Hahn | Ullstein 01: In der Todeszone | E-Book | www.sack.de
E-Book

E-Book, Deutsch, Band 1, 200 Seiten

Reihe: Ullstein (Alternativwelt-Romane)

Hahn Ullstein 01: In der Todeszone


1. Auflage 2024
ISBN: 978-3-95719-266-0
Verlag: Blitz Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection

E-Book, Deutsch, Band 1, 200 Seiten

Reihe: Ullstein (Alternativwelt-Romane)

ISBN: 978-3-95719-266-0
Verlag: Blitz Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection



Deutschland 1930 Nach dem Ausbruch der Neopest ist das Deutsche Reich in zahlreiche Kleinstaaten und Fürstentümer zerfallen, die sich aus Furcht vor einem neuen Ausbruch der Seuche hermetisch voneinander abschotten. Der Zugang zum restlichen Europa ist ihnen verwehrt. Tödliche Krupp-Kampfroboter bewachen die Grenzen, Zeppeline kreuzen am Himmel. Das Bergische Land, nun New Montana, ist zum 49. Bundesstaat der USA geworden. In Westfalen hat sich die Rote Ruhrrepublik etabliert. Der Terrorist Adolf Hitler und seine Werwolf-Organisation streben im Untergrund nach der Macht. Harry Ullstein, Leutnant a. D., nun Privatdetektiv in Berlin, sucht die unter mysteriösen Umständen verschwundene Tochter des Hellsehers Hanussen. Dabei gerät er bald in ein Gewirr aus politischen Intrigen und Machenschaften. Werwölfe und Geheimgesellschaften bekämpfen sich bis aufs Blut bei dem Versuch, das zersplitterte, von fremden Mächten kontrollierte Reich wieder zu einen. Seine Gegenspieler: geheimnisvolle Figuren, die im Trüben fischen. Er begegnet dem Führer, an dessen Echtheit er jedoch zweifelt. Und er kreuzt den Weg der charismatischen Alexandra von Xanten, deren widersprüchliche Schachzüge nie verraten, auf wessen Seite sie wirklich steht. In New Montana, wo ihm der schriftstellernde Deputy Sheriff Hanns Heinz Ewers und der Verleger Hugo Gernsbacher zur Seite stehen, hört Ullstein erstmals Gerüchte über ein die Neopest neutralisierendes Immunserum und erfährt, dass die Seuche von finsteren Kreisen ausgelöst wurde, um das Reich zu dem zu machen, was es nun ist - zersplittert und machtlos. Die Printausgabe des Buches umfasst 200 gedruckte Seiten

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Autoren/Hrsg.


Weitere Infos & Material


1.

Ich habe eiserne Prinzipien.

Wenn sie Ihnen nicht gefallen,

habe ich auch noch andere.

Groucho Marx

Der Regen prasselte so laut gegen die Scheibe, dass Harry Ullstein, der an seinem alten Schreibtisch saß, Mühe hatte, sich auf die B.Z. am Mittag zu konzentrieren. Die wichtigste Nachricht des Tages betraf den Tod des Schriftstellers Arthur Conan Doyle, der den Meisterdetektiv Sherlock Holmes ersonnen hatte. Und Marlene Dietrich war mit Gary Cooper in Elberfeld, der Hauptstadt des neuen amerikanischen Bundesstaates New Montana, eingetroffen, um für ihren aktuellen Hollywoodfilm Marokko Reklame zu machen. Bei einem Eisenbahnraub im Oldenburger Land waren ein Anarchosyndikalist und vier ihn beschattende Polizisten ums Leben gekommen. Zu dem Raub hatten sich die Terroristen der Organisation Werwolf bekannt. Deren Anführer hieß Adolf Hitler und wurde seit 1923 gesucht. Die eher unwichtigen Meldungen lauteten: Filmschauspielerin Anny Ondra war in einem Hamburger Restaurant mit dem Boxweltmeister Max Schmeling gesehen worden. Der exzentrische Flugzeugbauer Gottlob Espenlaub kündigte für 1931 einen Senkrechtstarter an, und in Rüdesheim am Rhein war die Witwe des 1925 von der Neopest dahingerafften Schauspielers Max Schreck vom Beiwagen eines Triumph-Motorrades erfasst und zu Tode geschleift worden. Hätte die B.Z. nicht erwähnt, dass Max Schreck die Rolle des Vampirs Nosferatu im gleichnamigen Film gespielt hatte, wäre der Mann Ullstein so unbekannt geblieben wie seine nun tote Witwe.

