E-Book, Deutsch, 256 Seiten
Hardinghaus Die Spionin der Charité
1. Auflage 2019
ISBN: 978-3-95890-266-4
Verlag: Europa Verlage
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Roman
E-Book, Deutsch, 256 Seiten
ISBN: 978-3-95890-266-4
Verlag: Europa Verlage
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Dr. phil. Christian Hardinghaus, geb. 1978 in Osnabrück, promovierte nach seinem Magisterstudium der Geschichte, Literatur- und Medienwissenschaft (Film und TV) an der Universität Osnabrück im Bereich Propaganda- und Antisemitismusforschung und schloss danach ein Studium des gymnasialen Lehramtes mit dem Master of Education in der Fachkombination Geschichte/Deutsch ab. Seine historischen Schwerpunkte liegen in der Erforschung des NS-Systems und des Zweiten Weltkriegs. Er veröffentlicht sowohl Sachbücher als auch Romane.
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PROLOG
Lily ringt nach Luft, ihr Puls hämmert gegen ihre Schläfen. Sie rennt so schnell wie nie zuvor in ihrem Leben. Das Gesicht verschmiert von Schweiß und Tränen, hastet sie durch den zerbombten, dunklen Tiergarten. Nur der helle Schein des Mondes weist ihr den Weg zwischen den Bombenkratern und umgestürzten Bäumen hindurch. Obwohl Lily längst am Ende ihrer Kräfte ist, hört ihr Kopf nicht auf zu rattern. Sie will nicht glauben, dass Fritz hier nie wieder entlanglaufen wird. Nicht einmal den Mond wird er je wiedersehen. Und sie ist schuld daran, sie hat ihren Freund angeworben für den Widerstand. Den Widerstand, den Graf von Stauffenberg heute Mittag verpatzt hat. Warum hat er nicht auf Professor Sauerbruch gehört? Der hatte ihm doch klar genug gesagt, dass man Hitler nicht töten kann, wenn man dafür nur ein Auge und einen Arm zur Verfügung hat. Jetzt würde nicht der Führer sterben, sondern all diejenigen, die ihn hatten umbringen wollen. Fritz, ich komme! Bestimmt ist Stauffenberg die Aktentasche, in der sich die Bombe befand, einfach runtergefallen. Wie sollte er die auch festhalten, mit nur drei gesunden Fingern? Wie hatten sie alle so blöd sein können?
Lily erkennt das Licht der Straßenlaternen nur verschwommen. Sie rennt durch den Parkausgang auf die Friedrich-Wilhelm-Straße. An der nächsten Ecke steht das Krad, genau wie angekündigt. Der Motor läuft, die Scheinwerfer sind eingeschaltet.
»Sie sind Fräulein Hartmann?«, fragt der Fahrer, als Lily in den Beiwagen steigt.
»Ja«, keucht Lily, die kaum noch Luft zum Sprechen hat. »Fahren Sie los!«
Der Soldat in grünem Gummimantel, mit Stahlhelm auf dem Kopf und Schutzbrille vor den Augen, tritt zweimal ruckartig das Pedal und dreht am Gashebel. Aus dem Auspuff knallt es, der Motor heult auf. Beim scharfen Anfahren wird Lily mit voller Wucht in den Korbsitz gepresst. Sie muss sich mit beiden Händen an den Metallgriffen festklammern, um nicht hinausgeschleudert zu werden. Das Krad rast die Admiral-von-Schröder-Straße entlang. Zu beiden Seiten der Straße stehen kerzengerade Soldaten mit geschulterten Gewehren. Das sind Hunderte, Tausende, denkt Lily, als sie an der Graf-Spee-Brücke vorbeifahren.
Vor dem Haupttor des Reichskriegsministeriums halten zwei Panzer mit laufenden Motoren. Das Motorrad biegt dahinter ab, ein Soldat mit Schirmmütze und umgehängter Maschinenpistole winkt den Fahrer mit einer Kelle heran. Als sich das Tor öffnet, rollen sie in den Innenhof. Sie sind im Bendlerblock.
»Aussteigen!«, befiehlt der düstere Chauffeur. Lily hat gerade das zweite Bein aus dem Beiwagen gehievt, da rast das Krad schon wieder los.
Was jetzt? Es ist stockfinster, Lily kann nichts erkennen.
»Hallo?«, fragt sie laut und streckt die Arme nach vorne, in der Hoffnung, etwas ertasten zu können.
»Lily! Lily!« Es ist Fritz, der sie ruft.
Wie aus dem Nichts springen Scheinwerfer an und erleuchten den Hof. Das grelle Licht blendet so stark, dass Lily für einen Moment die Augen schließen muss. Als sie sie vorsichtig wieder öffnet, bemerkt sie etwa zwanzig Meter von sich entfernt ihren Freund. Er steht in seinem dunkelblauen Kreidestreifen-Anzug auf einem aufgeschütteten Sandhaufen.
»Fritz!« Lily will loslaufen, doch in dem Moment packt sie jemand von hinten am Arm.
»Wir gehen zusammen«, sagt der Mann, den sie vorher gar nicht bemerkt hatte. Sie hat nur Augen für Fritz.
»Lily, es tut mir so leid«, ruft er zu ihr herüber.
