E-Book, Deutsch, Band 2, 274 Seiten
Reihe: Terra (Science Fiction)
Hahn Terra - Science Fiction 02: Die Stadt am Ende der Welt
1. Auflage 2024
ISBN: 978-3-95719-692-7
Verlag: Blitz Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection
E-Book, Deutsch, Band 2, 274 Seiten
Reihe: Terra (Science Fiction)
ISBN: 978-3-95719-692-7
Verlag: Blitz Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection
Ronald M. Hahn, Jahrgang 1948. Schriftsteller, Übersetzer, Literaturagent, Journalist, Herausgeber, Lektor, Redakteur von Zeitschriften. Bekannt ist Ronald M. Hahn für die Herausgabe der SF-Magazine Science Fiction-Times (1972) und Nova (2002, mit Michael K. Iwoleit) sowie als Autor von Romanen/Kurzgeschichten/Erzählungen in den Bereichen Science Fiction, Krimi und Abenteuer. Herausragend sind das (mit Hans-Joachim Alpers, Werner Fuchs und Wolfgang Jeschke verfasste) Lexikon der Science Fiction-Literatur (1980/1987), die Standard-Werke Lexikon des Science Fiction-Films (1984/1998, mit Volker Jansen), Lexikon des Horror-Films (1985, mit Volker Jansen) und das Lexikon des Fantasy-Films (1986, mit Volker Jansen und Norbert Stresau). Für das Lexikon der Fantasy-Literatur (2005, mit Hans-Joachim Alpers und Werner Fuchs) wurde er im Jahr 2005 mit dem Deutschen Fantasy-Preis ausgezeichnet. Insgesamt sechsmal erhielt Ronald M. Hahn darüber hinaus den Kurd-Laßwitz-Preis - dem renommiertesten deutschen SF-Preis - , u.a. für die beste Kurzgeschichte (Auf dem großen Strom, 1981) und als bester Übersetzer (für John Clute: Science Fiction - Eine illustrierte Enzyklopädie, 1997). Weitere Werke sind u.a. die Kurzgeschichten-Sammlungen Ein Dutzend H-Bomben (1983), Inmitten der großen Leere (1984) und Auf dem großen Strom (1986) sowie - als Übersetzer - der Dune-Zyklus von Frank Herbert.
Autoren/Hrsg.
Weitere Infos & Material
1.
DAS ALLES, UND NOCH VIEL MEHR,
WÜRD ISCH MACHEN,
WENN ISCH KÖNISCH VON ALMANISTAN WÄR.
„… dabei sei das bösartige Gerücht, die massenhaften Fälle von Hirnerweichung im Kalifat Kolonistan seien auf das miese Sensiprogramm zurückzuführen, völlig aus der Luft gegriffen. Wie die Vertreter von ARD und ZDF sowie der Union Privater Fernsehanbieter einmütig versicherten, sei dieser Vorwurf von keinerlei Sachkenntnis getrübt und stelle eine schwere Schädigung des Ansehens des öffentlich-rechtlichen und freien Unternehmertums dar. Rechtspopulistische Angriffe dieser Art auf den Industriestandort Almanistan werden dem Kalifat schaden und zweifellos dazu führen, dass noch mehr Unternehmen ins ungläubige Ausland abwandern.“
Als Kevin Hassan aufwachte, signalisierte ihm das Rauschen in seinem Hirn, dass sein Ausflug ins Land der devoten Damen zu Ende war.
Sein Zeigefinger fuhr über eine Stelle hinter seinem rechten Ohr. Er bildete sich ein, dort eine kleine Schwellung zu ertasten, aber das war natürlich Unsinn. Der implantierte Tschipp war nicht größer als ein Sandkorn. Er zog das Hartweyer heraus, das an einem Kettchen an seinem Hals hing, und die dünne Strippe wurde sofort in dem Miniamp eingesaugt.
Die Szenenfolge, die er sich gerade angeschaut hatte, gehörte zu dem Projekt, an dem er seit einem halben Jahr feilte. Die Figur Beinhart würde beim Mob gut ankommen. Er selbst hatte sich im Körper des Protagonisten wie im Höhenrausch gefühlt. Die transvestitische Sekretärin des Kanzlers war ihm ein wenig zu verdorben geraten. Aber es lag natürlich daran, dass er Frauen dieser Art mochte. Männer anderer Art fanden sie vielleicht zu aufdringlich. Mal sehen, vielleicht würde er das eine oder andere an ihrem Charakter noch ändern.
