Halbach | Das Weihnachtspferd | E-Book | www.sack.de
E-Book

E-Book, Deutsch, 223 Seiten

Reihe: Bastei Lübbe

Halbach Das Weihnachtspferd

Roman
1. Auflage 2012
ISBN: 978-3-8387-1983-2
Verlag: Bastei Lübbe
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

Roman

E-Book, Deutsch, 223 Seiten

Reihe: Bastei Lübbe

ISBN: 978-3-8387-1983-2
Verlag: Bastei Lübbe
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



1860, unweit von London. Die zwölfjährige Waise Agnes ist auf der Flucht. Sie hatte genug von der Gewalt, die ihr im Waisenhaus widerfahren ist. Doch ihre Flucht wurde bemerkt, und die Verfolger sind nicht weit. In seiner Not sieht das Mädchen keinen anderen Ausweg, als das Moor vor den Toren Londons zu durchqueren - ein gefährliches Unterfangen. Schon glaubt Agnes, das Moor würde sie verschlingen, da geschieht das Unglaubliche: Aus dem Nichts erscheint ein weiß schimmerndes Pferd. Kann es ihre Rettung sein? Und dann ist da auch noch Agnes' kleiner Bruder, der nicht aus dem Waisenhaus fliehen konnte und den sie unbedingt befreien will ...

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Prolog

White Pony’s Home

Klack, Klack, klack. Vivian liebte das Geräusch, das der schwingende Schaukelstuhl auf den Dielenbrettern verursachte. Es erinnerte an das Klappern von Stricknadeln, den Geschmack von Lammeintopf und an geheimnisvolle Geschichten vor einem rötlich schimmernden Torffeuer, die den Herzschlag beschleunigten. Jedes Mal, wenn Vivian ihren Kopf durch die zerkratzte Tür aus hellem Birkenholz streckte, kam es ihr vor, als würde sie eine unbekannte Welt entdecken, obwohl sie genau wusste, was sie erwartete: Grandma würde ihren Kopf heben und sie aus ihren hellgrauen Augen anblinzeln. Danach würde sie ihr die Arme entgegenstrecken und verwundert ausrufen: »Wie groß du geworden bist!«

Vorsichtig legte das Mädchen die Hand an den alten rostigen Türknopf und atmete tief ein. Es inhalierte den Geruch nach Pferd und gefettetem Leder, der durch eine kleine Ritze zwischen Tür und Türstock drang, gemischt mit dem Aroma von getrockneten Kräutern, die in grau-grünen Büscheln sauber aufgereiht an einer Schnur an der Wand hingen. Seit Vivian denken konnte, war das so, also im Grunde schon immer, denn es hatte noch nie ein Weihnachtsfest gegeben, an dem sie nicht gemeinsam mit ihrer Mutter Grandma besucht hatte. Kein Wind, kein Regen und kein Schneesturm hatten die beiden je davon abgehalten, die »Zeit zwischen den Jahren« am Moor zu verbringen. Es war fast so, als befehle sie eine unhörbare Stimme zu jener knorrigen Farmershütte, die sich an die sanften und von Heidekraut und Ginster bedeckten Hügel schmiegte. Kurz vor jedem Besuch fühlte Vivian eine Unruhe in sich aufsteigen, ein Kribbeln, das allmählich den Körper hochfuhr, sich tief im Herzen einnistete und erst nachließ, wenn sie über die Schwelle von White Pony’s Home – so nannten die hiesigen Bauern Grandmas Farm – getreten waren. Ihr Vater meinte spöttisch, es läge im Moorlander Blut. Die Moorlander bräuchten zuweilen eine Nase voll Torfgeruch, um nicht zu verdorren. Und so winkte er ihnen einfach hinterher, wenn sie sich in der Nacht nach Heiligabend mit gepackten Koffern auf den Weg machten.

