Hardwick | Sherlock Holmes - Neue Fälle 06: Dr. Watson | E-Book | www.sack.de
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E-Book, Deutsch, Band 6, 200 Seiten

Reihe: Sherlock Holmes - Neue Fälle (Historische Kriminalromane)

Hardwick Sherlock Holmes - Neue Fälle 06: Dr. Watson


1. Auflage 2024
ISBN: 978-3-95719-205-9
Verlag: Blitz Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection

E-Book, Deutsch, Band 6, 200 Seiten

Reihe: Sherlock Holmes - Neue Fälle (Historische Kriminalromane)

ISBN: 978-3-95719-205-9
Verlag: Blitz Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection



In dieser aufrüttelnden Autobiografie legt Dr. Watson die Wahrheit gänzlich offen, seine schottische Abstammung, die bürgerlichen Verhältnisse, in denen er aufwuchs, ein finsteres Erbe sowie die familiären Zerwürfnisse, die ihn nachhaltig prägen sollten; nicht zu vergessen die ironischen Umstände, die seinen beruflichen Werdegang lenkten - erst Doktorand, dann Kriegsarzt und zuletzt Assistent eines Detektivs. Seine Memoiren führen uns auf vier Kontinente, zu den Theaterbühnen in Paris und London, über afghanische Schlachtfelder und in die Schlafzimmer vieler Ladys. Niemand könnte Sherlock Holmes' einzigartiges Genie trefflicher ergänzen und ausgleichen als dieser große Liebhaber und Lebemann. Ihre schicksalhafte Begegnung, die das Ende dieses Buches markiert, fungiert als stimmiger Abschluss jener frühen Kapitel in Watsons Leben, gibt aber natürlich auch den Startschuss für die Abenteuer, mit denen Millionen von Lesern längst vertraut sind. Zu Watsons eigenen bunten Heldentaten gehören ein früher Abstecher nach Amerika, in dessen Verlauf sich seine Mutter in den doch nicht so heiligen Prediger Henry Ward Beecher verliebt. Er reist seinem verschwundenen Vater und nichtsnutzigen Bruder um die halbe Welt nach, wobei er zur Zeit des Goldrauschs einen Albtraum in Australien durchlebt. Als er als junger Mann nach London zurückkehrt, erweist er sich als Filou mit einer Vorliebe fürs Theater, der sogar kurz mit der großen Sarah Bernhardt liebäugelt. Allerdings gehört sein Herz einer besonderen Frau, und da wäre auch noch das Geheimnis um ein vaterloses Kind ... All dies jedoch klärt sich auf, bevor unser Freund mit einem gewaltigen Brummschädel beim Katerfrühstück im Criterion Pub auf jemanden trifft, der ihm wenig später Sherlock Holmes vorstellen wird. Anmerkung des Verlags: Dr. Watsons Bericht wurde zur Gänze mit dem gegenwärtigen Stand der Holmes-Forschung abgeglichen und offiziell beglaubigt von Dame Jean Conan Doyle, der Tochter des berühmten Schriftstellers.

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Kapitel 1


Die menschliche Natur ist doch ein recht wunderliches Gemisch

Dass wir unsere stolzen Kriegsschiffe seit Jahrhunderten auf Namen taufen, die eher zu Wirtshäusern passen, ist für die britische Seele bezeichnend, bloß weiß ich nicht, in welcher Hinsicht, auch wenn mir dieser Gedanke schon oft durch den Kopf gegangen ist. Rose, Distel oder Bär sind Stilblüten aus dem Elisabethanischen Zeitalter, falls sie nicht noch weiter zurückreichen, wobei ich mir gut vorstellen kann, dass es einmal Ihrer Majestät Schiff Rose & Krone oder Edler Landwirt gegeben hat.

Keinen solchen Namen trug indes die Galeone, die in einer finsteren Septembernacht des Jahres 1588 von einem gnadenlosen Sturm bei tosender See in den Nordkanal zwischen Irland und der Westküste Schottlands getrieben wurde, an deren schroffen Klippen sie zerschellte. Ihr Name lautete Galeón del Gran Duque di Florencia del Nombre San Juan. Wie viele Passagiere überlebten, verschweigen uns die Historiker. Mr Ashby von der englischen Botschaft in Schottland schrieb seinem Herrn Sir Francis Walsingham, dem Chef des Geheimdienstes von Königin Elisabeth folgendes. Ein riesiges Schiff aus Spanien, das ein Soldatenheer beförderte, ist in der Nähe von Black Head an Eurer Küste gekentert. Es gibt große Verluste zu beklagen. Wir gehen davon aus, dass seine Fracht sehr wertvoll war.

