Haitel | Das Kreuz der Malteser | E-Book | www.sack.de
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E-Book, Deutsch, 261 Seiten

Haitel Das Kreuz der Malteser

Story Center
1. Auflage 2017
ISBN: 978-3-95765-962-0
Verlag: p.machinery
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

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ISBN: 978-3-95765-962-0
Verlag: p.machinery
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Bis zum Ende des 18. Jahrhunderts waren die Johanniter von vielfältigen geschichtsträchtigen Ereignissen umgeben. 1099 waren sie an der Eroberung Jerusalems beteiligt. 1522 wurden sie von den Osmanen von Rhodos vertrieben. 1530 siedelten sie sich auf Malta an. 1565 besiegten sie die Osmanen in der Großen Belagerung (Great Siege). 1798 musste der einzige deutsche Großmeister, Ferdinand von Hompesch, gegenüber Napoleon Bonaparte kapitulieren und Malta mit seinen Rittern verlassen. Vor allem in der Zeit nach 1565 wurden die Johanniterritter als Retter Europas betrachtet. Die Große Belagerung Maltas galt als einer der Wendepunkte in der Geschichte der Eroberung Europas durch die Osmanen. Im 19. Jahrhundert verloren die Malteser an politischer Bedeutung. Und heute kennen die meisten Menschen nur noch die Hilfsdienste der Malteser und Johanniter. Aber auch der Ritterorden existiert noch - und die zwölf Autoren in dieser Anthologie beantworten jeder für sich die Frage, welche Rolle die Ritter in der heutigen Zeit spielen würden, wäre die Geschichte ein wenig anders verlaufen. 

Michael Haitel, Jahrgang 1959, Ex-Abiturient, Ex-Soldat, Ex-Vertriebsassistent, Ex-Logistiker, Ex-ITler, Verleger, Lektor, Korrektor, Druckvorlagenmacher. Liebhaber der deutschen Sprache in ihrer größtmöglichen Reinheit.
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K?rsten Beuchert: Die versäumte Ermordung Seiner M?jestät Zar Paul I.


Dies war es also, in gewissem Sinn das Ziel seiner Forschungsreise, das er sich als deren Abschluss und Höhepunkt aufgespart hatte: Das Palais von Alexander I. in Taganrog, in dem der russische Zar aller ärztlichen Kunst seiner Zeit zufolge hätte sterben müssen; das Gebäude, das auf wundersame Weise zum Ausgangspunkt der Renaissance christlicher Mystik und – damit verbunden – des unerwarteten Wiedererstarkens des Malteserordens geworden war; der Ort, an dem die Visionen des Zaren begonnen hatten, die in die Niederschrift des »Buchs der Wunder« münden sollten – des wichtigsten Werks neuzeitlicher christlicher Mystik.

Erstaunlich bescheiden und unauffällig duckte sich das Palais einstöckig hinter doppelt so hohen Bäumen neben die frisch geteerte Straße. Fast perfekt restauriert und in der Lachsfarbe gestrichen, die alte Postkarten als original suggerierten, wirkte es trotz seiner historischen Bedeutung – irgendwie belanglos. Zum Glück war noch niemand auf die Idee gekommen, diesem Eindruck einen sensationsheischenden, aber hohlen Überbau zu verpassen. Noch waren die russischen Gouvernements nicht so geschäftstüchtig, ihre Sehenswürdigkeiten touristisch auszubeuten. Aber sie befanden sich auf dem besten Weg dorthin, wie Alexej Romanow schmerzlich konstatierte.

Mit leisem Seufzer zog er sein aktuelles Notizbuch aus der Tasche. Einen Moment betrachtete er das achtspitzige Malteserkreuz auf dem Einband, das den Inhalt dieser Kladde als sein intimstes Projekt kennzeichnete, von dem er sich jedoch nicht mehr sicher war, ob daraus jemals ein Film entstehen wollte. Nach kurzem Zögern öffnete er das Buch und begann zu schreiben. Trotz seiner inneren Angespanntheit war er Journalist genug, zu wissen, dass sich auch unwichtige Details oder scheinbare Nebensächlichkeiten zu spannenden Gesamtbildern zusammenfügen konnten.

Das Notieren seiner Eindrücke von dem kleinen Palais ließ ihm Raum genug, sich zurückzuerinnern, wie diese Reise begonnen hatte.