Hassan stand auf und sagte: „Licht.“ Das Licht ging an.
Hunger? Nee. Durst? Keine Frage. In seiner Suite war alles still. Deswegen ging er auf Zehenspitzen nach nebenan zum Fritsch. Er wollte Hamed nicht wecken. Ach, Hamed … Hassan schlug sich mit der flachen Hand gegen die Stirn. Er war doch gar nicht mehr da. Hamed hatte längst das Weite gesucht. Na schön. Hamed dachte ohnehin nur immer an die Zukunft. Machte sich Gedanken über die nahende Eiszeit. Fragte sich, was aus den Leuten wurde, die in dieser verrotteten Welt lebten und Schweine fraßen. Während Hassan sich nur eine Frage stellte: Wen scherte es, wie die Welt in hundert Jahren aussah?
Hamed ist ’ne lebende Zeitbombe, die bestimmt bald hochgeht. Andererseits … Das Klicken der Fritschtür machte Hassan wach.
Er vergaß Hamed und dachte an andere Dinge. Wichtigere Dinge. Wenn es Galouye gelang, das Simulacron über den Sender gehen zu lassen … Wenn die Familie Hashim die Finanzierung auf die Reihe kriegte und alles so ablief, wie Galouye es sich vorstellte, konnte man Bedenkenträger wie Hamed einfach abschalten. Dann lagen sie nur noch auf dem Bett und erlebten Abenteuer in Gegenden, in denen nie zuvor jemand gewesen war. Und sie banden keine Ressourcen mehr.
Hassan seufzte. Manche Menschen ertrugen das Leben einfach nicht. Wenn sie längere Zeit keine Sonne sahen, kriegten sie einen Rappel. Viele waren einfach nur durchgedreht. Manche lebten im ständigen Psychopharmaka-Tran. Andere, die sich übler benahmen, hatte die Gestapo leider ausknipsen müssen …
Hassan schüttelte sich. Er nahm eine Flasche Slurpi aus dem Fritsch, kehrte in sein Gemach zurück und hob sie an den Mund. Gluck, gluck.
Sein Blick fiel auf den Skrien. Er war ausgeschaltet. Und das war auch gut so. Seufz. Das Leben war auch nicht mehr das, was es mal gewesen war.
Ihm fehlte vieles. Früher hatte er immer im Netz rumgehangen. Schon als Kind hatte er gewusst, wo die geilsten Fickclips liefen und in welchen Foren sich die süßesten Schnuckis rumtrieben.
All das war jetzt schwer zu kriegen. Weil ständig Katastrophen die Welt heimsuchten. Die Beknackten glaubten beispielsweise seit hundert Jahren daran, dass sie die Alphabetisierungsrate bald wieder auf 50% hochtreiben konnten. In einem Land, in dem sogar Lehrer keinen geraden Satz schreiben konnten, würde dies schwierig werden. Von den richtigen Katastrophen hatte Hassan zum Glück nichts mitbekommen, weil sogar sein Opa zu der Zeit noch mit der Trommel um den Weihnachtsbaum gelaufen war. Aber er hatte von dem Scheiß ’ne Menge gehört: Abenteuerliche Geschichten waren sein Broterwerb, seit er den Tschopp bei CraniumTV hatte.
Inzwischen hatte die Menschheit in Sachen Katastrophen aber wohl das Gröbste überstanden. Die Erderwärmung war nicht eingetroffen. Nun sprach man von einer neuen Eiszeit.
„Das kann ja ’ne schöne Scheiße werden“, murmelte Hassan. Er nahm vor dem Skrien Platz und sagte: „Skrien einschalten.“ Der schaltete sich ein. Eine Figur mit Segelohren, Hasenzähnen und einem roten Umhang mit der Aufschrift PERRY ROTTEN, NR. 1 HUMAN ZERO machte Faxen. Hassan schnipste mit den Fingern und sagte: „Stirb!“ Perry Rotten desintegrierte. An seiner Stelle klappte ein Fenster auf. Nanu, Post?
Hassan kniff die Augen zusammen. Ein Schreiben des Producers. Abzüglich der 36 Zeilen Routenschrott und der Versicherung, dass die E-Post auf Viren, Spam, Trojanische Pferde, Tripper, Syphilis und Schanker geprüft worden war, bestand die Botschaft aus einem mageren, doch Schrecken erregenden Text.
Dr. Galouye wurde heute das Opfer eines vermutlich terroristisch motivierten Attentats. Deswegen endet Ihre Zugehörigkeit zum Simulacron-Team mit sofortiger Wirkung. Ein Monatsgehalt geht Ihnen zu.