Vivians Mutter bestand stets auf einen zeitigen Aufbruch, möglichst kurz nach dem Morgengrauen, damit die Dunkelheit sie nicht auf dem Weg durch das Ödland überraschen konnte. Vivian spürte eine dumpfe Angst, die sich hinter der Eile verbarg. Ihre Fragen wurden jedoch immer mit der barschen Antwort abgefertigt, dass man sich des Nachts im Ödland leicht verirren konnte, besonders in dieser Zeit des Jahres. »Raunächte« nannte sie Grandma mit ehrfürchtiger Stimme, wobei ihre Hand nach dem Anhänger tastete, den sie stets um den Hals trug. Er hatte eine rundliche Form und schien nicht wertvoll zu sein – zumindest nicht, wenn man den Wert eines Gegenstandes danach bemaß, welchen Preis man beim Trödel erzielen konnte. Das Schmuckstück war einfach gearbeitet und wirkte, als hätte ihn ein Anfänger ohne ordentliches Werkzeug gefertigt. Außerdem war es schon ganz abgegriffen und schien Gefahr zu laufen, unter der nächsten Berührung einfach zu zerbröseln. Aber der Anhänger baumelte auch heute von Grandmas faltigem Hals, als sie sich mit leuchtenden Augen zu Vivian herunterbeugte, um deren stürmische Begrüßung über sich ergehen zu lassen.

»Da seid ihr ja!«, rief die alte Frau und gab ihrer Enkeltochter einen dicken Kuss auf die Wange.

Verlegen wischte sich Vivian mit dem Handrücken darüber und sagte: »Aber Grandma, ich bin doch schon fast erwachsen!«

»Gewachsen bist du in der Tat. Ich will beinahe annehmen, du bist weit größer, als ich es in deinem Alter gewesen bin.« Sie senkte ihre Stimme, sodass Vivians Mutter ihre nächsten Worte nicht verstehen konnte, und flüsterte: »Aber eines merke dir: Man ist nie zu groß, um geküsst zu werden, und nie zu alt, um Küsse zu vergeben.«

»Das hab ich gehört, Mama«, kommentierte Vivians Mutter, die nun ebenfalls hereingekommen war und ihren prall gefüllten Schweinslederkoffer neben der Tür abstellte. Ihr Gesicht war gerötet von der anstrengenden Reise, und in ihren Augen zeichnete sich ein Ausdruck ab, der irgendwo zwischen Tadel und Erleichterung lag.

Grandma erwiderte ihn mit einem Lächeln. »Diane, ich freue mich so, dass ihr kommen konntet.«

Die Miene ihrer Tochter wurde sanfter. Sie ging auf die alte Frau zu und umarmte sie: »Ich wünschte, du würdest dich endlich dazu entschließen, zu uns in die Stadt zu ziehen. Hier im Moor in deiner zugigen Hütte, das ist doch nichts mehr in deinem Alter. Und mir wird es auch langsam zu anstrengend, jedes Weihnachten hierherzukommen …«

Grandma überhörte den unüberhörbaren Vorwurf geflissentlich, denn beide wussten, dass alles so bleiben würde, wie es war – zumindest solange White Pony’s Home noch existierte. »Du weißt doch, um diese Zeit kann ich die Farm unmöglich allein lassen. Und überhaupt, was sollte aus Chip werden und all den anderen Tieren?«, wischte Grandma den leisen Tadel beiseite, während sie versuchte, den betagten schwarz-weißen Border-Collie von seinem Schlafplatz am Ofen vorzulocken.

»Genau darin liegt das Problem«, seufzte Vivians Mutter. »Du betreibst hier ein Tierasyl und keine Farm.«

Vivian wusste genau, was ihre Mutter meinte: Steifbeinig erhob sich Chip, stakste quer durch das Zimmer und leckte seiner Herrin über die mit Altersflecken bedeckten Hände. Zum Hüten der Schafe taugte der alte Knabe längst nicht mehr. Jeder andere Farmer hätte dem »nutzlosen Köter« längst eine Kugel durch den Kopf gejagt und all die anderen Tiere dem Schlachter mitgegeben. Wer wollte schon ein klappriges Schaf, dessen braunes Fell aussah, als hätten sich’s die Motten schon bei Lebzeiten darin gemütlich gemacht? Vivian war froh, dass ihre Grandma anders dachte und liebte sie genau deshalb.

»Was hältst du davon, wenn du heute für uns kochst, Diane?«, schlug Grandma vor. »Seit Tagen läuft mir beim Gedanken an dein Hammelstew das Wasser im Mund zusammen. Ich zeige Vivian derweil, was sich auf der Farm getan hat.«

»Als ob sich da jemals etwas verändern würde«, glaubte das Mädchen seine Mutter murmeln zu hören.

