Han P.S. I still love you
1. Auflage 2017
ISBN: 978-3-446-25638-5
Verlag: Carl Hanser
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
E-Book, Deutsch, Band 2, 336 Seiten
Reihe: Boys Trilogie
ISBN: 978-3-446-25638-5
Verlag: Carl Hanser
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Jenny Han, 1980 geboren, lebt in Brooklyn, New York. Der Durchbruch als Schriftstellerin gelang ihr 2009 mit ihrer Sommer-Trilogie; die Bestseller-Reihe wurde in 24 Sprachen übersetzt. Bei Hanser erschien 2011 der erste Band Der Sommer, als ich schön wurde, 2012 folgten Ohne dich kein Sommer und Der Sommer, der nur uns gehörte. Hans Debüt 'Zitronensüß' erschien 2011 in der Reihe Hanser bei dtv. Zusammen mit der Autorin Siobhan Vivian veröffentlichte Han außerdem die Trilogie Auge um Auge (2013), Feuer und Flamme (2014) und Asche zu Asche (2015). Auch sie stand sofort nach Erscheinen auf der New York Times-Bestsellerliste. 2016 folgte mit To all the boys I`ve loved before ein weiteres Jugendbuch der erfolgreichen Schriftstellerin und 2017 mit P.S. I still love you die Fortsetzung dieser Geschichte. 2018 erschien mit Always and forever, Lara Jean der Abschluss der Reihe. Han gehört zu den beliebtesten US-Autorinnen weltweit.
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1
Kitty mault schon den ganzen Morgen rum, Margot und Daddy haben anscheinend beide noch einen Kater von der Silvesterparty. Und ich? Ich habe Herzchen in den Augen und einen Brief in der Manteltasche, der mir gleich ein Loch in den Stoff brennt.
Sogar als wir uns schon die Schuhe anziehen, versucht Kitty immer noch, irgendwie darum herumzukommen, im Hanbok, der traditionellen koreanischen Tracht, zu Tante Carrie und Onkel Victor zu gehen. »Guckt euch doch die Ärmel an! Die sind mir inzwischen viel zu kurz, bloß noch dreiviertellang!«
»Sie sollen so sein«, sagt Daddy wenig überzeugend.
Kitty zeigt auf Margot und mich. »Und wieso passen bei den beiden die Ärmel?«
Unsere Großmutter hat uns die Hanboks gekauft, als sie das letzte Mal in Korea war. Margots besteht aus einer gelben Jacke und einem apfelgrünen Rock. Meiner ist leuchtend rosa mit elfenbeinfarbener Jacke und einer langen, leuchtend rosa Schärpe mit gestickten Blumen. Der Rock ist glockenförmig geschnitten, sehr weit, und reicht bis zum Boden. Nur Kittys nicht, der reicht ihr gerade noch bis zu den Knöcheln.
»Ist doch nicht unsere Schuld, wenn du wächst wie Unkraut«, sage ich und fummele dabei an meiner Schärpe herum. Das ist das Schwierigste an der Tracht, dass die Schärpe richtig sitzt. Ich habe mir immer wieder ein Video auf YouTube angeschaut, um dahinterzukommen, und trotzdem hängt das Ding schief und sieht irgendwie traurig aus.
»Mein Rock ist auch zu kurz«, meckert Kitty jetzt und hebt den Saum an.
In Wirklichkeit hasst sie es einfach, Tracht zu tragen, weil man darin in Trippelschritten laufen und den Rock immer mit einer Hand zusammenhalten muss, damit das Ding nicht aufgeht.
»Eure Cousinen werden auch alle im Hanbok kommen, und Großmama wird sich so freuen«, sagt Daddy und reibt sich die Schläfen. »Diskussion beendet.«
Während der Fahrt sagt Kitty andauernd »Ich hasse Neujahr!«, und alle außer mir kriegen schlechte Laune. Margot war sowieso schon nicht so gut drauf. Zum einen musste sie in aller Herrgottsfrühe aufstehen, um es von der Hütte, auf der sie gefeiert hat, rechtzeitig zurück nach Hause zu schaffen, zum anderen hat sie vielleicht wirklich einen Kater. Aber mir kann heute nichts und niemand die Laune vermiesen, denn ich sitze nicht einmal mit im Auto. Ich bin ganz woanders, denke an meinen Brief an Peter und frage mich, ob er herzlich genug ist, wie und wann er ihn bekommen soll, was er sagen wird und welche Folgen das alles hat. Soll ich ihm den Brief in den Briefkasten werfen? Oder in sein Schließfach in der Schule? Und wenn ich ihn dann das nächste Mal sehe, wird er mich anlächeln oder einen Scherz machen, um die Stimmung aufzulockern? Oder wird er so tun, als hätte er den Brief nie erhalten, um uns beiden die Peinlichkeit zu ersparen? Ich glaube, das wäre schlimmer. Ich muss mich immer wieder daran erinnern, dass Peter trotz allem ein freundlicher, unkomplizierter Mensch ist, der nicht grausam sein kann, egal, was sonst war. So viel ist schon mal sicher.
