Hammerstein Wo wirst du sein
1. Auflage 2016
ISBN: 978-3-10-490254-8
Verlag: S. Fischer
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Roman
E-Book, Deutsch, 256 Seiten
ISBN: 978-3-10-490254-8
Verlag: S. Fischer
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Lukas Hammerstein, geboren 1958 in Freiburg, studierte Jura und Philosophie. Er veröffentlichte mehrere Romane, darunter ?Die 120 Tage von Berlin?, ?Video? und ?Wo wirst du sein?. Darüber hinaus ist Hammerstein Autor von Theaterstücken sowie zahlreicher Radiofeatures und Essays zu Ästhetik und Politik. Zuletzt erschien der »Deutschlandessay« ?Die Guten und das Böse?.
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Sie ist eingeschlafen, und er beugt sich vor, um das Parfüm zu riechen und die Erregung darunter, die schon wieder verblüht. Er kommt mit den Lippen an ihre schweißnasse Stirn, es pocht, es ist sein eigener Herzschlag. Draußen die Grillen, sonst ist es still. Sie sind in der Hölle gelandet, beide zusammen und jeder für sich. Als er sie das erste Mal traf, da waren sie noch Kinder. Sie hat noch die gleiche Lässigkeit, die ihn immer angezogen hat, noch in dem teuren Kostüm, das jetzt verdreckt ist, verschwitzt, gezeichnet von der Aufregung. Sie atmet schnell, die Nasenflügel beben, ein Zucken in den Augenlidern. Wieder geistert sekundenlang der Lichtstrahl durch den Garten. Er möchte sie an sich ziehen und in die Arme nehmen und tut es nicht, im einzig klaren Gefühl, überfordert zu sein. Der Boden knarrt, als er sich zurückzieht, und sie sagt leise, mit geschlossenen Augen, sieh mich nicht an. Das Einzige, was er unternehmen kann, ist, nichts zu tun, sie ist das Faustpfand, das Kapital, die Geisel, er wird nicht alles hinwerfen. Ihm ist schwindelig, er hält die Waffe mit beiden Händen fest. Draußen tauchen die Büsche von dunklem Violett in tiefes Schwarz, als saugten sie das letzte Licht des Tages aus dem Zimmer. Bald wird es ganz dunkel sein.
Sie hört die Stimmen sehr nah, erst die hohen und dann die mittleren Lagen, weiter vorn schlägt das Wasser glucksend gegen die Pfeiler. Nach jedem ihrer Schwimmzüge stieben silberblaue Tropfen auf, wenn sie den Arm aus dem Wasser hebt, in die flirrende Luft, die Sonne steht hoch, darunter sieht sie ihn über den Rand der Plattform kommen, die Arme weit ausgestreckt. Er scheint noch einmal innezuhalten und steigt dann auf im Sprung, lässt die Plattform hinter sich und hebt in den grellen Himmel ab. Einen Moment steht er wie ein Schattenriss vor der Sonne. Dann beginnt er zu fallen, sie hört ihn jauchzen, ehe er auf die Wasseroberfläche schlägt und versinkt. Für einen Moment ist ihr weiß vor den Augen.
Er war schon über fünfzig, schon darum hatten sie ihn ausgewählt. Sie waren so jung, von ihnen aus gesehen war Lisa in seinem Alter. Elisabeth. Er hatte weniger zu verlieren als sie alle miteinander. Er besaß, was man früher Erziehung nannte und sie ganz sicher nicht mehr brauchen würden, und wusste sich zu benehmen, wenn es einmal darauf ankam, was sie natürlich altmodisch fanden oder retro nannten und nun doch irgendwie zu schätzen wussten.
