E-Book, Deutsch, 288 Seiten
Hahn Hüter Deiner Sieben Sonnen
1. Auflage 2020
ISBN: 978-3-7519-2668-3
Verlag: BoD - Books on Demand
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
E-Book, Deutsch, 288 Seiten
ISBN: 978-3-7519-2668-3
Verlag: BoD - Books on Demand
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Dr. Claudia Hahn, 1968 geboren, wuchs auf dem Hunsrück in Rheinland-Pfalz auf. Sie arbeitet als Rechtsanwältin in Stuttgart. Mit ihrer Familie lebt sie in Echterdingen und auf ihrem Lindenhof in Blankenrath. Sie hat zahlreiche arbeitsrechtliche Fachschriften veröffentlicht. Hüter Deiner Sieben Sonnen ist ihr erster Roman.
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Eins
Mit dem Morgen kam der Regen, kalt und leise. Der Wind ließ allmählich nach, er war jetzt nicht mehr böig. Sein Zorn der letzten Stunden hatte sich gelegt, jetzt flüsterte er, als entschuldigte er sich für seine Heftigkeit. Doch noch immer duldete er keine anderen Geräusche und erstickte sie, bis sie aufgaben. Er ließ Bäume mit kahlen Ästen und schlafenden Knospen tanzen, er verbog, formte, wiegte sie. Auch wenn seine Stärke schwankte, wenn er sich manchmal leise wiegend, flüsternd, verführend heran schlich, so lag die Hochebene doch niemals ohne ihn da. Er war wild wie diese Landschaft.
Die Wolken, die er vor sich her getrieben hatte, kamen langsam zur Ruhe und entließen diese kalten, schweren Tropfen, die das Land bedeckten wie das verschwitzte Betttuch den Körper, der trotz der Nässe unter ihm Geborgenheit sucht. Die Sonne ging auf irgendwo. Das Grau wurde lichter entlang ihres Weges, im Osten erst, natürlich, dann breitete sich das Grau hinter den Wolkenbergen langsam aus, nicht drängend, aber unaufhaltsam. Klar und strahlend, wolkenlos hatte der Morgen begonnen andernorts, in den milderen, tiefer gelegenen Regionen an diesem Tag, einem Dienstag, und dort hatte es nicht einmal nach Regen ausgesehen. Die Tage wurden beständig länger und wenn die Sonne sich durchsetzen konnte, wenn der Himmel klar und sauber war, konnte es in den Landstrichen, die unter ihr lagen, bereits behaglich mild werden. Die letzten Tage im April. Das Leben fand allmählich wieder draußen statt, das Erwachen bot Blüten und Farben an zum Staunen, wenn es mit aller Gewalt aus der Erde trieb.
Im Süden jedenfalls. Oben auf der Ebene war von milder Behaglichkeit oder Erwachen noch nichts zu spüren, nichts zu ahnen. Die Luft war kalt, sie roch nach Erde und nach dem Regen. Die dicken Wolken verbanden sich immer weiter miteinander und bildeten mit dem Horizont einen formlosen, grauen Brei. Die Einzelnen hatten ihre Gestalt längst verloren. Viele flogen nebeneinander und übereinander her, ohne Ziel.
Es dauerte alles seine Zeit hier oben, auch der Frühling brauchte viele Wochen mehr. Der Winter gab sich nicht geschlagen. Noch nicht. In den Nächten war der Boden noch gefroren und die Kälte bremste alles. Alles zögerte, die Knospen, die sich an den Zweigen gebildet hatten, wollten sich nicht entfalten. Gut gefüllt warteten sie auf das Zeichen. Es schien, als kehrten selbst die Schwalben erst Wochen später an die Höfe zurück, wenn die anderen in den Ebenen bereits mit der Brut begonnen hatten.