»Worüber denkst du denn so angestrengt nach?«, fragt Kitty.
Ich höre sie kaum.
»Hallo?«
Ich mache die Augen zu und tue so, als würde ich schlafen. Sofort sehe ich Peters Gesicht vor mir. Ich weiß nicht einmal, was ich eigentlich von ihm will, wofür ich bereit bin. Für eine richtig ernste Liebesgeschichte mit allem Drum und Dran, fester Freund, feste Freundin? Oder nur für so etwas wie bisher – ein bisschen Spaß und hier und da mal einen Kuss? Oder irgendwas dazwischen? Ich weiß nur, ich bekomme Peters hübsches Gesicht nicht aus dem Kopf. Wie er grinst, wenn er meinen Namen sagt, und wie mir in seiner Nähe manchmal die Luft wegbleibt.
Als wir bei Tante Carrie und Onkel Victor eintreffen, ist natürlich keine unserer Cousinen im Hanbok gekommen, und Kitty läuft dunkelrot an, solche Anstrengung kostet es sie, Daddy nicht anzubrüllen. Auch Margot und ich werfen ihm ein paar genervte Blicke von der Seite zu. Den ganzen Tag im Hanbok herumzusitzen ist nicht gerade bequem. Aber Großmamas erfreutes Lächeln entschädigt mich für die Unbequemlichkeit.
Während wir im Eingang Mäntel und Schuhe ausziehen, flüstere ich Kitty zu: »Vielleicht geben die Erwachsenen uns ja mehr Geld als den anderen, weil wir in Tracht kommen.«
»Ihr seht hinreißend aus!«, sagt Tante Carrie, als sie uns zur Begrüßung umarmt. »Haven hat sich schlicht geweigert, ihren Hanbok anzuziehen.«
Haven schaut ihre Mutter an und verdreht die Augen. »Tolle Frisur!«, sagt sie zu Margot. Haven und ich sind nur wenige Monate auseinander, aber sie bildet sich ein, sie wäre so viel älter als ich. Jedes Mal versucht sie, sich bei Margot einzuschleimen.
Wir beeilen uns, die Verbeugungen schnell hinter uns zu bringen. In koreanischen Familien ist es so Sitte, dass Kinder und Jugendliche, aber auch die erwachsenen Söhne und Töchter sich an Neujahr vor den älteren Angehörigen verbeugen und ihnen viel Glück fürs neue Jahr wünschen. Dafür bekommt man Geld von ihnen. Es gibt eine feste Reihenfolge vom ältesten Familienmitglied zum jüngsten, das heißt, als Erste setzt sich Großmama auf die Couch, und Tante Carrie und Onkel Victor verbeugen sich vor ihr. Dann kommt mein Vater an die Reihe, und so geht es immer weiter, bis Kitty als die Jüngste von uns drankommt. Als Daddy an der Reihe ist, die Verbeugungen entgegenzunehmen, bleibt der Platz neben ihm frei, nur ein Kissen liegt da, wie an jedem Neujahrstag seit Mommys Tod. Es tut mir weh, ihn so allein da sitzen zu sehen, während er tapfer lächelnd Zehn-Dollar-Scheine verteilt. Großmama sucht auffällig oft meinen Blick, und ich weiß, wir denken beide dasselbe. Als ich an der Reihe bin, mich zu verbeugen, knie ich mich hin, die Hände vor der Stirn gefaltet, und gelobe, dass ich Daddy nächstes Neujahr nicht noch einmal allein auf der Couch sitzen sehen will.
