E-Book, Deutsch
Haran Die Scheidungsdiät
1. Auflage 2020
ISBN: 978-3-641-26307-2
Verlag: Blanvalet Taschenbuch Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: Adobe DRM (»Systemvoraussetzungen)
E-Book, Deutsch
ISBN: 978-3-641-26307-2
Verlag: Blanvalet Taschenbuch Verlag
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Die Wahrheit hat die lästige Angewohnheit irgendwann das Licht der Welt zu erblicken. Egal ob sie den kinderscheuen Arzt für künstliche Befruchtung trifft oder die junge Frau, die sich mit den erstaunlichsten Diäten abplagt. SPIEGEL-Bestsellerautorin Maeve Haran beweist in sechsundzwanzig schwungvollen Geschichten, dass die Wahrheit manchmal unangenehm, oft aber auch romantisch und immer vergnüglich sein kann. Denn ihre Hauptfiguren haben eines gemeinsam: Sie sind lebensbejahend und temperamentvoll, besitzen ein Quäntchen zwerchfellerschütternde Selbsterkenntnis und überlisten mit Witz und Verstand die Widerspenstigkeiten des Alltags ...
Mit ihren turbulent-witzigen Geschichten über die Liebe, Freundschaft, Familie und die kleinen Tücken des Alltags erobert Maeve Haran die Herzen ihrer Leser im Sturm!
Maeve Haran hat in Oxford Jura studiert, arbeitete als Journalistin und in der Fernsehbranche, bevor sie ihren ersten Roman veröffentlichte. »Alles ist nicht genug« wurde zu einem weltweiten Bestseller, der in 26 Sprachen übersetzt wurde. Weitere erfolgreiche Romane folgten. Maeve Haran hat drei Kinder und lebt mit ihrem Mann in London.
Weitere Infos & Material
Die Scheidungsdiät
Rache ist Blutwurst, heißt es. Mein Mann würde womöglich zustimmen. Er hat immer noch Narben am Hintern, seit ich eine Schüssel Pasta über ihn und das Au-pair-Mädchen gekippt habe, als ich sie zusammen im Bett erwischte. Noch dazu war es seine Lieblingspasta, Spaghetti Carbonara – aber offen gestanden glaube ich nicht, dass er das bemerkte.
Er hat es nicht besonders höflich aufgenommen. »Was zum Teufel machst du da, du fette Kuh?«, lauteten seine genauen Worte, soweit ich mich erinnere. Ich sah ein, dass er mit dem Begriff »fett« vielleicht nicht ganz danebengegriffen hatte, als ich die knackigen, knospenden Brüste des Au-pairs ekstatisch auf und ab wippen sah. Meine sehen eher aus wie die Seealpen. Und da ich meine nachgeburtlichen Übungen vernachlässigt hatte, könnte einem weiter unten der Mont-Blanc-Tunnel in den Sinn kommen. »Ich nähe Sie schön eng zu, dann freut sich Ihr Mann«, hatte der Arzt frecherweise nach dem letzten Baby zu mir gesagt. »Das können Sie sich sparen«, fauchte ich. »Sex ist mir schnuppe!«
Natürlich wich ich von dieser extremen Haltung später etwas ab. Einmal im Monat schien mir gerade genug zu sein. Denn ich muss zugeben, Kinder sind mir lieber als Sex. Ich glaube, in Wirklichkeit geht es vielen Frauen so, nur dürfen wir das seit der sexuellen Revolution nicht mehr sagen.
Ja, ich mochte Kinder so sehr, dass wir insgesamt vier bekamen. Die vier Mal, die wir meinem Mann zufolge Sex hatten. Und es stimmt – ich habe zugenommen. Mehr als sechs Kilo pro Kind. Dann kam das Stillen. Die Gesundheitsberaterin meinte, es würde zur Gewichtsabnahme beitragen.
Vielleicht hat sie aber nicht gemeint, dass ich mich dabei durchs gesamte Nachtischsortiment von Marks & Spencer futtern sollte. Na egal – zurück zu meinem Mann. Nachdem er die Spaghetti entfernt hatte, verlangte er die Scheidung. Ich lachte. Er sah so albern aus mit den Nudeln in den Haaren, während neben ihm das Au-pair jammerte, sie wollte zurück nach Oslo, wo die Menschen nicht so engstirnig seien.