Mathilda haderte. Die Regentropfen hörten sich an wie berstende Steine. Kiesel aus Wasser. Sie konnte sie kaum sehen, so viele waren es und dennoch schien es ihr, als spürte sie ihr Gewicht. Dazu kam das feine, wie Haarlack aus der Spraydose auf ihre Windschutzscheibe sprühende Wasser der Straße. Ein launisches, nervendes Konzert. Das viele Wasser und die Wut des Windes behinderten ihre Sicht, störten sie, machten die Fahrt anstrengend und immer unerträglicher. Sie hinterließen auf dem Auto, das sie fuhr und das auf der nassen Fahrbahn nicht leicht zu kontrollieren war, beständig einen schmierigen Film, den die Scheibenwischer nicht bekämpfen konnten. Sie konnte nicht mehr schnell fahren, es war zu gefährlich und dabei wäre sie so gerne bald angekommen. Um sie herum lag eine Landschaft ohne Licht und Farbe, der Regen verschluckte alles. Es wurde immer schlimmer, je weiter sie vorankam.
Ob sie dem Umstand, dass man hier oben, wo man den Veränderungen andernorts trotzig gerne einmal Widerstand leistete, offenbar mit allem verspätet war, selbst mit dem Frühling, je Schmeichelhaftes oder Liebenswertes abgewinnen könnte? Viele Male schon hatte sie sich das gefragt. Und wie stets fiel ihr nichts ein, das hätte schmeicheln oder liebenswert erscheinen können. Nichts. Ein verblüffendes Nichts immerhin, wie ihr schien, während sie darüber nachdachte, denn schließlich war sie hier geboren. Sie war hier oben zu Hause gewesen viele Jahre, und nun, auf ihrem Weg dorthin, als fremd gewordene Besucherin, als Entwöhnte, aber doch immerhin als ein Kind dieses Landes, fiel ihr nichts ein, was dieser seltsamen, ungewöhnlichen Gegend, der sie sich so langsam näherte, schmeicheln könnte.
Das Tal der Nahe hatte sie mit dem Anstieg der Autobahn inzwischen hinter sich gelassen. Kurz sah sie den kleinen Fluss, um den sich rings herum langsam die Ebene ausbreitete, die noch trocken gewesen war und die sich zu beiden Seiten empor hob wie der Rand einer sattgrünen Obstschale. Weinberge kletterten hinauf bis zu den flachen Kuppen. Die Rebstöcke trugen bereits Laub, auch der Boden war von seinem Gras maigrün. Ein hübscher Kontrast zu dem Himmel, der mit ihrem Anstieg mehr und mehr verschwand.
Diese Autobahn, vertraut, lang, langweilig und an vielen Stellen kostengünstig geflickt, hatte allmählich das Flusstal Richtung Westen verlassen. Kurvenreich gewunden bis zur Hochebene, auf der ihr Ziel lag, würde sie sie weiter begleiten. Sie war sie früher oft gefahren. Sie fuhr sie wie im Schlaf, wenn es trocken und mild war. Zeit genug, Gedanken kommen und gehen zu lassen, als säße sie nicht selbst am Steuer. Sie dachte an vieles.
Mit dem Anstieg verschwanden das Grün der Gegend, die milden Hänge der Obstschale, die Weinberge und die Rebstöcke, das junge Laub und die Leichtigkeit ihrer Fahrt mit einem Schlag. Sie musste sich konzentrieren. Sie nahm den Fuß vom Gas, denn Hindernisse tauchten plötzlich vor ihr auf. Der alte Berg erhob sich und die Autobahn nahm ihn in einer langen, breiten Kurve. Anstelle der Weinberge begann ringsherum der Wald. Er war an manchen Stellen bereits vorsichtig hell im jungen Grün der Wintergerste. Alle Blättchen noch in Einzelteile zerpflückt. Immer mehr färbten noch die Äste und Zweige mit ihrem schmutzigen Braun die Hänge, je weiter die Straße sie nach oben brachte. Ringsherum wurde es siedlungsarm und leer, wie es immer schon gewesen war. Die Hänge erhoben sich dunkel beidseits der Straße, ausladend und in leichten Schwüngen. Sie besaßen nichts Bedrohliches, ihre Weite könnte Vertrauen schaffen. Mathilda spürte die Unebenheiten der Straße, während sie darüber fuhr. Sie konnte sie sehen und passte sich an. Hinter den ersten Wäldern waren immer noch vereinzelt Weinstöcke zu sehen, bis sie plötzlich ganz verschwanden.
