E-Book, Deutsch, 300 Seiten
Hardy Die Liebe seines Lebens. Skizze eines Temperaments
1. Auflage 2025
ISBN: 978-3-15-962400-6
Verlag: Reclam Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Eine Geschichte über die Suche eines Künstlers nach der großen Liebe
E-Book, Deutsch, 300 Seiten
ISBN: 978-3-15-962400-6
Verlag: Reclam Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Thomas Hardy (1840-1928), englischer Dichter und Schriftsteller in der Tradition von George Eliot, wurde mit Romanen wie Far from the Madding Crowd und Tess of the d'Urbervilles weltberühmt. Seine meist tragischen Geschichten siedelte er in der halbfiktionalen Region Wessex im Südwesten Englands an. Lutz-W. Wolff, geb. 1943 in Berlin, arbeitet als Lektor und hat u. a. George Orwell, Robert Littell und Jack London ins Deutsche übersetzt.
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Kapitel 2
Die Erscheinung wird für wahr genommen
Obwohl das Problem auf der Insel in der Regel darin bestand, sich nicht ständig über den Weg zu laufen, hatte Pierston plötzlich Schwierigkeiten, Avice zu treffen. Die Befangenheit, die ihre impulsive Begrüßung ausgelöst hatte, hatte sie zu einer anderen gemacht, und obwohl sie in unmittelbarer Nachbarschaft wohnten, gelang es ihm nicht, ihr zu begegnen. Kaum streckte er die Nase aus der Tür, verschwand sie wie eine Füchsin in ihrem Loch und flüchtete in ihr Zimmer im oberen Stock.
Pierston aber war so begierig, Avice nach der unabsichtlichen Beleidigung, die er ihr zugefügt hatte, zu beruhigen, dass er ihre Ausweichmanöver nicht lange ertragen konnte. Die Sitten auf der Insel waren schlicht und direkt, auch bei den Wohlhabenden, und als er sie an einem der nächsten Tage wieder einmal verschwinden sah, ging er einfach hinter ihr her und folgte ihr ins Haus bis an die Treppe.
»Avice!«, rief er.
»Ja, Mr. Pierston.«
»Warum rennst du so eilig nach oben?«
»Ach, ich wollte etwas holen.«
»Na, wenn du’s jetzt hast, kannst du ja wieder runterkommen.«
»Nein, das geht nicht.«
»Bitte komm! Du weißt doch, du bist meine liebe Avice.«
Keine Antwort.
»Na ja, wenn du nicht willst, dann eben nicht!«, sagte er. »Ich will dir ja nicht zur Last fallen.« Damit ging Pierston wieder hinaus.
Er bewunderte noch die altmodische Blumenpracht an der Gartenmauer, als er eine Stimme hinter sich hörte.
»Ich war nicht böse auf Sie, Mr. Pierston. Aber als Sie weggegangen sind, dachte ich, Sie hätten mich missverstanden, und es gehört sich, Sie wissen zu lassen, dass ich Sie nach wie vor als meinen Freund betrachte.«
Als er sich umdrehte, sah er die errötende Avice dicht vor sich. »Du bist ein liebes, braves Mädchen!«, sagte er, griff nach ihrer Hand und setzte ihr einen Kuss auf die Wange, ganz so, wie er das schon am Tag seiner Ankunft hätte tun sollen.
