E-Book, Deutsch, 288 Seiten
Reihe: Lübbe
Hansen Seehundsommer
1. Auflage 2022
ISBN: 978-3-7517-2089-2
Verlag: Lübbe
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Roman
E-Book, Deutsch, 288 Seiten
Reihe: Lübbe
ISBN: 978-3-7517-2089-2
Verlag: Lübbe
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Sommer, Sonne, Strand und jede Menge Seehunde - Lassen Sie sich von Marieke Hansen an die deutsche Nordseeküste entführen!
Nach einem arbeitsreichen Jahr als Konditorin auf einem Kreuzfahrtschiff hat Fenja eine Auszeit dringend nötig. Wie schön, dass Oma Lotti ihr anbietet, den Sommer bei ihr in Ostfriesland zu verbringen! Hier könnte sie endlich zur Ruhe kommen. Wäre da nicht Sven, Omas Mitarbeiter in der Seehundstation, mit dem Fenja von der ersten Minute an aneinandergerät. Sie hält ihn für einen eingebildeten Schnösel, er sieht in ihr die tollpatschige Großstädterin. Als Oma Lotti plötzlich krank wird und die Seehundstation in Schwierigkeiten gerät, ist jedoch schnell klar: Fenja und Sven müssen sich wohl oder übel zusammenraufen ...
Umgeben von Natur und Tieren wuchsMarieke Hansenin einem kleinen Dorf im Oberbergischen Land auf. Nach einem Studium der Umweltwissenschaften begann sie, sich für Wildtiere einzusetzen. Heute ist sie in der Wildtierrettung tätig und kümmert sich um verwaiste Jungtiere. Ihre Liebe zum Meer entstand durch zahlreiche Urlaube in ihrer Kindheit - nun lebt sie selbst nahe der Küste und ist vertraut mit Wind und Wellen.
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Kapitel 2
»Dann wollen wir mal«, sagte Oma Lotti. Der ganze Tisch wackelte, als sie das dicke Fotoalbum vor Fenjas Frühstücksteller knallte.
»Bitte nicht«, murmelte Sven, der Fenja schräg gegenübersaß. Sie schaute von ihm zu Oma Lotti und verstand nicht, was er nun schon wieder für ein Problem hatte. Es war ein altes Album, in dunkles Leder gebunden, das den charakteristischen Geruch alter Buchseiten verströmte.
Hungrig schielte sie auf ihr Croissant, das halb aufgegessen auf ihrem Teller lag. Aber Oma Lotti sah so erwartungsvoll aus, dass sie mit vorgespieltem Eifer die erste Seite umblätterte. Ein vergilbtes Foto zeigte Oma mit lederner Gartenschürze, ihre langen dunklen Haare zu einem Zopf geflochten. Eine gewisse Ähnlichkeit zu ihr selbst war nicht zu leugnen. Die hohen Wangenknochen, die langen Wimpern, das schlanke Gesicht mit dem verschmitzten Mund und dem einen Grübchen, das blieb, selbst, wenn man nicht lachte. Es war dasselbe Haus, derselbe Garten, und trotzdem war alles anders. Da, wo heute nur ein paar mickrige Büsche wuchsen, hatten früher Rosen gestanden. Obwohl es ein Schwarzweißfoto war, glaubte Fenja zu erkennen, dass sie rot gewesen waren.
»Das war hier draußen«, sagte Oma und deutete aus dem Fenster. »Ich hatte die schönsten Rosen in der ganzen Krummhörn. Ständig kamen Künstler vorbei, die das Haus malten, und freche Bengel, die ihrer Freundin eine Rose klauen wollten.«
Die haben bestimmt was erleben können, wenn Oma sie erwischte, dachte Fenja und lächelte. Ein schrilles Klingeln ertönte, und automatisch legte sie sich die Hände auf die Ohren. Diesmal war es aber nicht ihr Tinnitus, sondern Omas Eieruhr. Sie atmete erleichtert auf und entspannte sich wieder.
Während Oma zum Herd ging, blätterte Fenja weiter, sah im Schnelldurchlauf, wie ihr Vater auf die Welt kam, wie er aufwuchs, und schließlich auch, wie Stiefopa Garlef einzog. Ab dem Zeitpunkt wirkte Oma Lotti ernster, die Abstände zwischen den Fotos wurden größer.
»Wie geht es deinem Fuß?«, fragte Sven unvermittelt.