Max besaß Eigenschaften, über die sie sich normalerweise mokierten. Er konnte steif wirken, ziemlich umständlich, peinlich leidenschaftlich, wenn es um Ideale ging, und wer hatte überhaupt noch Ziele oder seinen altmodisch glühenden Eifer. Er hörte Leuten gerne zu und konnte erschreckend lange höflich bleiben. Hielt Carla und Merit, den Frauen der Gruppe, die für ihn noch Mädchen waren, die Tür auf, half ihnen aus der Jacke, wenn sie sich im Café in der Öffentlichkeit trafen, er hätte ihnen aus ihren Kapuzenshirts geholfen, wäre es ihnen allen nicht peinlich gewesen.
Er war einfach ein netter Mensch, hielt andern zur Begrüßung die Hand hin, und nicht jeder mochte das. Er sprach nicht alle gleich mit Du an, nannte Polizisten nicht grundsätzlich Bulle, Scheißbulle, als gäbe es keinen Unterschied zwischen staatlichen Ordnungshütern und den martialischen Privaten, die immer mehr überhandnahmen und dem Gefühl nach noch gefährlicher waren, weil sie einem klaren Interesse dienten, der Angst, nicht dem Gemeinwohl.
Max konnte sich in etwas verbeißen. Er wartete schon einmal ab oder machte sich die Mühe, eines vom anderen zu scheiden und eine Sache für eine Weile kompliziert sein zu lassen. Im Leben, in den Büchern, in der Politik, in der Musik verstand man die Dinge auch nur, wenn man hören und lesen gelernt hatte.
Sie sollten einmal selbst in einer Bank arbeiten, sich vornehmen, was andere taten, sich anstrengen wie jeder andere auch. Sie konnten nicht immer nur entspannt sein. Das war im Buchkaufhaus, vor einem Stapel mit Bestsellern. Sven stieß ihn mit Absicht um, Olli feixte, und Max sagte, sie sollten erst mal selber etwas schreiben und dann ihr Buch tonnenweise verkaufen und dann darüber herziehen.
Dann, als die irgendwie emanzipierte Carla anfing, über die Bundespräsidentin herzuziehen, weil sie nicht alles auf den Kopf gestellt und die Mannschaft aus dem schwarzen Haus geworfen hatte, das sie weiter betrieben, als hätte noch irgendwer das Geld dazu.
Dann lachten sie natürlich. Sie wollten ihn oft gar nicht verstehen, schon weil er über fünfzig war, in einem Alter, das unendlich weit weg von ihnen war und das ihn von einem anderen Stern kommen ließ. Olli pöbelte in der U-Bahn einen Mann mit Aktenkoffer und genähten Schuhen an, im Glauben, er müsse ein Banker sein.
Von Bankstern zu reden half auch nicht weiter. Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen war in ihrer Lage töricht und gefährdete nur ihren Plan. Sie funktionierten umgekehrt proportional zum Rest der Welt, den Voraussetzungslosen, den Miniaturhelden, Postpopstars, den Protagonisten der neuen Armut und der vagen Fernsehprominenz vor blinden Scheinwerfern und den Berühmtheiten eines Tages und allen möglichen Autorenduos, die über Popstars oder Feminismus schrieben, sie mussten im Gegenteil verschwinden. Er sprach über den Reiz der glatten Oberfläche, über Form und Subversion und das Lachen der Zeit. Allen Ernstes. Dafür erhob er sich dann und nahm feierlich die Pose des Agitators ein. War sichtlich erregt, gar nicht entspannt, blamierte sich. Sie sollten sich ein Beispiel nehmen an George Clooney, doch sie wussten nicht, wer das war. Die anderen. Sie fanden den Ernst seiner Exkurse peinlich und blickten zu Boden, lachten, und dann fing er sich und sagte, er wolle ja nur seinen Spaß haben und sie und die Gruppe vor Gefahren schützen, die im Verborgenen lägen.
