Hall | Die falsche Braut des Kronprinzen | E-Book | www.sack.de
E-Book

E-Book, Deutsch, 144 Seiten

Reihe: CORA Verlag

Hall Die falsche Braut des Kronprinzen


1. Auflage 2023
ISBN: 978-3-7515-1874-1
Verlag: CORA Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

E-Book, Deutsch, 144 Seiten

Reihe: CORA Verlag

ISBN: 978-3-7515-1874-1
Verlag: CORA Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



Der Kronprinz erwartet sie vor dem Altar? Entsetzt erkennt Ilaria, worauf sie sich eingelassen hat. Sie wollte doch nur ihre adlige Cousine, der sie verblüffend ähnelt, bei einem Date mit Frediano, dem Thronerben von Vantonella, vertreten. Doch offenbar soll sie den attraktiven Prinzen heiraten! Dabei verabscheut sie das Königshaus, das am Tod ihres Vaters Schuld ist. Gezwungen sagt Ilaria 'Ja' - und versteht schon bald eins nicht: Woher kommt bei diesem kalten Arrangement bloß ihre brennende Sehnsucht nach ihrem Ehemann, dem Prinzen?

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1. KAPITEL


Es war nicht „bloß ein Dinner“, wie Ilaria Russo es erwartet hatte.

Eigentlich hatte es ganz einfach sein sollen: Sie würde sich als ihre Cousine Sophia ausgeben, ein endloses, langweiliges Dinner mit irgendeinem Lord oder Duke über sich ergehen lassen und ihm auf seinen unvermeidlichen Heiratsantrag hin einen Korb geben. In der Zwischenzeit würde Sophia mit dem Mann davonlaufen, den sie liebte – einem einfachen Seemann, mit dem ihr Vater Giovanni nicht einverstanden war.

Giovanni Avida war zwar Ilarias Onkel – er hatte die Schwester ihrer verstorbenen Mutter geheiratet –, dennoch sah Ilaria ihn als einen ihrer wenigen Feinde an. Seine unersättliche Raffgier war für die schrecklichen Arbeitsverhältnisse in der Mine verantwortlich gewesen, in der ihr Vater gearbeitet hatte und umgekommen war. Bei dem Unglück waren nicht nur ihr Vater, sondern noch zwanzig weitere Männer aus ihrem Dorf gestorben.

Doch statt bestraft zu werden, war Giovanni ein Posten im königlichen Ministerium angeboten worden. Zu allem Überfluss hatte er sich geweigert, seiner verwaisten Nichte zu helfen und sie zu sich in die wohlhabende Stadt Roletto einzuladen. Sein einziger „Freundschaftsdienst“ hatte darin bestanden, dass er es seiner Frau und ihrer Tochter Sophia gestattete, Ilaria ab und zu in Accogliente zu besuchen. Ilaria hatte immer vermutet, dass ihre Tante darauf bestand.

Während Ilaria die enge Freundschaft mit ihrer netten Cousine in den letzten zehn Jahren aufrechterhalten hatte, war Giovanni damit beschäftigt gewesen, sich zu bereichern und sich immer mehr Einfluss zu verschaffen. Verzweifelt versuchte er nach wie vor, Sophia an einen Adligen zu verheiraten, damit auch er selbst zu einem Adelstitel kam.

Als sich also die Chance geboten hatte, seine Pläne zu durchkreuzen und gleichzeitig ihrer Cousine zu helfen, die es verdiente, der strikten Kontrolle ihres Vaters zu entrinnen, hatte Ilaria die Chance ergriffen. Und nun war sie hier in Roletto. Weil sie und Sophia sich sehr ähnlich sahen, sollte es ein Leichtes sein, sich in Vantonellas Hauptstadt als ihre Cousine auszugeben.

Obwohl Ilaria nicht an ihrem Vorhaben zweifelte, war sie nervös, als der Zug in die glitzernde Stadt einfuhr, die zwischen den hohen Alpengipfeln und dem schimmernden Lago di Cornio lag. Überall standen Häuser, und im Bahnhof herrschte großes Gedränge – ein krasser Gegensatz zu Ilarias Zuhause tief in der Pecora-Bergregion von Vantonella. In den vierundzwanzig Jahren ihres bisherigen Lebens hatte sie auf dem Bauernhof in der jahrhundertealten kleinen Kate gewohnt, die von ihren Vorfahren erbaut worden war. Dort hatte sie sich um den Garten gekümmert, Schafe gehütet und ihrem Großvater geholfen, bis er letztes Jahr gestorben war.

