Hardinge | Wunsch Traum Fluch | E-Book | www.sack.de
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E-Book, Deutsch, 372 Seiten

Hardinge Wunsch Traum Fluch


1. Auflage 2014
ISBN: 978-3-7725-4033-2
Verlag: Freies Geistesleben
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

E-Book, Deutsch, 372 Seiten

ISBN: 978-3-7725-4033-2
Verlag: Freies Geistesleben
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



Josh, Ryan und Chelle sind ein unzertrennliches Trio. Jeder von ihnen hat seine Probleme, und gemeinsam unternehmen sie immer etwas Besonderes. Als sie einmal Münzen aus einem Wunschbrunnen klauen, weil ihnen das Busgeld für die Rückfahrt fehlt, fängt eine unheimliche Geschichte an, deren Fäden sie selbst überhaupt nicht mehr in der Hand haben. Sie bemerken seltsame Veränderungen an sich selbst und tauchen in fremde Leben ein. In einer feinen Mischung aus Realismus und Fantastik erzählt Frances Hardinge eine absolut ungewöhnliche Geschichte mit Spannung und Tiefe.

Frances Hardinge, in Kent geboren und aufgewachsen, studierte Englisch an der Universität Oxford. Ihre Schriftstellerkarriere begann, als sie den Schreibwettbewerb eines Kurzgeschichtenmagazins gewann. 2005 veröffentlichte sie ihren ersten Roman 'Fly by Night'. Er gewann den Branford Boase Award und gehörte zu den Kandidaten des 'Guardian Award'.
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Der Flug des Einkaufswagens Auf dem Kopf stehende Augen Die Höhle Die Uhr läuft aus Das Glashaus Gedankenflut Ein Traum aus Chrom Wie man ein Wunder bewirkt Der Tyrann aus der Temple Street Die Hexe aus der Bibliothek Der paranormale Punzell Die Sammler Verzauberung Der Angriff der Harley Gefährliche Maschinen Der Handkuss des Harlekins Ein Unwetter und ein Unterschlupf Totes Laub Die Erschütterung Das wahre Verbrechen Spinnenbeine Der Drache hinter der Wand Seelenheilung Der Zerfall der Welt Umleitung Das ertrinkende Haus Die Zaunrebe Mutter Lederzunge Epilog


Josh würde es schaffen. Einen wundervollen Augenblick lang glaubte Ryan fest daran. Als sie um die Ecke gebogen waren und gesehen hatten, dass der Bus schon an der Haltestelle stand, war Josh losgesprintet, wobei er Spatzen aus den Büschen und Wasser aus den Pfützen aufspritzen ließ. Der Busmotor stieß ein lang gezogenes, erschöpftes Seufzen aus und verlagerte sein Gewicht nach vorn, als ob er die Schultern gegen den Regen stemmen wollte, aber immer noch glaubte Ryan, dass Joshs Anstrengungen in letzter Sekunde von Erfolg gekrönt sein würden, wie immer. Und dann, gerade in dem Moment, in dem Josh die Rücklichter erreichte, wandte sich der Bus trotzig vom Bordstein ab und fädelte sich auf der Fahrbahn ein. Die Reifen hinterließen lange, matte Streifen auf dem nass glänzenden Asphalt.

Josh jagte dem Bus etwa fünfundzwanzig Meter nach. Dann sah Ryan durch die winzigen Regentropfen, die seine Brille sprenkelten, wie sein Held stolperte, langsamer wurde und mit dem Fuß gegen einen Laternenpfahl trat.

Ryan hatte das Gefühl, als ob der Bus im Wegfahren seinen Magen mitgenommen hätte, genauso wie das letzte Licht des Sommertages. Plötzlich kam ihm die schäbige Ladenreihe kälter, dunkler und verlassener vor als noch vor ein paar Minuten. Auf seiner Zunge schmeckte Ryan den Schokoladen-Milchshake, dessentwegen sie den Bus verpasst hatten, und der Geschmack verursachte ihm Übelkeit.

Hinter sich hörte er Chelles asthmatisches Keuchen. Er drehte sich um und sah, wie ihre zitternden Hände mit dem Inhalator kämpften. Sie atmete tief ein, und ihre runden Augen wurden noch größer, sodass er rings um die Pupillen das Weiße sehen konnte. Sie starrte Josh entgegen, der langsam zurückkam.

«Er sagte … Josh sagte doch … er sagte doch, dass der Bus immer zu spät kommt, er sagte, wir hätten noch Zeit für einen Milchshake … Ich bin ja so was von erledigt … meine Mutter denkt, ich würde babysitten …» Vor lauter Panik waren ihre bleichen Augenbrauen an ihrer Stirn emporgeklettert und versteckten sich jetzt hinter ihrem blonden Pony.

«Schhht, Chelle», sagte Ryan so besänftigend wie er nur konnte. Aber es nutzte nichts. Chelle ließ sich nicht mit einem einfachen «Schhht» wieder auf Kurs bringen.

