E-Book, Deutsch, 192 Seiten
Hamid Der Fundamentalist, der keiner sein wollte
1. Auflage 2017
ISBN: 978-3-8321-8983-9
Verlag: DuMont Buchverlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Roman
E-Book, Deutsch, 192 Seiten
ISBN: 978-3-8321-8983-9
Verlag: DuMont Buchverlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
MOHSIN HAMID, geboren in Lahore, Pakistan, studierte Jura in Harvard und Literatur in Princeton. Heute lebt er mit seiner Familie in Lahore und London. Seine Romane wurden in über 30 Sprachen übersetzt. >Der Fundamentalist, der keiner sein wollte< wurde von Mira Nair verfilmt. Bei DuMont erschienen zuletzt die Romane >Exit West< (2017) und >So wirst du stinkreich im boomenden Asien< (2013) sowie der Essayband >Es war einmal in einem anderen Leben< (2016). Mit >Der Fundamentalist, der keiner sein
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Entschuldigen Sie, Sir, kann ich Ihnen behilflich sein? Oh, jetzt habe ich Sie erschreckt. Sie brauchen keine Angst vor meinem Bart zu haben: Ich liebe Amerika. Mir ist aufgefallen, dass Sie nach etwas suchten; eigentlich mehr als das, es sah eher danach aus, als seien Sie mit einem Auftrag hier, und da ich in dieser Stadt lebe und Ihre Sprache spreche, habe ich gedacht, ich könnte Ihnen meine Dienste anbieten.
Woher ich gewusst habe, dass Sie Amerikaner sind? Nein, nicht wegen Ihrer Hautfarbe; wir haben eine ganze Palette von Schattierungen in diesem Land, und Ihre findet man häufig bei den Menschen an unserer Nordwestgrenze. Auch Ihre Kleidung hat Sie nicht verraten; jeder europäische Tourist hätte sich so einen Anzug mit Rückenschlitz und ein Button-down-Hemd problemlos in Des Moines beschaffen können. Gut, Ihre kurz geschnittenen Haare und Ihre breite Brust – ich würde sagen, die Brust eines Mannes, der regelmäßig Bankdrücken macht und gut und gern über zwei fünfundzwanzig schafft –, die sind typisch für einen bestimmten Typus Amerikaner, aber auf der anderen Seite: Sehen Sportler und Soldaten aller Nationalitäten nicht irgendwie gleich aus? Vielmehr gestattete mir Ihre Haltung, Sie zu identifizieren, und das meine ich nicht beleidigend – ich sehe, Ihr Gesicht hat sich verhärtet –, es war lediglich eine Beobachtung.
Wollen Sie mir nicht sagen, wonach Sie gesucht haben? Zu dieser Tageszeit kann Sie gewiss nur eines in das Viertel Alt-Anarkali geführt haben, das, wie Sie bestimmt wissen, nach einer Kurtisane benannt ist, die wegen ihrer Liebe zu einem Prinzen eingemauert wurde – und das ist die Suche nach der perfekten Tasse Tee. Habe ich richtig geraten? Dann gestatten Sie mir, Sir, Ihnen mein Lieblingslokal unter den vielen hier zu empfehlen. Ja, genau, dieses hier. Die Metallstühle sind nicht besser gepolstert, die Holztische sind genauso roh, und wie die anderen ist es auch unter freiem Himmel. Doch ich versichere Ihnen, die Qualität des Tees ist ohnegleichen.
Sie sitzen lieber da, mit dem Rücken so dicht an der Wand? Wie Sie wollen, obwohl Sie dort weniger von der Brise haben, die immer mal wieder auffrischt und die die warmen Nachmittage angenehmer macht. Und wollen Sie nicht Ihr Jackett ablegen? So förmlich! Das ist ja nun nicht typisch amerikanisch, jedenfalls meiner Erfahrung nach. Und meine Erfahrung ist beträchtlich; ich habe viereinhalb Jahre in Ihrem Land gelebt. Wo? Ich habe in New York gearbeitet, und davor war ich an einem College in New Jersey. Ja, Sie haben recht: Es war tatsächlich Princeton! Gut geraten, das muss ich sagen.
