E-Book, Deutsch, 560 Seiten
Hansen Die Hand Gottes
1. Auflage 2011
ISBN: 978-3-942166-56-0
Verlag: Scorpio Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
E-Book, Deutsch, 560 Seiten
ISBN: 978-3-942166-56-0
Verlag: Scorpio Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Thore Dohse Hansen wurde 1969 in Norddeutschland geboren. Seit Abschluss seines Studiums der Politikwissenschaft und Soziologie arbeitet er als Journalist und Kommunikationsberater. 1994 forschte er am MIT in Boston zur amerikanischen Außenpolitik. Bereits in jungen Jahren beschäftigte er sich, angeregt durch seine Verwandtschaft mit dem Nordpolforscher und Friedensnobelpreisträger Fridtjof Nansen, mit seinen skandinavischen Wurzeln. Sein leidenschaftliches Interesse für die kulturhistorischen Hintergründe und Folgen monotheistischer Religionen sowie die heidnisch geprägte Antike führten zu seinem ersten Roman.
Autoren/Hrsg.
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1
Und wer da überwindet und hält meine Werke bis ans Ende, dem will ich Macht geben über die Heiden; und er soll sie weiden mit einem eisernen Stabe, und wie eines Töpfers Gefäß soll er sie zerschmeißen.
Die Offenbarung des Johannes 2,26 f.
Niederösterreich – 13. März
Adam Shane saß blass und schweißgebadet auf dem Bett. Seine langen blonden Haare klebten in seinem Gesicht, seine Hände suchten nach Halt an der Bettkante, und er atmete einmal sehr tief durch, als ob er, kurz vor dem Ertrinken nach Luft ringend, aus dem Meer emporkäme. Es war gerade sechs Uhr in der Früh, und jeden Moment müsste ihn sein Wecker endgültig in die vertraute Welt zurückholen.
Stattdessen verlor er plötzlich das Augenlicht.
»O mein Gott, was geschieht hier?«
Bei dem Versuch, sich vom Bett zu erheben, fiel er sofort wieder um. Er hatte kein Gefühl mehr für sein Gleichgewicht, und als er die Augen wieder öffnete, konnte er seine vertraute Umgebung nur noch in unterschiedlichen Lichtkonturen sehen. Jede Zelle seines Körpers löste sich fühlbar auf und verband sich mit der Umgebung; es gab keine Trennung mehr zwischen seinem Körper, der Umwelt und der Materie an sich. Als er gerade dachte, es würde sich wieder legen, rasten Bilder durch seinen Geist, die ihm die Jahrhunderte wie eine Collage der Menschheitsgeschichte vorführten. Und als es über die Gegenwart hinaus in die Zukunft gehen sollte, brach alles plötzlich ab. Er kam wieder zu sich, seine Augen erfassten wieder das ihm vertraute Schlafzimmer, und sein Körper bemächtigte sich wieder seines Geistes.
Oder war es umgekehrt?
»Verdammt, verdammt, was war das?«, murmelte Shane vor sich hin und strich seine Haare durch die verschwitzte Stirn. »Ich pack das nicht!«
So muss es sich anfühlen, wenn man aus einem Schock heraus zum Autisten wird, dachte Shane. In diesem elenden Zustand hätte ihn kaum jemand wiedererkannt, denn seine äußere Erscheinung glich eher der eines Hünen. Seine große Gestalt überragte alles, seine Augen, eng beieinander, verliehen seinem Gesicht den Ausdruck eines Adlers, und seine Hände waren durch die Arbeit breit und grob geworden, so dass man ihnen die Heilkunst nicht ansah. Insgesamt hätte man ihn eher als einen Landwirt oder Bauarbeiter eingeordnet, der nach getaner Arbeit seine Zeit gern in einem Wirtshaus verbrachte. Niemand wäre auf die Idee gekommen, dass Adam Shane, Sohn eines österreichischen Hufschmieds irischer Herkunft, ein sanfter Heiler, ein Wünschelrutengänger und Kräuterexperte war. Seit Jahren wurde er von Menschen aufgesucht, die in der modernen Medizin keine Hoffnung mehr fanden. Seine Widersacher sahen in ihm natürlich einen Scharlatan, aber seine Erfolge sprachen für sich.
