Haigh | Der Feind, den ich liebte | E-Book | www.sack.de
E-Book

E-Book, Deutsch, 488 Seiten

Haigh Der Feind, den ich liebte


1. Auflage 2016
ISBN: 978-3-8025-9841-8
Verlag: LYX
Format: EPUB
Kopierschutz: Wasserzeichen (»Systemvoraussetzungen)

E-Book, Deutsch, 488 Seiten

ISBN: 978-3-8025-9841-8
Verlag: LYX
Format: EPUB
Kopierschutz: Wasserzeichen (»Systemvoraussetzungen)



Hawaii, 1914: Die junge Lani Elkart träumt seit jeher davon, eines Tages das alte Europa, die Heimat ihrer Mutter Clara, kennenzulernen. Doch als der Erste Weltkrieg ausbricht, rückt dieser Wunsch in weite Ferne. Auch auf Hawaii wird die Gefahr bald spürbar, als das deutsche Kriegsschiff Geier in der Bucht von Honolulu vor Anker geht. Aber Lanis Neugier auf den Marineoffizier Paul ist stärker als ihre Furcht vor den Wirren des Krieges. Der geheimnisvolle Draufgänger hebt ihr Leben aus den Angeln. Dennoch verliebt sie sich in ihn - auch wenn die Zeichen der Zeit gegen ihre Liebe sprechen...

Tara Haigh schreibt seit vielen Jahren große TV-Unterhaltung und als Tessa Hennig Frauenromane mit Pfiff, die bereits erfolgreich verfilmt wurden und bisher alle Spiegel-Bestseller wurden. Die historische Verbindung zwischen Deutschland und Hawaii fasziniert sie in besonderem Maße, weil sie einen Aspekt deutscher Geschichte zeigt, der kaum bekannt und doch so schillernd ist.

