Härry | Die Seele des Leitens | E-Book | www.sack.de
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E-Book, Deutsch, 160 Seiten

Härry Die Seele des Leitens

Vom guten Umgang mit anderen und mit sich selbst
1. Auflage 2023
ISBN: 978-3-417-27087-7
Verlag: R.Brockhaus
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

Vom guten Umgang mit anderen und mit sich selbst

E-Book, Deutsch, 160 Seiten

ISBN: 978-3-417-27087-7
Verlag: R.Brockhaus
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



Haben Sie als Leiterin oder als Leiter viel mit Menschen zu tun? Sind Ihnen gute Beziehungen wichtig? Hier erfahren Sie, wie Sie für sich und andere gute, tragfähige Beziehungen prägen können. Die Seele. Sie steht für unsere Lebendigkeit, unsere reiche, emotionale und rationale Innenwelt. Sie ist geprägt von Schönheit und Kraft. Aber auch von Bedürftigkeit und Begrenzung. Und sie prägt unser Miteinander mehr als man meinen würde. In diesem Buch erfahren Sie, was die Bibel über unsere Seele sagt. Wie Gott in ihr wirkt und wie er sie versorgt. Wie es sich auswirkt, wenn unser Innerstes schlecht versorgt wird und sich bedroht fühlt. Biblische Weisheit und hilfreiche Perspektiven für alle, denen ein gutes Miteinander am Herzen liegt!

Thomas Härry (Jg. 1965) wohnt mit seiner Frau nahe dem schweizerischen Aarau. Er ist Vater von drei erwachsenen Töchtern und arbeitet als Dozent für Neues Testament und als Referent für Theologie, Gemeindeentwicklung und Führung am TDS Aarau (Höhere Fachschule für Theologie, Diakonie und Soziales) sowie als Autor und Berater von Führungskräften.
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MENSCHEN SIND KOMPLEXE WESEN


Sie kennen das Sprichwort von den zwei Seiten einer Medaille. Wir gebrauchen es, wenn wir zwei sehr unterschiedliche Aspekte derselben Sache beschreiben wollen. Zwei Polaritäten, die sich ergänzen, aber in einer gewissen Spannung zueinander stehen. Solche Spannungsfelder tragen wir auch in uns selbst. Es sind Eigenschaften, die uns ausmachen, aber in unterschiedliche Richtungen weisen. Sie liegen oft dicht beieinander, nur ein hauchdünner Streifen liegt dazwischen: Schönheit und Gebrochenheit. Stärke und Verletzlichkeit. Gestaltungsfreude und Zerstörungskraft. Großartige Möglichkeiten und schmerzliche Begrenzung. Sie und ich, wir sind eine einzigartige Mischung aus Größe und Begrenzung. Aus göttlichem Lebenshauch und Staub.

Gott hat uns als Seelen geschaffen. Natürlich haben wir alle einen Körper. Ohne die Seele aber wäre er nichts als tote Materie. Dass wir so beschaffen sind, erklärt fast alles, was wir tun und was sich in unseren zwischenmenschlichen Beziehungen ereignet. Wir können das zum Beispiel in der Interaktion zwischen Eltern und ihren Kindern beobachten. Weil wir Seelenwesen sind, steckt die Erziehung voller Chancen, Risiken und Nebenwirkungen (leider ohne Packungsbeilage). Dasselbe gilt für das Verhältnis zwischen Lehrpersonen und Schülern. Oder das Miteinander von Paaren. Es gilt für Leitungspersonen und ihre Mitarbeitenden. Für die Beziehungen zwischen Kollegen und Nachbarn. Sie alle sind Seelenwesen: der Politiker wie der Müllmann, die Kassiererin, der Mann am Hotelempfang, die Kindergärtnerin, der Oberarzt, die Chauffeurin. Und mittendrin ich selbst. Genauso ein Seelenwesen. Genial und unberechenbar zugleich.

Was bedeutet das für unser tägliches Miteinander? Wie können wir hilfreich mit der Tatsache umgehen, dass sowohl unser Gegenüber als auch wir selbst Seelenwesen sind?

Mit Überraschungen rechnen


Das Erste und Wichtigste, das wir in diesem Zusammenhang tun können, ist, dass wir im Umgang miteinander mit der Möglichkeit von jederzeit eintretenden Überraschungen rechnen. Denn in unserem Gegenüber steckt eine Mischung aus großartigen Gaben und ungestillten Bedürfnissen. Unbewusst rechnen wir damit, dass es vor allem aus Ressourcen besteht, die es unermüdlich in unsere Beziehung einbringt. Wir erwarten also, dass der Mensch, mit dem wir gerade zu tun haben, klug, eigenständig, reif, reflektiert, konfliktfähig, begabt, geschickt und kommunikativ ist. Dass er lösungsorientiert handelt. Einsichtig, lernwillig, entdeckerfreudig, einsatzwillig ist. Wann immer diese Erwartung sich erfüllt, sind wir zufrieden: Genau so sollten Menschen sein! So kommen wir weiter! So blüht unsere Organisation, so blüht unsere Kirche!

