E-Book, Deutsch, 236 Seiten
Hall / Schmidt Die Raketentruppen der NVA
1. Auflage 2022
ISBN: 978-3-7557-6762-6
Verlag: BoD - Books on Demand
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Landstreitkräfte
E-Book, Deutsch, 236 Seiten
ISBN: 978-3-7557-6762-6
Verlag: BoD - Books on Demand
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Geboren 1958 in Stralsund. Studium: Offiziershochschule der Landstreitkräfte Zittau, Sektion Raketentruppen und Artillerie; Militärpolitische Hochschule in Berlin-Grünau Nationale Volksarmee von 1978 bis 1990, Offizier Triebwerkseinrichtung im Feuerzug einer Startbatterie operativ-taktischer Raketen, Stabsoffizier in einer Fachrichtung einer Unteroffiziersschule, Dozent in der Fachrichtung Gesellschaftswissenschaftliche Ausbildung an einem Ausbildungszentrum 1990 bis 2021 Mitarbeiter in verschiedenen IT-Firmen (EDV-Dozent, System-Ingenieur CAD-Bereich, Systemadministrator, Systementwickler ISDN-Telefonie, Projektleiter IT)
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Aufbau der Raketentruppen und der internationale Kontext dieser Entwicklung
Der Kalte Krieg, unmittelbar nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges und dem Auseinanderbrechen der Antihitlerkoalition begonnen, führte bekanntlich zur Spaltung Deutschlands. Nach der Gründung eines westdeutschen Separatstaates durch die Westmächte - insbesondere die USA - zog die andere Großmacht in ihrer Zone notgedrungen nach. Auf dem Territorium des besiegten Nazireiches entstanden auf diese Weise zwei Staaten: die BRD und die DDR. Diese blieben bis 1990, bis zur Herstellung ihrer Souveränität durch den 2+4- Vertrag, Vasallen und Verbündete der jeweiligen Groß- und Führungsmacht.
Gewiss war die Leine, an der sie geführt wurden, mal länger, mal kürzer, aber Herr im eigenen Hause war weder die Bonner noch die Berliner Regierung. Jeder Bundeskanzler musste bei Amtsantritt eine Art Unterwerfungserklärung unterzeichnen (was Egon Bahr in seinen Erinnerungen an Willy Brandt offenbarte), und jeder Staats- und Parteichef in Berlin hatte mit Konsequenzen in Moskau zu rechnen, wenn er zu selbständig agierte. Ulbricht wurde darum 1971 abgelöst, Honecker wiederholt Maß genommen und ein geplanter Staatsbesuch in der BRD in der ersten Hälfte der 80er Jahre mehrfach von Moskau untersagt.
Der global und auf allen Feldern geführte Kalte Krieg - politisch, wirtschaftlich, militärisch, geheimdienstlich, propagandistisch etc. - wurzelte im klassischen Grundwiderspruch der kapitalistischen Ordnung: dem Widerspruch zwischen dem gesellschaftlichen Charakter der Produktion und der privatkapitalistischen Aneignung ihrer Resultate, um es einmal abstrakt und mit Marx zu formulieren. Die einen besaßen die Produktionsmittel, die anderen lediglich ihre Arbeitskraft. Die einen produzierten, die anderen eigneten sich den Mehrwert an und verteilten an jene, die ihn schufen, lediglich die zur Regeneration ihrer Arbeitskraft nötigen Almosen. 1917 wurde erstmals dieses Prinzip durchbrochen. Die Produzenten wurden auch Eigentümer dieser Produktionsmittel. Mit Sowjetrussland entstand ein Staat, der sich auf den Weg machte, sozialistisch zu werden. Weil dieser Staat nunmehr aus dem globalen kapitalistischen Reproduktionsprozess ausschied - immerhin ein Sechstel der Erde und ausgestattet mit gewaltigen Rohstoffvorkommen, die bislang mehrheitlich von ausländischen Konzernen ausgebeutet worden waren -, stellte er objektiv einen Störfaktor dar, der beseitigt werden musste. Es gab Interventions- und Bürgerkriege und schließlich 1941 den vornehmlich ideologisch motivierten Eroberungs- und Vernichtungskrieg des imperialistischen Deutschlands.