»War nur ein Kratzer«, antwortete Fenja gedankenverloren und blätterte weiter. »Ich habe ein gepolstertes Pflaster darübergeklebt, so stört es mich nicht beim Laufen.«
»Dann ist’s ja gut«, sagte er und schnappte sich ein weiteres Croissant.
Ganz am Ende des Albums klebten zwei Seiten zusammen. Vorsichtig löste sie die Pappen voneinander. Sie bemerkte, dass Oma so unruhig war, dass sie fast zu vibrieren schien. Dabei grinste sie diebisch. Sven starrte unterdessen in seine Kaffeetasse, als wollte er darin lesen.
Sobald sie den Blick auf das Foto der letzten Seite richtete, verstand sie, warum.
»Das bin ja ich«, sagte sie verdutzt. Auf dem Foto war sie vielleicht anderthalb Jahre alt und stand splitterfasernackt im Schlick. Hinter ihr, ebenso nackt, stand ein Junge, der etwas älter war und ebenso schlammverschmiert wie sie. Dicht hinter ihrem Ohr war eine unförmige Kugel zu erkennen.
»Was ist das?«, fragte Fenja, auf den verschwommenen Ball deutend.
»Das ist eine Handvoll Matsch, die dich eine Sekunde später getroffen hat«, verkündete Oma so stolz, als hätte sie den Matsch geworfen. »Der Junge dort«, fuhr sie fort, »ist Sven. Ihr habt früher ein paarmal miteinander gespielt. Aber weil ihr euch immer gezankt habt, habe ich es irgendwann unterbunden.«
Fenja starrte das Foto an, bis Sven schließlich nach der Rückseite des Albums griff und es einfach zuklappte. »So, du hast mich nun lange genug nackt bewundern dürfen«, sagte er mit zuckersüßer Stimme, in der ein kalter Unterton lag. Seine Wangen hatten sich rot verfärbt – war er nur wegen des Fotos so verkrampft gewesen?
Nach dem Frühstück zeigte Oma Lotti ihr die Seehundstation.
»Die beiden kleinen Becken sind für die Jungtiere. In dem größeren Becken daneben pflegen wir hauptsächlich verletzte ältere Tiere, und hinter den Kunstfelsen kannst du einen Zipfel des großen Auswilderungsbeckens erkennen.«
Die Becken waren quadratisch, der Bereich davor bestand aus kargen Betonflächen, auf denen sich einige Tiere ausruhten. Mehrere Weidenkörbe stapelten sich vor den Gehegen.
»Die nutzen wir zum Transport der Tiere«, erklärte Oma.
In dem Moment tauchte ein Seehund direkt hinter der Glasabsperrung aus dem Wasser auf. Er wuchtete seinen Oberkörper auf den Beckenrand und ließ seine langen Barthaare auf und ab wippen.
»Es sind wunderhübsche Tiere«, murmelte Fenja ganz hingerissen von dem Anblick.
In der ehemaligen Scheune befanden sich mehrere Abteile, die zu Untersuchungs- und Lagerräumen oder Futterkammern umgebaut worden waren. Alles war funktional und sauber, aber wenig gemütlich.
»Ich nehme an, das hier ist die Quarantänestation?« Fenja deutete auf einen abgelegenen Bereich, der mit hohen Glasscheiben gesichert war.
»Genau.« Oma Lotti seufzte. »Das ist natürlich alles winzig im Vergleich zu den beiden großen Stationen der Gegend. Die können im Notfall bis zu hundertfünfzig Heuler aufnehmen. Ich habe gerade mal Platz für insgesamt zwanzig Tiere. Aber die Stationen sind trotzdem dankbar für meine Arbeit, denn jeder Seehund, den ich aufnehme, spart denen Platz und Geld. Außerdem kann ich mich hier intensiv um Härtefälle kümmern.«
Hinter einer Glasscheibe entdeckte sie Sven, der einen braunen Brei zusammenrührte. Es roch nach Milch und Fisch. Fenja rümpfte die Nase.
»Ja, daran muss man sich erst mal gewöhnen«, sagte Oma, die gerade mit der schweren Tür zum Pumpenraum kämpfte.
Fenja starrte auf die Maschinen, Rohre und Displays, ohne etwas von dem zu verstehen, was Oma erklärte, denn das dröhnende Geräusch verschluckte ihre Worte.
