E-Book, Deutsch, Band 4, 166 Seiten
Hahn Ullstein 04: In der Unterwelt
1. Auflage 2024
ISBN: 978-3-95719-269-1
Verlag: Blitz Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection
E-Book, Deutsch, Band 4, 166 Seiten
Reihe: Ullstein (Alternativwelt-Romane)
ISBN: 978-3-95719-269-1
Verlag: Blitz Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection
Berlin 1930. Kaum aus dem Koma erwacht, wird der Privatdetektiv Harry Ullstein von der Schwarzen Legion beauftragt, nach dem Antipest-Serum zu suchen, das die Sowjets entwickelt haben. Der sich auf der Flucht befindliche russische Spion Josef Stalin hat eine Probe davon nach Berlin gebracht. Ullstein soll sie finden und dem zerfallenen Reich zugänglich machen, damit die Alliierten ihre Grenzen öffnen und die Deutschen aus der Isolation befreien. Ullstein nimmt die Spur des Serums auf, doch er ahnt nicht, dass auch die von Adolf Hitler angeführte Terrororganisation Werwolf längst von der Existenz des Serums erfahren hat. In der Unterwelt der vernebelten alten Reichshauptstadt soll sich das Schicksal des Landes entscheiden.
Autoren/Hrsg.
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1. Kapitel
Die Ewigkeit dauert lange,
besonders gegen Ende.
Woody Allen
Äonen später, als Harry Ullstein aus dem Schlaf erwachte, sah er vor sich eine Schrift, und die sagte: Die Ewigkeit ist voller Sterne.
Er schwebte im Nichts. Das Vakuum roch wie eine Setzerei, nach Blei, Antimon und Zinn. Vor seinen Augen war ein Schleier, den er sich wegzublinzeln bemühte.
Unter ihm (sehr weit unter ihm) kreiste im Schneckentempo ein Spiralnebel um seine Achse. Die Ullstein umgebenden Sterne waren ein buntes Flirren. Sie sahen ganz anders aus als am Himmel über Berlin.
Ihm war, als hätte er Fett auf der Brille. Da er aber kein Brillenträger war, musste etwas anderes seine Sicht behindern. Vielleicht mein beschädigtes Hirn.
Doch nach und nach klärte sich sein Blick, und schließlich erkannte er einige Objekte, die rechts und links und unter ihm durchs Nichts schwebten: einen Teekessel aus Blech, ein rotes Spitzenhöschen, einen 500-Gramm-Schreinerklüpfel, ein Polyphon-Grammophon, eine Fotografie der leicht bekleideten Anny Ondra (mit einem Dolch in der Hand), einen klassischen Brummkreisel (schön bunt), eine halb geschälte Banane und einen Bierdeckel mit dem Aufdruck Bremme Bräu Barmen.
Linkerhand, etwa einen Meter von seinem Ellbogen entfernt, war ein futuristisch anmutendes Gefährt unterwegs, das wie ein Doppeldecker mit einer transparenten Haube aussah. Unter der Haube, am Steuerknüppel, saß ein rotbraunes Eichhörnchen. Es trug ein Lederkäppchen jener Art, die der deutsche Motorist vor fünfzehn Jahren aufgesetzt hatte, um zu verhindern, dass ihm, sobald er 60 km/h fuhr, die Ohren abgerissen wurden. Zwei funkelnde Knopfaugen über einem spitzen Schnäuzchen schauten Ullstein an, der nun dazu ansetzte, sich die eigenen Augen zu reiben, um sich zu versichern, dass er keiner Halluzination aufsaß.
Als das Eichhörnchen die Haube der Flugmaschine öffnete, dachte Ullstein: Alles klar. Ich bin verrückt geworden.
„Ich bin Käpt’n Murgatroyd“, sagte das Eichhörnchen, obwohl jeder, der seine fünf Sinne beisammen hat, weiß, dass man im Vakuum gar nichts hören kann. Sein Stimmchen klang ungefähr so, wie Ullstein sich die Stimme einer Ente vorstellte. „Und ich hab ’ne Botschaft für Sie.“
„Von wem?“ Ullstein machte einen ernsthaften Versuch, über das nachzudenken, was sich hier abspielte, aber sobald er sich nicht mehr auf die Schwimmbewegungen konzentrierte, die ihn durch das Nichts transportierten, verlor er an Höhe, obwohl es im Nichts eigentlich gar kein Oben und Unten gibt.
