Hakl | Acht Tage bis Montag | E-Book | www.sack.de
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E-Book, Deutsch, 216 Seiten

Hakl Acht Tage bis Montag


1. Auflage 2015
ISBN: 978-3-99200-123-1
Verlag: Braumüller Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

E-Book, Deutsch, 216 Seiten

ISBN: 978-3-99200-123-1
Verlag: Braumüller Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



An manchen Dingen kann man einfach nichts ändern. Unrecht zählt nicht dazu. Es kann doch nicht so schwer sein, eine Meinung zu haben. Politische Gleichgültigkeit geht gar nicht, findet ein Tscheche, der für die Präsentation seines neuen Buches mal schnell nach Oslo reist. Er hat die Schnauze voll von Korruption, alten Kommunisten in hohen Positionen und Willenlosen in der Bevölkerung. In seiner Tasche: ein Text über die Machenschaften der linksradikalen RAF. Er will verstehen, was Baader, Meinhof und Ensslin zu ihren Taten trieb. Während seines Aufenthalts tötet Anders Behring Breivik 77 Menschen auf der norwegischen Ferieninsel Utøya. Von der Reise zurückgekehrt findet er einen Scherbenhaufen vor. Einer seiner Freunde wurde aus seinem Zuhause vertrieben. Zusammen mit einem Dritten entsteht ein Plan. Der für die Zwangsversteigerung mitverantwortliche korrupte Staatsanwalt muss sterben. Das wird die Leute wohl endlich aufwecken. Wie immer setzt sich Emil Hakl über alle Genregrenzen hinweg und treibt die Spannung gewandt auf den Höhepunkt. Seine auf den ersten Blick beiläufig anmutenden Beschreibungen entpuppen sich als unverwechselbare Charakteristika, die mit großem Gespür für Details zu Papier gebracht wurden.

Emil Hakl (mit eigentlichem Namen Jan Benes) wurde 1958 in Prag geboren. Er arbeitete als Werbetexter, Redakteur und Journalist. Seit 2001 veröffentlicht er vor allem Erzählungen und Romane wie die Novelle 'Treffpunkt Pinguinhaus' (Braumüller 2010) und den Roman 'Regeln des lächerlichen Benehmens' (Braumüller 2013). Er wurde zweimal mit dem tschechischen Literaturpreis 'Magnesia Litera' sowie mit dem Josef-Skvorecký-Preis ausgezeichnet.
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SARGWEITWURF


schreibe ich und drücke auf Senden.

lautet die Antwort.

Als wir uns auf Reiseflughöhe vorgekämpft haben, hole ich mein Buch aus der Tasche, versuche mich reinzulesen.

Hanns Martin Schleyer verankert sich in den Sechziger- und Siebzigerjahren vor allem mit seiner harten Haltung gegen die Gewerkschaften im Bewusstsein der deutschen Öffentlichkeit. Geboren wird er 1915 in Offenburg. Nach seinem Jurastudium tritt er 1933 der SS bei und vier Jahre später der NSDAP. Dort macht er Karriere, die ihn bis nach Prag führt. 1943 staubt er den Posten des Leiters des Präsidialbüros beim Zentralverband der Industrie für Böhmen und Mähren ab.

Tief unter der Hinterkante des Flügels schimmert die Wasserglätte. Herman Melville, Karel Zeman, Jules Verne, Arthur Gordon Pym, der Schwarze Korsar plus Taucherepen von irgendeinem Russen (der submarine Rotarmist schmetterte alles beiseite, was ihm unter Wasser in die Quere kam: germanische Torpedos, Minen, elektrische Aale, weiße Panzerkreuzer) – das waren grundlegende Begegnungen. Andererseits träume ich immer wieder, wie ich in die Tiefe sinke, das Licht verliere, den Sauerstoff, den Verstand. Das Bewusstsein erlischt langsam, es zerfließt. Das Meer sehe ich als Grab.

Nach dem Krieg verbringt Schleyer ein paar Jahre in Internierungslagern in Baden-Württemberg. Aber schon 1951 fängt er beim Autobauer Daimler-Benz an und steigt relativ schnell in den Vorstand auf. Zusätzlich hat er mehrere Posten in Unternehmerverbänden inne. Woraufhin er 1973 Präsident der Bundesvereinigung der Deutschen Arbeitgeberverbände wird. Für die RAF ist er die Personifizierung all dessen, was sie hasst. Sie sieht ihn als idealen Entführungskandidaten. Diese faltige, dicke Quappe mit Augen, die schon so manches gesehen haben.

Warum ich mich damit befasse? Wie das halt so kommt … Ich habe einen Film gesehen, wo die meisten Schauspieler viel zu dick aufgetragen haben, und trotzdem hat er mir einen Floh ins Ohr gesetzt.