Dieser permanente äußere Druck verzehrte nicht nur die nationalen Ressourcen der Sowjetunion, sondern veränderte auch mehr und mehr die politisch-ideologischen Grundlagen, auf denen das Land basierte. Sie wurden, kurz gesagt, deformiert. Trotzdem blieb die Sowjetunion dem Charakter nach ein nichtkapitalistischer Staat, gegen den sich die kapitalistische Welt verschworen hatte.
Zum Kalten Krieg gehörte das Säbelrasseln in Deutschland. Die Sowjetunion forderte nach Beginn der Wiederaufrüstung in Westdeutschland wachsende Verteidigungsanstrengungen in Ostdeutschland. Es wurde die Kasernierte Volkspolizei gebildet, aus der 1955 - als Reaktion auf die Bildung der Bundeswehr - die Nationale Volksarmee hervorging. Und nachdem die BRD der 1949 gegründeten NATO - einem vordringlich gegen die Sowjetunion gerichteten Militärbündnis - beigetreten war, schloss die UdSSR mit dem von ihr vorn Faschismus befreiten und besetzten Staaten ein Militärbündnis. den Warschauer Vertrag. Diese beiden Militärblöcke standen sich feindlich gegenüber, die Frontlinie des Kalten Krieges lief durch Deutschland. Damit hatten sich alle politischen Überlegungen deutscher Demokraten auf Herstellung der deutschen Einheit, auf Überwindung der Zweistaatlichkeit als Konföderation oder ähnliches definitiv erledigt. Die Bundesrepublik wurde als Speerspitze Richtung Osten entwickelt (nicht ohne eigenes Zutun: führende Militärs der Bundeswehr waren bereits in der Naziwehrmacht aktiv und hatten Erfahrungen im »Kampf gegen den Kommunismus« gesammelt; sie wollten diese wieder einsetzen). Die DDR wurde als Bollwerk zur Abwehr möglicher imperialistischer Aggressionen ausgebaut. Zudem standen mehr als eine halbe Million Sowjetsoldaten zwischen Rostock und Erfurt.
Zum militärischen Ausbau in der DDR gehörte zwangsläufig auch die Einführung neuer Waffen und Technik in die Streitkräfte, um mit entsprechenden Entwicklungen in den NATO-Armeen gleichzuziehen. Denn die vordringliche Aufgabe des östlichen Bündnissystems war - nach Brechung des Atomwaffenmonopols der USA Ende der 40er Jahre - die Herstellung eines annähernden militärstrategischen Gleichgewichts zwischen den Blöcken. Diese Parität sollte, um vorzugreifen, bis 1990 den Frieden in der Welt, insbesondere in Europa, sichern. Gewiss, der Frieden ruhte, wie man damals sagte, auf den Spitzen von Raketen und Bajonetten. Und natürlich wuchs seine Gefährdung aufgrund immer kürzerer Vorwarnzeiten und der Zunahme möglicher technischer Pannen. Aber es bleibt eine historische Tatsache: Es herrschte Frieden!
Ende der 50er Jahre also suchte das östliche Verteidigungsbündnis nach adäquaten Antworten auf Entwicklungen auf Seiten der NATO. Dort waren in den in der BRD stationierten Einheiten der USA, Frankreichs, Großbritanniens und Belgiens Raketenartilleriebataillone installiert worden. Und auch die Bundeswehr wurde mit Raketensystemen ausgestattet. Dafür gab es logische Erklärungen. Die Nazis hatten die Vorzüge der Raketentechnik (VI, V2) erkannt: Ohne verwundbare Bombenflugzeuge ließen sich damit große Sprengladungen in entfernte Ziele bringen. Die Militärs forcierten diese Entwicklung im Kalten Krieg. Und Raketen wurden auch als Trägermittel für Kernwaffen begriffen. Der sogenannte Sputnik-Schock im Westen - die Sowjetunion hatte im Oktober 1957 mit einer Rakete den ersten künstlichen Erdsatelliten ins All geschossen - machte den NATO-Militärs bewusst, dass die vermeintliche Unverwundbarkeit der
USA nunmehr Geschichte war. Jetzt konnte die Sowjetunion jeden Punkt auf der Erde aus dem Orbit treffen. Die Folge war die Beschleunigung der Raketenprogramme, die der Rüstungsindustrie gigantische Zuwächse sicherte. Und eben die Einführung von Raketenwaffen in die Streitkräfte.
