E-Book, Deutsch, 384 Seiten
Handel Das verborgene Zimmer von Thornhill Hall
1. Auflage 2022
ISBN: 978-3-7641-9312-6
Verlag: Ueberreuter Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
E-Book, Deutsch, 384 Seiten
ISBN: 978-3-7641-9312-6
Verlag: Ueberreuter Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Christian Handel wurde in der Schneewittchen-Stadt Lohr am Main geboren, die im sagenumwobenen Spessart liegt. Inzwischen lebt er allerdings in Berlin und ist selbst davon überrascht, wie sehr er sich als Landpflanze im Großstadtdschungel wohlfühlt. Er begeistert sich für Stoffe über starke Frauen, märchenhafte Motive und queere Themen. Nachdem er lange Jahre als Blogger und freier Journalist über Bücher berichtet hat, schreibt er endlich auch selbst welche. Sein Debüt wurde 2018 für den SERAPH nominiert.www.christianhandel.de
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Kapitel 1
ENGLAND, 1897
Während sich die Droschke rumpelnd die Anhöhe hinaufkämpft, starre ich gedankenverloren aus dem offenen Fenster. Noch verdecken Brombeerhecken das Herrenhaus von Thornhill Hall. Ich drücke meine Reisetasche an mich, als wäre sie ein Rettungsring und ich ein Ertrinkender. Mit jedem Meter, den wir zurücklegen, steigt meine Nervosität. Zum ersten Mal seit neun Jahren werde ich meiner Mutter gegenüberstehen. Ginge es nach mir, würde ich auf dieses Wiedersehen liebend gern verzichten. Schließlich war sie es, die verlassen hat.
Die Kutsche macht einen Sprung, und ich werde von der Sitzbank gehoben, sodass mir die Tasche vom Schoß rutscht. Ich stoße einen überraschten Schrei aus.
»Alles in Ordnung dahinten?«, ruft mir der Kutscher zu, ohne sich umzudrehen.
Blut schießt mir in den Kopf. Eigentlich bin ich nicht sonderlich schreckhaft. »Danke, ja. Das kam nur unerwartet.«
»Schlagloch. Gibts einige hier draußen. Werden Sie merken, wenn Sie ’ne Weile hier sind.«
Wie wunderbar, noch etwas, worauf ich mich freuen kann.
»Is’ anders hier als in London.«
»Ich bin nicht aus London.«
»Was?«
»Ich bin nicht … ach, schon gut!«
Mein Kutscher scheint ein anständiger Kerl zu sein. Mit einem gewinnenden Lächeln und einem Pappschild mit meinem Namen in der Hand hat er mich am Bahnhof erwartet. Trotzdem wäre es mir lieber, wenn er nicht ständig versuchen würde, mich in ein Gespräch zu verwickeln. Dafür bin ich viel zu unruhig.
Außer mir sind keine weiteren Fahrgäste in seine Droschke gestiegen. Ich weiß nicht, ob es daran liegt, dass niemand sonst nach Thornhill reisen will, oder ob meine Mutter diese Pferdedroschke nur für mich bestellt hat – oder ihr neuer Mann. Bei dem Gedanken an den Fremden, unter dessen Dach ich in den kommenden Wochen leben muss, breitet sich ein bitterer Geschmack in meinem Mund aus. Niemand will nach Thornhill Hall. Und ich ganz bestimmt nicht. Meine Mutter wird sich mit mir unterhalten wollen, und ich werde mein Möglichstes tun, um ihr aus dem Weg zu gehen. Uns erwartet ein langer Sommer mitten im Nirgendwo. Ich werde mich zu Tode langweilen.
Wieder drücke ich meine Reisetasche fester an mich. Warum hat Vater nur darauf bestanden, dass ich hierherkomme?
Die Landschaft, durch die wir fahren, ist hügelig und grün. Rechts vom Weg erstreckt sich eine Blumenwiese, so weit das Auge reicht. Ein intensiver Geruch nach Kamille weht zu uns herüber, in der Ferne weiden Kühe.
Hätte es Großmutter hier gefallen? Den Dreck und Smog von London konnte sie nicht ausstehen, sie liebte die Natur und das beschauliche Leben auf dem Land. Allerdings bevorzugte sie die Schönheit eines gut gepflegten Gartens. Jedes Blättchen musste akkurat geschnitten, alle Blumeninseln farblich voneinander getrennt sein. Dem wilden Charme heckengesäumter Wiesen konnte sie nichts abgewinnen.
Mit einem Mal schnürt sich mir die Kehle zu. Ich vermisse Großmutter. Ich kann immer noch nicht begreifen, dass sie tot ist. Ebenso wenig die Tatsache, dass ich gerade eine Frau besuche, die sich weder aus dem Landleben noch aus mir jemals viel gemacht hat. Hätte Vater nicht darauf bestanden, ich wäre nie in den Zug gestiegen. Aber hier bin ich nun. Und Thornhill Hall kommt viel zu schnell näher.
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du
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Als der Weg wenig später eine Biegung macht, rückt Thornhill Hall in mein Blickfeld. Es ist ein trutziger Bau aus roten Ziegelsteinen. Das Hauptgebäude mit den zahlreichen Giebeln und Gauben und der klotzförmige Seitenflügel mit seinen dunklen Schindeln sehen wuchtig aus und nicht sonderlich schön. Raben sitzen auf dem Dachfirst und krähen mir wie zur Begrüßung entgegen.
Als die Droschke auf die mit Kieseln bestreute Auffahrt einbiegt, erkenne ich, dass sich eine Menschentraube vor der Freitreppe am Eingang versammelt hat, die mich schon erwartet. Wir sind noch ein ganzes Stück entfernt, als sich eine schlanke Gestalt aus der Gruppe löst und uns mit wehendem Rock entgegeneilt. Mit der Linken hält sie ihren breitkrempigen Sommerhut am Kopf fest, die Rechte streckt sie halb in die Luft, der Droschke entgegen. Mein Herz sinkt mir in die Hose. Zu früh, zu schnell. Ich brauche die blonden Haarsträhnen unter dem Hut nicht zu sehen, um zu wissen, dass sie es ist.
Mutter.
Mein Mund wird trocken, und meine Handflächen werden nass. Die Frau, die auf mich zueilt, kenne ich von Theaterprospekten und Fotografien aus der Zeitung, aus den...