Entdeckt hatte er seine Gabe, als seine Frau an Krebs erkrankt war und sich weigerte, die üblichen, oft qualvollen Therapien über sich ergehen zu lassen.
Tatsächlich hatte er ihr helfen können. Doch seine besondere Sensibilität schien zugleich auch sein Verhängnis. War dieser Traum die Quittung für seine verzweifelte Suche nach einer Erklärung, warum die Menschen das zerstörten, was sie eigentlich nährte? Seit seiner Jugend gab es diesen Drang, Antworten zu finden, eine Erklärung für seine Traurigkeit und das Gefühl der Sinnlosigkeit zu entdecken. Während seine Schulfreunde ihre Zeit mit Sport, Motorrädern, Musik oder Strategien für die erste Liebesnacht verbrachten, sorgte er sich um die Welt und wie man sie retten könnte. Fast schon manisch hatte er mit vierzehn Jahren Bücher gelesen, die andere bestenfalls im Studium in die Hand bekamen, und sich in seinen Fragen und Gedanken vergraben. So war er die meiste Zeit von einer melancholischen Einsamkeit umgeben. Die Enge des Dorfes, in dem er aufwuchs und in dem kaum jemand seine Neugier, sein Talent, aber auch seine Rastlosigkeit erkannte, war eine zusätzliche Hürde. Dieser Enge war Shane durch sein Studium der Politikwissenschaft und Soziologie zwar äußerlich entflohen, aber innerlich hatte er ihr nie entrinnen können.
Er musste mit jemandem sprechen. Kurz zögerte er, dann griff er nach dem Telefon und wählte hektisch Victorias Nummer.
»Ja?«
»Victoria!«
»Adam, was in Gottes Namen willst du so früh?«
»Es tut mir leid, aber es geht mir nicht gut. Ich hatte wieder so einen intensiven Traum.«
Eine heiße Welle der Scham und Unsicherheit überflutete ihn.
»Adam, du musst endlich etwas für dich tun. Ich habe Angst, dass du irgendwann durchdrehst, so kann es doch nicht weitergehen!«
Victoria hatte gute Gründe für ihre Angst. Vor einem halben Jahr war sie mit dem gemeinsamen Sohn Jarod zu ihrer Mutter nach London gezogen, da sie Shanes Verzweiflung darüber, was er das komplette Versagen der Menschheit nannte, nicht mehr ertrug. Zwar hatte er mit vielem, was er sagte, recht, aber wie sollte sie ihrem Kind eine Zukunft schenken, wenn der Vater so an der Gegenwart verzweifelte, dass es kaum noch unbeschwerte Augenblicke gab?
»Nun erzähl schon, was war das mit dem Traum?«, fragte Victoria mit einer deutlich wärmeren Stimme.
»Ich weiß nicht, wo ich gewesen bin, aber mir war kalt, es war in einem Wald, und es war sehr windig und irrsinnig laut. Ich hatte das Gefühl, auf weichem Herbstlaub zu stehen. Dann erkannte ich alte, sehr große Bäume, die ihre Äste nach mir reckten.
Wie durch eine Nebelwand sah ich auf einer entfernten Lichtung Gestalten in weiten hellen Gewändern, die sich wie in Trance oder in einer Zeremonie bewegten und immer wieder ihre Blicke zum Himmel wandten. Meiner Angst folgte plötzlich eine Ruhe, eine Verbundenheit und Wärme, als ob mich jemand beschützen würde. So habe ich mich nur als Kind gefühlt, weißt du, wenn ich allein auf einer Waldlichtung lag, umgeben von Bäumen, Gräsern und dem Himmel. Dieses Wechselspiel von Wolken und Sonne, das mich nährte wie eine Mutter …
Was ich sah, wirkte friedlich und tief mit der Natur verbunden, in großer Liebe. Ich ging näher heran und erkannte, dass es ausschließlich Männer waren, alte Männer, die sich anscheinend berieten. Ihre Gesten waren zwar schnell, schienen aber aus großer innerer Ruhe zu kommen, und ihre im Wind wallende Kleidung beeindruckte mich ebenso tief wie ihre Ausstrahlung. Es war wunderschön anzusehen, und ich hatte das Gefühl, diese Lichtung musste etwas ganz Besonderes sein.