Hinzu kam ein zweites Moment.
Die Raketen konnten und sollten nicht nur konventionelle Sprengköpfe ins Ziel befördern, sondern auch nukleare. Nachdem die Atombombendetonationen in Hiroshima am 6. August 1945 und drei Tage später in Nagasaki der Welt das Vernichtungspotential der Nuklearwaffe gezeigt hatten - darin bestand schließlich die eigentliche Absicht der USA, denn militärisch war das faschistische Japan schon längst besiegt -, drängten Politiker und Militärs auf Übernahme dieser Massenvernichtungsmittel in die NATO-Streitkräfte.
Selbst die Bundesrepublik verlangte ein reichliches Jahrzehnt nach der bedingungslosen Kapitulation des Deutschen Reiches, in dessen Rechtsnachfolge sie sich sah, Verfügungsgewalt über Atomwaffen. »Es ist nicht so«, erklärte beispielsweise Bundesverteidigungsminister Franz Josef Strauß am 8. April 1957, »dass wir speziell für die Bundeswehr eine Ausrüstung mit taktischen Atomwaffen anstreben. Aber die Beratungen der NATO-Konferenz im Dezember 1956 haben das Problem aufgeworfen, ob zur Verstärkung der abschreckenden Wirkung« - diese Formulierung ist angesichts des Offensivcharakters von Atomwaffen sehr interessant - »die europäischen, also die nichtamerikanischen Streitkräfte mit leichten Atomwaffen ausgestattet werden sollen. Hier ist unser Standpunkt der, dass wir Gleichberechtigung mit den übrigen europäischen Streitkräften der NATO verlangen. «
Bundeskanzler Konrad Adenauer hatte bereits vier Tage zuvor gegenüber Medienvertretern erklärt, dass die taktischen Atomwaffen nichts anderes als eine Weiterentwicklung der Artillerie seien, auf die man nicht verzichten könne.
Dass der Rheinländer diese Waffe derart verharmloste, wird wohl nicht allein seiner Unwissenheit zuzuschreiben gewesen sein. Er wollte der Ablehnung von Atomwaffen durch die Mehrheit der Bevölkerung die Spitze nehmen. Namhafte westdeutsche Wissenschaftler sprachen sich gegen Atomwaffen aus, 18 von ihnen traten am 12. April 1957 mit einer »Göttinger Erklärung« an die Öffentlichkeit. Am 3. Mai 1957 zogen ostdeutsche Kollegen nach: 14 Kernphysiker der DDR verabschiedeten eine Resolution, in der sie sich gegen die Entwicklung von Atomwaffen und für die friedliche Nutzung der Atomenergie einsetzten.
Trotzdem beschloss der Deutsche Bundestag ein knappes Jahr später, dass »die Streitkräfte der Bundesrepublik mit den modernsten Waffen so ausgerüstet werden, dass sie den von der Bundesrepublik übernommenen Verpflichtungen im Rahmen der NATO zu genügen vermögen und den notwendigen Beitrag zur Sicherung des Friedens wirksam leisten können«.
Somit war am 25. März 1958 zwar die politische und de facto auch rechtliche Grundlage für bundesdeutsche Atomwaffen gelegt worden. Doch die USA wollten denn doch nicht so weit gehen, dem einstigen Kriegsgegner den Zugriff auf ihre wichtigste Waffe zu gestatten. Sie lieferten der Bundeswehr und anderen NATO-Streitkräften die Trägermittel - die uns im Folgenden besonders interessieren -, nicht aber die Nuklearsprengköpfe. Die Verfügungsgewalt verblieb bei den USA (was den weiter oben eingeführten Begriff des Vasallen nur stützt; wie aus den von WikiLeaks veröffentlichten Botschaftsdepeschen übrigens hervorgeht, lagern noch immer, im Jahr 2013, US-Atomwaffen in Westdeutschland). Der Vasallenstatus änderte sich auch nicht dadurch, dass bundesdeutsche Militärs und...




