlung des Planeten zurück und galt längst als Schandfleck, in den sich selten Touristen verirrten. Dieser Stadtteil war den Raumhafenarbeitern und ihren Familien vorbehalten sowie den Besatzungen der auf die Abfertigung wartenden Frachter.

Jeanne wanderte ziellos durch die beginnende Dämmerung. Ihre Gedanken drehten sich einzig und allein um die Frage, weshalb die Deneb Freight Company ihre Lizenz erwerben wollte. Sicher, das wäre für das Management gleichbedeutend gewesen mit einem potenziellen Konkurrenten weniger im ohnehin harten Frachtgeschäft, aber die DFC war mit Abstand die größte Gesellschaft, für die es Existenzsorgen nur vom Hörensagen gab. Welches Interesse konnte Deneb daran haben, eine Lizenz mit sehr überschaubarer Kundenkartei sowie einen altersschwachen Frachter zu erwerben?

Lärmen aus unzähligen rauen Männerkehlen ließ Jeanne aufhorchen. Zudem stieg ihr verlockender Bratenduft in die Nase. Ihr fiel erst da auf, dass sie vor einer der Kneipen stand, in denen die meisten Raumfahrer binnen kürzester Zeit ihre Heuer verprassten.

Jeanne hatte bislang nur wenige Wochen an Bord der PEGASUS zugebracht, und schon seit ihrem ersten Flug mit dem Frachter waren alle Illusionen gründlich zerstört. Sie hatte die vielzitierte Romantik der Weltraumfahrt erwartet, jedoch einen zwölfstündigen harten Arbeitstag kennengelernt, an dessen Ende sich jeder nur nach Ruhe sehnte. Besonders schlimm waren die endlose Einsamkeit zwischen den Sternen und das Gefühl, Tag für Tag von den gleichen missmutigen Gesichtern verfolgt zu werden. Jeanne verstand seither die Raumfahrer, die im Alkohol Zuflucht suchten. Eine trügerische Zuflucht. Sogar ihr Großvater war daran gestorben, wenngleich die näheren Umstände seines Todes nie geklärt worden waren.

Jeanne Bouille stieg die wenigen Stufen zum Lokal hinauf. Ein Betrunkener torkelte an ihr vorbei, ohne von ihr Notiz zu nehmen. Eine Wolke kalten Rauches und ranziger Fettgeruch hüllten den Mann ein.

Die Tür schwang auf. Alle Tische waren belegt, nur an der geschwungenen Theke gab es einige leere Hocker.

Jeanne zog den Stehkragen ihrer Kombination enger und steuerte geradlinig auf einen der Thekenplätze zu. Sie brauchte sich nicht umzusehen, um zu wissen, dass sie von allen Seiten gemustert wurde. Da waren die abschätzenden Blicke der Raumfahrer ebenso wie die der anwesenden Frauen – Animiermädchen, die in ihr eine Konkurrentin sahen.

Der Barmixer, der soeben ein schäumendes Gebräu...



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