Doch wir sollten unsere Mitmenschen nicht auf ihre Ressourcen reduzieren. Öfter, als es uns gefällt, steht im Alltag nicht ein von Möglichkeiten und Fähigkeiten strotzender Mensch vor uns. Vielleicht ist er heute gerade ein besonders bedürftiger und begrenzter Mensch. Denn er ist ein Seelenwesen. Wie die Kehle braucht sie dauernd Nachschub. Bleibt er aus, dann leidet die Seele. Und mit ihr der ganze Mensch. Dann gelingt vieles nicht. Er macht Fehler, die ihm sonst nicht passieren. Er reagiert gereizt. Ist fordernd. Oder beleidigt. Nachtragend. Traurig. Mutlos. Dass unser Mitarbeiter oder unsere Mitarbeiterin heute so ist und morgen so, das macht uns oft zu schaffen. Es fällt uns schwer, dass sich die Dinge so schnell ändern können. Und doch ist es ja bei uns selbst nicht anders. Auch wir sind morgen nicht zwingend dieselben, die wir heute sind. Wir werden zwar gleich aussehen, gleich klingen. Aber die Befindlichkeit und das daraus resultierende Handeln können heute ein ganz anderes Bild abgeben.

Das alles hat damit zu tun, dass die menschliche Seele ihrem Wesen nach durstig ist. Sie ist voller Sehnsucht nach Annahme, Bestätigung und Wertschätzung. Sie kann nicht genug davon bekommen. Und ja, sie braucht dies alles. Manchmal aber ist sie unersättlich. Sie kann ihr Verlangen nach Streicheleinheiten unerbittlich kundtun und einfordern, was sie jetzt gerade will. Oder in sich selbst zusammenbrechen, wenn sie enttäuscht wird. Die Seele kann aus dem Gleichgewicht geraten und das tut sie oft. Dann muss sie versorgt werden. Manchmal aber braucht sie Korrektur (wir werden in einem späteren Kapitel darauf zurückkommen).

Es ist gut, wenn wir es akzeptieren: Wir sind einander oft ein Rätsel. Das ist auch dort der Fall, wo wir meinen, einander längst zu kennen. Dann aber geschieht es wieder, dass wir uns nicht verstehen. Dass wir einander wehtun, obwohl wir uns doch lieben. Dass wir aneinander vorbeireden. Gestern noch war es anders. Wie es morgen sein wird, weiß keiner. Denn selbst bei den uns liebsten Menschen wissen wir selten im Voraus, in welchem Zustand sich ihr Inneres morgen befindet. Das ist uns immer wieder eine angenehme oder aber auch herausfordernde Überraschung.

Menschen sind keine Maschinen


Wer mit Menschen zu tun hat, hat eine anspruchsvolle Aufgabe. Wir müssen lernen, mit den nicht vorhersehbaren Stimmungen und Gemütslagen unserer Mitmenschen umzugehen. Das fällt uns manchmal schwer und erklärt manche Erschöpfung, Verzweiflung und Grenzerfahrung. Denn keiner der uns anvertrauten Menschen funktioniert nach »Schema F«.

In der Systemtheorie unterscheidet man zwischen sogenannten trivialen und nichttrivialen Systemen. Trivial bedeutet, dass ein Vorgang einfach, verständlich und nachvollziehbar ist. Es läuft alles nach einem sorgfältig berechneten und fixen Schema. Eine Maschine zum Beispiel ist ein triviales System. Sie funktioniert logisch und linear.

Denken Sie an einen Bohrer. Wir schließen ihn an den Strom an, drücken den Knopf – der Bohrer läuft. Na ja, meistens?… Wir nehmen ein Brett, halten den Bohrer auf den angepeilten Punkt, geben Druck und schon frisst er sich hindurch. Ein anständiger Bohrer funktioniert gemäß Input und gibt mir den erwarteten Output – das ist ein triviales System.

Bei einem nichttrivialen System läuft alles komplett anders. Was hier geschieht, folgt nur selten einer festen Logik. 1+1 ergibt dann meist nicht 2. Eher minus 3. Vielleicht aber auch plus 7.