Fatih Özcan
Projektleitung Simulacron
„Drecksack“, murmelte Hassan. „Arschgeige! Elende Sackratte!“
Galouye war tot? Galouye, das Genie? Es gab niemanden, der ihn ersetzen konnte. Hassan war fassungslos. Es konnte einfach nicht wahr sein! Man hatte ihn gefeuert!
Er hatte Özcan noch nie ausstehen können. Der Mann war ihm zu eckig.
Früher war er hin und wieder in seinem Büro gewesen. Dort hatten Plakate von türkischen Katzenmusikern rumgehangen. Und ein Foto: Özcan inmitten einer Schar stoppelglatziger Spießer. Mit einer Zigarette im Mund. Konnte man solchen Typen trauen? Wie war dieser Salonbolschewist überhaupt in den Sender gekommen?
Was jetzt? Hassan las die Botschaft noch einmal. Was kam jetzt auf ihn zu? Irgendein dröger Archivjob? Oder – Allah, steh mir bei! – eine Bewährung als Pauker in der untersten Ebene, wo die Typen saßen, denen man den Unterschied zwischen offenbar und offensichtlich erst noch beibringen musste?
Eher sterbe ich. Was bildeten sich diese Ärsche ein? Er war, verdammt noch mal, so was wie ein Offizier. Dieser Wichser Özcan war nur ein dummer Achtgroschenjunge, der für jeden Eimerschwenker Reden schrieb, der sein Honorar bezahlen konnte. Heute propagierte er die Weisheiten von Kalif Storch, morgen vielleicht die von Perry Rotten!
Hassan schüttelte sich. Nein, dachte er, mit mir macht ihr das nicht. Bevor ihr mich in die Wüste schickt, schalte ich euch alle aus …
Er hatte sich nicht bei diesem Scheißsender beworben. Sie hatten ihn aus der Redaktion des Kritikus abgeworben, damit er Galouye zur Hand ging.
Er war nicht als Schütze Arsch im siebenten Glied nach Hagen gekommen, sondern als preisgekrönter 1-A-Ideen-Mann. Er hatte jede Menge Geistesblitze in das Simulacron-Projekt eingebracht. Simulacron war fast ebenso sein geistiges Kind wie das von Galouye.
Wenn sie mich nicht mehr dabei haben wollen, sollen sie krepieren. Ein gewaltiger Zorn stieg in ihm auf. Er eilte ins Bad und schaute in den Spiegel. Er sah natürlich anders aus als der Agent Beinhart, aber das gehörte zum Spiel. Wer wie Perry Rotten aussah, konnte kein Held sein, sondern nur eine Witzfigur.
Hassan kämmte sich das Haar, glättete sein Hemd, zog ein Jackett an, setzte die blaue Kappe auf und stürmte hinaus. Die Hausdestille hatte geöffnet.
Hassan orderte ein Glas polnischen Wodka und kochte auf kleiner Flamme vor sich hin. Er dachte sich einige Szenarien aus, an deren Ende Fatih Özcan auf grausamste Weise ums Leben kam. Vielleicht war es aber am einfachsten, wenn er in die Simulacron-Software etwas einspeiste, das unvorhergesehene Dinge tat …
Schon im 20. Jahrhundert hatten gewitzte Programmierer es verstanden, sich an denen zu rächen, die sie vor die Tür setzten. Man erfand Computerviren, die sich Monate nach dem unfreiwilligen Abgang aktivierten und eine Havarie zustande brachten …
Ja, dachte Hassan, so ’ne hübsche Sauerei wird mir doch sicher einfallen … Und wenn nicht mir, dann irgendeiner miesen Ratte, deren Dienste ich kaufen kann. Er stellte sich etwas vor, das den Sender bis auf die Knochen blamierte. Einen Virus, der die Steuerung der Figuren änderte … Agent Beinhart, der große Umleger … als aufgebrezelte Schwuchtel im Spitzenhöschen? Sternenstürmende Raumfahrer bei päderastischen Aktivitäten? Der Kalif von Kolonistan als katholischer Konvertit? Er würde die komplette Tschetschenenbande – Özcan inklusive – bei Nacht und Nebel entführen und an die Wand stellen lassen.
Ah, was für eine tolle Fantasie!
Hassan war plötzlich guten Mutes.
„N‘abend“, sagte jemand neben ihm.
Hassan hob den Blick. Er...