Hinterher lachte ich allerdings nicht mehr. Es fiel mir schwer, mich an die frohen Erinnerungen zu klammern, während ich kein Geld hatte, sich die Rechnungen stapelten und die Kinder mir Vorwürfe machten. »Es ist deine Schuld, Mum. Schau dich doch mal an«, schimpfte Samantha, meine Älteste. Von Mutter-Tochter-Solidarität keine Spur.
David, mein abwesender Mann, versprach mir immer wieder Unterhaltszahlungen, doch sie kamen nie. Das Schlimmste war allerdings, dass ich keinen Job hatte. Ich hatte das, was ich scherzhaft als »meine Karriere« bezeichnete, mit Samanthas Geburt an den Nagel gehängt. Wie sollte ein langweiliger Job mit den Freuden mithalten, die einem pausbäckige, auf einer Decke strampelnde Babys, Picknicks im Grünen und kleine Pfoten bereiteten, die sich vertrauensvoll in die eigene Hand schmiegten? Es war rundum herrlich gewesen, und ich bereute es keine Minute. Aber die Kinder wurden groß und brauchten mich im Grunde nicht mehr. Deshalb hatte ich mir ja überhaupt erst dieses dämliche Au-pair besorgt. Um den Versuch zu machen, wieder auf die Karriereleiter zu steigen. Stattdessen hatte Inger meinen Mann bestiegen.
Es war der Brief von der Bausparkasse, der mir endgültig die Augen öffnete. Zwangsvollstreckung, das neue Schreckenswort. Wenn ich nicht bald etwas unternahm, verlören wir das Haus.
Da kam mir die Idee. Ich musste sowohl Geld verdienen als auch abnehmen, also warum nicht zwei Fliegen mit einer Klappe schlagen? Die fette und arme Kuh würde ein Diätbuch verfassen.
Diätbücher zu lesen ist mein Hobby, müssen Sie wissen. Manche Menschen sammeln Kochbücher, obwohl sie nie kochen, oder schwelgen in Prachtbänden vom Landleben, während sie in einem trostlosen Hochhaus wohnten. Ich studiere Diätarten, machte aber nie eine solche. Bis jetzt.
Ich besitze sie alle: die Eierdiät, die Scarsdale-Diät, die Iss-Fleisch-und-bleib-schlank-Diät, die Trennkost-Diät, die Ananas-Diät – aus Kalifornien, wo ohnehin alle bekloppt sind – und die diätlose Diät. Ich habe sogar ein Exemplar von »Diät macht dick«, aber das glaubt echt kein Mensch!
Diät zu halten, so schien mir immer, ist die moderne Version von Religion – Opfer, Buße und Erlösung eingeschlossen. Segne mich, Vater, denn ich habe geprasst und gefastet.
Meine wäre anders. Bei meiner ginge es nicht darum, was man isst, sondern wie man sich fühlt. Jede Frau würde sich von der universellen Wahrheit angesprochen fühlen, dass Ablehnung einen schlank macht.
Bevor ich völlig durchdrehte, setzte ich mich an Samanthas Computer und tippte ein Exposé. Ich nannte es »Die Scheidungsdiät«. Dann ging ich in die Buchhandlung und suchte heraus, welche Verlage Bücher zu diesem Thema veröffentlichten. Erstaunlicherweise ziemlich viele. Während ich die Regale durchforstete, kam mir der traurige Gedanke, dass die eine Hälfte der Welt Diät hielt, während die andere Hälfte Hunger litt. Todtraurig machte mich das allerdings nicht, denn herzloserweise muss ich zugeben, dass es auf einen lebhaften Markt für Diätratgeber schließen ließ.
Ich notierte mir die Adressen von drei Verlagen und schickte allen dreien meinen Entwurf. Dann gönnte ich mir einen Big Mac und große Pommes, machte mich auf den Weg, die Kinder abzuholen und rechtfertigte mich damit, dass ich solche Speisen bald darbringen würde wie Ave-Marias. Bis dahin konnte ich ruhig noch drauflosfuttern.
Ich muss gestehen, dass ich die Möglichkeit in Betracht zog, abgewiesen zu werden, und mir überlegte, wie ich damit umgehen würde. Indem ich aß, zweifellos. Dann würde ich mir doppelt schnell einen nüchternen Bürojob suchen müssen. Einen Monat gab ich mir Zeit. Nicht einmal meiner besten Freundin Sally, der Wuttherapeutin, erzählte ich, was ich vorhatte.