Das ist nicht logisch, aber typisch für ein nichttriviales System. Es folgt keinem fixen Schema, sondern ganz anderen Regeln. Im Bild gesprochen kann man es sich so vorstellen: Nicht der Bohrer beeinflusst das Resultat, sondern die momentane Beschaffenheit des Bretts. Einmal hat es die Beschaffenheit von Holz. Morgen vielleicht die von Metall. Übermorgen ist es eine klebrige Masse. Es verändert sich täglich. Nun, echte Bretter sind nicht so – den Schreiner freut’s. Aber jedes nichttriviale System reagiert nicht bloß auf den Input, sondern aufgrund von schwer vorhersehbaren Gesetzmäßigkeiten im Inneren des Systems selbst. Denn es ist ein lebendiges System – im Gegensatz zu einer Bohrmaschine oder einem Brett. Das Seelenwesen Mensch ist ein solch lebendiges System. Das erklärt, weshalb sein Verhalten selten vorhersehbar ist.

Jedes Paar kann davon ein Lied singen. Nach über dreißigjähriger Erfahrung in Sachen Ehe kann ich bestätigen: Meine Frau ist alles andere als ein triviales System. Meist kommt bei uns zu Hause eine glückliche Karin zur Tür herein. Manchmal aber eine nachdenkliche oder gar traurige. Noch immer überrascht sie mich fast täglich. Manche dieser Überraschungen heiße ich dankbar willkommen. An anderen reibe ich mich. Wie zum Beispiel damals, vor zwei Jahren, als wir in Norditalien in den Ferien waren?…

Es ist herrliches Wetter, der Lago Maggiore liegt direkt vor unserem Hotelzimmer und ich bin in bester Stimmung. Jeden Abend Pizza, Risotto, Pasta und ein Glas guten Wein. Mitten in meinem Urlaubshoch gibt mir Karin am dritten Abend zu verstehen, dass sie ein paar Anfragen an unsere Beziehung hat. Ich winke ab und verweise auf die schöne Aussicht, den Sonnenuntergang und ihre schönen Haarlocken. Doch Karin durchschaut mein Manöver und bleibt hartnäckig. Nach und nach bringt sie Vorkommnisse der letzten Wochen auf den Tisch, die sie beschäftigen: da eine saloppe Bemerkung von mir, dort ein nicht eingelöstes Versprechen usw. »Lauter Harmlosigkeiten«, denke ich. Nicht so Karin. Sie hat ernsthafte Anfragen – an mich!

Nach gefühlt sieben erfolglosen Versuchen, einen Themenwechsel herbeizuführen, gebe ich den Widerstand auf und wir beginnen leidenschaftlich zu diskutieren. Ich erkläre, relativiere, versuche zu besänftigen. Es hilft nichts. Karin legt nach. Wir reden uns in Fahrt. Die ersten Gäste im Restaurant drehen sich nach uns um. Wir hören uns vermutlich an wie ein feuriges sizilianisches Paar, bei dem sich gerade ein emotionaler Vulkanausbruch ankündigt. Als sich immer mehr Gesichter zu uns drehen, verhängen wir ein Moratorium, bezahlen hastig die Rechnung und führen die Diskussion auf dem Weg zum Hotel fort. Es wird spät in dieser Nacht.

Unser Thema beschäftigt uns noch ganze zwei Tage lang. Dann endlich finden wir Lösungen. Wir sprechen einander Vergebung zu (vor allem Karin mir), nehmen uns in den Arm, versichern uns unserer ungebrochenen Liebe. Unser emotionales Sturmtief zieht ab und wir nehmen unsere schöne Umgebung wieder wahr: die Sonne, den See, die Schönheit der Landschaft. Und sind uns gleichzeitig bewusst, dass es solche Momente wieder geben wird, wieder geben muss. Denn wenn sich die Seele meldet, dann muss man reden.

Nicht nur meine Karin erwies sich mir dort als nichttriviales System. Auch bei mir schaukelten und purzelten Emotionen in alle Richtungen, als sie meine Ferienidylle zu stören begann. Und schon lag auch für sie einmal mehr der Beweis auf dem Tisch, dass auch ich kein triviales System bin. Das...


Härry, Thomas
Thomas Härry (Jg. 1965) wohnt mit seiner Frau nahe dem schweizerischen Aarau. Er ist Vater von drei erwachsenen Töchtern und arbeitet als Dozent für Neues Testament und als Referent für Theologie, Gemeindeentwicklung und Führung am TDS Aarau (Höhere Fachschule für Theologie, Diakonie und Soziales) sowie als Autor und Berater von Führungskräften.

Thomas Härry (Jg. 1965) wohnt mit seiner Frau nahe dem schweizerischen Aarau. Er ist Vater von drei erwachsenen Töchtern und arbeitet als Dozent für Neues Testament und als Referent für Theologie, Gemeindeentwicklung und Führung am TDS Aarau (Höhere Fachschule für Theologie, Diakonie und Soziales) sowie als Autor und Berater von Führungskräften.



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