Hansen | Die Rückkehr der Wölfe | E-Book | www.sack.de
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E-Book, Deutsch, 383 Seiten

Hansen Die Rückkehr der Wölfe

Roman
1. Auflage 2020
ISBN: 978-3-492-98634-2
Verlag: Piper Edition
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

Roman

E-Book, Deutsch, 383 Seiten

ISBN: 978-3-492-98634-2
Verlag: Piper Edition
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



Ein kraftvoll erzähltes Sittengemälde aus der Zeit des späten Dreißigjährigen Krieges Winter 1644: bewegte Zeiten vor dem Hintergrund des Dreißigjährigen Krieges, auch für den Theologiestudenten Jobst Steen. Er flieht vor einem mordlustigen gehörnten Ehemann in das Pastorat eines kleinen holsteinischen Dorfes. Dort erliegt Jobst den Reizen einer geheimnisvollen Schönheit und wehrt sich nicht gegen die Annäherungen der lüsternen, eifersüchtigen Pastorengattin, deren Mann sich unerbittlich der Hexenjagd widmet und am Ende die Teufelsbuhlen im eigenen Haus findet. »Hansen liefert Weltgeschichte wie in einer Nußschale, ein kleiner Kosmos für die übrige aus den Fugen geratene Welt.« (Welt am Sonntag)

Konrad Hansen, 1933 in Kiel geboren, studierte Germanistik, Philosophie, Theologie und Volkswirtschaft und lebt heute bei Flensburg. Er war Rundfunkredakteur, Reporter, Abteilungsleiter bei Radio Bremen und Intendant des Ohnsorg-Theaters in Hamburg. Hansen schrieb Erzählungen, Hörspiele, Theaterstücke, Drehbücher und die Romane »Der Spaßmacher«, »Die Männer vom Meer«, »Simons Bericht«, »Die Rückkehr der Wölfe« und »Der wilde Sommer. Roman aus dem Jahr 1945«.
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Zweites Kapitel


Mit dem Frost kamen die Wölfe. Abends sah man sie schattengleich über die Ebene zwischen Dorf und Meer huschen, ihr Heulen raubte manchem den Schlaf. Es hieß, sie lebten im Rogen, dem großen Wald im Osten der Probstei, Dutzende seien es, wenn nicht gar Hunderte, und ihre Gefräßigkeit wachse mit der Kälte. Es gab auch Einzelgänger unter ihnen, starke, furchtlose Tiere, die mitunter sogar Namen hatten. Einer von ihnen fand eine Lücke im Zaun und schlich sich in Jochen Sindts Stall, wo er unter den Schweinen ein Blutbad anrichtete. Der Bauer erkannte in dem Untier Scheefmuul wieder, was der Schiefmäulige heißt, schloss eilends die Stalltür und rief seine Nachbarn herbei. Diese umstellten, mit Büchsen, Forken und Dreschflegeln bewaffnet, das Gebäude. Einer musste jetzt den Wolf heraustreiben, damit man ihn zur Strecke bringen konnte, doch es war bekannt, dass Scheefmuul auch Menschenfleisch nicht verschmähte. Daher war man erleichtert, als der Schulmeister sich erbot, den Eindringling aus dem Stall zu locken. Er nahm einen Knüppel in die Hand, stieß die Tür auf und sagte: »Komm raus, du Nimmersatt, ich habe mit dir zu reden.« Und dann heulte er auf eine Art, wie man sie nachts vom Wald her hören konnte. Den Wolf erstaunte dies offenbar so sehr, dass er vom Schmausen abließ und mit bluttriefenden Lefzen, eine Pfote zögernd vor die andere setzend, in der Tür erschien.

»Hättest du nicht an einem Schwein genug gehabt, musstest du gleich alle umbringen?« fragte der Schulmeister.

Scheefmuul senkte den spitzen Kopf und blickte betreten zu Boden.

»Seht ihr, er schämt sich«, sagte der Schulmeister zu den Bauern. »Er bereut, dass seine Wolfsnatur mit ihm durchgegangen ist. Gebt ihm eine ordentliche Tracht Prügel und lasst ihn laufen.«

Der Vorschlag löste Entrüstung aus. »Du bist wohl nicht bei Trost, Schulmeister!« rief Jochen Sindt. »Das Biest laufen lassen, wo es meine Schweine totgebissen hat, und steht nicht in der Bibel, die Rache ist mein?«

»Du weißt nicht, wo bei einem Buch vorn und hinten ist, Jochen Sindt, komm du mir nicht mit der Bibel«, entgegnete Hinrich Wiese. Der Wolf schien einen längeren Disput zu erwarten, er setzte sich auf die Hinterläufe.