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1
Die Diskussionen darüber, ob man nun Knie zeigen durfte oder nicht, wollten seit Beginn ihrer Atlantiküberquerung einfach nicht abreißen. Es gab zwei Fraktionen: die Alten und die Jungen. Mutter gehörte, obgleich sie bereits schnellen Schritts auf die fünfzig zuging, noch nicht zu den alten Schabracken, die sich doch tatsächlich über ihr Badegewand noch einen kniebedeckenden Rock anzogen, der einen erheblich beim Schwimmen behinderte. Damit konnte man bestenfalls bequem am Strand flanieren. Für ein Schwimmbad war er gänzlich ungeeignet. Lani fand es ungerecht, dass die Männer unbescholten Knie zeigen durften, die Frauen nicht. Ob ein kniefreier Badeanzug unschicklich für eine junge Dame war, darum scherte sich Lani aber nicht. Sie genoss es, täglich vor dem Frühstück kniefrei ihre Bahnen zu schwimmen, zwar nicht in Salzwasser, wie sie es von zu Hause gewohnt war, aber immerhin in einem angenehm temperierten Becken und in einem Ambiente, das sie eher an ein römisches Thermalbad als an das Schwimmbad eines Ozeanriesen erinnerte. Richtig amüsant war es, die Damen in den Umkleidekabinen zu beobachten. Wie genant sie sich mit Handtüchern verhüllten. Wer auf Hawaii aufgewachsen war, für den war es befremdlich, wenn jemand seinen Körper versteckte und vor Schreck bleich wurde, wenn aus Versehen ein Handtuch zu Boden ging. Einmal hatte Lani es während der Überfahrt sogar gewagt, sich nackt zu duschen. Das war so lange gut gegangen, bis sie nicht mehr allein in den Duschräumen gewesen war. Wie eine Aussätzige hatten sie zwei Mitreisende der zweiten Klasse angestarrt, ein »Pfui« in den Augen und mit sichtlich aufsteigendem Unbehagen. Seither redete man über sie. Die kleinen Sticheleien reichten von »Was kann man auch anderes von einer Wilden erwarten« bis hin zu »Andere Länder, andere Sitten«, auch wenn sie damit sicher »Unsitten« meinten. Das Schwimmbad im pompejanischen Stil, wie der Bademeister ihr erklärt hatte, reichte über drei Decks. Gleich zwei Treppen führten in ein gefliestes Becken. Das Karomuster des Bodens fand sich an den geriffelten Säulen wieder, zwischen denen Steinbänke zum Ausruhen oder Beobachten einluden. Letzteres nahmen für gewöhnlich Willi und Hans in Anspruch, und wen sie beobachteten, war klar: die »schönste Blume Hawaiis«, wie Willi sie schon kurz nach dem Auslaufen aus New York genannt hatte. So ein Charmeur und seines Zeichens Fabrikant. Mit seiner Hamburger Möbelmanufaktur, die sich auf Nussbaum- und Jugendstilmöbel spezialisiert hatte, hätte er sich gar nicht brüsten müssen, um bei ihr Eindruck zu schinden. Seine Prahlerei war aber typisch für Männer, die sich hinter Schnurrbärten versteckten. Er sah trotzdem gut aus und war ein recht geistreicher Zeitgenosse. Das reichte doch, oder etwa nicht? »Moin, moin, Fräulein Lani. Wie geht es Ihnen heute Morgen?«, kam prompt, als sie das andere Ende des Beckens erreicht hatte und vor ihm die exotische Meerjungfrau gab. »Bestens, Willi«, gab sie zurück. Vor sich hatte Lani schöne und gepflegte Füße, die zu kräftigen Waden und trainierten Oberschenkeln gehörten. Er verdankte sie regelmäßigem Radsport. Willi hatte ihr das unaufgefordert bei ihrer ersten Begegnung im Schwimmbad erzählt, weil sie wohl auffällig lange auf seine Beine gestarrt hatte. Natürlich nicht, weil sie so wohlgeformt und muskulös waren oder man sich vom Wasser aus nach oben blickend ausmalen konnte, dass sich Imposantes im Schritt hinter dem eng anliegenden gestreiften Badeanzug verbarg. Seine weiße Haut hatte sie fasziniert, die dunklen Haare, die darauf lagen. Das gab es in ihrer Heimat nicht. »Was ist los mit Ihnen? Warum schwimmen Sie nicht?«, wollte Lani wissen, weil ihr aufgefallen war, dass er heute noch kein Wasser abbekommen hatte. »Ach, ich konnte mich noch nicht aufraffen«, erklärte er. »Wie wäre es mit einem kleinen Wettschwimmen?« Unzählige hatten sie ja bereits hinter sich. Willi zuckte etwas ratlos mit den Schultern. »Sie sind doch nicht etwa krank?«, fragte Lani verschmitzt. »Nur etwas melancholisch«, gestand er und lächelte. Lani ging es genauso, auch wenn sie sich auf Bremerhaven freute. Seine und die Gesellschaft anderer Mitreisender würden ihr sicher fehlen. »Aber Sie wissen ja, Sie und Ihre Mutter sind jederzeit in Hamburg willkommen«, sagte Willi. Lani nickte, obwohl sie nicht wusste, ob sie überhaupt Zeit dazu hatten, Hamburg einen Besuch abzustatten. Es wäre aber lohnend, denn Willi hatte ihr in Aussicht gestellt, für ihn zu arbeiten. Dass sie neben Deutsch und Hawaiianisch auch noch Englisch und fließend Französisch sprach und seit einigen Jahren im Handel für Hackfeld tätig war, der über die Grenzen Hawaiis hinaus einen guten Ruf genoss, hatte sich bei abendlichen