E-Book, Deutsch, 256 Seiten
Hakl Kiras Version
1. Auflage 2019
ISBN: 978-3-99200-237-5
Verlag: Braumüller Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
E-Book, Deutsch, 256 Seiten
ISBN: 978-3-99200-237-5
Verlag: Braumüller Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Emil Hakl (mit eigentlichem Namen Jan Bene?) wurde 1958 in Prag geboren. Er arbeitete als Werbetexter, Redakteur und Journalist. Seit 2001 veröffentlicht er vor allem Erzählungen und Romane. Er wurde zweimal mit dem tschechischen Literaturpreis 'Magnesia Litera' sowie mit dem Josef?kvorecký-Preis ausgezeichnet. Bei Braumüller erschienen: Treffpunkt Pinguinhaus (2010), Regeln des lächerlichen Benehmens (2013) und Acht Tage bis Montag (2014)
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2. KONVERSION
UND SO GEHT IHR SEIT AN SEIT durchs Tal von Lysolaje. Die Gestalt neben dir schreitet forsch aus, ab und zu wankt sie leicht. Probleme bereiten ihr, wie’s scheint, die erhöhten Bordsteinkanten. Hier und da schlurft sie mit dem Absatz über den Granit. Mit einem Schnalzen knickt sie die Knie ab.
Du hast zu tun, ihr hinterherzukommen. Traust dich nicht sie anzusprechen, um sie nicht etwa zu destabilisieren, ihre Einstellungen zu verändern. Beim Gehen schweigen ist seltsam, dennoch wohl die beste Lösung. Auch so verspürst du höchste Disharmonie. Sodbrennen, Übelkeit, allgemeine innere Instabilität und vor allem hartnäckigen physischen Widerwillen. Die Welt vor deinen Augen bewegt sich auf und ab.
Links Wald, rechts Villen, ein Privathotel, dunkle pampige Grundstücke. Ab und an ein gepanzertes Tor, dahinter das Dach einer Millionärsfestung.
Sprühregen, Nebel. Nirgends ein Straßenschild. Die Coronas der öffentlichen Beleuchtung führen in großem Bogen wer weiß wohin. Die Luft riecht nach ätherischen Ölen, Essenzen, Nadelbäumen, feuchtem Kies, nicht entsorgtem Abfall und schmorendem Plastik. In den Gärten hüpfen Vögel herum. Mit Wasser vollgesogene Weidenkätzchen schwappen über die Metallzäune.
„Ent-schuldigung“, meldet sich das Wesen neben dir mit schmatzender Gummistimme zu Wort, als würde sie unter einer Gasmaske hervor sprechen. „Ich habe lange …äääf-njaff … nicht gesprochen, das … prrrtz … wird bald besser … Beunruhige ich Sie? Bin ich auffällig?“
„Sie sind in Ordnung“, sagst du in einem Tonfall, den du bei dir bis jetzt noch nie gehört hast.
„Ich habe keine Information, wohin wir gehen.“
„Ich auch nicht“, sagst du.
Du fasst Mut und schaust ihr ins Gesicht. Eine leicht nach oben weisende kleine Nase, die Haut trocken, gelblich matt. Im Prinzip ein apartes Profil. Auf der Rübe ein struppiger Bult, die Haare in die Stirn gekämmt.
Mit einem Ruck wendet sie dir das Gesicht zu, das auf gruselige Weise dem eines Menschen ähnelt und aus dem dich zwei leere Pupillen anschauen. „Machen Sie sich keine Sorgen“, nuschelt sie. „Es wird bald besser … Hydratisieren, Tauchbad, Kreislauf justieren. Heute müssen Sie noch den Transport ertragen, dann wird es besser, h-hm.“
„Können wir zu Fuß gehn?“, fragst du in einer Sprache, die nichts für Vokale übrig zu haben scheint.
„Welche Entfernung?“
„Am Fluss lang, über die Brücke, beim Bahnhof vorbei … Fünf, sechs Kilometer.“
„Lieber Bus fahren“, blubbert sie.
IHR KOMMT ZUR HALTESTELLE in einer Kurve unterhalb der Villen. Ihr seid alleine dort. Der Regen hat aufgehört. Im Laternenlicht hat alles um euch herum die Farbe von funkelndem Urin. Aus dem Nebel, der nach verbranntem Holz riecht, treten Geländer heraus, Zäune, Haufen von Hohlblocksteinen, geparkte Autowracks, rot-weiß gestreifte Absperrungen, die Ausschachtungen sichern. Auf dem Hügel über euch leuchtet angestrahlt die kleine St.-Matthäus-Kirche.
Durchs Laub fegt der Wind. An der Gestalt neben dir schlackert hin und wieder der Mantel in einer Böe.
Du stellst dich seitlich hin, damit du sie nicht ansehen musst. Wellen von Gänsehaut wandern dir vom Hals zum Steiß. Dir ist, als hättest du Plejaden von Alkaloiden aus der Gattung der Stechäpfel eingenommen. Atropin, Scopolamin. Aktives Unwohlsein, das nicht unter Kontrolle zu bringen ist.
Aus heiterem Himmel explodiert in dir die Entscheidung. Was immer es ist, du willst es nicht. Du zückst das Telefon, tippst zur Seite hin die Nummer von Gevatter Tod ein. Nicht erreichbar. Du hältst den aufgewärmten Flachmann in der Hosentasche umklammert, immer wieder versuchst du, den Alten anzurufen.