Wie ich Princeton fand? Nun, die Antwort auf diese Frage bedarf einer Geschichte. An meinem ersten Tag dort betrachtete ich die gotischen Gebäude um mich herum– die, wie ich später erfuhr, jünger als viele der Moscheen dieser Stadt sind, aber mittels einer Säurebehandlung und geschickter Steinmetzarbeit auf alt gemacht – und dachte, ein Traum ist wahr geworden. Princeton weckte in mir das Gefühl, mein Leben sei ein Film, in dem ich die Hauptrolle spielte und alles möglich war. Ich habe Zugang zu diesem schönen Campus, dachte ich, zu Professoren, die auf ihrem Gebiet Koryphäen sind, und Kommilitonen, die auf dem Weg sind, Philosophenkönige zu werden.
Ich muss zugeben, dass ich in meinen anfänglichen Mutmaßungen über das Niveau der Studentenschaft allzu großzügig war. Nahezu alle waren intelligent und viele auch brillant, aber während ich in meinem Eingangsseminar einer von nur zwei Pakistanis war – zwei von einer Bevölkerung von über hundert Millionen Seelen, müssen Sie wissen –, hatten es die Amerikaner in dem Auswahlprozess mit einer weit weniger entmutigenden Relation zu tun. Eintausend Ihrer Landsleute wurden immatrikuliert, fünfhundert Mal so viele also, obwohl die Bevölkerung Ihres Landes nur doppelt so groß wie die meines ist. Die Folge war, dass die Nicht-Amerikaner unter uns im Durchschnitt bessere Leistungen zeigten als die Amerikaner, und ich selbst hatte mein Abschlussjahr erreicht, ohne auch nur einmal schlechter als »sehr gut« abgeschnitten zu haben.
Rückblickend wird mir die Macht dieses Systems klar; es ist pragmatisch und effektiv wie so vieles in Amerika. Wir internationalen Studenten kamen aus der ganzen Welt. Wir wurden nicht nur mit ausgefeilten Einheitstests ausgesiebt, sondern auch mit genau auf den Einzelnen abgestimmten Bewertungen – Auswahlgesprächen, Essays, Empfehlungen –, bis die Besten und Klügsten von uns identifiziert waren. Ich hatte exzellente Examensergebnisse in Pakistan und spielte außerdem noch so gut Fußball, dass ich in der Uni-Mannschaft mithalten konnte, wo ich auch einen Stammplatz hatte, bis ich mir im zweiten Jahr das Knie verletzte. Studenten wie ich erhielten Visa, Stipendien, also volle finanzielle Unterstützung, und wir wurden in die Welt der herrschenden Elite eingeführt. Als Gegenleistung erwartete man von uns, dass wir unsere Begabungen in Ihre Gesellschaft einbrachten, die Gesellschaft, der wir uns anschlossen. Und ganz überwiegend taten wir das auch gern. Ich jedenfalls, zumindest am Anfang.
In jedem Herbst ließ sich Princeton von den Personalleuten der großen Firmen, die auf den Campus kamen, in den Ausschnitt gucken und zeigte ihnen ein wenig Haut, wie Sie in Amerika sagen. Die Haut, die Princeton zeigte, war natürlich eine gute – jung, eloquent und klug wie nur etwas –, doch selbst inmitten all dieser Haut war ich, wie ich in meinem letzten Jahr wusste, etwas Besonderes. Ich war die perfekte Brust, wenn Sie so wollen – gebräunt, knackig und scheinbar der Schwerkraft trotzend –, und ich war überzeugt, jeden Job zu bekommen, den ich haben wollte.
Bis auf einen: Underwood Samson & Company. Sie haben nicht davon gehört? Es war eine Unternehmensberatung. Sie sagten ihren Klienten, wie viel eine Firma wert war, und das taten sie, wie es hieß, mit einer geradezu unheimlichen Präzision. Sie waren klein – eigentlich eine Boutique, minimale Belegschaft–, und sie zahlten gut; frisch vom College bekam man da ein Grundgehalt von über achtzigtausend Dollar. Was aber wichtiger war, sie gaben einem ein solides Handwerkszeug und einen gediegenen Markennamen, der war so gediegen, dass man nach zwei Jahren als Berater dort die Aufnahme zur Harvard Business School praktisch in der Tasche hatte. Deswegen schickten über hundert Angehörige des Princeton-Jahrgangs 2001 ihre Zeugnisse und Lebensläufe bei Underwood Samson ein. Acht wurden ausgewählt – nicht für einen Job, um das klarzustellen, sondern für ein Bewerbungsgespräch –, und einer davon war ich.