Es folgt der Text eines Briefes, den Schleyer am 8. 9. 77 aus der Haft an seinen Sohn schreibt.

Er irrt sich nicht, bleibt nicht das letzte Opfer. Er ist aber auch nicht das erste. Am Morgen des 7. April fährt der Generalbundesanwalt Siegfried Buback mit dem Dienstwagen in sein Büro im Bundesgerichtshof. Mit ihm ein Fahrer und ein Justizbeamter. Ein Motorrad nähert sich der Limousine, auf ihm zwei Personen. Eine zückt ein MG und feuert das Magazin ins Wageninnere ab.

Der Airbus beginnt mit dem Sinkflug, die Buchstaben hüpfen vor meinen Augen. Laut den Terroristen trägt Buback die direkte Verantwortung für den Mord an Ulrike Meinhof, Holger Meins und Siegfried Hausner. Sein Tod bedeutet einen Bruch – das Jahrzehnt des unschuldigen konspirativen Schiffeversenkens ist zu Ende.

Ich komme aus dem Terminal, suche eine Verbindung in die Stadt. Ich bin hier, um eine halbe Stunde herumzuquaken. Tschechische Kulturzentren, Beamte, Stiftungen, Sektionen, Verleger & Co. müssen ab und zu so ein Häufchen Elend ans Tageslicht zerren, das sich ein Sakko überwirft und in die Hölle hineinwankt. Dort pfeffert es eine halbe Stunde lang gequirlte Kacke ins Publikum, bleibt über Nacht und fährt wieder. Letzten Endes haben die das Recht, zu sehen, in wen sie da ihre Anstrengungen investiert haben. Das ist ihr Job.

Das also erwartet mich morgen, heute habe ich frei. Übermorgen und überübermorgen auch. Das Kulturministerium scheut in dieser Hinsicht das Gepränge nicht. Nonchalant buchen sie dort die teuerste Verbindung und stopfen Spesen für vier Tage in die Taschen eines Soziopathen, der am liebsten nur anreisen, „bl-bl-bl“ ins Mikrofon machen und wieder die Kurve kratzen würde.

Was immer nur mein erster Impuls ist. Anschließend gebe ich mich dem zügellosen Beobachten der Menschenmenge hin. Löse mich in ihr auf. Gehe durch diese unbekannte Megalopole. Der bittere Geruch von Nadelbäumen, fremd duftender Smog. Ausbrüche von Sonnenplasma, unterbrochen von Geißeln aus Regen.

Mir entgegen kommen im Gladiatorschritt Burschen wie Baumstämme – Haarknoten, Leder, Stahlringe in der Nase, im Mund, Bärte bis zum Bauch, Wrestler oder so. Schwadronen solide gekleideter Riesen. Sonnengegerbte Senioren. Seltsam bartlose Zweimetergreise mit Zylinder. Horden ernster Schülerinnen. Ein erheblicher Prozentsatz bestechend schöner Frauen, bei denen unsereiner aus der Haut fahren würde. Schlank, stabil gebaut, einen halben Kopf größer. Auch reichlich breitgesichtige Opis. Sabbernde Irre, Pfeifer, Murmler, die niemand bei ihrer Darbietung stört. Und natürlich bettelnde Familien, die auf den Fußwegen kampieren, Verirrte, Orientalen, professionelle Arme, ausgebuffte Gauner, schmuddelige Proletarier, keifende Weiber, Gnome in dunklen Ecken.

Ich setze mich völlig fertig in ein Café. In der Ecke unter einem Fenster surren ein paar PCs. Ich frage, ob ich darf. Sie nicken, ja, das stehe für mich zur Verfügung.

schreibe ich und drücke auf Senden.

Ich klicke auf den Link, den er mitgeschickt hat, nehme ein paarmal mit dem Auto Anlauf, werfe, antworte:

schreibt er.

schreibe ich

Ich schreibe:

Ich drücke Evžen in die Taskleiste weg, klicke mit der rechten Hand wie ein Epileptiker.

schreibe ich.

Die Nachmittagsrunde des Festivals findet im vierten Stock eines...


Emil Hakl (mit eigentlichem Namen Jan Benes) wurde 1958 in Prag geboren. Er arbeitete als Werbetexter, Redakteur und Journalist. Seit 2001 veröffentlicht er vor allem Erzählungen und Romane wie die Novelle "Treffpunkt Pinguinhaus" (Braumüller 2010) und den Roman "Regeln des lächerlichen Benehmens" (Braumüller 2013). Er wurde zweimal mit dem tschechischen Literaturpreis "Magnesia Litera" sowie mit dem Josef-Skvorecký-Preis ausgezeichnet.



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