Tischgesprächen an Bord bereits herumgesprochen. Das preußische Reich war die Welt. Berlin hatte Paris und London schon lange den Rang abgelaufen – so viel wusste Lani aus Zeitungen und Illustrierten. Hawaii hingegen lag am anderen Ende der Welt, auch wenn es ihr dort an so gut wie nichts mangelte – bis auf Abenteuer und Vielfalt, Kultur, Theater und prickelnde Inspiration, wie es sie nur in europäischen Metropolen gab. Im Vergleich dazu war Honolulu doch ein Nest, machte sich Lani wieder einmal klar. »Lani, Sie sagen ja gar nichts«, stellte Willi fest. Lani war in Träumereien geraten, wie so oft auf dieser Überfahrt. Am Ende hatte sie auch nur seine Melancholie angesteckt. Das war kein Wunder, denn sie waren nun schon seit Wochen unterwegs. Erst auf der Australia, dem »Fährschiff« von Honolulu nach San Francisco, dann mit der transkontinentalen Eisenbahn quer durch die Vereinigten Staaten. Lani schwirrte in Gedanken daran der Kopf. So viele Eindrücke, so viele interessante Begegnungen. Und wie faszinierend war das Land der unbegrenzten Möglichkeiten, wie die Amerikaner, allesamt Einwanderer, es nannten. Und doch verblasste selbst eine Metropole wie San Francisco gegen die Aussicht, endlich deutschen Boden zu betreten. Denn dort schlug der Puls der Zeit. »Lani«, hallte es von den schmiedeeisernen Treppen herunter, die zum Schwimmbad führten. »Ah, da ist ja Clara«, kommentierte Willi. Auch bei ihrer Mutter hatte er versucht, einen guten Eindruck zu hinterlassen. Dass sie nicht im Badekleid nach ihr Ausschau hielt, erinnerte Lani daran, dass sie eigentlich schon längst zurück auf ihrer Kabine hätte sein müssen, um dann gemeinsam das Frühstück einzunehmen. »Sehen wir uns zum Lunch?«, fragte Willi. Sein Schnurrbart kräuselte sich für gewöhnlich, wenn er sie anlächelte. »Vielleicht«, gab sie unverbindlich zurück. »Ja, ich komme«, rief sie dann in Richtung ihrer Mutter und wandte sich von Willi ab, um die letzte Bahn an Bord dieses Schiffs zu schwimmen. Auch nach knapp zweiwöchiger Überfahrt von New York mit Ziel Bremerhaven hatte Lani sich immer noch nicht an die Größe des Imperator gewöhnt. Es waren recht lange Wege von der Kabine bis zum Speisesaal der jeweils gebuchten Klasse. Auch daran, dass Kaiser Wilhelm II. dem Ozeanriesen wenige Wochen nach dem Untergang der Titanic einen männlichen Namen gegeben hatte und das Schiff entgegen dem Sprachgebrauch auch als männlich anzusehen war, musste man sich gewöhnen. Mehr als nur einmal war Lani »die Imperator« herausgerutscht, was Mutter stets sofort berichtigt hatte. Auch wenn Lani den Kaiser nur vom Hörensagen und aus Zeitungsberichten kannte, passte das größte Schiff der Welt auch Mutters Ansicht nach perfekt zum deutschen Regenten. Es regierte die Weltmeere – Wilhelms Traum. Viertausend Passagiere fanden darauf Platz. Dazu kamen noch über eintausend Mann Besatzung. Um die vierzig Millionen Mark soll es gekostet haben. Dass es nach Auskunft des Kapitäns zweihundertachtundsechzig Meter lang und dreißig Meter breit war, hatte sich Lani schon beim ersten Rundgang erschlossen – vielmehr auf dem Weg durch wahre Irrgärten der vielen Decks, die den Komfort eines Grandhotels boten. Ein Frühstücksbuffet aus dem Hause Ritz-Carlton, das auch am Abend für kulinarische Genüsse sorgte, gehörte genauso dazu wie eine Besatzung, die einem beinahe jeden Wunsch von den Lippen ablas. »Ich freu mich jetzt schon auf die Rückfahrt«, sagte ihre Mutter auf dem Weg zum Frühstückssaal unvermittelt, auch wenn sie noch vor wenigen Minuten gemeinsam mit Lani an Deck nach Land, ihrer alten Heimat, Ausschau gehalten hatte. Während der ganzen Überfahrt war kein Tag vergangen, ohne dass sie immer wieder sagte, wie sehr sie Hawaii, Komo und ihre Plantage vermisste. Lani war froh, dass sie ein sogenanntes »Open Return«-Ticket hatten und daher an keinen zeitlichen Rahmen gebunden waren. Auch wenn sie offiziell nur hier waren, um Onkel Friedrichs Erbe abzuwickeln und die Luft der alten Heimat zu schnuppern, liebäugelte Lani damit, länger zu bleiben. »Ich werde das leckere Frühstück vermissen«, räumte Lani daher augenzwinkernd ein, als sie in einen langen Korridor einbogen, der zum Speisesaal der zweiten Klasse führte. »Nur das Frühstück?«, fragte Clara spitzfindig nach. Lani wusste genau, worauf ihre Mutter anspielte. Oft genug hatte sie sie auf ihre Männerbekanntschaften an Bord gleich zweier Schnelldampfer und während der Eisenbahnfahrt angesprochen, obwohl sie selbst ebenfalls nicht wenige Komplimente eingeheimst hatte. Das war auch kein Wunder, weil Mutter trotz erster grauer Haare nach wie vor eine bildhübsche Frau war. Die hohen Wangenknochen und ebenen Gesichtszüge hatte Lani von ihr, die Mandelaugen von ihrem...



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