Ja, ja, ja, dachten sie, die sich jung genug fühlten, alles zu wissen, lichterloh zu brennen, während er vielleicht noch vage vor sich hin glomm und vom Leben so viel erwarten durfte wie von der Liebe, die es in ihren Augen für Leute seines Alters nicht mehr gab. Und mit der Karriere würde es auch nichts mehr, am Ende des Tages. Sie waren locker, er war abgebrüht, ohne Grund, euphorisch zu sein.
Nein, es waren keine V-Leute unterwegs, vom BND oder sonst woher, gerade nicht. Sie fanden ihn anstrengend. Er würde schon sehen, was noch käme, einige Versuche, das Ruder herumzureißen, ohne Überzeugung, und der Weg führte hinab in leisen Schwüngen; zwei, drei Anläufe zu lieben, die sich auch noch geben würden; Affären mit peinlich jungen Frauen, im Aufbäumen gegen den körperlichen Verfall oder die Kraft der Depression, die noch jeden kriegte oder längst im Griff hatte, im Niedergang, in der Pleitenblütezeit im Stakkato der Mitnahmeselbstmorde.
Oliver sprach von Altersgeilheit, und Sven sagte darauf Altersnot, das war gemein, und Merit sah fast zärtlich zu ihm herüber.
Er ließ sie reden, von Leuten, die ihn verächtlich machen wollten, würde er sich nicht mehr distanzieren. Er konnte sich lächerlich fühlen, er hielt so etwas aus. Lachhaft zu sein brauchte Kraft, es auszuhalten war eine Tugend, doch das sagte er nicht. Wenn es nach ihm ging, sollten sie denken, was sie wollten. Nur ging es nicht nach ihm allein. Sie gaben ihm noch sieben Jahre, dann kam das Ende, ein Moment der Wahrheit von der Sorte, die einem das Rückgrat bricht. Er mochte sich jung fühlen, jung genug, um eines Tages doch noch anzufangen, sie gaben ihm keine Chance mehr auf ein frisches Ideal, auf den Erfolg, das Lebensglück. Sie dachten, der Max hat genug Enttäuschungen erlebt, um nichts mehr falsch zu machen.
Sie standen in der Schalterhalle einer Bank, im flackernd trüben Neonlicht, bis auf zwei lächerlich wirkende riesige Automaten war alles leergeräumt. Sven hatte Geld ziehen wollen, aber keines mehr bekommen und vor Wut mit dem Fuß dagegengetreten, dass das Gehäuse schepperte, Max wollte ihn zurechtweisen, da tauchte wie aus dem Nichts die junge Frau auf, hellblaue Uniform.
Max klopfte leise gegen die Wandverkleidung, blau lackiertes Pressspan, während er auf die Frau einsprach, so beiläufig es ging. Er fragte sie nach der Hotline, und sie, die kaum begriff, wie ihr geschah, außer, dass sie jetzt wohl besser achtgab, sah ihn prüfend an. Typisch, dachte er und blieb doch nett, nannte einen Namen, der nicht seiner war, las ihren an dem Schild auf ihrem Revers und machte ihr ein Kompliment und dann noch eines, als ginge es darum, sich mit ihr zu verabreden. Sie lächelte schwach und schien sich zu fürchten, dann gingen sie endlich hinaus, und Sven sagte für Minuten keinen Ton mehr.
Max besaß einen Humor, der ihnen oft suspekt vorkam und den sie, die mit einer grundlegend anderen Komik aufgewachsen waren, frei von aller Ironie, kaum einzuordnen wussten. Sie verstanden ihn oft nicht, begriffen seine Wut oder Erregung nicht. Er lachte nicht gleich über alles, er griff nicht gleich an, wenn er einen Vorschlag, einen Satz, eine Geste lächerlich machen konnte. Das verletzte sie, wenn ihr Herz einmal an etwas hing. Sie nannten ihn, wenn er witzig war, zynisch, sie fanden ihn abgehoben, wo er großzügig war, auch den Fehlern anderer gegenüber. Sie ermahnten ihn, vorsichtig zu...




