E-Book, Deutsch, 622 Seiten
Hamerling Große Epen
1. Auflage 2012
ISBN: 978-3-8496-2674-7
Verlag: Jazzybee Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
E-Book, Deutsch, 622 Seiten
ISBN: 978-3-8496-2674-7
Verlag: Jazzybee Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Hamerling zählte zu seiner Zeit zu den meistgelesenen deutschsprachigen Autoren. Zu seinen Hauptwerken zählen die hier vertretenen Epen 'Amor und Psyche' sowie 'Der König von Sion.'
Autoren/Hrsg.
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Wenn sie ein weichlich Geschlecht nur reizt, nicht schreckt die Entartung,
Treu mit der Schminke gemalt, und die prunkende Sünde der Alten,
Nun, so werde beschworen ein Bild aus düsterer'n Zeiten,
Werde der Pinsel getaucht in die kälteren Farben des Nordens.
Halle sie wieder, die Sprache, die derbe, der rauheren Väter,
Spiegelnd die Weisen und Bräuche germanischer Männer der Vorzeit.
Und was die heitre verbrach, mag sühnen die düstere Nacktheit,
Wenn dein sinnender Ernst sie, gestaltende Muse, mir segnet!
Singen die seltsamste will ich, die deutsamste aller Geschichten,
Die auf germanischer Erde gescheh'n: ein Spiegel für jedes
Höchste und Tiefste des Lebens, ein Echo für jegliche Frage,
Welche die Geister bewegt, und entflammt zu gewaltigem Ringen!
Kämpfer der Mitwelt, lauscht dem Gesang! es beflügelt der rasche
Fiebernde Puls ihn der Zeit und ihr anabaptistischer Herzschlag.
Dennoch – bedenket es wol! – die erhabene Muse, sie kämpft nicht,
Nein, sie krönt und verdammt: ausstreckt sie zwischen die Kämpfer
Ihr zweischneidiges Schwert, das beide verwundet und richtet . . .
Erster Gesang. In der Davert.
Dort, wo von moorigen Gründen der Niederung, welche sich weithin
Im westphälischen Lande verbreitet, ein Kiefer- und Eichwald
Zwischen der Aa sich erhebt und der Lippe mit düsteren Schatten:
Auf wald-einsamer Wiese, wo Polster von röthlicher Haide
Schwellend sich dehnen, umragt von moosigen Felsen und Kiefern,
Hat zur Rast sich ein Trupp landfahrender Leute gelagert.
Gaukler aus Holland sind's: Seiltänzer und Ringer und Fechter,
Mimen darunter, zerlumpt und besudelt der Held wie der Schalksnarr.
Zwischen den rastenden Gauklern umher geht, hinkenden Schrittes,
Läßig geschoben den Filz von der schwitzenden Stirne nach rückwärts,
Dürr, langbeinig, ein Mann mit schalkhaft zwinkernden Augen,
Hoch sich wölbenden Brau'n, bald scherzend und bald sich ereifernd.
Erst durchfährt mit der Hand er der alternden Stute, die abseits
Neben dem Fuhrwerk gras't, noch die Mähnen und tätschelt die magern
Flanken ihr sacht, dann hinkt er heran zum Feuer, ermunternd:
»Schürt doch enger, ihr Leute, die Glut, und dreht mir den Hammel
Besser herum, daß er nicht noch zuletzt uns am Spieße verderbe.
In den vergangenen Wochen, da wars ein Vergnügen bisweilen,
Roh zu verschlingen den Krebs aus dem rinnenden Bach, und zu fangen
Schnecken im Kiefergehölz. Heut brätelt uns aber ein Hammel
Wieder am Spieß – Gott lohn' ihn den wackeren Leuten von Aschberg!
Sitzen wir nur erst behaglich drin in der alten und reichen
Bischofstadt, gebt Acht, da regnet es Hammel! Ihr mögt mich
Hängen, wofern es euch reut, daß das heimische Nest ihr verlassen,
Weib und Kinder sogar und das leidlich-nährende Handwerk,
Und mir gefolgt hinaus in die Welt, als fahrende Künstler,
Wie noch Niemand vor uns es gewagt, und Niemand nach uns auch
Wieder so bald es wagt. Laßt drüber und drunter die Welt gehn
Eben in unserer Zeit, ich sag' euch, neben dem Landsknecht
Wird, und dem Wanderapostel, sich auch durch die Welt noch der Gaukler
Schlagen, und wirbelt uns Alle der wirbelnde Wind durcheinander,
Weiß man, wer oben zuletzt sich erhält? Vielleicht ist's der Gaukler! –
Freunde, schon morgen begrüßt uns das altehrwürdige Münster!
Ei, wie werden sie gaffen, die Münst'rer, mit offenem Munde,
Wenn wir ergetzen mit Künsten und närrischen Possen die Männer,
Aber das feinere Volk und die Weiber mit artlichem Reimspiel!
Nicht umsonst sind umher wir in Deutschlands Marken gewandert,
Lernten die Mundart, lernten den Brauch. Es gesellte, des Wanderns
Froh, seither sich zu uns manch lustiger Bursch auf dem Weg noch:
Und so sind wir zur Hälfte nur fremd. Da ist Grohe von Augsburg,
Der den lateinischen Schulen entlief und als fahrender Schüler
Maniger Gans umdrehte den Hals: da ist Wostel, von Böheims
Grenzen zu uns her verschlagen; da ist auch ein Wende, der Masoch,
Als Klopffechter berühmt weitum, als Springer und Ringer;
Und so ist Mancher gekommen: gesellt sich doch Gleiches zu Gleichem.
