E-Book, Deutsch, Band 2, 332 Seiten
Reihe: Ein Fall für Quintilianus
Hagemann / Stitz Jung stirbt, wen die Götter lieben
1. Auflage 2021
ISBN: 978-3-96655-465-7
Verlag: dotbooks
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection
Historischer Kriminalroman - Ein Fall für Quintilianus 2
E-Book, Deutsch, Band 2, 332 Seiten
Reihe: Ein Fall für Quintilianus
ISBN: 978-3-96655-465-7
Verlag: dotbooks
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection
Karola Hagemann, Jahrgang 1961, studierte Geschichte, Anglistik und Diplompädagogik und arbeitet heute bei der Polizei Niedersachsen; sie lebt in Hannover. Unter der Autorenmarke Hagemann & Stitz veröffentlichte die Autorin gemeinsam mit Ilka Stitz bei dotbooks zwei Krimis aus der Römerzeit: »Das Geheimnis des Mithras-Tempels« und »Jung stirbt, wen die Götter lieben«. Unter ihrem gemeinsamen Pseudonym Malachy Hyde veröffentlichten Karola Hagemann und Ilka Stitz bei dotbooks die vier Romane der Silvanus-Rhodius-Krimireihe: »Tod und Spiele«, »Eines jeden Kreuz«, »Wisse, dass du sterblich bist« und »Gewinne der Götter Gunst«
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Kapitel II
Die Ruder tauchten rhythmisch in das Wasser, sanft glitt das Transportschiff über die Fluten des Rhenus dahin. Friedlich schien die Welt hier im äußersten Norden des Reiches. Fischer an den Ufern holten ihre Reusen und Angeln ein, Frauen wuschen Wäsche, Bauern tränkten ihre Tiere. Doch seit sie am frühen Morgen die Traiana verlassen hatten, die letzte Hochburg römischer Zivilisation im Norden, konnte Quintilianus sein Unbehagen kaum zügeln. Er wusste wenig über das Volk der Friesen, zu dem sie unterwegs waren. Freunde und Bundesgenossen der Römer seien sie seit langer Zeit, eigentlich friedlich, doch gefährlich im Zorn. Allein über ihre Sitten, ihre Lebensweise hatte man ihm nichts berichtet. Aber sie zählten genauso zu den Barbaren wie die Chatten, Chauken und Cherusker, ein Stamm wie der andere unberechenbar und immer für einen Aufstand gut. Quintilianus' Hände umklammerten die Reling, weiß traten die Knöchel hervor. Er lockerte den Griff, atmete durch. Was half es, er musste dem Befehl Folge leisten, Kaiser und Statthalter gehorchen.
Er löste sich von der Reling, ging zur anderen Seite des Schiffes. Das Ufer zur Rechten war sumpfig, feucht, bewachsen mit Schilf und Rohr. Ein Schwarm Enten flog auf, als die Ruder in das Wasser klatschten, ein Reiher sah herüber. Unwegsames Land auf der germanischen Seite des Rhenus, wild wie seine Bewohner. Wild wie die Friesen, zu denen sie unterwegs waren?
Lachen schallte über das Deck. Hinten am Heck saßen ihre Männer, dreißig an der Zahl, bei Wein und Würfeln, neben ihnen schnaubten die Pferde in ihren Pferchen. Nun, die Legionäre zumindest schienen sich keine Sorgen zu machen, ein gutes Zeichen, schließlich kannten sie die Eingeborenen. Indes, sie wussten nicht, wie der Auftrag lautete, mit dem sie zu den Friesen reisten, ihre Botschaft, die diese sicher nicht erfreuen würde. Sandte Allius Fuscus ihn, Quintilianus, den Verwandten des Kaisers, wirklich zu den Germanen, um ihn zu prüfen, oder weil er unantastbar schien, weil, revoltierten die Friesen angesichts der schlechten Nachricht und ihm geschähe etwas, Roms Legionen ihn bitter rächen würden? Der Gedanke lag nahe, nur, dachte der Germane in seinem Zorn an diese Folgen? Viel zu schnell glitt das Schiff gen Norden, getrieben von der Strömung und den Rudern, bald schon würden sie den Drususkanal erreicht haben, den Anleger am Ufer des Flevo Lacus, von wo sie den Rest des Weges zu Pferd zurücklegen wollten.
