E-Book, Deutsch, 221 Seiten
Hager Fünf Tage im Mai
1. Auflage 2019
ISBN: 978-3-608-11585-7
Verlag: Klett-Cotta
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Roman
E-Book, Deutsch, 221 Seiten
ISBN: 978-3-608-11585-7
Verlag: Klett-Cotta
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Elisabeth R. Hager, geboren 1981 in Tirol, ist Schriftstellerin, Klangkünstlerin und redaktionelle Mitarbeiterin der Abteilung Radiokunst von Deutschlandfunk Kultur. Sie erhielt zahlreiche Auszeichnungen, u. a. das Hilde Zach Literaturstipendium der Stadt Innsbruck 2018. Als Teil des Kollektivs 'Writing with CARE / RAGE' kämpft sie für die bessere Vereinbarkeit von Care-Arbeit und Schreiben. Sie lebt mit ihrer Familie zwischen Berlin, Tirol und Neuseeland. »Der tanzende Berg« ist ihr dritter Roman.
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Donnerstag, 8. Mai 1986
Pocket Coffee
Weiß in allen Schattierungen standen wir vor der gelben Kirchenrakete. Zwei Dutzend Friedenstauben, zum Abflug bereit, bange Blicke in die Menschenmenge werfend, in der unsere Eltern eben erst verschwunden waren. Hier und da zupfte eine angespannte Mutter noch an einem Kleidchen oder rammte eine Haarnadel in die Turmfrisur ihrer Tochter. Glänzende Rücken, von Mädchenarmen baumelnde Stoffe, weißbebänderte Schöpfe, in denen der Wind spielt. Wir waren in dünne Jäckchen gehüllt, trugen Wollstrumpfhosen unter Spitzenkleidern. Es war Mai, aber wissen tut man schließlich nie. Die Buben in ihren dunklen Anzügen standen abseits, nicht so ordentlich wie wir, doch auch nicht so lärmend wie sonst. Die Sonne wärmte mir den Rücken, doch meine Füße in den dünnen Lackschuhen blieben eiskalt.
Ich erinnere mich nicht immer an Gerüche, aber ich habe das gedämpfte Geschnatter im Ohr. Und ich sehe den Himmel über uns, einen Vormittagshimmel, über den sich zwei dünne Kondensstreifen ziehen.
Meine Freundinnen Fritzi und Barbara gefielen mir, ihre kunstvoll geflochtenen Haare mit den Blumen darin. Ich gefiel mir nicht. Natürlich, auch ich trug ein weißes Kleid, sogar eins mit Reifrock. Doch dem eigenen kritischen Blick hielt ich nicht stand. Markus, der im Unterricht neben mir saß, nannte mich immer Peppermint Patty wie das rothaarige Mädchen von den Peanuts. Dabei war und ist mein Name Illy, kurz für Leonore. Das Peppermint-Patty-Gerede kam mir genau so lange schmeichelhaft vor, bis ich Peppermint Patty zum ersten Mal sah: ein dickes, neunmalkluges Mädchen im Fußballtrikot, das von ihrer besten Freundin Sir genannt wurde. Der Vergleich kränkte mich, schließlich saß irgendwo an der Rückwand meines siebenjährigen Hirns der Wunsch, nicht nur tollkühn, tapfer und klug zu sein, sondern auf blödsinnige Art auch bildschön. Dem gängigen Ideal mädchenhafter Schönheit, das als Fritzi, Steffi oder Biggi weißgewandet um mich herumwogte, entsprach ich aber nicht. Und mein Kleid täuschte kaum darüber hinweg. In meinem Eifer, dem Prinzessinnenbild einige Zentimeter näher zu rücken, hatte ich mich beim Einkaufen mit Tante Bea in ein zu enges Kleid gezwängt und behauptet, es passe ausgezeichnet. In diesem Ding steckte ich jetzt und rang nach Luft. Dass ich das einzige Mädchen mit streichholzkurzem Haar war, ließ sich allerdings nicht wegzaubern.
Meine Eltern und Tante Bea nickten mir aufmunternd zu. Nur Tat’ka, meinen Urgroßvater, sah ich nirgends, was mir komisch vorkam, schließlich war er schon der Größe wegen kaum zu übersehen. Papa strahlte unter seinem frisch gestutzten Schnauzer. Die Wangen meiner Mutter blühten vor Aufregung, ihre Augen ruhten stolz auf meinem Kleid. Onkel Martin umschwirrte die Szene wie ein Satellit mit seiner Super-8-Kamera. Er war ein kleiner Mann mit hochfahrendem Temperament, ein Technikfreak, nur zufrieden, wenn er hinter einem Objektiv oder einer Kameralinse verschwinden konnte, tief in seine Arbeit versunken, im unumstößlichen Wissen, Bleibendes zu schaffen. Damals tyrannisierte er die Familie mit seinen Filmaufzeichnungen, die wir uns, begleitet von hunderten Erklärungen, in seinem Hobbykeller anschauen mussten. Duldsam, als wären wir nicht dabei gewesen. Ausgerechnet den Film von meiner Erstkommunion habe ich nie gesehen. Oder ich erinnere mich nicht daran. Natürlich, ich könnte meinen Onkel danach fragen. Aber ich erinnere mich lieber auf diese Art, die vielleicht nicht der Wahrheit entspricht, aber was ist schon die Wahrheit?
Ich hätte mich über das kleine Komitee freuen können, das sich meinetwegen vor der Kirche eingefunden hatte. Stattdessen vermisste ich Tat’ka. Sobald ich sein von den Jahren gegerbtes Gesicht erblickte, fühlte ich mich sicher. Denn Tat’ka mochte mich, auch wenn ich nicht aussah wie eine Prinzessin.