«Aber … Josh macht es ja nichts aus, von ihm erwartet man ja, dass er sich in Schwierigkeiten bringt. Aber ich … ich weiß nicht mal, wie es ist, Ärger zu haben …»

«Schhht!», wiederholte Ryan jetzt energischer. Josh war fast schon in Hörweite. Jedes Mal, wenn Josh etwas angestellt hatte und deswegen ein schlechtes Gewissen bekam, wurde er auf Gott und die Welt wütend. Und er konnte boshaft werden, auf eine irgendwie spielerische Art. Ryan hatte keine Lust, mit einem wütenden Josh in Magwhite festzusitzen.

Eigentlich durften sie überhaupt nicht in Magwhite sein.

Magwhite war ein «Beinahe»-Ort. Durch die riesigen Kraftstoff-Lager und die Eisenbahnlinie war es beinahe ein Teil von Guildley. Die strahlend gelben Rapsfelder, die sich nach Osten erstreckten, gaben dem Ort beinahe etwas Ländliches. Die traurig wirkenden Reihen kleiner Häuser, der winzige Supermarkt und das Fahrradgeschäft waren beinahe so etwas wie ein Dorf. Die kleinen Spazierwege waren beinahe hübsch.

Dort war irgendwann einmal jemand erstochen worden oder vielleicht hatte irgendwann einmal irgendjemand einen abgeschnittenen Finger mit einem Ring daran auf einem der Wege gefunden oder vielleicht kamen alle Spieler des Rugby-Vereins regelmäßig zum Bach und pinkelten von der Brücke aus ins Wasser. Keiner wusste so recht, was genau geschehen war, aber irgendetwas hatte Magwhite in Verruf gebracht. Wenn der Name «Magwhite» fiel, versteinerten die Gesichter der Eltern, als ob ihnen ein übler Geruch in die Nase gezogen wäre. Magwhite war tabu.

Es gab hier nicht viel zu sehen, aber das Tabu machte es aufregend. Die Dohlen vor dem mit Brettern vernagelten Postgebäude mit Pommes Frites zu füttern war viel interessanter, als gewöhnliche Vögel in einem gewöhnlichen Park zu füttern. Seit Beginn der Sommerferien waren die verbotenen Ausflüge nach Magwhite, wo sie am Kanal ein Picknick veranstalteten, beinahe zur täglichen Routine geworden.

Magwhite gehörte ihnen, aber im Augenblick wäre Ryan am liebsten meilenweit weg gewesen.

Josh stapfte mit gesenktem Kopf zu den anderen beiden zurück. Sein wildes blondes Haar, das wie eine Schrubberbürste abstand, war dunkel vom Regen. Er betrachtete seinen Fuß und schien das Gesicht zu verziehen. Vielleicht hatte er sich bei dem Tritt gegen den Laternenpfahl wehgetan. Dann schaute er hoch und Ryan sah, dass er grinste.

«Kein Problem.» Josh zuckte mit den Achseln und wischte mit dem Ärmel den Regen von den gelb getönten Gläsern seiner Sonnenbrille. «Wir nehmen den nächsten.»

Chelle biss sich auf die Unterlippe und zog die Mitte der Oberlippe so weit nach unten, dass sie aussah wie ein kleiner weicher Schnabel. Alles an ihr sträubte sich, Josh zu widersprechen, denn sie vergötterte ihn mehr als alles andere auf der Welt, aber wie immer schienen die Worte einfach ungehindert aus Chelle herauszuträufeln wie Wasser aus einem undichten Wasserhahn.

«Aber … das geht nicht. Das war der letzte Bus der Cityline. Unsere Fahrkarten gelten nicht für die Überlandbusse, und wir haben kein Geld mehr, um neue Fahrkarten zu kaufen, nicht für alle … wir sitzen fest …»

«Nein, tun wir nicht.» Josh lächelte immer noch. «Ich habe einen Plan.»

Der Plan war einfach. Der Plan war merkwürdig. Aber es war Joshs Plan, und deshalb musste er funktionieren.

Hinter der Mauer des Parkplatzes, der zum Supermarkt gehörte, senkte sich ein lang gestreckter, baumbestandener Abhang bis zum Ufer des Kanals. In diesem Wäldchen tummelten sich ausgebüxte Einkaufswagen, in deren Rädern sich büschelweise Grashalme verfangen hatten. Das Drahtgitter der Körbe war mit Schlingpflanzen bewachsen. Joshs Plan sah vor, einen von ihnen aus dem Wald zu holen, ihn zum Supermarkt zu bringen, ihn dort wieder in die Reihe der anderen Einkaufswagen einzuklinken und die Münze aus dem Schieber am Griff zu holen.

Plötzlich war das Abenteuer wieder da. Das Trio kletterte über die Mauer in das Wäldchen und ging auf Beutezug.