»Was will uns Scheefmuul damit bedeuten?« fragte der Schulmeister und sah forschend seine einstigen Schüler an. Da es keiner wusste, gab er selbst die Antwort: »Er bittet um gut Wetter. Lasst mich ihn verdreschen, wie ich euch verdroschen habe, und dann jagt ihn aus dem Dorf.«

Die Bauern kamen überein, dass der Schulmeister betrunken sein musste. Hans Schlapkohl gab einen Schuss ab, die Kugel verfehlte den Wolf jedoch und riss Eggert Mundt den Hut vom Kopf. Während der knapp dem Tod Entronnene nun Anstalten machte, den Schuss zu erwidern, und die anderen Bauern ihm das Gewehr zu entwinden versuchten, schlich der Wolf sich davon. Er war indes so schwer, dass seine Tatzen selbst im verharschten Schnee Spuren hinterließen. Daher war es ein leichtes, ihn aufzuspüren: Er hatte sich im Garten des Pastorats verkrochen, zwischen Schneewehen und vereistem Gebüsch.

Pastor Scheele schickte die Magd zu erfragen, was die Bauern in seinem Garten zu suchen hätten, und als sie ihm berichtet hatte, erschien er alsbald mit der Heiligen Schrift unter den gekreuzten Armen.

»Das dürft Ihr Euch nicht entgehen lassen«, flüsterte der Diakon Jobst zu, während er in seinen Mantel schlüpfte.

Der Wolf kauerte sich tiefer in den Schnee, als er die schwarz gewandete Gestalt auf sich zukommen sah. Seine gelben Augen verengten sich; langsam hob er die Lefzen und entblößte seine langen Fangzähne.

»Er warnt Euch, näher zu kommen, Herr Pastor«, sagte der Schulmeister. »Noch einen Schritt, und er sitzt Euch an der Gurgel.«

»Wer bist du?« fragte der Pastor das Tier.

»Das ist ein alter Wolf, wir nennen ihn Scheefmuul«, sagte Hinrich Wiese.

»Wer bist du?« wiederholte Pastor Scheele nachdrücklicher, den Blick unverwandt auf das Raubtier gerichtet.

»Wozu noch lange reden, das Biest versteht Euch ja doch nicht, Herr Pastor«, sagte Jochen Sindt. »Soll ich ihn totschießen?«

Johannes Scheele streckte ihm abwehrend eine Hand entgegen und fragte zum dritten Mal: »Wer bist du?«

»Ich bin ein Wolf«, sagte eine Stimme, die keiner der Anwesenden jemals gehört hatte und demzufolge nur die des Wolfs sein konnte.

Der Pastor erstarrte, auch unter den Bauern sah Jobst verdutzte Mienen. »Ihr habt es alle gehört«, stammelte der Pastor. »Der Wolf redet wie ein Mensch. Dies aber ist ein untrügliches Zeichen, dass ein Dämon aus ihm spricht.« Er wandte sich wieder an den Wolf: »In Gottes Namen, sag mir, wie du heißt!«

»Scheefmuul«, bekam er zur Antwort.

»Wie?«

»Ich heiße Scheefmuul.« Seltsam war, dass der Wolf beim Reden nicht das Maul bewegte, gleichwohl aber verständlich sprach.

»Du lügst!« brüllte der Pastor. »Sag mir deinen wahren Namen!«

»Isegrim.«

»Er weicht mir aus, er ist verstockt, da hilft nur eines«, sagte der Pastor. Er packte die Bibel mit beiden Händen, hob sie hoch und donnerte: »Apage, Satanas!«

Alle sahen, wie es den Wolf aus dem Schnee emporschleuderte. Mit einem gewaltigen Satz sprang er auf die Scheune, erklomm das Dach bis zum First und entschwand den Blicken.

»Er ist weggeflogen, quod erat demonstrandum«, sagte Hans Flinkfoot in die Stille und erinnerte an den Wolf mit den Fledermausflügeln, der Hans Haunerland verfolgt hatte. An den Spuren war jedoch abzulesen, dass Scheefmuul vom Dach über den Zaun gesprungen war und die Richtung nach dem Rögen eingeschlagen hatte. Gleichwohl erntete Pastor Scheele Anerkennung für sein beherztes Handeln wie auch dafür, dass er Scheefmuul zum Reden gebracht hatte. Was aber stimmte den Diakon nach diesem Vorfall so vergnügt, weshalb grinste er hinter dem Rücken des Pastors und schnitt hämische Grimassen? Jobst fragte ihn nicht. Sein Stolz verbot es ihm, Neugier zu zeigen, wenn jemand sie so aufdringlich zu wecken versuchte. Überdies kam er auch von allein zu der Erkenntnis, dass der Pastor vom Schulmeister hereingelegt worden war.

