Han | Vita contemplativa | E-Book | www.sack.de
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E-Book, Deutsch, 128 Seiten

Han Vita contemplativa

oder von der Untätigkeit
22001. Auflage 2022
ISBN: 978-3-8437-2847-8
Verlag: Ullstein HC
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

oder von der Untätigkeit

E-Book, Deutsch, 128 Seiten

ISBN: 978-3-8437-2847-8
Verlag: Ullstein HC
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



Ein inspirierender Gegenentwurf zu Hannah Arendts Vita activa oder vom tätigen Leben Die Fähigkeit zur Untätigkeit kommt uns gänzlich abhanden. Dabei ist Untätigkeit keine Negation, keine Verweigerung, keine bloße Abwesenheit von Tätigkeit, sondern ein eigenständiges Vermögen. Byung-Chul Han spürt dem Reichtum, der Pracht und der Magie der Untätigkeit nach und entwirft eine neue Lebensform.

Byung-Chul Han, geboren 1959, studierte in Freiburg im Breisgau und in München Philosophie, deutsche Literatur und katholische Theologie. Er veröffentlichte zahlreiche Bücher, darunter Müdigkeitsgesellschaft, Transparenzgesellschaft, Die Errettung des Schönen, Psychopolitik und Die Austreibung des Anderen. Bei Ullstein sind erschienen: Lob der Erde, Vom Verschwinden der Rituale sowie Undinge. Seine Bücher wurden in mehr als zwanzig Sprachen übersetzt.
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Vom Handeln zum Sein


Es gibt ein Bild von Klee, das Angelus Novus heißt. Ein Engel ist darauf dargestellt, der aussieht, als wäre er im Begriff, sich von etwas zu entfernen, worauf er starrt. Seine Augen sind aufgerissen, sein Mund steht offen und seine Flügel sind ausgespannt. Der Engel der Geschichte muß so aussehen. Er hat das Antlitz der Vergangenheit zugewendet. Wo eine Kette von Begebenheiten vor erscheint, da sieht er eine einzige Katastrophe, die unablässig Trümmer auf Trümmer häuft und sie ihm vor die Füße schleudert. Er möchte wohl verweilen, die Toten wecken und das Zerschlagene zusammenfügen. Aber ein Sturm weht vom Paradiese her, der sich in seinen Flügeln verfangen hat und so stark ist, daß der Engel sie nicht mehr schließen kann. Dieser Sturm treibt ihn unaufhaltsam in die Zukunft, der er den Rücken kehrt, während der Trümmerhaufen vor ihm zum Himmel wächst. Das, was wir den Fortschritt nennen, ist Sturm.

Hannah Arendt begreift das zwanzigste Jahrhundert als eine Epoche des Handelns. Auch unser Verhältnis zur Natur ist nicht vom staunenden Betrachten, sondern allein vom Handeln bestimmt. Der Mensch handelt über den zwischenmenschlichen Bereich hinaus in die Natur hinein, indem er sie ganz seinem Belieben unterwirft. Er entfesselt dadurch Prozesse, die ohne seinen Eingriff nicht zustande kämen und zu totalen Kontrollverlusten führen: »Es ist, als hätten wir unsere eigene Unvorhersehbarkeit, die Tatsache, daß kein Mensch die Folgen seines Handelns voll übersehen kann, in die Natur selbst getragen und damit das alte Naturgesetz, auf dessen unbedingte Gültigkeit wir uns gerade darum so ausschließlich verlassen wollten, weil wir selbst die Unvorhersehbaren und niemals absolut Zuverlässigen par excellence sind, in den Bereich der ganz anders gearteten Gesetze menschlichen Handelns getragen, die ihrerseits niemals universal gelten und niemals unbedingt zuverlässig sein können.«66

Das Anthropozän ist das Resultat totaler Unterwerfung der Natur unters menschliche Handeln. Die Natur verliert jede Eigenständigkeit und Dignität. Sie wird zu einem Bestandteil, zu einem Anhängsel der menschlichen Geschichte herabgesetzt. Die Gesetzmäßigkeit der Natur wird der menschlichen Willkür, der Unberechenbarkeit des menschlichen Handelns unterworfen. Wir die Geschichte, indem wir handeln. Nun wir die Natur, indem wir sie ganz in die vom menschlichen Handeln hergestellten Bezüge auflösen. Das Anthropozän markiert genau den historischen Zeitpunkt, an dem die Natur vollständig vom menschlichen Handeln absorbiert und ausgebeutet wird.