Ilaria spürte, wie Panik in ihr aufstieg, und kurz überlegte sie, umzukehren und zurück nach Hause zu flüchten. Doch Sophia und ihr Seemann hatten sie unter all den Menschen schon entdeckt. Sophia benahm sich irgendwie seltsam, gab ihr aber die nötigen Kleidungsstücke und Ausweise und nahm sie kurz in den Arm. Ilaria wünschte ihrer Cousine viel Glück.

Nach dem Treffen mit ihr fühlte sie ihren Mut zurückkehren, doch das Gefühl hielt nicht lange an. Als Ilaria an der Adresse ankam, die Sophia ihr genannt hatte, stand sie vor einer alten Kathedrale, nicht vor einem Restaurant. Dann wurde sie von einem Soldaten in Paradeuniform hereingewinkt und entdeckte am Ende des Kirchengangs im Halbdunkel einen großen Mann, der offenbar auf sie wartete.

Irgendetwas an dem reich verschnörkelten Altar machte Ilaria äußerst nervös, und dass der Soldat, der ihr die Tür geöffnet hatte, sie jetzt beobachtete, half auch nicht gerade. Sie wischte ihre verschwitzten Hände an den Hüften ihres geborgten Kleids ab.

„Ihre Handtasche.“ Der Soldat streckte die Hand aus.

Ilaria sah auf das Täschchen hinunter, an dem sie sich festklammerte. Wie alles, was sie anhatte, gehörte es Sophia, und es kam ihr falsch vor, es aus den Händen zu geben. Doch dem Soldaten schien Ilarias Zögern nicht zu gefallen, und sie wusste, dass sie sich anstrengen sollte, nicht wie das Mädchen vom Lande zu wirken, das sie war.

Heute Abend bist du die wohlhabende, kultivierte Sophia Avida. Du wirst den Heiratsantrag, der kommt, nachdrücklich ablehnen. Und du wirst Sophia genügend Zeit zur Flucht verschaffen, damit ihr tyrannischer Vater sie nie finden wird.

Sobald sie wüsste, dass Sophia geheiratet hatte und in Sicherheit war, würde Ilaria zurück auf ihren Hof fahren, wo sie solange fähig vertreten wurde.

Nach dem Minenunglück vor zehn Jahren hatte ihr Großvater verwaiste Kinder eingestellt, die ihm mit den Schafen geholfen hatten. Mit ihm gemeinsam hatte Ilaria den Kindern und ihren verwitweten Müttern alle erdenklichen Möglichkeiten eröffnet, damit sie in ihrem Heimatdorf bleiben konnten und nicht ins Heim oder in Obdachlosenunterkünfte in der Stadt gesteckt wurden. Denn das waren die Hilfsmaßnahmen gewesen, die der König und ihr Onkel nach dem Unglück vorgeschlagen hatten.

Ilaria und ihr Großvater hatten aus der Tragödie das Beste gemacht. Die Kinder waren inzwischen erwachsen, hatten etwas gelernt und ein bisschen Geld beiseitegelegt, mit dem sie ein neues Leben beginnen konnten. Und die Witwen hatten das gute Gefühl, für ihre Kinder dagewesen zu sein – und das in einem Dorf, in dem es außer den alten Bauernhöfen nach der Schließung der Mine nicht viele Möglichkeiten zum Geldverdienen gab.

Der Gefallen, den Ilaria Sophia tat, spielte zwar nicht in der gleichen Liga, aber Ilaria gefiel der Gedanke, dass sie etwas Ähnliches wie ihr Großvater tat: Sie würde jemandem einen Weg in die Freiheit und ins Glück eröffnen.

Ihren Vater hatte sie nicht vor dem Minenunglück beschützen können, und auch den körperlichen Abbau ihres Großvaters, der letztes Jahr schließlich zu seinem Tod geführt hatte, hatte sie nicht verhindern können. Aber sie konnte Sophia vor einem trübseligen, manipulierten Leben in den Adelskreisen von Roletto retten.