Hinrich Wiese wohnte in einer der Gassen, die vom Anger – die Einheimischen nannten ihn Knüll – zum Dorfrand führten. Dort lagen die kleinen, oft nur aus einem einzigen Raum und einem Verschlag für das Viehzeug bestehenden Häuser der Kätner und Handwerker. Durch winzige, verschmutzte Fenster sickerte ein wenig Tageslicht in das stets mit Herdrauch gefüllte Innere. Der Rauch erschwerte das Atmen und trieb einem die Tränen in die Augen, aber man brauchte ihn, um Fleisch und Würste haltbar zu machen. Der Schulmeister meinte indes, die wichtigste Aufgabe des Rauches liege darin, die Armut zu verhüllen. Bemerkungen dieser Art hatten ihm den Ruf eines Spötters eingetragen.

Der Wohnraum seiner Kate, zugleich Schlafkammer für Hinrich Wiese, seine Frau und den geistesschwachen Sohn, Küche und Werkstatt, wurde zum großen Teil von einem Webstuhl eingenommen. An ihm arbeitete Wiese, während er gleichzeitig einem Dutzend Kinder unterschiedlichen Alters Doktor Martin Luthers Kleinen Katechismus eintrichterte. Beim Weben ergibt sich durch die Abfolge immer gleicher Handgriffe ein bestimmter Rhythmus, und dieser prägte auch den Sprechgesang, in dem die Kinder die Gebote und Erklärungen vortrugen. So konnte man Hinrich Wieses Schüler daran erkennen, dass sie Luthers Worte in einem bis dato unbekannten Versmaß skandierten.

Als Jobst hereinkam, ließ der Schulmeister den Webschützen mit besonders lautem Knall gegen den Rahmen prallen, worauf augenblicks Ruhe eintrat. »Steht auf, Kinder«, sagte Hinrich Wiese. »Hier kommt ein junger Herr, der mehr von der Welt gesehen hat, als ihr alle zusammen jemals sehen werdet.« Sein schmales Gesicht war rötlich gefleckt vom Branntwein, und seine Zunge tat sich schwer mit sperrigen Konsonanten. Das schlohweiße Haar stand ihm wie ein seitwärts gerutschter Hahnenkamm vom Kopf ab. »Der junge Herr kommt aus Hamburg«, sagte der Schulmeister zu den Kindern. »In Hamburg fängt die Welt an und hört auch wieder auf, denn hinter Hamburg sieht es nicht viel anders aus als bei uns. Wenn ihr also Hamburg gesehen habt, habt ihr die Welt gesehen.«

»Wart Ihr jemals dort?« fragte Jobst.

»Ich war einmal auf dem Weg dorthin«, antwortete Hinrich Wiese. »Und als ich so ging, kamen mir schöne Bilder von Hamburg in den Sinn, und da dachte ich mir, schöner kann’s in Wirklichkeit nicht sein, und kehrte um.« Er holte eine kleine Flasche aus der Hosentasche und nahm einen Schluck. »Ihr könnt dem Pastor ausrichten, dass wir beim achten Gebot sind. Bis Palmarum habe ich ihnen alle zehn eingebläut. Er schickt Euch doch, nach dem Rechten zu sehn?«

»Nein, mich führt etwas anderes her«, sagte Jobst. »Ich möchte, dass Ihr mich das Bauchreden lehrt.«

In Wieses Säuferaugen stahl sich ein schelmisches Glitzern. »Ihr seid zu fein für solchen Schabernack«, sagte er. »Das ist was für Gaukler und Dorfschulmeister, damit die Kinder auch mal ihren Spaß haben. Außerdem muss man lange üben, bis man gelernt hat, beim Bauchreden sein Mienenspiel zu beherrschen. Spart Euch die Mühe junger Herr, und erzählt uns statt dessen lieber etwas von Hamburg. Die Kinder und ich sind begierig zu hören, wie es in der Welt aussieht.«

So erzählte Jobst von der großen Stadt Hamburg, wo die Menschen in himmelhohen Häusern aus Backstein wohnen, wo die Straßen gepflastert sind und frei von Unrat, wo ein Viertel der vierzigtausend Einwohner aus fremden Ländern kommt, aus Spanien und Portugal, aus Holland, Frankreich und England, wo Waren aus der ganzen Welt feilgeboten werden. In...



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