Was tun angesichts der katastrophalen Folgen des menschlichen Hineinhandelns in die Natur, die jetzt so massiv zutage treten? Freimütig gesteht Arendt, dass sie keine Lösungen bieten könne. Sie habe mit ihren Überlegungen nur dazu ermuntern wollen, »dem Wesen und den Möglichkeiten des Handelns, das sich in seiner Größe und seiner Gefährlichkeit noch nie so offen und unverdeckt gezeigt hat, nachzugehen«. Ferner habe sie die »Besinnung« einleiten wollen, »deren vielleicht noch in weiter Ferne liegendes Endresultat eine unserer eigenen Zeit und unseren Erfahrungen gemäße Philosophie der Politik sein würde«.67

Was für eine »Philosophie der Politik« hätte jene »Besinnung« zur Folge, die sich die ganze Problematik des menschlichen Handelns bewusst macht? Eine kritische Philosophie des Handelns? In stellt Arendt das menschliche Handeln vor allem in seiner Größe und Dignität dar. Das Handeln im emphatischen Sinne bringt die Geschichte hervor. Arendt sieht die Gefährlichkeit des menschlichen Handelns nur noch darin, dass es seine Folgen nicht voraussehen kann. Auch später zieht sie es nie in Erwägung, dass gerade die Verabsolutierung des menschlichen Handelns verantwortlich sein könnte für die Katastrophen, die sich schon zu ihrer Zeit unmissverständlich ankündigten. Die Philosophie als noch in weiter Ferne liegendes Resultat einer grundlegenden Besinnung müsste gerade jenes menschliche Vermögen zum Gegenstand haben, das

Handeln ist das Verb für die Geschichte. Walter Benjamins sieht sich mit den katastrophalen Folgen menschlichen Handelns konfrontiert. Vor ihm wächst der Trümmerhaufen der Geschichte zum Himmel. Er kann ihn aber nicht abtragen, weil der Sturm aus der Zukunft, der Fortschritt heißt, ihn fortreißt. Seine aufgerissenen Augen und der offene Mund spiegeln seine Ohnmacht, sein Entsetzen wider. Die menschliche Geschichte ist eine fortgesetzte Apokalypse. Es handelt sich dabei um eine Katastrophisch ist die : »Der Begriff des Fortschritts ist in der Idee der Katastrophe zu fundieren. Daß es ›so weiter‹ geht, die Katastrophe. Sie ist nicht das jeweils Bevorstehende, sondern das jeweils Gegebene. […] die Hölle ist nichts, was uns bevorstünde – sondern dieses Leben hier.«68 Katastrophisch ist nicht der Einbruch eines unerwarteten Ereignisses, sondern die Kontinuität des Weiter-so, die kontinuierliche Wiederholung des Gleichen. Dabei erweist sich selbst das Neueste als das Gleiche: »Es handelt sich […] darum, daß das Gesicht der Welt gerade in dem, was das Neueste ist, sich nie verändert, daß dies Neueste in allen Stücken immer das Nämliche bleibt. – Das konstituiert die Ewigkeit der Hölle.«69 Die Rettung besteht demnach in einer radikalen Allein ein wäre dazu imstande, dem menschlichen Handeln, das sich unweigerlich ins Apokalyptische wendet, Einhalt zu gebieten.

