E-Book, Deutsch, 227 Seiten
Halter Erwachen im 21. Jahrhundert
1. Auflage 2018
ISBN: 978-3-7296-2236-4
Verlag: Zytglogge Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection
Roman
E-Book, Deutsch, 227 Seiten
ISBN: 978-3-7296-2236-4
Verlag: Zytglogge Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection
Jürg Halter, 1980 in Bern geboren, ist Schriftsteller, Musiker und Performancekünstler. Er gehört zu den bekanntesten Schweizer Autoren seiner Generation und zu den Pionieren der neuen deutschsprachigen Spoken-Word-Bewegung. Studium der Bildenden Künste an der Hochschule der Künste Bern. Seit 2005 hat er zahlreiche preisgekrönte Gedichtbände und Musikalben veröffentlicht, zuletzt ?Mondkreisläufer?, ?Wir fürchten das Ende der Musik? und ?Das 48-Stunden-Gedicht?. Regelmäßig Auftritte in ganz Europa, in den USA, in Afrika, Russland und Japan. Diverse Arbeiten fürs Theater. ?Erwachen im 21. Jahrhundert? ist sein Romandebüt und sein erstes Buch bei Zytglogge.
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Prolog
Liebste Josephine,
es ist drei Monate her, seit wir uns in Zürich am Bahnhof verabschieden mussten. Ich war tief getroffen und bin es noch. Ich möchte alles mit Dir teilen, um uns zu verstehen. Ein Unterfangen, das scheitern muss. Hier bin ich.
Du hast, was ich nicht habe: eine Geschichte, ein Schicksal. Du bist anders. Du warst der erste Mensch, der mir klarmachte, dass ich bislang immer nur gewusst hatte, was ich nicht wollte. Und dass mich dies wohl hindert, mein Leben in die Hand zu nehmen.
Bevor ich Dich traf, nahm ich die Dinge, wie sie kamen, und wurde der Widerstand zu groß, ließ ich es einfach bleiben. Ich vermisse Dich so sehr.
Auf meine E-Mails und Anrufe in den letzten drei Monaten hast Du nicht reagiert. Die Adresse Deiner Cousine in Sizilien ist meine letzte Chance. Ich bin in großer Sorge um Dich.
Seit drei Monaten schlafe ich wenig. Oft erwache ich nachts aus Albträumen, von denen ich Dir nur von Angesicht zu Angesicht erzählen könnte. Bin trostlos und noch unruhiger als zuvor. Du machst mir Angst. Magst Du auch anders sein, Du erinnerst mich doch an mich selbst. An das, was ich nicht bin ohne Dich.
«Das Weltliche», wie wir es nannten, interessierte uns nicht. Obwohl wir so wenig voneinander wissen, glaubten wir beide einander erkannt zu haben.
Ich habe Dir zum Beispiel nie von meiner Kindheit erzählt, weil ich dachte, durch Äußerlichkeiten würde unser Verhältnis entweiht. Und ich habe wenig von Dir erfahren. Das ist absurd. So wie das Leben da draußen, dem wir uns nicht gestellt haben.
Wir trafen uns am Rande des Geschehens – im Zentrum der Welt, die wir für uns zwei zu schaffen versuchten.
Aufgewachsen bin ich mit meinen Eltern und meiner Schwester in einem Hochhaus, in mittelmäßigen Verhältnissen. Mein Vater arbeitete in einem Großraumbüro. Mehr erfuhr ich nicht darüber. Meine Mutter begann als Krankenschwester und wird als Krankenpflegerin in Pension gehen. Meine kleine Schwester arbeitet heute als Assistenzärztin. Früher bezeichnete sie mich gern als Einzelkind. Im Zimmer, das ich mit ihr teilte, führte ich stundenlang Theaterstücke mit Plüschtieren oder Legofiguren auf. Die Kulissen baute ich aus Steinen, Bauklötzen und Tüchern. Allen Figuren lieh ich meine Stimme, manchmal durfte meine Schwester mitspielen. Es waren übersichtliche Welten, es war klar, wer die Guten, wer die Bösen sind. Du siehst: eine unspektakuläre Kindheit.