»Hier, trink einen Schluck, du siehst aus, als könntest du es gebrauchen.« Martius war neben ihn getreten und reichte ihm einen Becher. »Mache dir keine Sorgen, es klingt schlimmer, als es ist, glaube mir.«
Quintilianus nahm den Wein, trank. Martius. Auf der einen Seite war es tröstlich, ihn neben sich zu wissen, den erfahrenen Kommandanten, den Gesandten des Kaisers, den er einst geschätzt, bewundert, ja als Vorbild gesehen hatte. Bis sie sich überworfen hatten. Und obwohl Martius' Handlungsweise begründet war und er sie verstehen konnte, war Quintilianus froh gewesen, als Martius ihm mitgeteilt hatte, er ginge zurück nach Rom. Der Befehl, gemeinsam zu den Friesen zu reisen, hatte alles geändert. Quintilianus sah Martius über den Rand seines Bechers an, den kräftigen, in den besten Jahren stehenden Mann mit dem dichten, schon etwas angegrauten Haar, der Ruhe ausstrahlte, Gelassenheit, Zuversicht. Gefühle, die sich auf Quintilianus übertrugen, er musste es wider Willen zugeben. Vielleicht sollte er seine Vorbehalte Martius gegenüber fallen lassen, es als Gunst des Schicksals begreifen, ihn an seiner Seite zu wissen, als Führer dieser Mission.
Quintilianus hob seinen Becher, trank Martius zu. »Danke, in der Tat kann ich einen Schluck gebrauchen. Du hattest schon einmal Kontakt zu den Friesen? Was weißt du über sie?«
Martius lächelte. »Nicht viel mehr als du, vermute ich. Die Friesen sind seit langer Zeit unsere Freunde und Bundesgenossen, und Aufstände gab es nur, wenn sie sich gereizt oder übervorteilt fühlten. Einen wagten sie vor einigen Jahren, weil der damalige Statthalter ihnen zu viele ihrer Rinder als Tribut abverlangte. Dabei sind die Tiere klein und mager, viel kann man mit ihnen nicht anfangen. Nun, der Aufstand war schnell zurückgeschlagen. Doch sie sind gute Kämpfer, wenn auch, wie alle Germanen, undiszipliniert. Während meiner Zeit als Legionskommandant in Vetera kam eine Delegation in das Lager und bot ihre Dienste als Hilfstruppe an, vielleicht entsinnst du dich.«
Gute Götter! Quintilianus fühlte seine Hände feucht werden, zwang sich zu nicken, er erinnerte sich gut. Er hatte sie gesehen, eine Abteilung Germanen, wie man sie sich vorstellte, groß, blond, wild. Doch sie seien friedlich, hatte Martius gesagt, und letztendlich hatte er auch außer von dem besagten Aufstand von keinen Gräueltaten der Friesen gehört. Aber konnte man Germanen trauen? Hatte nicht auch Varus Freunden und Bundesgenossen, den Cheruskern und ihrem Führer Arminius, getraut, und dann waren seine drei Legionen vollständig niedergemacht worden? Quintilianus dachte an den Bataveraufstand, bei dem das Lager Vetera in Schutt und Asche gelegt worden war, und nicht zuletzt die zahlreichen Einfälle der Chauken, der letzte lag gerade zehn Jahre zurück. Furcht kroch Quintilianus in den Magen, wie eine kalte, schwere Bleikugel lag sie da. Bald würde er die Grenze des Römischen Reiches überschreiten und das Land der Feinde betreten, das Gebiet rechts des Rhenus. Er ließ seine Augen über das Ufer schweifen, Weiden säumten das Wasser. Unsinn, man hatte sich mit den Stämmen arrangiert, es gab diplomatische Beziehungen und Austausch von Waren, reger Handel wurde getrieben.
Quintilianus nahm noch einen Schluck Wein, zwang sich, Martius anzublicken. »Und, hast du damals ihren Wunsch erfüllt und die Friesen als Hilfstruppen aufgenommen?«, presste er hervor.