»Liebe Avice, verzeih mir die Kränkung, die ich dir zugefügt habe! Sag, dass du mir verzeihst! Dann werde ich dich fragen, was ich noch keine andere Frau, lebendig oder tot, je gefragt habe: Willst du mich zum Mann nehmen?«
»Ach! Mutter sagt, ich wäre nur eine von vielen.«
»Das bist du nicht, Liebes. Du hast mich schon gekannt, als ich noch ein kleiner Junge war, das gilt für andere nicht.«
Ihre Einwände wurden bald überwunden, und obwohl sie nicht gleich ihre Einwilligung gab, ihn zu heiraten, erklärte sie sich bereit, später am Nachmittag mit ihm spazieren zu gehen. Tatsächlich wanderte sie mit ihm zum Beal, der südlichen Spitze der Insel, die von Fremden meist Bill genannt wurde. Am Blasloch der tückischen Höhle, dem Cave Hole, aus dem manchmal die Gischt herausspritzte, machten sie eine Pause, ganz so wie damals, als sie noch Kinder waren. Pierston bot ihr seinen Arm an, damit ihr nicht schwindlig wurde, wenn sie hinunterschaute. Als Kamerad hatte er sie hundertmal so berührt, jetzt war sie zum ersten Mal eine Frau.
Sie schlenderten weiter zum Leuchtturm, wo sie wohl noch länger geblieben wären, wenn Avice nicht plötzlich eingefallen wäre, dass sie heute Abend in Street-of-Wells, dem Dorf, das den Zugang zur Insel beherrschte und heute eine richtige kleine Stadt ist, Gedichte vortragen musste.
»Ein Vortrag!«, sagte Pierston. »Wer hätte gedacht, dass hier auf der Insel mal jemand Vorträge hält? Außer natürlich der niemals schweigenden See, die immer etwas zu sagen hat …«
»Oh, wir sind jetzt sehr gebildet. Besonders im Winter. Aber, Jocelyn, komm bitte nicht zu meinem Vortrag, ja? Wenn du da wärst, würde das meinen Auftritt verderben, und ich will ja nicht schlechter sein als die anderen.«
»Wenn du das nicht willst, werde ich nicht hingehen. Aber ich warte am Ausgang auf dich und bring dich nach Hause.«
»Gut!«, sagte Avice und blickte zu seinem Gesicht auf. Sie war jetzt vollkommen glücklich, obwohl es seit dem peinlichen Tag seiner Ankunft undenkbar für sie gewesen war, dass sie je mit ihm glücklich sein könnte. Sie trennten sich, als sie die Ostseite der Insel erreichten, damit sie noch rechtzeitig ihren Platz auf der Bühne einnehmen konnte. Pierston ging nach Hause, und erst nach Einbruch der Dunkelheit, als es Zeit war, sie abzuholen, machte er sich auf den Weg nach Street-of-Wells.
Er war voller Bedenken. Er kannte Avice schon so lange, dass auch seine jetzigen Gefühle weniger mit Liebe als mit kameradschaftlicher Gewohnheit zu tun hatten. Die Konsequenzen dessen, was er heute Morgen so spontan gesagt hatte, erschreckten ihn plötzlich gewaltig. Es erschien allerdings unwahrscheinlich, dass eine der vollendeteren und raffinierteren Frauen, die ihn bisher gelockt hatten, sich zur Unzeit zwischen sie stellen würde. Denn er hatte sich längst von dem Gedanken befreit, das Idol seiner Träume könne integraler Bestandteil einer realen Person sein, auch wenn er es in manchen Frauen für längere oder kürzere Spannen erblickt hatte.
Seinem Ideal war er immer treu gewesen, aber es hatte viele Verkörperungen gehabt. Die Individuen namens Lucy, Jane, Flora, Evangeline oder was auch immer waren stets nur aufeinanderfolgende Übergangsstadien seines Idols gewesen. Das war aus seiner Sicht keine Entschuldigung oder Verteidigung, sondern einfach bloß eine Tatsache. Seinem Wesen nach hatte sein Idol gar keine greifbare Substanz, es war nur eine Stimmung, ein Traum, ein Rausch, ein Begriff, ein Duft, die Essenz des Geschlechts in einem Leuchten der Augen oder sich öffnenden Lippen. Gott allein wusste, wer diese ideale Frau wirklich war. Pierston jedenfalls wusste es nicht. Sie war unbeschreiblich.