Frau Häusler, der Klassenfeldwebel, trat auf den Plan und gab mit schneidender Stimme die Order: »In die Zweierreihen! Und dann wie besprochen: Einzug in die Kirche!«
Eifrig folgten wir ihren Anweisungen. Die Mädchen reihten sich hintereinander auf und warteten darauf, dass sich der verabredete Begleiter bei ihnen einfand. Ich brauchte nach meinem nicht lange zu suchen, Markus war der Größte in der Klasse. Er brach aus der Bubentraube aus und latschte mit großen, eckigen Schritten herüber. Markus hatte ein Gesicht, lang wie ein Salzstangerl. Meins war rund wie eine Semmel. Keine Frage, wir passten zusammen.
»Was schaust’ denn so grau, ist dir schlecht?«, fragte ich.
Er gab keine Antwort, nahm stattdessen meine Hand und blickte entschlossen nach vorn, ein Soldat vor dem Abflug ins Krisengebiet. Meine Eltern und Tante Bea grinsten und nickten nun auch ihm aufmunternd zu, während mein Onkel die Szene für die Nachwelt festhielt. Markus’ Hand war klamm. Ich warf einen Blick auf Vronis französischen Zopf, roch das Gel in meinen kurzen Haaren und seufzte. Dann aber fielen mir Tat’kas Worte ein. Haltung bewahren. Selbst wenn ich das seltsamste Mädchen war, das je die Erstkommunion bekommen würde.
»Jetzt geh endlich«, zischte Markus plötzlich.
Sofort machte ich einen solchen Satz, dass ich gegen den seidenen Rücken vor mir knallte und eine holprige Welle auslöste, die sich auf die Paare vor uns übertrug und erst bei Katrin und Hansi am Anfang des Zugs verebbte. Im nächsten Moment hatte der Zug seine Stabilität wieder und schob sich wie ein taumelnder Tausendfüßler zur einsetzenden Orgelmusik durch die Kirchentür. Im Inneren umschlossen uns marmorne Kühle und der Geruch nach süßer Verzweiflung. Die Wände waren vom Stuck überwuchert. Heiligenstatuen starrten uns lebensmüde von den Mauervorsprüngen herab an, während wir uns in winzigen feierlichen Schritten durch das Mittelschiff bewegten. Damals wunderte ich mich, warum niemand das Gold aus der Kirche stahl. Wir hatten im Sachunterricht gelernt, dass es Armut gab auf der Welt und der Reichtum ungerecht verteilt war. Das Gold, das mir entgegenfunkelte, gehörte dem lieben Gott. Doch der brauchte es nicht, schließlich konnte er alles, was er sich wünschte, per Fingerschnipp erschaffen. Warum also gab man es nicht den Armen, die zu höflich waren, es selbst zu nehmen? Der liebe Gott hatte bestimmt nichts dagegen.
Immer ein Bub und ein Mädchen im Wechsel, machten wir in den vorderen Reihen Halt, vollführten einen Diener oder einen Knicks und nahmen der Reihe nach Platz. Zum ersten Mal fand ich Gefallen an meinem weiten Reifrock. Ich musste ihn hochheben wie einen Hula-Hoop-Reifen, um in die Kinderbank zu passen, und kam mir dabei wie eine Gräfin in einem Schwarzweißfilm vor. Ein langgezogenes Zischen ertönte. Der Warnpfiff meiner Tante. Da sie mir verboten hatte, mich während der Messe nach der Familie umzudrehen, sah ich mich gezwungen, sie zu ignorieren. Stattdessen hob ich den Rock noch ein Stück höher, rückte in die Bankreihe und ließ mich neben Markus auf die Sitzfläche plumpsen. Rechts von mir fädelten sich Kicki und Franz Josef aus der 2a ein, mit denen ich bis zu diesem Tag noch nie ein Wort geredet hatte.
Kaum saßen wir, trat der Pfarrer, begleitet von einem Tross Ministranten, aus der Sakristei. Alles stand auf – selbst die Musik erhob sich –, und die Messe begann. Der bestickte Talar des Priesters, seine Stimme, der schöne Ring an seinem Finger. Viele meiner Klassenkameradinnen hatten die Kirche vor diesem Tag vielleicht drei- oder viermal betreten. Ich dagegen kannte mich hier aus. Seit ich denken konnte, war ich jeden Sonntag mit meinen Eltern hergekommen. Ich liebte die Weihrauchschwaden, die mit Lametta geschmückten Christbäume, die Feuer in der Osternacht, aber vor allem den Chor der Stimmen, den Klang sich faltender Hände, das Stampfen hunderter Füße, das mechanische Aufstehen und Hinsetzen, das hastige Schnappen nach Luft am Ende jeder Rosenkranzstrophe. All das geschah, ohne dass jemand, kein Mensch jedenfalls, den Einsatz dafür gab. Beim Gedanken an die Messe beschleunigte mein Blut und schoss schneller durch die Kanäle unter der Haut.
Die Holzbänke knackten. Dann erhob sich die Gemeinde und riss auch die Neulinge mit. Augenblicke später begann ein Gemurmel, das ich unzählige Male gehört hatte, doch jetzt zum ersten Mal verstand: Ich bekenne Gott, dem Allmächtigen, und allen Brüdern und Schwestern. Hunderte halblaute Stimmen, synchron bis auf einen, Norbert, einen rotfleckigen Mann aus der Siedlung mit Downsyndrom, der einen Bart wie ein Wels hatte und jedes Wort exakt einen Schlag zu spät wiederholte. Dass ich Gutes unterlassen und Böses getan habe. Was soll ich schon gemacht haben, ging es mir durch den Kopf. Ich habe...