Als ich mich dem Platz weiter nähern wollte, erschien plötzlich eine Horde von reitenden Männern, die auf die Lichtung zuritten. Bevor jemand fliehen konnte, waren die alten Männer schon umzingelt. Die Rüstungen der Reiter sahen aus wie von römischen Legionären. Sie sprangen vom Pferd, und obwohl die alten Männer unbewaffnet waren, rammte einer der Soldaten dem ersten Mann ein Schwert durch den Magen, bis es blutverschmiert durch den Rücken wieder herauskam. Mit hasserfülltem Gesicht trat der Krieger gegen die Brust des alten Mannes und zog das Schwert langsam wieder heraus. Es sah wirklich so aus, als würde er genießen, was er tat. Mit einem ächzenden Schrei sank der alte Mann zusammen und schrie etwas in einer Sprache, die ich nicht verstand, bevor das Leben ihn verließ. Ich war fassungslos, wie gelähmt, und fühlte mich leer und resigniert. Binnen Sekunden wurden meine Faszination und Freude durch Schrecken und Angst abgelöst. Ich musste mit ansehen, wie auch die anderen mit dem Schwert niedergestreckt wurden. Es war wie ein Blutrausch und ging rasend schnell.
Die Soldaten stiegen wieder auf ihre Pferde und ritten davon in Richtung eines kleinen Dorfes, das ich in der Ferne sehen konnte. Ich rannte hinterher und sah eine ganze Horde dieser Männer, die Frauen und Kinder auf bestialische Art ermordeten.
Es war ein furchtbares Bild der Zerstörung einer kleinen, friedlichen Lebensgemeinschaft. Einer der Legionäre hatte einen abgeschlagenen Kopf als Trophäe auf eine Lanze gesteckt und ritt in die Mitte des Dorfes, das bereits lichterloh brannte und im Chaos versank: Er schrie: »Unterwerft euch, eure Götter haben euch verlassen, nur unser Gott wird euch schützen!«
Bevor die Meute verschwand, sah ich einen Legionär mit einem Fisch, dem Zeichen der Christen, auf dem Schild an mir vorbeireiten, und ein verächtliches Lächeln überzog sein Gesicht.
Victoria, es war, als ob ich wirklich dabei wäre; es war viel mehr als nur ein Albtraum … tut mir leid, aber es erstaunt mich ja selbst.«
»Adam, was du da beschreibst, kommt mir fast vor wie eine Botschaft, der du nachgehen solltest. Für mich ist es wie eine Parallele zu deinem Leben. Diese ewige Frustration über die Welt«, sagte Victoria, die zu seiner großen Freude nun wirklich Anteil nahm. Es war das erste normale Gespräch seit ihrer Trennung, ein Gespräch voll von echtem Mitgefühl.
»Kann sein. Ich weiß, dass es mir schwerfällt, einfach Freude zu finden. Aber lass uns nicht wieder darüber reden, es ist einfach beruhigend, mit dir zu sprechen.«
»Du weißt, ich bin für dich da. Wenn du magst, kann Jarod übrigens in drei Wochen zu dir kommen. Ich muss nach New York, und er sehnt sich so nach dir. Ich rufe dich Freitag noch mal an.«
»In Ordnung, Freitag ist gut. Danke für dein offenes Ohr zu dieser frühen Stunde«, seufzte Shane.
»Schon gut, aber bitte geh dem endlich auf den Grund«, sagte Victoria mit so viel Intensität in ihrer Stimme, dass Shane kurz dachte, dieser Wunsch sei ein Signal. Würde sie zu ihm zurückkehren?
Er sammelte sich wieder, und plötzlich fiel ihm ein, dass er das Dorf schon vor dem Angriff im Traum besucht hatte. Es war ihm fast unheimlich, wie sehr er sich dort zu Hause...