Einige Jahre vor Arendts hielt Heidegger einen Vortrag mit dem Titel Im Gegensatz zum Handeln, das vorwärtsdrängt, bringt die Besinnung uns dorthin zurück, wo wir sind. Sie erschließt uns ein , das jedem Tun, jedem Handeln vorausgeht, ja Der Besinnung wohnt eine Dimension der Untätigkeit inne. Sie überlässt sich dem, was : »Eine Wegrichtung einschlagen, die eine Sache genommen hat, heißt in unserer Sprache sinnan, sinnen. […] Sie [Besinnung] ist die Gelassenheit zum Fragwürdigen. Durch die so verstandene Besinnung gelangen wir eigens dorthin, wo wir, ohne es schon zu erfahren und zu durchschauen, uns seit langem aufhalten. In der Besinnung gehen wir auf einen Ort zu, von dem aus sich erst der Raum öffnet, den unser jeweiliges Tun und Lassen durchmißt.«70

Die Besinnung ist ein Vermögen, das Sie impliziert das Innehalten als , als In den schreibt Heidegger: »Wie, wenn die Ahnung der stillen Macht der verschwindet?«71 Die Ahnung ist kein defizitäres Wissen. Vielmehr erschließt sie uns das , das , das sich dem propositionalen Wissen entzieht. Erst über die Ahnung haben wir Zugang zu jenem Ort, wo der Mensch sich immer schon aufhält: »Die Ahnung […] geht gar nicht nur wie die gewöhnliche rechnerisch gedachte Ahnung auf die künftige und nur bevorstehende, sie durchmißt und ermißt die ganze Zeitlichkeit: den Zeit-Spiel-Raum des Da.«72 Die Ahnung ist keine »Vorstufe an den Treppen des Wissens«. Sie macht vielmehr jene »Halle«73 zugänglich, in der jedes Wissbare seine Stätte hat, das heißt statt-findet. Heideggers Denken kreist unermüdlich um jenes primordiale , das sich in kein propositionales Wissen einholen lässt.

Die »untätige Besinnung« gilt dem , das sich dem Handeln entzieht. Ihre Schritte »führen nicht fort, sondern zurück, dahin, wo wir schon sind«.74 Sie lassen uns »in das gelangen«, »in dessen Bereich wir uns schon aufhalten«.75 In seiner radikalen Immanenz ist dieses uns , sodass wir es ständig übersehen. Es ist das »Übernahe«, das näher ist als das nächste Objekt. Wer nur tätig ist, überspringt es unweigerlich. Es erschließt sich allein dem untätigen, kontemplativen Verweilen. Heidegger fährt ein ganzes Vokabular der Untätigkeit auf, um dieses präpropositionale zur Sprache zu bringen. Auch die Figur des Wartens bringt er zum Einsatz: »Das Warten ist ein Vermögen, das alle Tatkraft übersteigt. Wer sich ins Wartenkönnen findet, übertrifft alles Leisten und dessen Erfolge.«76 Erst im intentionslosen Warten, im wartenden Verweilen wird der Mensch jenes Raumes gewahr, in dem er sich immer schon befindet: »Im Warten wird das Menschenwesen gesammelt in die Achtsamkeit auf das, wohin es gehört.«77 Die »untätige Besinnung« spürt dem Glanz des Unscheinbaren, des Unmachbaren, des Unverfügbaren nach, das sich jedem Nutzen, jedem Zweck entzieht:...


Han, Byung-Chul
Byung-Chul Han, geboren 1959, studierte in Freiburg im Breisgau und in München Philosophie, deutsche Literatur und katholische Theologie. Er veröffentlichte zahlreiche Bücher, darunter Müdigkeitsgesellschaft, Transparenzgesellschaft, Die Errettung des Schönen, Psychopolitik und Die Austreibung des Anderen. Bei Ullstein sind erschienen: Lob der Erde, Vom Verschwinden der Rituale sowie Undinge. Seine Bücher wurden in mehr als zwanzig Sprachen übersetzt.



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