„Sophia, bitte komm weiter nach vorn“, wies der Mann sie streng an. Seine Stimme kam aus der Dunkelheit am Ende des Ganges.

Ilaria schluckte. Sie musste ihre Nervosität in den Griff bekommen und die Schultern straffen. Sie durfte nicht den Mut verlieren.

Es war ein langer Weg den Kirchengang hinunter. Sie warf einen Blick zurück, aber der Soldat stand jetzt direkt vor dem Ausgang, als würde er ihn blockieren.

Das hier ist grundverkehrt.

Trotzdem bewegte sie sich weiter auf den Mann am Ende des Ganges zu.

Für Sophia. Und in gewisser Weise auch für Onkel Giovanni.

Jeder ihrer Schritte hallte in der beeindruckenden Marmorkathedrale wider. Durch glänzende Buntglasfenster fiel sanftes Licht herein, und überall, wo sie hinsah, schien etwas golden und silbrig zu schimmern.

Noch nie in ihrem Leben hatte sie so viel Prunk gesehen. Sie war an geflickte Dächer, schlammige Straßen und die Geräusche von Vieh auf der Weide gewöhnt.

Als sie das Ende des Ganges erreichte, entdeckte sie zwei beängstigende Dinge. Zum einen stand hier noch ein zweiter Mann. Ein kleinerer, hinter dem Altar, mit einer aufgeschlagenen Bibel vor sich. Und zum anderen, und das war noch viel wichtiger: Der Mann, der hier auf sie wartete, war kein Duke und kein Lord. Es war Prinz Frediano Montellero, der Thronerbe von Vantonella.

Ilaria befürchtete, dass sie ihn wenig höflich anstarrte. Ihr Entsetzen musste sich deutlich auf ihrem Gesicht abzeichnen. Selbst in ihrem kleinen Dorf hatte sie Bilder des berühmten Prinzen gesehen – des Thronerben, der so ganz anders war als seine wilden, impulsiven Eltern, die beim Freeclimbing am gefährlichen Monte Morte jung gestorben waren. Prinz Frediano war angeblich so diszipliniert und ehrenhaft wie sein Großvater, der berühmte König Carlo.

Ilaria hatte allerdings nie verstanden, wie das Königshaus ehrenhaft genannt werden konnte, wenn es Posten in seinen Ministerien an Intriganten vergab, die praktisch Mörder waren. Und wenn es so wenig Verständnis für bedürftige Menschen hatte, dass es vorschlug, die, die alles verloren hatten, in überfüllte Räume und Kinderheime in der Stadt umzusiedeln.

Das bedeutete jedoch leider nicht, dass sie immun gegen Prinz Frediano war, der mit dem perfekt definierten Gesicht, den überraschend breiten Schultern und einem dunklen Anzug, der zweifelsohne mehr gekostet hatte, als sie in ihrem ganzen Leben ausgegeben hatte, neben ihr stand. Mit seinen sehr kurzen, glänzenden schwarzen Haaren wirkte er wie ein Krieger. Bestimmt fragten selbst seine Barthaare erst um Erlaubnis, bevor sie wuchsen.

Alles an ihm schien „Nicht anfassen!“ zu signalisieren. Aber mit Ilaria musste irgendetwas nicht stimmen, denn ihre Finger wollten genau das – die Kanten dieses markanten Kiefers berühren und herausfinden, ob seine Haare ebenso weich waren wie die eines normalen Menschen.

Er sah aus, als wäre er nicht von dieser Welt.

Überirdisch.

Sie hätte ihm auf die Schuhe spucken sollen. Doch obwohl es ihr wie Verrat vorkam, konnte sie nicht damit aufhören, ihn anzustarren. Wenn sie wollte, konnte sie die Hand ausstrecken und einen Prinzen berühren. Ihre Welt stand Kopf.

Prinz Frediano nickte dem Mann mit der Bibel zu.

„Sie dürfen beginnen“, sagte er.

Seine Stimme war wie ein Donnerschlag. Tief hallte sie in ihr...



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