Weil er nie richtig darüber nachgedacht hatte, dass sie ein subjektives Phänomen war und ihre Existenz vermutlich den fragwürdigen Wirkungen seiner Abstammung und seines Geburtsortes verdankte, hatten das Geisterhafte ihres Wesens, die Unabhängigkeit von physikalischen Gesetzen und deren offene Missachtung ihm gelegentlich sogar Angst gemacht. Er wusste nie, wo sie als Nächstes auftauchen und wohin sie ihn führen würde, denn sie hatte Zugang zu allen Gesellschaftsschichten, Klassen und Aufenthaltsorten der Menschen. Nachts träumte er manchmal, dass sie Aphrodite persönlich, die unerbittliche, ränkeschmiedende Tochter des hohen Zeus sei, die ihn für alle Sünden gegen ihre Schönheit bestrafte, die er in seiner Kunst begangen hatte. Er wusste, dass er sie in allen Verkleidungen lieben würde, wo immer er sie entdeckte, egal ob ihre Augen blau, schwarz oder braun waren und ob sie sich groß, zart oder üppig zeigte. Sie war nie an zwei Stellen gleichzeitig; aber sie war auch nie lange an einer Stelle geblieben.
Indem er das schon vor einiger Zeit für sich geklärt hatte, hatte er sich jede Menge hässliche Selbstvorwürfe erspart. Es war einfach so, dass die ideale Geliebte, die ihn lockte und an einem seidenen Faden führte, wohin sie wollte, auf ihrem bisherigen Weg nicht immer dasselbe fleischliche Tabernakel bewohnt hatte. Ob sie sich jemals niederlassen würde, wusste er nicht zu sagen.
Wenn er das Gefühl gehabt hätte, dass sein Idol sich in Avice manifestierte, hätte er sich nur allzu gern eingeredet, dass sie der Endpunkt seiner Wanderungen war, sich damit zufriedengegeben und sein Versprechen gehalten. Aber sah er in Avice denn die Liebe seines Lebens? Die Frage war ein wenig verstörend.
Er hatte die Kuppe des Berges erreicht und ging die lange, schnurgerade Römerstraße hinunter, wo er alsbald auch die hellerleuchtete Halle fand. Die Vorstellung war noch nicht zu Ende, und als er um das Gebäude herumging und sich auf einen kleinen Hügel stellte, konnte er bis auf die Bühne sehen. Fast sofort kam der zweite Auftritt von Avice. Ihre niedliche Verlegenheit beim Anblick des Publikums verscheuchte die Zweifel. Sie war wirklich ein nettes Mädchen; sehr verlockend, aber vor allem nett – eine von der Art, bei denen das Risiko einer Ehe fast gegen Null tendierte. Ihre intelligenten Augen, ihre breite Stirn und ihre wohlüberlegte Haltung überzeugten ihn, dass er unter all den anderen noch kein charmanteres und solideres Mädchen gefunden hatte als Avice Caro. Das war auch keine bloße Vermutung – er kannte sie ja lange und gründlich genug, mit all ihren Gemütslagen und Stimmungen.
Ein vorbeifahrendes schweres Fuhrwerk ließ ihre kleine, leise Stimme unhörbar für ihn werden; aber das Publikum war entzückt, und sie errötete bei dem Applaus. Er bezog jetzt seinen Posten am Ausgang, und als die Leute herausgeströmt waren, sah er, dass sie drinnen auf ihn wartete.
Sie stiegen nach Hause die Old Road hinauf. Dabei hielt sich Pierston am Geländer neben der steilen Straße fest und zog Avice an seinem Arm mit. Als sie oben waren, blieben sie stehen und sahen sich um. Zur Linken war der Himmel ein Fächer von Leuchtturmstrahlen, und vor ihnen erhob sich im Viertelminutentakt ein hohler Donner mit einem langanhaltenden, rasselnden Knirschen dazwischen, als würden Knochen von gewaltigen Hundezähnen zermahlen. Das war die Brandung...