Das vorige Jahr hatte höchst erfolgreich angefangen: Sein letzter für das deutsche Fernsehen produzierter Film war sogar von der BBC übernommen und übersetzt worden. Nichts hatte darauf hingedeutet, wie es weitergehen würde. Voll Enthusiasmus hatte er sich in die weitere Arbeit gestürzt. Wenn russische Kultur – aufbereitet für ein pseudointellektuelles westeuropäisches Massenpublikum – aktuell so hoch im Kurs stand, dann wollte er auf dieser Erfolgswelle mitschwimmen, solange sie anhielt. Sein interkulturelles Verständnis als Russlanddeutscher, verbunden mit seiner Kenntnis der wichtigsten europäischen Sprachen, schienen ihm beste Voraussetzungen zu bieten. Auf »Tolstoj für Anfänger« sollte »Tschechow für Anfänger« folgen – oder vielmehr »für Dummies«, wie es ironisierend neudeutsch so schön hieß. Und »Solschenizyn« war in Planung. Eine gewisse Zeit hatte er sich mit dem Gedanken getragen, sich auch mit der Entwicklung von Russland als politischer und wirtschaftlicher Großmacht zu beschäftigen – insbesondere auch im Hinblick auf die zunehmenden russisch-chinesischen Spannungen – und diese fernsehtauglich aufzubereiten. Dies war zwar ein vielversprechendes Thema, doch hatte er die Idee bald wieder verworfen. Seine Expertise lag eindeutig auf kulturellem Gebiet.

Dann – für Alexej völlig überraschend, von einem Tag auf den anderen – verließ ihn seine Freundin Barbara. Für sie sei er inzwischen mehr mit seiner Arbeit in Beziehung als mit ihr, ließ sie noch verlauten. Dann war sie weg.

Und Alexej fiel aus seinem Höhenflug in ein abgrundtiefes Loch. Es war überhaupt nicht daran zu denken, an »Tschechow« oder gar »Solschenizyn« weiterzuarbeiten. Rechtzeitig spürte er die Dunkelheit einer depressiven Verstimmung aufkommen und gab sich einen Ruck. Ein »Tapetenwechsel« würde ihm gut tun: ganz andere Leute, ganz andere Gegenden, bloß raus aus Moskau und aus dieser Wohnung, die er doch einige Zeit mit Barbara geteilt hatte.

Der am schnellsten zu buchende Last-minute-Flug im ersten Reisebüro, in das er hineinstolperte, führte ihn bereits am folgenden Tag nach Malta. Umsorgt vom »All inclusive«-Angebot kam Alexej langsam zur Ruhe. Das Personal war sehr freundlich, und erfreulicherweise auch die anderen Gäste. Möglicherweise hätte sich sogar die eine oder andere Affäre ergeben können, wenn Alexej bereit gewesen wäre, sich auf Derartiges einzulassen.

Stattdessen startete er zu immer weiteren Fahrten und Wanderungen über die Insel, erst zu den üblichen touristischen Zielen, und dann zunehmend an Orte der Ruhe und der Kontemplation. Und langsam, ganz langsam, begann es Wirkung zu zeigen und seinen Schmerz zu lindern – dieses neu erblühte Zentrum christlicher Mystik, dieses kraftvolle Gegengewicht zu den sich immer weiter ausbreitenden östlichen spirituellen Lehren wie Buddhismus oder Tantra. Würde er Muße haben, so beschloss Alexej, dann wollte er sich mit diesem Phänomen und seiner wohltuenden Wirkung näher beschäftigen, möglicherweise sogar ein Seminar zu diesem ominösen »Buch der Wunder« besuchen.

Doch jetzt ging es vordringlich darum, seine Arbeitsfähigkeit zurückzuerlangen und seinen Ruf und Erfolg als Filmemacher weiter auszubauen.

Dies war leichter gedacht als getan, wie Alexej – zurück in Moskau – bald feststellte. In der gewohnten Umgebung und Wohnung ließ die Entspannung rasch nach. Sehnsuchtsvolle Bilder von Barbara überlagerten sich mit nicht weniger ablenkenden Impressionen von Malta und der dort empfundenen Ruhe.