Ich weiß noch, dass Vater an jener Küste oft mit mir und meinem Bruder Henry zu einer Bucht ein Stück nördlich vom Leuchtturm bei Black Head spazierte. Die Kulisse an sich sowie Gedanken an das tragische Unglück und die Verzweiflung der Opfer beflügelten unsere Phantasie. Im unaufhörlichen, obschon im Vergleich zum damaligen Unwetter wohl gediegeneren Rauschen des Meeres lauschte ich immerzu angestrengt nach den geisterhaften Hilfeschreien ertrinkender Spanier und dem Knarren der Planken, bis ich zu hören glaubte, wie der Schiffsrumpf an den erbarmungslosen Felsen zerbarst.

„Wird man es je bergen?“, wagte ich zu fragen. Ich konnte nicht glauben, dass mein alter Herr seelenruhig Pfeife schmauchend nach unten in die wirbelnde Gischt schaute, und verstand nicht, warum wir keine Wathosen, Schaufeln sowie andere Ausrüstungsgegenstände mitgebracht hatten, um nach Dublonen zu graben.

„Nein, nein“, antwortete Vater meistens in seinem unverkennbaren Tonfall, einem nahezu akzentfreien Englisch, das fast so rein war wie Single Malt Whisky und kaum erahnen ließ, dass er aus Schottland stammte. „Die See wird nicht zurückgeben, was sie in jener Nacht nahm. Es war ein Tribut, den sie einforderte und an sich riss.“

Mit seiner poetisch klingenden Begründung gaben wir Jungen uns allerdings nicht zufrieden. Von Zeit zu Zeit waren Münzen und andere kleine Gegenstände angespült worden, also wollte es der Zufall, dass man vielleicht irgendwann dort stand, wenn ein kleines Vermögen an Land schwappte. Gerade mein Bruder, der von jeher ein ungeduldiges Gemüt hatte, pochte ständig auf eine Ausgrabung, und so bemühten wir einmal tatsächlich unsere Blechspaten, während sich Vater auf die Felsen setzte und gemütlich weiterrauchte. Wir verstanden nicht, weshalb er völlig ruhig blieb, wo doch große Reichtümer auf uns warteten … oder auch nicht. Nach einer Weile gaben wir schließlich auf und kletterten zurück zu Vater. Nachdem wir uns links und rechts neben ihm niedergelassen hatten, starrten wir ebenso versonnen wie er auf das Wasser, das an jenem Tag sehr still blieb. Nie hätte man geglaubt, dass es an dieser Stelle einmal zu einer solchen Tragödie gekommen war.

„Falls wirklich ein Schatz an Bord war“, sagte Vater irgendwann, „hat er auf ewig ein nasses Grab gefunden. Wisst ihr, es gibt andere Dinge im Leben, die wertvoll sind. Was eines Nachts vor langer Zeit hier geschah, hat sich letztlich auch auf die Beschaffenheit des Blutes ausgewirkt, das in euren Adern fließt.“

Auf dem Kamin seines Arbeitszimmers in der Hanover Street stand ein hölzernes Modellschiff, eine spanische Galeone. Ein Matrose hatte es zum Zeitvertreib während einer langen Überfahrt gebaut, doch nach seinem Tod war es beim Ausräumen seines Hauses von den Hinterbliebenen weggeworfen worden. Vater, über dessen Maklerbüro das Anwesen weiterveräußert worden war, hatte das Modell aus dem Müll gerettet. Es stellte nicht die San Juan selbst dar, gab aber einen trefflichen Eindruck von ihr und allen anderen Schiffen jener mächtigen Flotte, die das formidable Dreigespann aus Sir Francis Drake, Lord Charles Howard Effingham und Gott allen Erwartungen zum Trotz bezwungen hatte.

Der Grund dafür, dass er es behalten hatte, ließ sich aus Vaters Zügen ablesen. Er hatte ein langes, schmales Gesicht mit hoch stehender Nase, pechschwarzes Haar und einen ebensolchen Schnurrbart sowie braune Augen, was ihm zusammengenommen ein melancholisches Erscheinungsbild verlieh. Ich bewunderte seine hochgeschossene, schlanke Figur, die er in einen schwarzen Zweireiher, Kniehosen und weiße Hemden mit dem damals üblichen Rüschenkragen kleidete. Dieser Aufzug stellte zugegebenermaßen einen Kontrast zu seinem Vornamen John Henry dar, der geschichtlich schon damals nicht wenige Assoziationen weckte.