»Alles ist gut.« Lily streckt den freien Arm nach vorne. »Halt durch, ich bin ja da.«
»Immer mit der Ruhe«, brummt der Mann hinter ihr. Lily dreht sich um und starrt auf ein Ritterkreuz am Kragen der Uniform. Als sie den Blick hebt, erkennt sie Generaloberst Friedrich Fromm. »Sie haben zwei Minuten, um Ihrem Freund den letzten Wunsch zu erfüllen«, sagt der Befehlshaber des Ersatzheeres. »Kolbe ist der Vorletzte. Ich will diese Verräter hier nicht mehr auf dem Hof sehen.«
Was hat denn Fromm, denkt Lily verwundert. Soweit sie weiß, ist er doch einer von ihnen: ein Verschwörer! Da ist etwas völlig aus dem Ruder gelaufen, offenbar hat der Generaloberst die Seiten gewechselt.
»General Ludwig Beck, einer der Anführer der feigen Bande, sitzt oben und versucht seit einer halben Stunde, sich zu erschießen, letzter Wunsch«, sagt Fromm mit einem angewiderten Ausdruck im Gesicht. »Aber er schafft es nicht, hat sich die Schädeldecke weggeknallt, lebt immer noch und kriegt die Waffe nicht mehr hoch.« Fromm zuckt mit den Schultern. »Kolbes Wunsch ist hoffentlich sinniger.«
Der General zieht Lily zu dem Sandhügel, auf dem vier uniformierte Leichen mit verdrehten Armen und Beinen liegen. Der Sand ist mit Blutspritzern gesprenkelt. Fritz lächelt.
»Gehen Sie zu ihm und hören Sie sich an, was er zu beichten hat. Dann sagen Sie, was Sie zu sagen haben, und dann war’s das.« Fromm löst seinen Griff, und Lily steigt auf den Hügel. Etwas oberhalb von ihr steht Fritz mit ausgebreiteten Armen, er blutet aus der Nase. Lilys Herz ist so voller Sehnsucht und Schmerz, dass sie nicht auf ihre Schritte achtet. Als sie auf etwas Weiches tritt, verliert sie fast das Gleichgewicht. Sie schaut nach unten und erkennt Stauffenbergs schwarze Augenklappe.
»Nicht hinsehen, Lily«, sagt Fritz. »Komm zu mir!«
Lily fällt ihrem Freund in die Arme, umklammert ihn, will ihn nie wieder loslassen. Er schluchzt laut auf. Nur einmal. Sie hat ihn nie weinen gesehen, und auch jetzt weint ihr tapferer Fritz nicht.
»Es war richtig, was wir getan haben, hörst du?«, sagt er und streichelt ihr übers Haar.
»Ich weiß, Fritz«, antwortet Lily. Sie kann die Tränen einfach nicht unterdrücken. »Was ist denn nur passiert?«
»Das wirst du erfahren«, erklärt Fritz ruhig. »Es ist schiefgegangen, was nur schiefgehen konnte.« Er küsst Lily auf den Mund und schaut ihr dann tief in die Augen. »Es war egoistisch von mir, dich als meinen letzten Wunsch herbringen zu lassen.«
»Oh nein, Fritz«, flüstert Lily. »Nein, war es nicht. Ich bin dir sehr dankbar dafür.«
»Das ist gut, meine kleine Spionin«, antwortet er leise. »Ich wollte dir das hier erst geben, wenn Hitler tot ist. Es sollte meine erste Tat in unserem neuen geheimen Deutschland werden. Bitte nimm es aus meiner Jackentasche. Unauffällig.« Er schiebt Lilys Hand nach unten, und sie greift in die Tasche. Sie nimmt den losen Ring in die Hand, schließt sie darüber zur Faust.
»Du musst jetzt sterben, nicht wahr?«
»Ja, das muss ich.«
»Runterkommen, es ist genug!«, brüllt Fromm.
»Geh jetzt, Lily«, sagt Fritz. »Alles wird gut. Ich liebe dich, und wir sehen uns auf der anderen Seite wieder.«
»Ich liebe dich auch.« Lily antwortet mit flacher Stimme. Sie hat das Gefühl, dass die Stiche, die sie in ihrem Herz spürt, ihren Brustkorb zerreißen. Sie will noch etwas sagen, aber ihr Hals ist wie zugeschnürt. Sie küsst ihren Freund ein letztes Mal, lässt ihn los und dreht sich um. Die schwerste Entscheidung ihres Lebens. Sie macht einen Schritt, dann zuckt sie zusammen. Mit den Schüssen hat sie nicht gerechnet. Fritz stößt einen Schrei aus. Hinter Fromm erkennt Lily sechs Soldaten, drei stehen, die anderen drei knien vor ihnen. Sie laden ihre Gewehre nach und geben eine weitere Salve ab. Sie hört die Kugeln zischen.
»Nein!« Sie dreht sich um. Fritz ist auf die Knie gesunken, hält sich die Brust. Dann lächelt er sie kurz an und fällt vornüber. Lily schlägt die Hände vor die Augen.
»Frau Hartmann!«, ertönt Fromms Stimme in einem fürchterlich aggressiven Ton. »Frau Hartmann!«
Dieser miese Kerl, denkt Lily. »Ich komme ja schon! Kann ich nicht mal eine Minute trauern?« Als sie die Hände von den Augen nimmt, erschrickt sie abermals. Die Soldaten zielen auf .
»Dazu werden Sie jetzt eine Ewigkeit Zeit haben, aber nicht mehr in dieser Welt«, höhnt Fromm. »Sie glauben doch nicht, dass wir eine Verräterin wie Sie verschonen?«
»Was?« Instinktiv hebt Lily die Hände über den Kopf.
»Ich weiß, dass Sie wissen, was Kolbe wusste«, ruft der Generaloberst.
»Was soll das heißen?« Lily ist außer sich. »Ich weiß gar nichts!«
Fromm hebt die rechte Hand. »Feuer!«
Die Schüsse treffen Lily direkt ins Herz. »Neiiiiin!«
Lily prustet und schluckt.