„Es heißt Drounli.“ Käpt’n Murgatroyd ließ den Lenker seines phantastischen Gefährts los, was auf seinen Kurs keinen Einfluss hatte. Ullstein zog den Schluss, dass es ebenso eine Halluzination war wie der Käpt’n. „Oder Charlotte.“
Wieso Es?, hörte Ullstein sich denken. Er hatte Charlotte als Frau in Erinnerung. „Ich bin ganz Ohr, Käpt’n“, erwiderte er. „Wie lautet Ihre Botschaft?“
„Ihnen ist was auf den Kopf gefallen.“ Murgatroyd grinste. „Und zwar etwas ziemlich Schweres. In einem Bergwerksstollen an der Grenze zu einem Land, dessen Name ganz und gar unwichtig ist. Deswegen liegen Sie jetzt in irgendetwas namens Koma. Stellen Sie mir bloß keine Fragen. Ich bin nur eine Art ... ähm ... Umspannwerk, das sich bemüht, x-dimensionale Informationen in Laute umzuwandeln, die ein Mensch wie Sie verstehen kann. Es gelingt mir vielleicht nicht immer.“ Murgatroyd räusperte sich. „Sie glauben übrigens nur, dass Sie durchs Vakuum fliegen und da unten ’ne ferne Galaxis sehen. In Wirklichkeit sind Sie voll im Tran und liegen im Krankenhaus von ... Sömmerda.“ Er räusperte sich. „Thüringen.“
„Ach.“ Ullstein begutachtete seine Umgebung. Sie war wirklich endlos, aber hübsch anzusehen. Überall flackerten dekorative Sterne. „Ich halluziniere?“
„Könnte man so sagen.“
Ullstein konnte es nicht fassen. Es war doch alles so real! Die Galaxis unter ihm! Rechts sah er noch eine! Und der Komet, der vor ihm von Backbord nach Steuerbord raste und schon im Begriff der Auflösung war. Sein rotgrüner Schweif versprühte weißgelbes Licht. Wie eine Wunderkerze.
Komisch war freilich, dass er ein Spruchband hinter sich herzog, auf dem GLEICH WACHST DU AUF stand.
Alles sah so aus wie auf den bunten Titelbildern der amerikanischen Raketenheftchen, die sich in Hugo Gernsbachers Büro in New Montana stapelten.
„Wie geht’s weiter, wenn ich aufwache, Käpt’n?“, fragte Ullstein. „Ist mein Kopf noch in Schuss? Oder bin ich ein sabbernder Idiot?“
Murgatroyd machte eine abwehrende Tatzenbewegung. „So schlimm isses nu auch wieder nicht ... Ich zähl bis zehn, Herr Ullstein. Dann wachen Sie auf und kucken bass erstaunt aus der Wäsche.“ Er stieß ein Quaken aus, das vermutlich ein Eichhörnchenlachen war. „Wahrscheinlich wird Ihr Schädel anschließend ordentlich brummen.“
Die transparente Haube senkte sich langsam über das Cockpit, in dem Murgatroyd saß. „Sie sind aus‘m Schneider, mein Guter.“ Er fletschte die Zähne. „Die Schulmedizin hat Sie gerettet, und ’ne gute Freundin ist da und hält Ihr Händchen.“
Die Haube machte Klonk und war verschlossen.
Murgatroyd gab Gas. Sein Gefährt stürzte nach unten und verlor sich in der Ewigkeit. Sie war noch immer voller Sterne und würde es vermutlich bleiben.
Natürlich konnte Ullstein den Käpt’n nicht zählen hören, aber zehn Sekunden später verblassten sämtliche Sterne im Universum. Die kosmische Schwärze mutierte zu einem konturlosen Grau.
Dann riss das Grau über ihm auf, und vor seinen Augen materialisierte das Gesicht der schönsten Frau der Welt. Sie hatte glänzende schwarze Augen. Zu seinem Erstaunen hatte sie nun rotes Haar, einen Bubikopf und trug eine schwarze Hornbrille. Wie eine Gouvernante. Außerdem war sie auch so angezogen.