Soweit ich mich erinnere, ging ich mit leichtem Widerwillen in die Schule. Meine Lieblingsfächer: Deutsch und Geschichte. Im Unterricht war ich meist schüchtern, hin und wieder vorlaut. Jedenfalls weiß ich noch, dass ich die Lehrer mit der Bemerkung «Das sagen Sie!» provozierte. Ich begann immer mehr zu lesen und fand in Büchern Vertraute, die ich in meinem Leben vermisste, traf auf Sätze, die ohne Rücksicht ausdrückten, was ich fühlte. Es war ein erstes Erwachen.
Als ich etwa zwölf Jahre alt war, stand ich früher auf, um noch vor der Schule Zeitung zu lesen. Schweigend saß ich dafür mit meinem Vater in der Küche. Ich lernte eine neue Sprache. Und damit auch, dass das, was die Menschen ankündigten und das, was sie dann taten, nicht dasselbe war. Nachdem ich in der achten Klasse zum ersten Mal vom Holocaust hörte, änderte sich für mich die Klangfarbe des Wortes «menschlich», ohne dass ich hätte sagen können weshalb. Ich unterhielt mich mit meiner Großmutter (ich habe sie Dir einmal vorgestellt, als sie uns im Botanischen Garten entgegenkam. Tatsächlich das einzige Mitglied meiner Familie, das Du kennengelernt hast) darüber. Sie erzählte mir dann von ihrem Freiwilligeneinsatz in einem Auffanglager während des 2. Weltkriegs und sprach von «Worten als Waffen».
Ich lieh in der Bibliothek Dokumentarfilme aus, in denen Holocaust-Überlebende berichteten. Allmählich begriff ich, dass ich in einer Welt von schwer durchschaubaren Konflikt- und Kriegsschauplätzen auf einer Insel des Friedens lebte. Als ein durch Zufall Verschonter.
Je mehr ich mich informierte, desto mehr machte mir die Welt Angst. Wenn ich jetzt daran denke, was Du in dem Alter vermutlich schon alles erlebt hattest, kommen mir meine damaligen Ängste im Nachhinein fast unschuldig vor.
Du hast mich immer nur mit Bruchstücken aus Deiner Kinderzeit abgespeist. Und ich habe nicht weiter nachgefragt. Der Anblick Deines getöteten Großvaters in der Küche, von dem Du mir einmal erzähltest, blieb mir beklemmend in Erinnerung – ich hoffe, Du findest bald einen Weg aus diesem «System», wie Du es nanntest. Ich wage kaum daran zu denken.
Nach einem Streit mit meinem Vater zog ich mit 19 von zu Hause aus, blieb aber in Zürich. Ich fand ein WG-Zimmer. Ich begann Geschichte und Soziologie zu studieren, saß viel in Cafés rum und las. Als ich mein Studium abbrach, kündigte mein Vater die finanzielle Unterstützung auf und ich arbeitete Teilzeit in einem Archiv. Hin und wieder schrieb ich Notizen und Gedichte … Dass ich Dir eines meiner frühen Gedichte vorlas, ist mir heute peinlich. Ich schrieb es zu einer Zeit, als mir meine Mutter, wenn ich sie sah, immer etwas zusteckte. Ich nahm das Geld widerwillig, aber letztlich dankbar an. Damals wusste ich noch nicht einmal, was ich nicht wollte.
Als ich dann den Job im Archiv aufgab, reiste ich im Zug durch Europa. In Griechenland arbeitete ich ein paar Wochen in einer Flüchtlingsunterkunft und schrieb für einen Blog sogenannte Erlebnisartikel.