Ein weiteres Mal saß Alexej bis tief in die Nacht wach und bekam doch nur unzusammenhängende Notizen zustande. Nicht einen vernünftigen Absatz für das zugrunde liegende Skript, wie er den geplanten Film aufbauen wollte, hatte er zu Papier gebracht! Wieder einmal versuchte er, die Kreativität zu erzwingen – wobei ein weiterer Red Bull möglicherweise helfen konnte.

Die nächste Tankstelle mit offenem Shop war zehn Gehminuten entfernt. Mit dem Wagen würde es nur eine Minute dauern. Kein Anlass, für diese kurze Strecke den Gurt anzulegen. Alexej selbst fuhr nicht schnell, als der – wie er später erfahren sollte – Betrunkene mit seinem Mercedes die Kurve schnitt und frontal in seinen Wolga krachte. Trotzdem hob ihn der Aufprall aus dem Sitz, sein Kopf stieß an den Dachhimmel, sein Brustkorb prallte aufs Lenkrad.

Als Alexej zurücksank, konnte er verwundert beobachten, wie sein bewusstloser Körper zur Seite kippte. Es dauerte eine Weile, bis ihm klar wurde, was hier gerade geschah – hatte er doch außerkörperliche Erfahrungen bisher als Humbug abgetan, von denen nur in obskuren esoterischen Kreisen die Rede war. Und nun schien gerade ihm selbst eine zu widerfahren …

Alexej versuchte, nach seinem Körper zu tasten. Unabhängig von allem, was er gehört hatte, schien es ihm ratsam, diese Verbindung zu halten. Kaum nahm er wahr, was um seinen Wagen geschah, wie die ersten nächtlichen Passanten zusammenliefen, dann die Polizei eintraf.

Schließlich erreichten Notarzt und Sanitäter den Unfallort, und er konnte zuschauen, wie er – sein Körper – vorsichtig aus dem zertrümmerten Auto gezogen und auf eine Trage gelegt wurde. Als die Helfer diese zum Rettungswagen schoben, schien ihm das darauf prangende achtspitzige Kreuz des Malteser-Hilfsdienstes ungewöhnlich hell zu leuchten. Im städtischen Hospiz – entgegen dem altertümelnden Namen ein riesiger hochmoderner Krankenhauskomplex – wiederholte sich das gleiche Phänomen: Von überallher sprangen ihn die Malteserkreuze fast aufdringlich an. Schließlich, irgendwann während der sofort angesetzten Operation, verlor Alexej dann doch vollständig das Bewusstsein.

Als er aus der Reha entlassen wurde, war der Abgabetermin für »Tschechow« abgelaufen und der Auftrag für »Solschenizyn« zurückgezogen. Alexej spürte eine Mischung aus Resignation und Ärger. Vorwerfen konnte er dieses Verhalten seinen Auftraggebern nicht, genauso wenig, wie sie ihn für seinen unfallbedingten Ausfall haftbar machen konnten. Andererseits war er als Filmemacher darauf angewiesen, sich und seinen Namen immer wieder ins Gespräch zu bringen. Sonst lief er Gefahr, schneller in Vergessenheit zu geraten, als ihm lieb sein konnte.

Ein Brief in der aufgelaufenen Korrespondenz weckte in ihm ambivalentes Interesse. Auf der einen Seite war es aktuell das einzige Angebot für einen Auftrag – und er konnte dringlich einen brauchen. Auf der anderen Seite bestand die Gefahr, dass er mit dieser Arbeit in eine Schublade geraten würde, von der er nicht sicher war, ob er sich darin befinden wollte. Bisher hatte er sich doch mit der Aufarbeitung des Werks von Kultur schaffenden russischen Geistesgrößen einen Namen gemacht – was mochte jemanden dazu veranlassen, ihm die Erstellung einer filmischen Biografie von Helena Blavatsky anzutragen? Und passte dies nicht wiederum wie die sprichwörtliche »Faust aufs Auge«? Hatte er nicht gerade selbst eine esoterische Erfahrung gemacht, und Madame Blavatsky war eine der prägendsten Figuren des westeuropäischen Okkultismus, der im Zuge von New-Age-Bewegung und Esoterikwelle gerade ins neugierige Massenblickfeld rückte?

Schließlich verband sich Neugier mit finanziellen Erwägungen zu einem Entschluss, und Alexej nahm den Auftrag an. Er bedauerte...



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