„Die sind froh, dass sie mich los sind“, verkündet deine Begleiterin etwas verloren. „Haben Sie ein paar Tage Geduld – bitte.“
In der Ferne hört man einen Dieselmotor kollern.
„Der Bus kommt“, näselt sie. „Wir steigen ein und fahren mit, okay?“
DIE MATT STRAHLENDE BLECHBÜCHSE hält an. Ihr steigt ein. Hinten ein paar lärmende Gruppen, vorn einige Solitäre, angestrengt ins Betrachten der Landschaft versunken. Ihr setzt euch in die Mitte. Geschwenkt im heißen Aufguss aus verlegenem Schweigen schaut ihr in die Dunkelheit.
Sei vernünftig, sagst du dir, es geht hier um nichts aus dem Jenseits. Da macht sich jemand einen Spaß, spielt dir einen Streich. Am Ende stellt sich raus, dass es Gevatter Tods Urenkelin ist, eine Witzboldin, Ziehtochter, Theaterschaffende, Studentin, Praktikantin, kurz ein lebendiges weibliches Wesen. Ihr lacht darüber, trinkt einen Cider und hört Musik dazu.
Die Gestalt neben dir prustet los, als ob sie wüsste, was dir durch den Kopf geht.
Ertappt, du Luder! Eine Maschine würde anders reagieren. Federleicht legst du ihr den Arm um die Schulter. Sie tut nicht dergleichen. Ist vollkommen still. Ab und zu atmet sie ein, dann wieder aus, ihrem Mund entfleucht ein kurzes „Ah!“, wenn die Achse holpert.
Du ziehst den Arm zurück, betrachtest unwillkürlich ihr Profil. Ihre Nase ist hervorragend: ein schnippisches Schnäuzlein, ein französisch-italienisches Schnieferchen. Klare Sache: eine ganz normale Frau. Sie spielt großartig, das schon. Präzision in den Bewegungen, Unvorhersehbarkeit, hölzerne Reaktionen, Unsicherheit.
„Haben Sie einen Namen?“
„Oh – es stört nicht unbedingt, wenn wir schweigen“, informiert sie dich.
„Trotzdem, heißen Sie irgendwie?“, beharrst du, weil du nicht weißt, woran du dich halten sollst.
„Ich bin Kira Zwei.“
„Warum Zwei?“
„Der zweite Prototyp. Und Kira steht für .“
„Wo ist der erste Prototyp?“
„Weiß nicht. Ich bin Ihre Begleitung – sonst nichts.“
Die Akustik erinnert an das alte Spiel aus deiner Kindheit, bei dem einer in das Rohr eines Geländers näselt, während der andere sein Ohr an die Öffnung zehn Meter weiter hält. Das feuchte Schmatzen und der unverständliche Nachhall – sie muss lange trainiert haben.
„Ich werde mein Bestes tun, damit ich Sie nicht enttäusche, obwohl ich nicht weiß, was Sie von mir erwarten“, sagst du.
„Na dann tun Sie mal Ihr Bestes“, antwortet sie mit basslastiger Bruststimme.
„Sie haben vielleicht einen Stimmumfang, meine Herrn.“
„Dreieinhalb Oktaven.“
„Hut ab.“
„Was bedeutet: Hut ab?“
„Einen Ausdruck lobender Anerkennung.“
„Das ist unverständlich“, antwortet sie, „wir tragen beide gar keinen Hut.“
„Ich ziehe symbolisch den Hut, vor Ihren drei Oktaven.“
„Und wir fahren jetzt wohin?“ Themawechsel.
„Zu mir nach Hause.“
„Ja. Dort bringe ich mich in Ordnung und dann gehen wir vermutlich schlafen.“
„Schlafen?“
„Schlafen Sie nicht?“
Die Frage jagt dir einen Schreck ein, freut dich, jagt dir noch einen Schreck ein und freut dich noch einmal. Es ist klar: Das ist eine junge Frau. Ein menschliches Weibchen, Homo erectus. Warum und wozu sie dieses Spiel spielt, ist in diesem Moment wurscht.
Der Rest der Reise verläuft ohne weitere Gesprächsversuche. Die menschliche Fracht der spätabendlichen Verkehrsmittel ist von wieherndem Tohuwabohu und elektronischer Kommunikation gefangen. Nach dem Umsteigen in die Straßenbahn genügt es, deinen Zögling in eine sichere Ecke auf der hinteren Plattform zu bugsieren. Ab und an geriert sie sich dann doch ein bisschen durchgeknallt. Zuckt mit dem Kopf, kriegt Schluckauf, verdreht das rechte Schulterblatt auf unnatürliche Art und Weise. Du lehnst dich mit dem Bauch gegen die Haltestange, sie ebenfalls.
Ihr schaut nach draußen. Auf der Nuselská ist ordentlich was los. Zeter und Mordio, das Ordnungsamt, Rumgegröle, Schuldzuweisungen, Geschubse, Krankenwagen, klirrendes Glas. Im Gastro-, Drogen- und Taschendiebstahlsektor herrscht gerade Hochbetrieb.
Auf den Weichen beutelt es euch ordentlich.
IHR GEHT DURCH DEN PARK zu deinem Wohnsitz. Du machst größere Schritte, um die Leistung der Amazone zu...