Zurück in Zürich, begann ich ein Praktikum bei einer Filmproduzentin. Die Arbeit interessierte mich jedoch kaum. Ich suchte im Netz nach lustigen Unfall-Videos und wenn ich sie mir ansah, machte ich ein konzentriertes Gesicht. Ich erledigte knapp das, was man mir so auftrug.
Je mehr ich über Kriege las oder mit Betroffenen darüber sprach, desto mehr wurde mir bewusst, weshalb ich nach meiner Kindheit langsam den Glauben an Gott verloren habe.
Aber ich lehne es bis heute ab, mich als «Atheisten» oder «Agnostiker» bezeichnen zu lassen. Ich beneidete Dich um Deinen Glauben, er war unerschütterlich. Und ist es hoffentlich noch immer. Als ich 1983 in Zürich geboren wurde, warst Du noch in den Sternen. Als Du zur Welt kamst, da betete ich abends bereits, zusammen mit meiner Mutter und meiner kleinen Schwester. Ich erinnere mich: Es war schön und tröstlich zu glauben.
Weshalb erzähle ich Dir das alles? Vielleicht will ich mich nur selbst vergewissern, wer ich noch bin. Denn seitdem Du nicht mehr hier bist, kann ich nicht mehr sagen, wo mir der Kopf steht – ob er ins Herz gestürzt ist?
«Kaspar! Sei nicht so dramatisch!», würdest Du jetzt wohl lachen.
Wo war ich stehen geblieben? Ach ja, ich sandte dann erste Gedichte oder Kurzgeschichten an Literaturzeitschriften. Da war ich etwa 24 Jahre alt. Ein paarmal wurde etwas publiziert. Wenn mich jemand fragte, was ich mache, sagte ich nun öfter, dass ich eigentlich Schriftsteller sei. Dabei betonte ich vor allem das Wort «eigentlich». Kontakte knüpfte ich keine, Literaturveranstaltungen blieb ich fern.
Ich war oft allein, wollte es so, es kam so. Unter anderen Tunichtguten flanierte ich durch als «spannend» beworbene Städte und wartete darauf, dass mein Leben größer wurde. Ich begann den Begriff Fortschritt immer mehr in Frage zu stellen. Von dieser Zeit habe ich Dir erzählt.
Vor allem nachts war ich viel auf der Straße unterwegs. Und bin es noch. Ein paarmal hatte ich Glück und entkam nur knapp einer gefährlichen Geschichte. Abgründe, die sich unvermittelt öffneten und mich erschreckt zurückließen – auch auf Inseln und in heilen Welten leben Mörder. Nachts vertrauen mir Fremde oft Überraschendes an. Ohne dass ich sie dazu auffordere.
Während ich vor mich hinscheiterte, begann meine Schwester, in München Medizin zu studieren. Sie hatte mich überholt. Immerhin publizierte kurze Zeit später ein Kleinverlag meinen ersten Gedichtband. Er fand keine Beachtung.
Eines Tages fragte mich ein Bekannter, den ich auf einem Filmset kennenlernte, ob ich ihn nach China begleiten würde – seine Cousine studiere in Peking und wir könnten bei ihr wohnen. Warum nicht, meinte ich.
In Peking fühlte ich mich zum ersten Mal unfrei. Überall Kameras und wenn ich ins Netz wollte: gesperrte Seiten. Danach beschäftigte ich mich intensiver mit Digitalisierung und Künstlicher Intelligenz. Diese Dinge beängstigen mich zunehmend. Erinnerst Du Dich, Josephine, wie wir das Wort « Freiheit» meist neu definierten, wenn wir es irgendwo gemeinsam lasen?
Entschuldige, ich schweife wieder ab, und hoffe dabei nur, dass Dich diese Zeilen erreichen, mir ist’s, als würdest Du vor mir sitzen und wir wären im Gespräch … Wieder zurück in Zürich, schrieb ich mich an der Universität für das Studium der Kunstgeschichte ein, ließ es dann aber bleiben. Ich war wütend auf mich selbst. Meine...