Ich selbst habe mich über die Jahre hinweg körperlich kaum verändert, bin untersetzt und galt immer als durchschnittlich groß für mein jeweiliges Alter. Meine Augen sind eher grau, und ich habe ein kantiges Kinn, aber vom Gemüt her bin ich meiner Mutter nachgeschlagen, wohingegen mein Bruder Henry Vaters Sinnesart geerbt hat. Ich darf froh sein, keine seiner Neigungen mit auf den Weg bekommen zu haben, obschon ich ihn oft um sein anmutiges Aussehen beneidete.

Um auf seine Bemerkung über unser Blut zurückzukommen: Einer der Schiffbrüchigen lebte noch lange genug in der Gegend, um sich mit einer Schottin zu vermählen. Jene Seeleute und Soldaten, die an unserer Küste an Land gekrochen waren, konnten von Glück reden, dass die Einheimischen sie zu sich nahmen und aufpäppelten. Man betrachtete sie nicht als feindselige Fremdgläubige, sondern schlicht als arme Seelen, die den Turbulenzen der See entronnen waren. Wen es von ihnen hingegen nach Irland oder England verschlug, der wurde rigoros dahingerafft.

Auch weil sich unsere Ahnenbücher über jene frühe Zeit ausschwiegen, war ich fasziniert von meinem Stammbaum, weshalb ich Vater ständig dazu nötigte, die Familienlegende abermals zu erzählen.

„Ich bin mir ziemlich sicher, dass er zur Armee gehörte.“

„Als Admiral?“

„So hochrangig war er wohl leider nicht, eher ein einfacher Matrose.“

„Aber doch wenigstens General?“

„Diese Position war in der spanischen Marine zu jener Zeit nur Männern aus dem Hochadel vorbehalten, und als solcher hätte er sich nicht hier abgekapselt, sondern wäre in seine Heimat zurückgeführt worden.[1] Er hieß Henriques, soviel wir wissen.“

„Woher, Papa?“

„Der Name hielt sich ungefähr bis zum Anfang dieses Jahrhunderts in unserer Familie. Mein Großvater trug ihn zuletzt ebenfalls an zweiter Stelle. Ich glaube, er fand ihn zu ausgefallen für seinen eher verstockten Charakter, also anglisierte er ihn irgendwann zu Henry.“

„Ich hätte ihn gern getragen“, erwiderte ich, denn der Klang gefiel mir. „John Henriques Watson.“

Mein Vater lachte. „Du kannst immer noch einen deiner Söhne so taufen, obwohl er dir für einen so aparten Namen bestimmt nicht danken wird.“

„Ach was“, wiegelte ich ab. „Er klingt besser als Hamish. Pfui!“

„Jetzt ist aber gut, John! Du musst Mutters Mädchennamen achten.“

„Verzeihung, Papa. Was weißt du noch über den spanischen Matrosen?“

„Er muss beim Untergang des Schiffs arg in Mitleidenschaft gezogen worden sein, da er hinterher monatelang bettlägerig war, auf einer der Burgen in der Nähe, wie es heißt, möglicherweise Castle Kennedy. Die Tochter des Vogts pflegte ihn gesund, und wie es eben geschieht, traf Amors Pfeil auch diese beiden.“

„Was ist Amors Pfeil, Papa?“

„Das wirst du früh genug alleine herausfinden. Bald, mein Junge.“

„Tat es weh?“

„Nein. Sie heirateten und bekamen Kinder mit sowohl schottischem als auch spanischem Blut. Was glaubst du, bedeutet es, dass seine Nachfahren Watson heißen?“

„Darauf weiß ich keine Antwort, Papa.“

„Ach komm, dir ist doch klar, dass eine Lady den Nachnamen ihres Mannes annimmt, wenn sie ihn heiratet.“

„So wie Mama, die früher Miss Hamish war?“

„Richtig. Und als wir uns trauten, wurde sie Misses Watson. Zu welcher Annahme verleitet dich das?“

„Dass … eine Miss Henriques auch einen Mister Watson geheiratet hat?“

„Genau. Man muss bisweilen rückwärts denken, wenn man Herkunftsfragen erörtert. Falls du je einen Grabstein findest, auf dem etwas zum Gedenken an irgendeinen Henriques und seine Frau soundso steht, lasse ich einen halben Sovereign springen, wenn du meine Behauptung widerlegst, er und seine Gattin hätten nur Töchter gezeugt. Eine von ihnen heiratete eben einen Watson, woraufhin der Name Henriques so plötzlich aus dieser Gegend verschwand, wie er aufgetaucht war.“

„Klingt spannend, Papa.“

„Papperlapapp! Zeige mir einen oder eine Henriques in unserer Gegend, und du bekommst Geld.“

Während ich noch in Wigtownshire wohnte,...



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