Kurz darauf zeigte Oma Lotti ihr die Heuler, die momentan in der Station aufgezogen wurden. Sie lagen entspannt im Halbkreis, einer hatte sich auf den Rücken gedreht und hielt seinen Bauch der Sonne entgegen. Fenja verkniff sich ein freudiges Quietschen beim Anblick der niedlichen Tiere mit ihrem hellen, kuschelweichen Fell.
»Heuler gibt es nur im Juni und Juli«, erklärte Oma. »Du bist also gerade zur richtigen Zeit hier.«
Fenja hockte sich hin, um sich das Jungtier vor ihr genauer anzuschauen, das sie ebenso neugierig, wenn auch etwas ängstlich, betrachtete. »Meine Güte, ist der putzig«, sagte sie.
In dem Moment robbte das Findelkind auf seinen Vorderflossen ein Stückchen vor und machte ein leises heulendes Geräusch. Er schaute sie mit seinen riesigen schwarzen Kulleraugen an und reckte ihr die dreieckige Nase entgegen. Fenjas Herz schmolz wie Butter.
»Das ist Harko. Er wurde nach einem Sturm in den Dünen gefunden. Allerdings hat ihn eine Horde Touristen belagert, und ich bin mir nicht sicher, ob er seine Mutter durch den Sturm oder die allzu gut gemeinte Aufmerksamkeit der Touristen verloren hat.«
»Oh«, antwortete Fenja betroffen. »Das tut mir leid.«
»Ach, Kind, das muss es nicht. Es geht ihm jetzt gut. Wenn wir einen Anruf kriegen, fährt entweder Sven oder Janne raus und schaut nach. Erstaunlich oft ist die Mutter noch in der Nähe. Aber nicht immer.«
»Kann ich Harko jetzt füttern?«, fragte Sven hinter ihnen.
Fenja drehte sich um und erschrak, als sie den düsteren Ausdruck auf seinem Gesicht bemerkte. War er etwa immer noch wegen des Fotos beleidigt?
»Ja, komm nur rein. Fenja möchte dir sicherlich zusehen. Danach könnt ihr die Räder nehmen. Es ist herrlich warm, eine gute Gelegenheit, um eine Tour nach Norddeich zu machen.«
Auch wenn sie sich einen besseren Touristenguide als den miesepetrigen Lockenkopf vorstellen konnte, freute sich Fenja über Omas Vorschlag – wenn sie die Strecke an der Küste nahmen, konnte sie die Leybucht auf ganzer Länge erfassen. Ein wundervoller Gedanke, die Strecke bot alles an nordischer Schönheit, was man sich nur wünschen konnte. Den Wind, der durch die Haare strich und das Fahrrad, zumindest in eine Richtung, fliegen ließ, und diesen einzigartigen Geruch nach Meer, der einen sofort in Urlaubsstimmung versetzte.
Leider war Sven wenig begeistert von dem Vorschlag. »Das geht leider nicht«, sagte er, wirkte aber nicht, als würde er es sonderlich bedauern. »Ich muss heute das große Becken von Algen befreien, und Janne ist beim Zahnarzt. Außerdem habe ich Bereitschaftsdienst, falls es Anrufe wegen neuer Heuler gibt.«
»Kann ich dir beim Becken helfen?«, fragte Fenja.
Sven schüttelte den Kopf. »Ich habe da so meine Techniken und Routinen, das würde nur länger dauern.«
Sie versuchte, sich ihre Enttäuschung nicht anmerken zu lassen. Sie hätte gerne bewiesen, dass sie mitanpacken konnte. Aber offenbar traute er ihr das nicht zu. Wie bei ihrer ersten Begegnung am Strand ließ er sie auch jetzt deutlich spüren, dass er sie für eine Außenstehende hielt, die nicht dazugehörte und keine Ahnung davon hatte, wie die Dinge hier liefen. Dabei wollte sie während ihrer Zeit in Greetsiel nicht nur entspannen, sondern eintauchen in die Station und zumindest für eine Weile ein Teil von ihr werden.
Auch Oma hatte die Stirn in Falten gelegt. »Na gut, wenn das so ist. Obwohl ich finde, dass dir eine Pause guttun würde, Sven.« Ihre Worte prallten an ihm ab, und das schien sie zu ärgern. »Vergiss nicht, dass du mir versprochen hast, heute Abend den Grill anzuwerfen«, schob sie mit hochgezogener Augenbraue hinterher, als ahnte sie, dass es hier um mehr ging als nur Terminprobleme.
Sven nickte knapp. »Das kriegen wir schon hin.«
Wenn er bis dahin immer...