Wir bekommen zehn Dollar von Tante Carrie und Onkel Victor, zehn von Daddy und zehn von Tante Min und Onkel Sam, die eigentlich nicht unsere richtigen Tante und Onkel sind, sondern Cousine und Cousin um die Ecke rum. (Zweiten Grades, sagt man, oder? Jedenfalls war Mommy ihre Cousine.) Von Großmama bekommen wir sogar zwanzig! Es gab zwar nicht mehr Geld dafür, dass wir unsere Hanboks anhaben, aber alles in allem haben wir kräftig abgesahnt. Letztes Jahr gab’s von den Tanten und Onkeln nur jeweils fünf Dollar.
Anschließend essen wir Reiskuchensuppe, weil das Glück bringt. Tante Carrie hat Bratlinge aus Schwarzaugenbohnen gemacht und besteht darauf, dass wir wenigstens davon kosten, auch wenn keiner von uns Lust darauf hat. Harry und Leon – unsere Cousins zweimal um die Ecke rum? Dritten Grades? – wollen weder die Suppe noch die Bratlinge und bekommen stattdessen im Fernsehzimmer Hähnchennuggets. Weil am Esstisch nicht Platz genug ist, sitzen Kitty und ich auf hohen Hockern an der Kücheninsel. Das Lachen der anderen ist bis hierher zu hören.
Als ich meine Suppe esse, wünsche ich mir etwas: Bitte, bitte, mach, dass mit Peter und mir alles wieder gut wird.
»Wieso ist meine Suppenschale kleiner als die von allen anderen?«, flüstert Kitty mir zu.
»Weil du die Kleinste bist.«
»Und wieso kriegen wir keinen Kimchi?«
»Weil Tante Carrie glaubt, wir mögen ihn nicht, weil wir nur halb-koreanisch sind.«
»Geh zu ihr und besorg uns welchen«, flüstert Kitty.
Ich mache es, hauptsächlich, weil ich auch Lust auf Kimchi habe.
Während die Erwachsenen Kaffee trinken, gehen Margot und ich mit Haven hoch in ihr Zimmer. Kitty kommt mit. Sonst hat sie immer mit den Zwillingen gespielt, aber heute holt sie sich Tante Carries Yorkshireterrier Smitty und geht ganz selbstverständlich mit uns nach oben, so als gehörte sie schon zu den großen Mädchen.
An den Wänden von Havens Zimmer hängen Poster von Indie-Rockbands. Von den meisten habe ich noch nie gehört. Haven wechselt sie ständig aus. Auch jetzt hängt wieder ein neues da, von Belle and Sebastian. Sieht aus wie Denim, mit Schriftzeichen in Prägedruck. »Sieht cool aus«, sage ich.
»Du kannst es haben, wenn du willst«, sagt Haven. »Ich wollte es sowieso abnehmen.«
»Nicht nötig«, sage ich. Ich weiß, dass sie es mir nur anbietet, um sich überlegen zu fühlen. So ist sie nun mal.
»Ich nehme es«, sagt Kitty. Haven verzieht kurz das Gesicht, aber Kitty ist schon dabei, das Poster von der Wand zu lösen. »Danke, Haven.«
Margot und ich sehen uns an und versuchen, uns ein Schmunzeln zu verkneifen. Haven hatte nie viel für Kitty übrig, und umgekehrt ist es genauso.
»Margot, bist du in Schottland auf irgendwelchen Konzerten gewesen?«, fragt Haven. Sie lässt sich auf ihr Bett fallen und öffnet ihren Laptop.
»Eigentlich nicht«, sagt Margot. »Ich hab immer so viel fürs Studium zu tun.«
Margot hat sich noch nie groß für Musik interessiert. Sie holt ihr Handy aus der Tasche und schaut darauf. Ihren Rock hat sie um sich herum ausgebreitet. Als Einzige von uns dreien ist sie noch komplett in Tracht. Ich habe die Jacke abgelegt, Kitty hat sowohl ihre Jacke als auch den Rock ausgezogen und trägt nur noch ihr Unterhemd und die lange Pumphose, die zur Tracht gehört.
Ich setze mich neben Haven aufs Bett, damit sie mir auf Instagram die Bilder von ihren Ferien auf den Bermudas zeigen kann. Während sie durch ihren Feed scrollt, fällt mein Blick auf ein Foto von unserem Skiausflug. Haven spielt im Jugendorchester von Charlottesville, deshalb kennt sie Leute von ganz...