Sie wirken besorgt. Dazu besteht kein Anlass; der kräftige Bursche da ist bloß unser Kellner, und Sie brauchen auch nicht in Ihr Jackett zu greifen, nach Ihrer Brieftasche, wie ich vermute, denn wir bezahlen erst später, wenn wir gehen. Möchten Sie lieber normalen Tee mit Milch und Zucker oder grünen, oder vielleicht die hiesige duftigere Spezialität, Kaschmir-Tee? Eine ausgezeichnete Wahl. Ich nehme das Gleiche, und vielleicht auch noch einen Teller Jalebis. Und schon ist er weg. Ich gebe es ja zu, ein recht einschüchternder Zeitgenosse. Aber von einwandfreien Umgangsformen: Sie wären von seiner reizenden Art überrascht gewesen, wenn Sie denn Urdu verstünden.
Wo waren wir stehen geblieben? Ach ja, Underwood Samson. Am Tag meines Bewerbungsgesprächs war ich sehr nervös, was eigentlich nicht meine Art ist. Sie hatten nur einen Vertreter geschickt, und der empfing uns in einem Zimmer des Nassau Inn, ein normales Zimmer, muss ich dazu sagen, keine Suite; sie wussten, dass wir auch so schon ausreichend beeindruckt waren. Als ich an die Reihe kam, trat ich ein und stand vor einem Mann, der rein äußerlich nicht viel anders aussah als Sie; auch er wirkte wie ein bewährter Offizier. »Changez?«, fragte er, worauf ich nickte, denn so heiße ich. »Kommen Sie, setzen Sie sich.«
Er heiße Jim, sagte er, und ich hätte genau fünfzig Minuten, um ihn zu überzeugen, mir eine Stelle anzubieten. »Verkaufen Sie sich«, sagte er. »Was ist das Besondere an Ihnen?« Ich begann mit meinen Studienunterlagen, verwies darauf, dass ich auf einen Abschluss summa cum laude zusteuerte, dass ich noch nie schlechter als mit »sehr gut« abgeschnitten hätte. »Sie sind bestimmt ein pfiffiger Junge«, sagte er, »aber von allen, mit denen ich heute spreche, wurde auch keiner schlechter als mit ›sehr gut‹ benotet.« Das war für mich eine beunruhigende Offenbarung. Ich sagte ihm, ich sei hartnäckig, ich hätte die Physiotherapie nach meiner Knieverletzung doppelt so schnell hinter mich gebracht, als es die Ärzte erwartet hatten, zwar könne ich nicht mehr Uni-Fußball spielen, aber ich liefe die Meile inzwischen wieder in unter sechs Minuten. »Das ist gut«, sagte er, und zum ersten Mal glaubte ich, Eindruck auf ihn gemacht zu haben, doch dann fragte er weiter: »Aber was noch?«
Ich verstummte. Normalerweise plaudere ich, wie Sie bestimmt gemerkt haben, sehr gern, aber in dem Augenblick wusste ich nicht, was ich sagen sollte. Ich beobachtete ihn, wie er mich beobachtete, und versuchte zu verstehen, worauf er aus war. Er blickte auf meinen Lebenslauf, der zwischen uns auf dem Tisch lag, und dann wieder auf mich. Seine Augen waren kalt, ein helles Blau, und wertend, nicht so, wie man das Wort normalerweise benutzt, sondern in dem Sinn, dass er professionell taxierte, wie ein Juwelier, der sich aus reiner Neugier einen Diamanten ansieht, den er weder kaufen noch verkaufen will. Nachdem eine gewisse Zeit vergangen war – es mochte eine Minute gewesen sein, aber es fühlte sich länger an –, sagte er:...