»Oh ja, darf ich?«, bettelte Vivian begeistert. Sie brannte auf diese Rundgänge und war neugierig auf all die Tiere, die Grandma diesmal bei sich aufgenommen hatte. Sie fand sie irgendwo im Moor, oder sie standen plötzlich vor ihrer Tür. Dann ließ sie sie herein und päppelte sie wieder auf. Manche blieben für immer, so wie die einäugige Eule, die es sich im Giebel bequem gemacht hatte, andere verschwanden genauso plötzlich, wie sie gekommen waren. Grandma behauptete, es wären die Nebel, die sie wie Strandgut anspülten und wieder forttrugen.

»Ich möchte Donkey besuchen!«, drängte Vivian. »Ich hab ihm extra einen Apfel mitgebracht.«

Den Esel gab es schon, seit das Mädchen denken konnte. Sein Fell hatte inzwischen Form und Struktur der torfbraunen Erde angenommen, in der er sich mit Vorliebe wälzte. Er blinzelte das Mädchen immer mit einem Ausdruck an, als wolle er ihr unbedingt alle Weisheiten der Welt anvertrauen, doch jedes Mal, wenn er sein Maul öffnete, kam nur dieses alberne Geschrei heraus.

»Bitte, bitte«, quengelte Vivian weiter.

»Na gut«, gab Diane nach, warf ihrer Mutter jedoch einen strengen Blick zu. »Aber dass du mir dem Kind nicht wieder irgendwelche Schauergeschichten erzählst. Letztes Weihnachten hat sie nach dem Besuch hier ihre Klassenkameraden mit deinen Geschichten tagelang in Angst und Schrecken versetzt! Die Kinder können Märchen nicht von Wahrheit unterscheiden.«

»Das stimmt doch gar nicht«, protestierte Vivian, »ich habe höchstens …«

Grandma legte verschwörerisch den Zeigefinger auf den Mund, und das Mädchen verstummte.

»Ich will ihr bloß das Fohlen zeigen«, erklärte die alte Frau.

Diane stöhnte. »Noch ein Maul, das du durchfüttern musst. Du weißt doch so schon kaum, wo du die Gerste für all die Viecher hernehmen sollst. Und dann ein Jungtier, mitten im Winter. Wahrscheinlich übersteht es die Kälte nicht.«

»Es ist ein besonderes Fohlen«, deutete Grandma an. »Komm, Vivian, wir besuchen es.«

Das Mädchen verstand, behielt ihren nächsten Kommentar für sich und huschte aus der Tür. Sie hörte, wie Grandma in ihre Holzpantinen schlüpfte und wunderte sich wieder einmal, dass sich die alte Frau hartnäckig weigerte, die pelzgefütterten Stiefel zu tragen, die sie letztes Jahr geschenkt bekommen hatte. Aber Grandma hielt eben nicht viel von Veränderungen, nicht einmal, wenn es Schuhe betraf. Die Tür fiel polternd ins Schloss.

»Ja, ja, es ist wirklich ein besonderes Fohlen«, wiederholte Grandma.

»Was ist denn daran so besonders?«, wollte das Mädchen wissen.

»Wirst schon sehen, Kind. Kannst du dich noch an Isa erinnern?«

Selbstverständlich konnte Vivian das. Kurz vor ihrer Abreise letzte Weihnacht hatte es um die sandfarbene Ponystute große Aufregung gegeben. Eines Morgens war Grandma vollkommen aufgelöst in die Küche gekommen und hatte berichtet, dass sie den kleinen Stall, den sie doch am Abend höchstpersönlich verriegelt hatte, unverschlossen und leer vorgefunden hatte. Sie hatten sich alle auf die Suche gemacht, doch Isa stand weder auf einer der mit wackeligen Mauern umzäunten Weiden von White Pony’s Home noch fand sie sich bei einem Nachbarn. Schließlich hatte man die Suche nach dem Pony aufgegeben und angenommen, dass es ins Moor geraten war. Vivian hatte sehr geweint, doch Grandma hatte lediglich gesagt, dass die Moore sich nähmen, was sie wollten, aber wenn es sich um eine unschuldige Seele handele, würden sie sie eines Tages...



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