Sie erreichte den Soonwald und noch immer ging es bergauf. Ihre Fahrt verlangsamte sich weiter, denn zu dem Anstieg und den Hindernissen auf der Autobahn kamen die Kurven und der Nebel. Als hätte jemand den Fuß auf ihre Bremse gestellt, dachte sie. Die Langsamkeit verbrauchte die Kraft ihres Wagens. Ihr Ziel hüllte sich in den Regen, in den Nebel und verbarg sich vor ihr. Wie eine unfertige Kulisse an diesem Morgen. Der Rheingraben war noch nicht aufgebaut, ebenso wenig das Moseltal, das im Westen lag und darüber hinaus, die Eifel. An guten Tagen sah man von hier oben in die Unendlichkeit.
Klein war dann das Land, die Hochfläche schmal und ihre Grenzen, die Nahe, der Rhein, die Mosel und die Saar engten sie ein wie Burggraben. Hügel und sanfte Senken könnten sich wellen, sich emporheben und wieder legen, ungezählte Male. Wälder könnten sich im Farbenspiel abwechseln mit den kleinen, eigenwillig und bunt gefärbten Feldern der Bauern wie auf einem Schachbrett, wenn auch die Wiesen allmählich beginnen, ihre Farbe zu verändern. Die Leute sagen dann: Wer blühende, gelbe Rapsfelder hat wie wir, der muss nicht in die Provence. Doch heute war alles regengrau.
Als sich ihre Augen gerade an diese unfertige Kulisse gewöhnt hatten, suchten sie sogleich ein Ziel, das sie nie übersah, wenn sie vorbeifuhr. Zumindest das muss doch heute da sein, dachte sie. Sie suchte, wie der Schüler auf dem Weg zum Klassenzimmer, nach der immer gleichen Stelle am Treppengeländer sucht, an dem er selbst sein Zeichen heimlich mit dem Taschenmesser eingeritzt hatte. Er wusste, dass es noch da war. Kein Hausmeister hätte es geschafft, es über Nacht zu beseitigen. Trotzdem überfiel ihn jeden Morgen dieselbe Unruhe, sein Zeichen, seine Kerbe für die Zeit danach zu sehen, die noch da wäre, wenn er längst draußen sein würde, mit den Fingern zu tasten und das Gefühl zu spüren, seinen Platz wieder gefunden und Beständigkeit in einen unberechenbaren Tag gebracht zu haben.
Mathildas Kerbe war ein Schild. Sie hatte es weder selbst aufgestellt noch trug es irgendetwas Individuelles, noch war es überhaupt schön, von einem Zeichen, einem bemerkenswerten oder sonderbaren ganz zu schweigen. Es war ein Straßenschild. Eines, wie sie vor einigen Jahren zu Hunderten in der gesamten Republik aufgestellt worden waren. Am Rande der Autobahnen standen sie, um den vorbei Fahrenden, von zu vielen Verkehrsschildern längst ermüdeten Autofahrern auch noch zu erklären, welche Region sie gerade durchquerten. Welche Sehenswürdigkeit sie abseits der Autobahn gerade übersahen und warum es sich lohnen könnte, abzubiegen und für eine Weile anzuhalten. Ein stilisierter Höhenzug war zu erkennen auf diesem Straßenschild. Wenn man über die Gabe verfügte, diese Zuordnungen zu...