Doch es kamen keine Absagen. Die Verlage waren begeistert, insbesondere davon, dass ich selbst als Hauptfigur auftreten würde. Ob ich es bis Weihnachten schaffen könnte, fragte einer. Weihnachten ist anscheinend ein guter Termin für Diätratgeber. Die Leute kaufen sie, damit sie risikolos prassen können, weil sie wissen, dass sie die Heilung bereits in Händen halten. Oft fühlen sie sich dadurch schon so viel besser, dass sie gar keine Diät mehr anfangen müssen. Dann ist allen gedient.
Der Verlag, bei dem ich schließlich einschlug, wollte das Buch mit einem Fernsehsender zusammen machen, damit ich gefilmt werden konnte, wie ich meine eigenen Tipps befolgte.
Dem Fernsehsender gefiel die Geschichte von meinem Mann und dem Au-pair-Mädchen. Sie fanden, sie sei ganz im Stil von Oprah Winfrey, und filmten mich dreimal, während ich sie erzählte – bis ich an der richtigen Stelle in Tränen ausbrach. Geständnisse kommen offenbar beim Publikum hervorragend an.
Natürlich musste ich trotzdem noch das Buch schreiben, aber das schien niemandem Kopfzerbrechen zu bereiten. Der Verlag hatte mich bereits in der Richard-and-Judy-Show untergebracht, und so lief alles prächtig, teilte man mir mit.
Und dann überfiel mich die Schreibblockade. Oder vielmehr die Essblockade. Blitzartig begriff ich, dass ich tatsächlich aufhören musste zu essen. Kein Hühnchen Dhansak mit Naan-Brot mehr, keine Pizza, ja nicht einmal ein Mars mini. Mir wurde klar, dass ich zusätzliche Motivation brauchte. Die Erniedrigung durch das Au-pair war schrecklich gewesen, aber nicht schrecklich genug.
Ich schluchzte vor unserem Hochzeitsfoto und verbrachte ganze Abende damit, über den Alben zu brüten. Meine Freundin Sally war schließlich diejenige, die das Problem erfasste: »Du willst ihn immer noch zurück. Finde einen Weg, ihn dir aus dem Kopf zu schlagen!« Schließlich hatte sie die Idee, die meinen Durchbruch einleiten sollte.
»Hast du eigentlich ein Foto von David?«, wollte sie wissen. Ob ich ein Foto von ihm hatte? Hunderte hatte ich von ihm. David mit den Kindern, David in der Badehose, David ohne Badehose – nein, jetzt, wo ich daran denke, fällt mir ein, dass sie im Drogeriemarkt einen Aufkleber auf dieses Foto gemacht hatten und wir schon fürchteten, jeden Moment von der Foto-Polizei verhaftet zu werden.
»Ich habe nur seinen Kopf gemeint«, sagte Sally streng. »Den lasse ich nämlich für dich vergrößern.«
Meiner Ansicht nach musste das wohl eine Extremform der Wuttherapie sein, bis Sally erschien, einen Abzug von Davids Gesicht im Großformat in Händen. »Mann«, murmelte ich und vergaß mich einen Moment lang, »er ist wirklich attraktiv, was?«
»Attraktivität ist immer relativ«, fauchte Sally. »Also, wie viel Pfund willst du abnehmen?«
»Sechzig«, antwortete ich, ohne nachzudenken. Das waren dreißig Kilo. Ich war schon immer gut in Kopfrechnen gewesen.
Sie teilte Davids Gesicht mit Hilfe eines Geodreiecks in sechzig Kästchen ein. Die Fernsehleute waren begeistert. Sachen, die die Zuschauer zu Hause mitmachen können, finden sie immer Klasse.
Offen gestanden funktionierte es fantastisch. Jedes Mal, wenn ich ein Pfund abgenommen hatte, ein weiteres Stückchen von Davids attraktiver, aber treuloser Visage auszuschneiden, machte mich regelrecht süchtig. Es spornte mich wirklich an.
Sogar die Kinder bemerkten, dass ich fröhlicher wurde. Ich kochte kleine Mahlzeiten für sie, ohne selbst etwas zu essen, und umschiffte sogar unbeschadet die Keksdose.
Doch eines Tages erlitt ich einen Rückfall. Obwohl er sie seit unserer Trennung vernachlässigt hatte, erbot sich David auf einmal, einen Ausflug mit den Kindern zu machen. Vorübergehend verlor ich den Glauben an seine Widerlichkeit und stopfte mich in einer...