„Dörthe, du?“
„Harry?“
Ullsteins Schädel zerbarst (oder es kam ihm so vor), und er ruckte und zuckte zehn Sekunden wie ein Epileptiker auf und nieder. Er glaubte, der Ofen sei endgültig aus. Gleich würde er sich im hohen Bogen übergeben. Doch das Gefühl flaute so schnell ab, wie es gekommen war, und es gelüstete ihn wahnsinnig nach Kartoffelsalat.
„Nenn mich bloß nicht Dörthe!“ Alexandra von Xanten klang so aufgebracht, als hätte er ihr in der Öffentlichkeit einen obszönen Vorschlag gemacht. „Ich konnte diesen doofen Namen noch nie leiden!“ Ihre Augen funkelten, doch statt sich auf ihn zu stürzen, beugte sie sich über ihn und zerzauste sein Haar. „Wie schön, dich wiederzusehen, Harry!“
Ullsteins Lenden zuckten. Er hätte Alexandra am liebsten an sich gerissen und all das mit ihr getrieben, zu dem er seit Ewigkeiten nicht mehr gekommen war.
„Ich ... ähm ... auch ...“ In seinem Kopf war eine leichte Leere. Irgendwas war während seiner Ohnmacht mit ihm passiert ... Er hatte vergessen, wie nahe sie sich standen. Standen sie sich überhaupt nahe?
In seinem Kopf lief ein Film ab: Er lag in einem Bett, und Alexandra lag auf ihm. Ihr Schoß hatte sich an den seinen geschmiegt. Doch ehe ihm einfiel, wann und wo dies gewesen war, wurde ihr Gesicht von einem anderen überlagert: Blondes Haar? Ah, Charlotte Danziger! Dann wurde auch Charlottes Gesicht überlagert: Marie!
„Wer ist sie?“
„Wer?“ Alexandra musterte ihn mit gerunzelter Stirn.
„Marie.“ Ullstein hatte den Namen kaum ausgesprochen, als er wusste, wer sie war. Er winkte ab. „Erinnerungslücken ...“ Er griff sich an den Schädel und richtete sich auf. Einige Dinge fielen ihm wieder ein.
Er schaute sich um. Es war dunkel draußen. Abend. Nacht?
Er lag in einem Krankenhausbett. In einem Einzelzimmer. Wer blechte für ihn? Der vermaledeite Auftrag fiel ihm ein, mit dem alles angefangen hatte: Erik Jan Hanussen, der berühmte Hellseher, hatte ihn beauftragt, seine Tochter Marie zu finden. Und er hatte ihn in diese gottverdammte, kein Ende nehmende Scheiße geritten.
Ullstein sah Gesichter. Hörte Namen. Botho von Grimelsheim. Die Schwarze Legion. Hanns Heinz Ewers. Zusammenstöße mit Werwölfen, Kommunisten, Intriganten, Arschlöchern, Hundesöhnen und ... Alexandra, die aber tot war.
Ullstein starrte sie an. Ich bin gar nicht wach, dachte er. Ich lieg noch im Koma und bilde mir das alles nur ein.
Hatte er nicht gerade noch mit einem Eichhörnchen gesprochen?
„Was glotzt du so blöd?“ Alexandra packte seine Schultern und schüttelte ihn. „He, Harry, bist du wach? Bist du bei mir?“
Ullstein hustete. Sein Schädel tat entsetzlich weh. „Ja, ja, ich bin hier.“ Er schüttelte den Kopf, was aber den Schmerz nur verstärkte. Er sank nach hinten. Aufs Kissen. Krause Gedanken vereinnahmten sein Hirn.
„Wieso bist du nicht tot?“, hörte er sich fragen. „Du bist doch in Thyssenia vom Dach gefallen ...“
Alexandra beugte sich wieder über ihn. „Ja, bin ich.“ Sie nahm seine Hände und drückte sie. „Aber ich bin nicht tot. Fühlen sich so die Hände einer Toten an?“ Sie seufzte und klang irgendwie erleichtert. „Ich hatte ein Mordsschwein, Harry. Ich bin in ein Netz gefallen.“
„Was?“
Sie erklärte es ihm. Ullstein hörte ihr mit...