Als Student hatte Ullstein viel Zeit in den Berliner Kinematografenhäusern verbracht, doch nach dem Krieg hatten sich seine Interessen auf Dinge beschränken müssen, die dazu beitrugen, seinen Lebensunterhalt zu bestreiten. Nach der Entlassung aus der Reichswehr hatte er sich, wie viele andere, neu orientiert und war in eine Branche gewechselt, die ihn schon als Knabe gereizt hatte. Daher prangte an der Tür seines Büros in einer Straße, die Alt-Moabit hieß, ein Messingschild, auf dem Harry Ullstein, Ermittlungen stand.

Seit fünf Jahren verdiente er sich Schrippen, Kippen und Korn mit der Beschattung untreuer Ehemänner und Ehefrauen. Hin und wieder machte er auch Personen ausfindig, die Ehrabschneidendes von Angehörigen der Oberen Zehntausend wussten und nur gegen Zahlung von Geldsummen bereit waren, es für sich zu behalten. Manchmal musste er dann rabiat werden, denn gewissen Kreisen kam man halt nur mit der Sprache bei, die man in der Unterwelt verstand. Obwohl Ullstein selbst relativ aus gebildeten Kreisen kam und eine ausgezeichnete Erziehung genossen hatte, fiel es ihm nicht schwer, sich in anderen Strukturen zu bewegen. Als Kriegsteilnehmer konnte ihn nichts mehr schrecken. Er hatte mehr als einem Feind ins Auge geschaut und mehr als einem Großmaul die Fresse poliert.

Hin und wieder wurde er auch tätig, um belastendes Material über die Konkurrenten seiner Klienten aufzuspüren. Natürlich ist manches von dem, was ich tue, in höchstem Maße unmoralisch, dachte er. Sein Blick fiel aus dem Fenster. Aber einer muss die Drecksarbeit halt machen. Wenn ich sie nicht mache, dann macht es halt ein anderer. Seine Rechtfertigung gefiel ihm. Dashiell Hammett hatte sie in einer Erzählung einem unrasierten Halunken in den Mund gelegt.

Der Himmel war grau. Es regnete seit Stunden ohne Unterlass. Die Straße vor seinem Fenster war menschenleer. Obwohl er nicht über Auftragsmangel klagen konnte und genug verdiente, um sich dann und wann in Kreisen lasziver Frauen zu vergnügen, hätte er nichts dagegen gehabt, wenn sein Beruf etwas abenteuerlicher ausgefallen wäre. Manchmal, wenn das Wetter so grässlich war wie heute, malte sich Ullstein aus, ein dunkel gekleideter Herr des Preußischen Geheimdienstes klopfe an seine Tür und bäte ihn, für König und Vaterland einen Auftrag zu übernehmen, der ihn über Länder und Grenzen hinweg in andere Gefilde bringen würde. In die Karibik vielleicht, wo gerade jemand eine schweinische Verschwörung gegen sein Land anzettelte. Dass ihm eine Chance geboten wurde, in die Zentrale dieser Kreise einzudringen, um ihren Masterplan zu verbrennen, die Kreise selbst mit seiner Remington in einem unterirdischen Konferenzsaal über den Haufen zu schießen und am Ende mitsamt der hübschen Bürokraft des Oberverschwörers in einem Doppeldecker nach Florida zu entkommen, wo preußische Agenten ihn in Empfang nahmen und der örtliche Gesandte ihm im Namen Seiner Majestät einen Orden verlieh. Woraufhin er mit der hübschen Bürokraft in der luxuriösesten Suite des Miami Hilton entschwand, um sich drei Tage und Nächte nackt mit ihr auf einem riesigen Bett zu wälzen.

Doch die Chancen standen schlecht, dass ein solcher Auftrag ihn in absehbarer Zeit erreichte. Die politische Lage war leider so, dass Preußen nicht nur von der Welt, sondern auch von den Weltnachrichten abgeschnitten war: Seit dem Zerfall der sogenannten Weimarer Republik, den man dem seither spurlos verschwundenen Putschisten Hitler anlastete, waren die Außengrenzen des ehemaligen Reiches so dicht, dass keine Maus hindurchschlüpfen konnte. Die Telefonleitungen hatten irre Ausländer aus Angst, sie könnten die Neopest auf den Rest Europas übertragen, mehrheitlich zerhackt. Wenn die deutsche Presse heutzutage überhaupt noch etwas erfuhr, dann nur wie im 19. Jahrhundert, mit Hilfe von Brieftauben und der Post.