»Nur einige von ihnen. Sie forderten zu viel Sold, ich konnte ihnen nicht mehr bieten als den anderen. So einigten wir uns darauf, dass sich nur etwa zwanzig junge Männer als Reiter verdingten. Ich machte einige Zugeständnisse, man muss sich seine Nachbarn gewogen halten.« Martius deutete auf die Männer am Heck. »Vier von ihnen begleiten uns.«
»Meinst du, das ist klug? Würden sie nicht im Streitfall zu ihren Leuten stehen?«
»Ich wählte in Absprache mit ihrem Kommandanten die verlässlichsten aus, sie können vielleicht vermittelnd wirken und die Annehmlichkeiten römischer Lebensweise werden sie nicht aufgeben wollen.« Martius lächelte. »Wer jemals bei uns in festen Häusern gewohnt, es im Winter warm gehabt und gutes Essen bekommen hat, will nicht zurück in die Germanendörfer. Auch das ist ein Teil der römischen Politik, mein Junge.«
›Mein Junge‹, Quintilianus hasste es, nannte man ihn so, zumal er ja wirklich im zurückliegenden Jahr gezeigt hatte, dass er seinen Mann stehen konnte, gerade Martius müsste es wissen.
Der klopfte ihm auf die Schulter. »Entschuldige, Quintilianus, ich wollte dich nicht kränken. Doch auch ich muss mich erst daran gewöhnen, dass ich nicht mehr Legionskommandant und du nicht mehr der mir unterstellte Tribun Laticlavius bist. Komm, lass uns auf die andere Seite gehen, das Ufer dort ist schöner und bald müssten wir die Bataver-Insel erreichen.«
So gesellten sie sich zu ihren Männern. Einige davon waren offenkundig Bataver, denn sie winkten den Menschen an Land zu, riefen kehlige Worte hinüber, die Quintilianus nicht verstand. »Batavisch?« fragte er Martius.
»Ja. Und sieh, dort kommt auch schon ihre Insel in Sicht. Viele unserer Leute stammen aus dieser Gegend, wie wir ja auch Friesen unter uns haben, genauso Chauken, die ich aber im Lager ließ.«
Natürlich, wegen der Chauken unternahmen sie die Reise. Diese Nordländer, laut Quintilianus' Karte zwischen der Amisia und der Mündung der Visurgis beheimatet, hatten sich die Gelder angeeignet, mit denen Rom die Friesen für die Bereitstellung junger Männer entschädigen wollte, die in der Praetorianergarde des Kaisers dienten.
Quintilianus musterte die Soldaten ihrer Eskorte. Alle sahen gleich aus. Auch die Menschen, die am Ufer entlangliefen und ihnen zuwinkten, hätte er nicht einem bestimmten Stamm zuordnen können, wüsste er nicht, dass sie Bataver sein mussten. Er grüßte eine Gruppe Jungen – ihr freudiges Lachen schallte herüber – und bemerkte, dass der Rhenus sich vor ihnen zu teilen schien. Die nächste Ansiedlung wäre Traiectum, dort zweigte auch der Kanal ab, der sie in den Flevo Lacus führen würde. Und richtig, kaum waren die letzten Häuser und Hütten der Bataversiedlung hinter Büschen und Bäumen verschwunden, rief der Kapitän einen Befehl, das Schiff legte sich leicht nach rechts und änderte den Kurs gen Norden, hinein in das Wunderwerk, das die Legionen des Drusus vor rund zweihundert Jahren erbaut hatten. Drusus, der erste Eroberer germanischer Gebiete, hatte die geniale Idee gehabt, mit der Fossa einen direkten Zugang zum Nordmeer zu schaffen. Ein Weg, der seitdem allen Feldherren für ihre Feldzüge in diesen Gefilden gute Dienste geleistet hatte; Drusus, Tiberius, Germanicus, mit ihren Namen war die Gegend hier verbunden, sie alle waren auf diesem Kanal gen Norden gefahren, um gegen die Barbaren zu kämpfen, nicht um mit ihnen zu verhandeln, wie Quintilianus heute. Allerdings sprach für die Friesen, dass sie damals nicht gegen die römischen Maßnahmen aufgestanden waren. Hoffentlich taten sie es auch heute nicht, trotz der schlechten Nachrichten.
Als die Dämmerung hereinbrach, verlangsamte das Schiff seine Fahrt, der Kapitän rief den Ruderern Anweisungen zu, sie warfen die Anker für die Nacht.
Im ersten Licht des Tages setzten sie die Reise fort, ließen den Kanal hinter sich, und vor ihm öffnete...