Aber wo bleibt denn Jan? schleicht der schon wieder sich abseits,
Um vor den Bäumen und Felsen zu üben die Rolle, mit Versen
Fischlein zu locken im Bach, wie der Heil'ge, der Karpfen gepredigt?
Jan, wo steckst du?«
So klingt's in die Kiefern hinein, und hervortritt
Aus dem Gehölz alsbald ein sinnender, dunkelgelockter
Jüngling, edel gestaltet, mit wunderbar leuchtenden Augen.
Seltsam ist er zu schau'n: es umschmiegt ihm ein purpurner, kurzer
Mantel die schlanke Gestalt, eine gleißende Krone von Rauschgold
Deckt ihm die wallenden Locken. – »Da seht! ist's nicht wie ich sagte?«
Spöttelt der Lange; »die Kron' auf dem Haupt und am Leibe den Mantel!
Daß er nur völlig natürlich den Bäumen umher und den Felsen
Declamir' und tragire den alttestamentlichen König,
Welcher den Goliath schlug! Du bist doch ein närrischer Bursch, Jan!
Aber was thuts? beim Gotte von Soest mit dem goldenen Fürtuch!
Du bist drinnen in Münster uns Ehre zu machen im Stande!
Darum nur zu, Herr König! spaziert nach eurem Gefallen
Weiter umher! Nur kommt mir zurecht zum gebratenen Hammel:
Denn sonst müßtet ihr hungernd mit Scepter und Krone zu Bett geh'n.
Schade doch wär's, Herr König, denn Ihr habt leider noch immer
Schreibergewicht und die Farbe des Bürschleins, das führte die Nadel!«
So sprach Lips van Straaten, doch nichts entgegnet der Jüngling.
Auf ihn blickt wie gebannt ein Jeder: es schwebt um das schlanke
Jünglingsbild wie ein Zauber. Im Aug' ihm blitzt es – verachtend
Lächelt er, spöttisch, und doch auch so noch Herzen gewinnend.
Männlich ist, ernst sein Blick, doch die Lippen umspielt ihm ein weicher
Reiz, der dürstet nach Leben. Es ist in den Zügen ihm seltsam
Kraft und Milde gemischt, und feuriger Drang und Erwägung.
Schlank ist des Jünglings Gestalt; doch mögen sich härten die Sehnen
Ihm in der inneren Glut, die so hell aus den Augen ihm funkelt.
Jugendlich stellt er sich dar: doch faßt man ins Aug' sein Wesen,
Scheint es gereift, in Sinnen und Schau'n, weit über das Alter.
Träumer und Schwärmer erscheint er dem flüchtigen Auge; doch blickt man
Schärfer ins Antlitz ihm, spricht eines gewaltigen Wollens
Spur aus ihm, ein Geist, der fast den Betrachter zurückscheucht.
Jeglicher liebt und scheut ihn zugleich. Stumm kehrt er sich abseits
Wieder, und hinter ihm schlagen des Tannichts Aeste zusammen.
Noch in der Niederung schreitet er hin, wo zwischen dem Zwergholz
Sich grünschlammige Tümpel verbreiten, von schwankenden Binsen
Wehend umrahmt. Nun hebt sich der Weg, manch riesige Wurzel
Strecken die Bäume von sich, wie Polypen die Arme. Der Jüngling
Wandelt die Kiefern entlang und verliert sich im tieferen Walde.
Aber das ist kein Wald, wo in säuselnden Lüften die Wipfel,
Himmlischer Anmuth voll, sich wiegen, und heiliger Friede
Schwebt um Blumen und Moos und traulich plätschernde Wasser.
Nein, es beschleuniget hier, wenn er kundig des Ortes, der Wand'rer
Aengstlich den Schritt, denn er wallt durch die wüste, verrufene Davert.
Das ist ein schauriger Ort, wo der Mondnacht dunstiger Äther
Schwirrt von der Hölle Gezücht und Teufelsgenossinnen reiten.
Schickt man des Nachts in die Luft aus geweihter Pistole die Kugel,
Stürzt mit Gewimmer alsbald ein verwundetes Hexlein herunter,
Das am felsigen Grund sich das Haupt und die Beine zerschmettert.
Alles ist hier wie behext, und drohend, aus feindlichen Augen,
Blickt es den Wanderer an. In dem sausenden Wipfel der Kiefer,
Die da kraus in der Öde verbreitet ihr sparriges Astwerk,
Sitzt mit zornigen Augen das Eichhorn, und mit gestrecktem
Schweif, bei des Jünglings Nah'n laut knurrend in toller Entrüstung,
Schießt es den Stamm entlang. Still weiter noch wandelt der Träumer.
Aber was hängt dort schwarz am verdorrten Geäste des Tännlings?
's ist ein gewaltiger Rabe. Mit runden und rollenden Augen
Blickt er um sich, dann setzt er in Schwung die gewaltigen Flügel,
Und als hätt' er den Fremdling, den nahenden, wo zu verkünden,
Sucht er krächzend den Weg zum tieferen Herzen der Wildniß.
Hinter ihm zittert der Baum von des Vogels gewaltigem Abschwung.
Fürbaß wandert der Jüngling. Was hemmt da wieder den Schritt ihm?
Züngelnd erhebt ihr Haupt die geringelte Natter am Waldsteig:
Erst mit hurtigen Windungen denkt sie gemach zu entgleiten,
Doch da nackt ist der Boden und rings kein Spalt, zu entschlüpfen,
Bleibt sie reglos. Es schwillt ihr das Haupt vor Zorn, und des Leibes
Ringe zugleich, erst rund, bandartig strecken sie jetzt sich,
Flach, und die schwärzliche Farbe des Thiers wird...