Man ging davon aus, dass die deutschen Länder angesichts ihrer prekären gesundheitspolitischen Situation noch Jahrzehnte in dieser Isolation verharren würden. Obwohl das letzte Neopestopfer bereits 1927 den finalen Schnaufer getan hatte, wollte Europa den Deutschen noch keine Freizügigkeit zugestehen. Zu groß war die Angst, der Virus könne in dem einen oder anderen Hunnen noch aktiv und darauf aus sein, die Welt zu vergiften. Es gab auch Nachbarn, die ihre Freude nicht verhehlten, dass die Musterknaben Europas sich endlich mal selbst ins Knie geschossen hatten.

Trotz der zehn Millionen Opfer, die das Reich auch politisch und geografisch in vorbismarcksche Zeiten zurückgeworfen hatten, wollte der Rest der Welt allerdings nicht auf die Qualitätsprodukte der deutschen Industrie verzichten. Man bemühte sich, die hermetisch abgeriegelten deutschen Länder zumindest mit allem zu versorgen, was sie brauchten, um bei Laune zu bleiben und ihre Industrie am Laufen zu halten.

Raus lassen sie uns nicht, dachte Ullstein frustriert und öffnete sein Zigarettenetui, in dem zwölf mit feinstem Virginia-Tabak gefüllte Stäbchen sauber nebeneinander aufgereiht waren. Aber dass sie in mancherlei Hinsicht nicht auf uns verzichten können, ist schon mal ein erfreulicher Gedanke.

Eine quäkende Hupe riss ihn aus seinen Gedanken. Ein erneuter Blick aus dem Fenster zeigte ihm, dass unter ihm auf der regennassen Straße ein schwarzer Mercedes-Benz 770 K angehalten hatte. Ein uniformierter und bemützter Chauffeur schob den Kopf aus dem Seitenfenster und rief drei lumpig gekleideten Gören etwas zu. Sie streckten ihm rotzfrech die Zunge heraus und liefen lachend nach Süden davon.

Der Fernsprecher klingelte. Ullstein legte die B.Z. beiseite, begutachtete den schwarzen Hörer auf der Gabel und fragte sich, ob er abnehmen sollte. Er hatte am Tag zuvor einen lukrativen Auftrag erledigt und befand sich nun in der Position, eine ruhige Kugel schieben zu dürfen. Doch der Tag war grau, das Wetter mies, von Sommer konnte keine Rede sein. Vielleicht war dies der Anruf, auf den er wartete. Möglicherweise der Herr vom Preußischen Geheimdienst, der ihn bat, etwas zu tun, was er selbst aus irgendwelchen bündnispolitischen Gründen heraus nicht tun durfte.

Träume. Schäume. Trallala.

Das Klingeln hörte nicht auf. Ullstein seufzte. Wenn er jetzt nicht abhob und sich später herausstellte, dass dies wirklich der Anruf gewesen war, der sein Leben von Grund auf geändert hätte, würde er es sich nie verzeihen. Trotzdem zählte er bis zehn, hob ab und meldete sich mit seinem üblichen Spruch. „Harry Ullstein, Ermittlungen aller Art.“

„Mein Name ist Hanussen.“ Die Stimme am anderen Ende der Leitung klang heiser, irgendwie österreichisch und leicht nervös. „Ich brauche Ihre Hilfe, Herr Ullstein.“

„Was?“ Ullstein runzelte die Stirn. Er nahm den Hörer vom Ohr und musterte ihn, als könne er seinen Gesprächspartner so am anderen Ende der Leitung erblicken.

„Sind Sie noch dran?“, hörte er den Anrufer aus der Ferne sagen.

„Ähm ... ja.“ Ullstein drückte den Hörer wieder ans Ohr. Wollte ihn jemand veräppeln? Oder war es nur eine Namensgleichheit? Der Name Hanussen war in Berlin jedem Kind geläufig. „Sind Sie der Hanussen?“, fragte er vorsichtig.

Hanussen lachte. „Ja, bin ich.“ Dann hüstelte er kurz. „Gleich wird’s bei Ihnen klingeln.“

Er hatte den Satz kaum beendet, als es tatsächlich klingelte. Ullstein hätte Hanussen gern gefragt, woher sein Wissen stammte, doch der Mann war ja Hellseher. Dies war vermutlich ein Beweis seiner Fähigkeiten.

„Stimmt.“

„Es ist Dvorák, mein Chauffeur. Ich habe ihn geschickt, damit er Sie zu mir bringt, Herr Ullstein. Sie brauchen ihn nicht ins Haus zu lassen. Er ist instruiert, zehn Minuten auf Sie zu warten.“ Hanussen räusperte sich. „Ich glaube, das genügt, um Sie zu überreden, für mich tätig zu werden.“

Ullstein, der keine Ahnung hatte, was in dem Anrufer vorging, nickte vor sich hin. Er entnahm der Dose eine Zigarette und klemmte sie zwischen die Zähne. Natürlich...



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