Es war ein seltsamer Wald, umso mehr, als das Licht nun stetig abnahm. Ryan gefiel besonders der Müll. Vergilbte Zeitungen kuschelten sich in Astgabeln, wie Nester aus mit Buchstaben bepudertem Herbstlaub. Von einem breiten Thron aus verfaulter Eichenwurzel schlängelte sich dunkler Efeu und behütete einen Schatz aus zerbeulten Blechdosen. Die feinen Verästelungen eines schaukelnden Zweiges hatten sich ordentlich in die Finger eines roten Wollhandschuhs geschoben, sodass der kleine Baum aussah, als warte er nur darauf, dass ihm eine zweite Hand wachse, damit er applaudieren könne.

«Ryan, mach deine Adleraugen auf und such uns einen Einkaufswagen», sagte Josh, und in Ryan stieg ein unbehagliches Gefühl von Stolz und Zweifel auf. Er war sich nie sicher, ob Josh sich über ihn lustig machte oder nicht. «Er sieht anders als wir, Chelle. Seine Augen, die sind nämlich verkehrt herum. Man sieht’s ihm bloß nicht an.»

Chelle kicherte leise, aber in der Dunkelheit wirkte ihr nur undeutlich erkennbares Gesicht nervös. Ihre großen, weit auseinanderstehenden Augen waren Fenster, die in eine Welt voller Zweifel und Verblüffung blicken ließen.

«Es stimmt.» Josh ließ nicht locker. «Er blinzelt aufwärts, weißt du? Natürlich nur, wenn man nicht hinguckt. Aber jetzt, im Dunkeln, da wette ich, dass er aufwärts blinzelt. Stimmt’s, Ryan?»

Ryan wusste nicht recht, was er darauf antworten sollte. Er stapfte durch den Wald und tat so, als hätte er nichts gehört. Chelle Angst zu machen war kinderleicht, und Josh schien es Vergnügen zu bereiten, sie auf den Arm zu nehmen. Ryan vergaß oft, dass Chelle älter war als er. Er selbst war ein «Kann-Kind»; man hatte ihn früher als seine Altersgenossen in das eiskalte Wasser der Sekundarstufe geworfen. Dass er klein, hager und voller Sätze war, die in seinem Kopf wunderbar klangen, sich aus seinem Mund aber altklug und besserwisserisch anhörten, hatte die Sache noch schlimmer gemacht. Mit Chelle verband ihn eine Allianz der Verzweiflung. Sie war tapsig und hilflos wie ein Welpe, und die Blässe ihres Haars und ihrer Haut wirkten, als hätte man sie zu oft in die Waschmaschine gesteckt, wo sie beim Spülgang all ihre Farbe und ihre Selbstsicherheit verloren hatte. Das machte sie zu einer verlockenden Zielscheibe des Spotts für alle Schläger und Stänkerer in der Klasse. Sowohl Ryan als auch Chelle waren heilfroh gewesen, dass sie jemanden gefunden hatten, mit dem sie reden konnten, wobei nicht verschwiegen werden soll, dass Chelle offensichtlich nicht...


Ernst, Alexandra
Alexandra Ernst, geboren 1965 in Wiesbaden, studierte Literaturwissenschaft und war als Presse- und Werbeleiterin in einem Verlag tätig. Seit 2000 arbeitet sie als Übersetzerin von historischen Romanen, Fantasy und Jugendliteratur. Hierfür wurde sie u. a. mehrfach für den Deutschen Jugendliteraturpreis nominiert und auch mit ihm ausgezeichnet. Neben ihren Übersetzungen veröffentlicht sie auch Beiträge als Journalistin und Literaturkritikerin. Alexandra Ernst lebt mit ihrem Mann und ihrer Tochter in der Nähe von Mainz.

Hardinge, Frances
Frances Hardinge, in Kent geboren und aufgewachsen, studierte Englisch an der Universität Oxford. Ihre Schriftstellerkarriere begann, als sie den Schreibwettbewerb eines Kurzgeschichtenmagazins gewann. 2005 erschien ihr erster, viel beachteter Roman ›Fly by Night‹. Für ›The Lie Tree‹ (›Der Lügenbaum‹) wurde die inzwischen international bekannte Autorin 2015 mit dem renommierten britischen Costa-Literaturpreis ausgezeichnet. Der Roman wurde in mehr als 30 Sprachen übersetzt. ›A Skinful of Shadows‹ (›Schattengeister‹) wurde für die Carnegie Medal 2019 nominiert, dem renommiertesten Jugendbuchpreis Großbrittaniens.

Frances Hardinge, in Kent geboren und aufgewachsen, studierte Englisch an der Universität Oxford. Ihre Schriftstellerkarriere begann, als sie den Schreibwettbewerb eines Kurzgeschichtenmagazins gewann. 2005 veröffentlichte sie ihren ersten Roman "Fly by Night". Er gewann den Branford Boase Award und gehörte zu den Kandidaten
des "Guardian Award".



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